Argentinien 2008
Reisebericht von Bernd Zillich
   
 
                   
   
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Dienstag, 9. Dezember
Ein entzückender Tagesbeginn
Handy- und Internet-Kommunikation ist in Argentinien manchmal Glückssache. Zwischen Esquel und Bariloche versuchte ich vergebens zu telefonieren. Entweder konnte das Gerät (immerhin mit einer argentinischen Guthabenkarte des größten Mobilfunknetzanbieters Movistar bestückt) kein Netz fin­den, oder es kam die Meldung: "Keine Erlaubnis zur Verbindung", was immer das be­deu­ten mochte. Heute morgen streikte dann - nicht zum ersten Mal - das WLAN-Netz der Bungalow-An­lage, gerade als ich eine wichtige E-Mail versenden wollte.
Um meine Laune kümmerte sich fürsorglich auch meine Nikon. Der zunehmend verschmutzte Chip der Digitalkamera muss sich wohl mit Petrus abgesprochen haben, denn dieser beschert mir seit Ta­gen einen nahezu wolkenlosen Himmel, der auf den Digitalbildern wie eine mit kleinen, un­schar­fen grauen Flecken übersäte blaue Fläche aussieht.
Also nichts wie ins Zentrum, um die E-Mail zu versenden und den Garantie-Coupon (Blankoscheck für den Schadensfall) bei Hertz abzuholen. Wie vermutet war der aus Comodoro Rivadavia an­ge­for­derte Coupon noch nicht da. Ich überlegte, ob esCafe del Turista nicht sinn­voll sein könnte, die Visa-Karte gegen even­tuelle Abbuchungen seitens des Autovermieters zu sperren.
Nach all dem Ärger war es auch schon zu spät geworden, um das Boot nach Puerto Blest zu er­wi­schen. Was blieb mir also an­deres übrig, als kurzerhand den Tag zum Einkaufs- und Erho­lungs­tag zu deklarieren.
Und da sitze ich nun im Cafe del Turista und lese das "Argen­ti­nische Tageblatt", die einzige auf Deutsch erscheinende Ta­ges­zei­tung des Landes. So kann ich wenigstens erfahren, dass es in Argentinien eine zunehmende Biervielfalt gibt, dass sich
die argentinische Präsidentin mit Madonna traf, in Mendoza eine 24-jährige deutsche Touristin beraubt und vergewaltigt wurde, und dass es in Buenos Aires einen Beschluss gab, in den 16.000 Omnibussen der Stadt Schutzkabinen für die Busfahrer ein­zu­rich­ten, um diese vor Überfällen zu schützen.
Im Drehrestaurant auf dem Cerro Otto
«Liebe Tante Helga, dort, wo du jetzt bist, nämlich einzig und allein in meinen Gedanken, kannst du nicht mehr sehen, wie die Landschaft, in der du so viele Jahre deines Lebens verbracht hast, wie das Rad des Lebens langsam vor meinen Augen vorbeizieht: Das Städtchen Bariloche, wo Onkel Willi und du die Buchhandlung am Mitre bis zu eurer Pensionierung geführt habt, der Cerro Catedral, wo ihr wäh­rend vieler Winter die Skipisten hinab gesaust seid, und die Zacken des ma­jestätischen Cerro Tronador, den ich auf euren Fotos und Ansichtskarten so oft bestaunte.»
Diese "cafeteria gi­ra­toria", die in exakt 18,5 Minuten eine Umdrehung macht, funktioniert wie eine Erinnerungs­ma­schine. Es ist tröstlich, dass Erinnerung bleibt, so lange jemand da ist, der sie aus sich heraus wecken kann oder Zeichen aus der Vergangenheit interpretieren kann. Ab und zu er­eilt mich der Gedanke – oder ist es ein Wunsch? –, dass alles, was geschehen ist, irgend­wie in einem allumfassenden Gedächtnis fest­ge­halten wird, wie Evergreens auf einer Schellack­platte. Manchmal löst eine Kleinigkeit Erinnerung aus, und schon sind Menschen, Ereignisse und Bilder wieder ge­gen­wärtig, als gebe es sie tatsächlich immer noch. Die längliche Isla Victoria mit ihren riesigen Sequoia-Bäumen, zum Beispiel, und die Halbinsel mit den Arrayanes, den Bäumen mit den zimt­farbenen Stämmen, oder auch dieser Cerro Otto, sie alle sind in einem "klei­nen" Ge­dächt­nis festgehalten, in Mutters Fotoalbum.
Wie groß ist dieser Nahuel-Huapi-See! Von hier oben auf 1405 Meter ist der Ausblick auf diesen See, der so groß wie der Bodensee ist, beeindruckend. Wegen seiner geringeren Breite ist er aber wesentlich länger als dieser, fast die Strecke von München nach Garmisch-Partenkirchen. Und er ist nur einer von insgesamt sieben Seen. Allein der Lago Mascardi beträgt zwei Drittel der Fläche des Starnberger Sees. Und seine Küste ist nicht zugebaut von den protzigen Häusern der oberen Zehntausend. Leere, Einsamkeit, Stille. Unvorstellbar im überbevölkerten Mitteleuropa!
Mittwoch, 10. Dezember
Kälteeinbruch
Regen. Graues, kühles Wetter. Was für eine herr­liche Gelegenheit zum Nichtstun! Ich fahre zum Mitre, verzehre ein paar empanadas im Schnell­res­taurant Friends, und verbringe dann eine paar Stun­den im Cafe del Turista - bei cafe con leche und vienesas (Süßgebäck). Zeit zum Lesen und für ein wenig Weiterbildung. Man könnte Argen­tiniens Geschichte allein anhand ihrer Straßennamen kennen lernen. Der Mitre (eigentlich Calle Bartolomé Mitre) – eine Straße mit diesem Namen gibt es in jeder argentinischen Stadt – ist nach Bartolomé Mitre Martínez (1821-1906) be­nannt, der von 1862 bis 1868 Präsident der Republik Argentinien war. Unter an­de­rem beteiligte sich Mitre an dem erfolgreichen Aufstand gegen den argentinischen Diktators Juan Manuel de Rosas, wurde 1862 zum Präsidenten gewählt und führte in einer Allianz mit Brasilien und Uruguay einen erfolgreichen Krieg gegen Paraguay. Nicht zuletzt gründete er eine der be­deu­tendsten ar­gen­tinischen Tageszeitungen, "La Nación".
Donnerstag, 11. Dezember
Ein wenig Geschichte
"Campaña del Desierto" (Wüstenfeldzug) wird in Argentinien die Kampagne des Generals Julio Ar­gen­tino Roca genannt, die zur Eroberung des Südens führte. Innerhalb weniger Jahre, von 1878 bis 1885, dezimierte Rocas Armee die Völker der patagonischen Indianer. Was ihr nicht gelang, das vollzogen dann die "Grundbesitzer" indem sie die Überlebenden jagten.
Nach diesem Feldzug, der Roca den Beinamen Conquistador del Desierto (Eroberer der Wüste) brachte, wurde der General sogar argentinischer Prä­sident. Noch heute ziert sein Konterfei den Hundert-Pesos-Geldschein dieses Landes. Die Geschichte, wie sie in den argentinischen Schulen unter­rich­tet wird, deutet den "Wüsten­feld­zug" als eine Notwendigkeit der nationalen Staatshoheit und als Voraussetzung für die Ausdehnung des Landesgebiet, was das Aufblühen des modernen ar­gentinischen Staates und seine Ent­wick­lung zu einem erfolgreichen Ausfuhrland landwirtschaftlicher Produkte erst möglich machte.
Während die einen in Roca den Erschaffer des modernen Argentiniens sehen, zögern andere kei­nen Augenblick, ihn als Völkermörder zu bezeichnen und nennen ihn infolgedessen "Julio Asesino Roca" in bissiger Verballhornung seines Namens. Aus "Argentino" wird "Asesino" (Mörder).

Kein Zweifel, dass ich letztere, kri­ti­sche­re Beurteilung instinktiv für die angemessene hielt. Ein in einem Ge­schäft am Mitre demonstrativ an die Wand gehefteter Zeitungsausschnitt, Bild vergrössern den ich zufällig las, machte mich aber doch ein wenig stutzig. Könnte es nicht sein, fragte ich mich, dass diese Sicht der Ge­schichte etwas einseitig sei? In dem Zei­tungs­artikel war nämlich zu lesen, dass sich die Mapuche-In­dia­ner, ein indigenes Volk, dessen Sied­lungs­ge­biet sich ur­sprüng­lich im mitt­leren Nor­den Chiles befand, Anfang des 19. Jahr­hun­derts im Südosten Ar­gen­tiniens nie­derließen und in diesem Pro­zess die einhei­mi­schen Tehuel­che-Indianer ver­dräng­ten und de­zi­mier­ten.
Anderswo konnte ich lesen, dass die Mapuche, die nach Patagonien übersiedelt waren, als Nomaden von der Viehzucht lebten und des öfteren die Landschaften Argentiniens plünderten. Dabei raubten sie den Weißen das Vieh, manch­mal machten sie auch Gefangene. Nach diesen Einfällen (den sogenannten "malones") wur­de das gestohlene Vieh meistens nach Chile gebracht, um gegen andere Waren eingetauscht zu werden. Die Entscheidung, die "Wüste" zu erobern, könnte 1872 gefallen sein, als der Mapuche-Häuptling Calfucurá zusammen mit 6.000 Anhängern verschiedene argentinische Städte überfiel, wobei 300 Bewohner starben und 100.000 Stück Vieh geraubt wurden.

Diese Sicht der Dinge ließ mir keiner Ruhe. Ich recherchierte im Internet, konsultierte Bücher, las und las, und stieß dabei auf widersprüchliche Aussagen.
Über die Eroberung des Landes seitens der Mapuche be­richten die meisten Quellen völlig anders. Da ist nämlich von der Araukanisierung die Rede, einem Begriff, mit dem man das Vordringen der Kultur der Mapuche (auch Arau­kaner genannt) bezeichnet, auch mit deren Sprache, dem Mapudungun, auf das Gebiet des heutigen Pata­go­niens. Dieser Prozess vollzog sich zwischen den Jahren 1550 and 1850 und betraf fast den gesamten Süden Süd­amerikas. Diese Quellen sprechen aber keineswegs von "Aus­rot­tung", vielmehr von einer Vermischung der ein­heimischen Tehuelche (das ist der kollektive Name für die eingeboren Stämmen Patagoniens und der südlichen Pam­pa-Region) mit den Mapuche, von denen sie die Sprache und Ele­men­te der Kultur übernahmen. Dieser Prozess endete, als die Mapuche Ende des 19. Jahrhunderts von den Streitkräften Argentiniens und Chiles bezwungen, unterworfen und in manchen Fällen systematisch aus­ge­rottet wurden.
Ramón Lista, der Ende des 19. Jahrhunderts fünf Jahre lang Gouverneur des Territorium Santa Cruz war, kam zu dem Schluss, dass das Verschwinden der Tehuelche hauptsächlich durch Tuberkulose, Syphilis, Alkohol und das skrupellose Verhalten der chilenischen und argentinischen Obrigkeit verursacht wurde.

Der "Wüstenkrieg" muss allerdings auch im Kontext der strit­ti­gen Ge­biets­ansprüche zwischen Argentinien und Chile betrach­tet wer­den. Die junge Republik Argentinien beanspruchte das gan­ze Land südlich von Buenos Aires und östlich der Anden für sich. Die ar­gentinischen Behörden wussten, dass die starken Ver­bin­dun­gen der araukanisierten Stämme mit Chile diesem Land gro­ße Ein­fluss­möglichkeiten über Patagonien gewährte. Es war zu be­fürch­ten, dass in einem etwaigen Krieg mit dem Nachbarland sich die patagonischen Stämme auf die Seite Chiles schlagen würden.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich nur wenige europäische Sie­dler als Viehzüchter oder Bauern in den großen Ebenen Pata­goniens angesiedelt. Argentinien fühlte sich dazu gezwungen, ihre Ansprüche auf das Land zu unter­mauern. Aber bean­spru­chen allein genügte nicht, es mussten Tat­sa­chen geschaffen werden. "Wer regieren will, muss das Land be­sie­deln". Und weil Pata­gonien aber keineswegs eine men­schen­lee­re "Wüste" war, son­dern von Zehntausenden Mapuche und Tehuelche be­wohnt war, musste das Land erstmal entvölkert werden. Da waren die Überfälle der Mapuche eine willkommene Ausrede.

Wie auch immer man die Umstände beurteilt, die zum "Wüstenfeldzug" führten, sein Ziel war klar: Das Land zu entvölkern und seine Naturressourcen in Besitz zu nehmen. Tausende wurden getötet. Etwa 10.000 Personen wurden gefangen genommen, und mehr als 3.000 nach Buenos Aires ge­bracht, wo sie nach Geschlecht getrennt wurden. Die Frauen wurden als Domestiken eingesetzt während ein Teil der Männer auf die Insel Martín García verlegt wurde, wo sie innerhalb weniger Jahre zum größten Teil starben. Die Männer, die die Gefangenschaft überlebt hatten, wurden zwangsrekrutiert oder als Landarbeiter auf die großen Estancias Argentiniens verteilt.
Nach der Niederlage der Mapuche im "Wüstenkrieg" begann der argentinische Staat deren Land aufzuteilen. Es wurden enorme Großgrundbesitze geschaffen, manche auf der damals bestehenden Rechts­grund­lage, aber auch viele in offenem Bruch geltender Siedlungsgesetze. Zwischen 1882 und 1887 wur­den mehr als 11 Millionen Hektar Land verteilt, allein 15.000 für General Roca, 2,5 Millionen für die Familie Martínez de Hoz und 5 Millionen für höhere Offiziere.
Freitag, 12. Dezember
Puerto Blest
Man stelle sich folgende Situation vor: Ein feines Restaurant. Blü­ten­weiße Tischdecken, Por­zel­lan­teller mit Goldrand, Silberbesteck, feinste Kristallgläser, kunstvoll gefaltete Servietten, hochnäsige Butler in Livree. Zuerst, wie es sich gehört, werden die Aperitifs serviert. Das Glas mit ge­zuck­er­tem Rand ist mit einer halben Zitronenscheibe garniert. Bevor man aber überhaupt am Getränk genippt hat, bemächtigt sich eine weißbehand­schuhte Hand unsanft des Trinkgefäßes. Wie appe­titlich sehen die zahlreichen kleinen Teller mit köstlichen italienischen Vorspeisen aus! Ein Au­gen­schmaus! Aber Achtung! Ein in eine Olive gestecktes Zahn­sto­cher­fähnchen mahnt: "Zugriff ver­boten". Verstohlen schnappt man sich eine winzige Garnele aus der Mayonnaise und blickt schuld­bewusst um sich. Als ein livrierter Zerberus mit einem silbernem Schöpflöffel die noch dampfende Kürbiscremesuppe einschenkt setzt man auf Tempo und greift sofort zu, was aber le­diglich dazu führt, dass man sich die Zunge verbrennt. Wie von Zauberhand verschwindet dann der noch volle Teller, um Platz für den Hauptgang zu machen.
Sich aus der großen Salatschüssel in der Mitte des Tisches sein Schälchen zu füllen, traut man sich kaum noch, weil eine gestrichelte rote Linie auf der Tischdecke die Annäherung untersagt.
Jetzt könnten nur noch das mit Cognac verfeinerte "Boeuf bourguignonne" und die "Pommes de terre aux petits légumes" die Hungerqualen beseitigen. Also beginnt man schüchtern mit einem grünen Böhnchen und wagt sich an­schließend an ein Kartoffelchen heran. Wie schade nur, dass das Restaurant in genau drei Minuten schließen wird. Die ersten Lampen sind schon ausgeschaltet, die Bröseln unter den Tischen weggekehrt und die Gäste werden mit nonchalanter Frechheit hinauskomplimentiert.
Diese grausame Vision ist nur eine Metapher für das, was ich bei meinem heutigen organisierten Schiffsausflug erlebte, der uns entlang des Brazo Blest, eines Seitenarms des Lago Nahuel Huapi, zum Wasserfall von Los Càntaros, nach Puerto Blest und dem Lago Frías brachte. Wenn man an die Stelle des Restaurants die wunderbare Kulisse des Nahuel-Huapi-Nationalparks setzt, aus den Speisen Wälder, Wasserfälle und Flüsse macht, die Butler in Touristenführer und Parkwächter ver­wandelt, dann kommt man dem von mir Erlebten ziemlich nahe.
Eine gewisse Freiheit herrschte noch an Bord des Katamarans, wo sich die Ausflügler immerhin gelegentlich auf die Füße treten konnten, ununterbrochen mit vorgestreckten Armen Landschaft und Partner fotografieren durften und Unmengen von überteuerten Keksen kauften, um sie an die Möwen zu verfüttern, die sie ihnen im Tiefflug aus der Hand wegschnappten. Damit sie sich dieses Ver­halten aneignen, werden die Vögel jahrelang von den Keks-Herstellern in speziell für diesen Zweck geschaffenen Kursen trainiert.
Mein inneres Teufelchen, das mich normalerweise mit der Traumvorstellung einer einsamen Kanu­fahrt geärgert hätte, schlummerte noch, und so konnte ich mich ungestört für das Blau, das Grün, die Sonne und das Wasser und für die dichten Zypressen- und Coihue-Wälder auf den umlie­gen­den Bergen begeistern. Immerhin dauerte dieser Zustand, der mich bis in den fjordähnlichen See­arm "Brazo Blest" begleitete, mehr als eine Stunde.
Schließlich erreichten wir Puerto Cántaros (eigentlich nur eine Anlegestelle), welcher sich gegen­über Puerto Blest (eine Anlegestelle, ein Hotel und ein Schnellrestaurant) befindet. Wir befanden uns bereits im Gebiet des Urwaldes Selva Valdiviana, in einer der regenreichsten Zonen des Lan­des (mit 4000 mm Niederschlag pro Jahr). Ein einzigartiger immer­grü­ner Wald mit sehr dichtem Unterholz, Lianen und Kletterpflanzen, Lärchen und exotisch anmutenden Pflanzenspezies wie dem Coihue (Nothofagus dom­beyi), der Guaitecas-Zypresse (Pilgerodendron uviferum), der wei­den­ar­tigen Steineibe und dem Fuin­que-Bau­m (Lo­matia ferruginea) mit seinen farnähnlichen Blättern charakterisiert die Gegend. Die ständig feuchte At­mos­phäre – der heutige extrem klare Tag muss wohl eine Ausnahme gewesen sein – fördert zudem die Entwicklung von Kräutern, Moosen und Pilzen. Das Unterholz und die niedrigen Sträucher machen ein Eindringen fast unmöglich.
Zu Fuß, über einen markierten Weg entlang des Los-Cántaros-Wasserfalls erreichten wir den klei­nen See, wo der Wasserfall ent­springt. Das klingt doch immer noch vielversprechend, nicht wahr?

Aber wie es so ist bei organisierten Touren, war kein Schritt dem Zufall, und schon gar nicht der individuellen Freiheit überlassen. Wie eine folgsame Herde marschierten wir entlang des kleinen, für uns Touristen vorgesehenen Pfades – individuelles Abweichen unmöglich! Die Minuten waren fest auf die verschiedenen Aussichtsstellen aufgeteilt und rechts und links unseres Weges war eine ima­gi­näre oder durch Verbotsschilder gekennzeichnete Grenze. Abgesehen von der begrenzten Zeit, was hätte man machen können mit dieser unbekannten, undurchdringlicher Wildnis? Ein Zelt aufstellen? Sich verirren? Sich mit einer Machete den Weg freischlagen?
Nach einer halben Stunde setzten wir unsere Bootsfahrt fort und erreichten wenige Minuten später Puerto Blest, wo wir uns im genannten Schnellrestaurant, der einer Werkskantine gleicht, stärkten. Mit drei Bussen wurden wir dann von der Bucht entlang des Río Frías zum gleichnamigen See ge­bracht. Zehn Minuten schauen und knipsen und schon ging es zurück. Natur im Schnelldurchlauf! Mein Traum? Solche Naturschönheiten auf ganz andere Weise erleben zu können.

Samstag, 13. Dezember
Bosque des Arrayanes
Ich bin wieder auf dem Nahuel-Huapi-See unterwegs. Neben mir an der Reling sitzen zwei ent­zückende alte Damen. Ihren Hüten nach zu urteilen kann es sich nur um zwei Britinnen handeln. Mit einer kleinen Digitalkamera in der Hand und einem sanften Lächeln im Gesicht blicken sie in Richtung Ufer. Mir ist heute auch nur nach Sitzen zumute: Es ist, als säße ich vor dem Fernseher, nur mit dem Wind, der mir ins Gesicht bläst!
Unser Ziel ist der Parque Nacional Los Arrayanes. Er umfasst fast die ganze 12 Kilometer lange Halbinsel Quetrihué im Nahuel-Huapi-See. Der ausschließlich in Chile und Argentinien beheimatete Arrayán (Luma apiculata) aus der Familie der Myrtengewächse, ist ein immergrüner Baum, der eine Höhe von mehr als 15 Metern erreichen und bis zu 600 Jahre alt werden kann. Das Beson­de­re an diesem Baum ist aber seine feine, glatte Rinde, die in allen erdenklichen Braun-, Zimt- und Zie­gel­rot-Tönen schimmern kann. Dieser Wald ist einzigartig auf der Welt. Wenn man ihn betritt, be­son­ders wenn an einem heiteren Tag die Sonnenstrahlen durch das dunkelgrüne Laub lugen, gerät man unausweichlich und augenblicklich in den Bann einer fast unwirklichen, zauberhaften Stim­mung. So kann es einem jedenfalls ergehen, falls nicht Scharen von laut plappernden Tou­risten die Seifenblase des Zaubers zum platzen bringen.
1942 kam Walt Disney hierher. Er entdeckte den zauberhaften Myrtenwald und war von ihm ganz eingenommen. Man sagt, dass er lange Zeit in dem kleinen Blockhaus verweilt habe, das bereits da­mals als Teehaus diente. Immer wieder habe es den berühmten Mann in den geheimnisvollen, "ver­zauberten" Myr­ten­wald gezogen, und diese Streifzüge sollen ihn letztlich zu den Bildern und den Vor­stel­lun­gen inspiriert ha­ben, die seinen Zeichentrickfilm "Bambi" zum Welterfolg machten.
Immerhin schaffe ich diesmal das, was mir beim letzten Besuch vor drei Jahren nicht gelungen war: nämlich ungestört von den Menschenmengen dieses Blockhaus zu fotografieren, in dem Disney seine Eindrücke für den Film zu Papier gebracht haben soll.
Mein Trick ist simpel: Bei der Landung ist unser Ausflugschiff das einzige am Landungssteg. Der Rundweg durch den Arrayanes-Wald erfolgt (laut Hinweisschild) entgegen den Uhrzeigersinn nach rechts. Das hat seinen Grund, denn auf diese Weise erreichen die Besucher die genannte Block­hütte erst am Ende ihres Rundgangs und sind somit eher für eine kleine Stärkung zu haben. Ich entscheide mich aber für die entgegengesetzte Richtung und kann deshalb bereits nach wenigen Minuten das berühmte Häuschen aus rotbraunen Holzstämmen erreichen. Auch den Rest meines Weges bin ich deshalb allein auf Du und Du mit dem Wald, nur einmal kommen mir die Massen entgegen, die sich aber bald wieder von mir entfernen, wie die von einer Straßenlaterne ge­wor­fenen Schatten, wenn man eine Straße entlang spaziert.
Isla Victoria
Die nächste Etappe ist die Isla Victoria, eine schmal und langgestreckte Insel mitten im Nahuel-Huapi-See, auf der wir uns ein paar Stunden aufhalten. Nachdem das Boot angelegt hat, mar­schiere ich wieder gezielt in die zur Touristenschar entgegengesetzte Richtung.
Zu dieser Jahreszeit ist die Insel ein gelbes Wunder, dank dem Ginster. Überall wuchern diese, von den Einheimisch als Plage empfundene Sträucher. Sie sind für mich aber einzig und allein ein Au­genschmaus. Um die schöne Natur besser zu genießen, verzichte ich auf den üblichen Aufenthalt in der Cafeteria, obwohl sie dort vorzügliche Empanadas haben.