Argentinien 2008
Reisebericht von Bernd Zillich
   
 
                   
   
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Mittwoch, 26. November
El Gauchito
Sie ziehen die Aufmerksamkeit auf sich, die kleinen roten Häuschen am Straßenrand und die zahl­reichen roten Fähnchen, die im patagonischen Wind wehen. Hält man einmal an und sieht sich das näher an, erkennt man bald, dass es sich um kleine Schreine handelt. In und um diese findet man Blumen, Briefe, Inschriften, die unterschiedlichsten Opfergaben und meistens eine kleine Figur ei­nes Mannes mit einem roten Umhang, einem blauen Hemd, einer schwarzen Hose und einem gro­ßen schwarzen Schnurrbart im Gesicht.
Antonio Mamerto Gil Núñez, alias Gauchito Gil ist ein in Argentinien sehr populärer Volksheiliger, der um 1847 im Norden Argentiniens, in Mercedes, einer kleinen Stadt in der Provinz Corrientes, auf die Welt kam und am 8. Januar 1878, ebenfalls in Mercedes, hingerichtet wurde.
Die verschiedenen Legenden um Gauchito Gil stimmen darüber überein, dass er ein Gaucho (Land­ar­beiter) war, der wegen seines Verhältnisses mit einer reichen Witwe den Hass ihrer Brüder ern­te­te und den des örtlichen Polizeichefs, der ebenso diese Frau liebte. Gil wurde des Diebstahls be­schul­digt, und man versuchte ihn zu töten. Angesichts der Gefahr, zog es Gil vor, sich der Armee anzuschließen, mit der er in den Krieg gegen Paraguay zog. Als er in sein Dorf zurückkam, wurde er dort als Held gefeiert.

In jenen Jahren gab es in der Provinz Corrientes zahlreiche krie­ge­rische Auseinandersetzung zwi­schen zwei Parteien, den Colo­ra­dos (Roten) und den Celestes (Blauen). Man geht davon aus, das Gil Núñez Anhänger der Colorados gewesen sei (was die roten GauchitoFähnchen bei seinen Schreinen erklärt). Als die Auseinan­der­set­zungen eskalierten, sollte Gil zwangsrekrutiert werden. Um aber nicht gezwungen zu werden, seine eigenen Landsleute zu töten, desertierte er und versteckte sich im Wald. Der Le­gende nach wurde Gil in dieser Zeit zu einer Art argen­ti­ni­schen Robin Hood, der die Reichen bestahl, um den Armen zu geben.
Auf Fahnenflucht stand die Todesstrafe. So wurde Gil, als er letzt­endlich doch gefasst wurde, Kopf über an einen Algarrobo-Baum gehängt und gefoltert. Als schließlich einer der Polizisten die Kehle des Gefangenen durchschneiden wollte, weissagte dieser ihm, dass sein Sohn, sollte die Hinrichtung ausgeführt werden, lebens­ge­fähr­lich erkranken würde. Dass er aber gesund würde, wenn der Po­lizist zu ihm (Gil) betete, andernfalls würde der Kleine sterben. Der Polizist vollzog dennoch das Urteil und schnitt Gil die Kehle durch. Als der Mann nach Hause kam, fand er seinen Sohn tatsächlich sehr krank. Er hatte hohes Fieber und war vom Arzt bereits aufgegeben worden. Der unglückliche Vater flehte im Namen von Antonio Gil um göttliche Hilfe, und – tatsächlich - der Junge erholte sich. Reumütig kehrte der Polizist zurück zu der Stelle, wo er Gil hingerichtet hatte, begrub seinen Leichnam und stellte für Gil ein großes Kreuz auf.

Das war das erste Wunder, dass der Gaucho Gil vollbrachte. Später sollen unzählige hinzu­ge­kom­men sein. "Oh Gauchito Gil, ich bitte dich demütig um deine Vermittlung vor Gott, damit sich das Wunder erfülle, um das ich dich bitte", kann man in der Kapelle von Mercedes lesen. Inzwischen ist Antonio Gil ist zum Volksheiligen avanciert. Seine immer noch wachsende Gemeinde nennt ihn lie­bevoll "Gauchito" (den kleinen Gaucho). Dass die katholische Kirche ihn nie anerkannt hat, ist sei­ner Popularität nicht hinderlich gewesen.

Heute wird Gauchito Gil nicht nur in seiner Heimatprovinz Corrientes verehrt, sondern landesweit. Kleine Schreine mit roten Fahnen findet man überall in Argentinien, hauptsächlich aber am Rand von Landstraßen, denn der "Gauchito" gilt als Patron der Auto-, Bus- und Last­wa­gen­fahrern. Es ist üblich, zu hupen, wenn man an einem seiner Schreine vorbeifährt. An seinem Todestag, dem 8. Januar, findet in seinem Geburtsort ein großes Fest zu seinen Ehren statt.  Letztes Jahr pilgerten mehr als 200.000 Menschen nach Mercedes. Auf  Pferden, Kutschen und in Hunderten von Bussen waren sie aus ganz Argentinien gekommen. Ein rotes Fahnenmeer!

Difunta Correa
Was dem Gauchito die Flaggen, sind für María Antonia Deolinda y Correa, im Volksmund  Difunta Correa (die verstorbene Correa) genannt, die Wasserflaschen. Die Volksheilige soll um 1830 in der Provinz San Juan gelebt haben. Man erzählt, dass sie sich 1841 im argentinischen Bürgerkrieg mit ihrem Baby auf dem Arm auf den Weg machte, um ihrem Mann, Clemente Bustos, zu folgen, der von den Truppen des Caudillos Facundo Quiorga zwangsrekrutiert  worden war. Sie verirrte sich jedoch in der Wüste und brach nach tagelangem Fußmarsch schließlich zusammen. Tage später fanden sie einige Reisende, die mit ihren Mauleseln durch die Wüste zogen, tot unter einem Baum in der Nähe von Vallecito. Das Kind hatte wie durch ein Wunder überlebt. Es lag saugend an ihrer Brust und war dank der Muttermilch nicht verdurstet. Die Männer begruben die Frau und schrieben auf ihren Grabstein "Difunta Correa".
Die Nachricht dieses Wunders verbreitete sich sehr schnell und so wurde der Ort bald zu einer Art Wallfahrtsort. Seitdem hat sich ein riesiger Kult um die Heilige entwickelt mit zahlreichen Schreinen überall im Land. Um an ihren Tod durch Verdursten zu erinnern, bringen die Menschen ihr Flaschen voller Wasser. Vor allem LKW-Fahrer verehren sie, da sie als Schutzheilige der Rei­senden gilt. Zahlreich sind die ihr gewidmeten kleinen Schreine entlang Argentiniens Straßen.
Wie auch bei Gauchito Gil beruht die Verehrung der Difunta Correa ausschließlich auf dem Volks­glauben, denn sie wurde niemals von der Kirche heilig gesprochen, was die Gläubigen aber nicht davon abhält, zu Tausenden, an bestimmten Tage sogar zu Hunderttausenden (beispielsweise zu Ostern) nach Vallecito zu pilgern und dort Wasserflaschen für die Verdurstete zurückzulassen. Deolinda Correa verkörpert das ideale Frauenbild: das der sich aufopfernden Mutter und das einer treuen Frau, die ihrem geliebten Mann folgt.
Pablo Külper
Es ist Pablo Külper, der mir die Geschichte der beiden Heiligen erzählt. Und als er von der Hin­rich­tung des Volksheiligen spricht, streift er, um den grausamen Tod des Gauchito noch bildlicher dar­zustellen, mit seiner Handkante von rechts nach links meinen Hals. So kommen wir ins Gespräch! Sein Großvater, der aus Hamburg stammte, kam nach dem ersten Weltkrieg per Schiff nach Bue­nos Aires und schwärmte derart von diesem Land, dass sein Sohn (also Pablos Vater) 1928, im Alter von 20 Jahren, beschloss, ins Land zu kommen, um hier als Elektriker zu arbeiten. Er hielt sich eine Zeit lang in Buenos Aires auf, dann zog es ihn in den Süden.
Anfang der 1930er Jahre kehrte er nach Deutschland zurück, aber nur, um sich nach einer pas­sen­den Frau umzusehen. Unglücklicherweise wollte aber die von ihm gefundene Braut nicht aus­wan­dern, so sah er sich gezwungen, allein nach Argentinien zurückzukehren, wo er schließlich eine deutschstämmige Frau heiratete, Pablos Mutter. Die beiden zogen schließlich nach Patagonien, wo sie 1953 eine Dreizehntausend–Hektar-Estancia am Rio Mayo, im äußersten Südwesten der Pro­vinz Chubut kauften.
Pedro lädt mich auf einen Mate und auf ein kräftiges Essen ein, und danach besichtigen wir seine Estancia. Es ist ein riesiger Besitz mit 2000 Schafen, 200 Rindern und zahlreichen Pferden. Allein mit der Wolle kann man eine Rendite von 15.000 US$ im Jahr erzielen, erklärt mir Pablo. Zum Sche­ren der Schafe kommt jeweils Mitte Dezember ein kleines Team von esquiladores (Scherer). Die Bes­ten unter ihnen schafften bis zu 100 Schafe pro Tag. Die geschorene Wolle wird dann für den Versand zu  großen Ballen gepresst.
Die Besichtigung des Landguts findet mit Pedros camioneta statt, denn zu Fuß bräuchte man für die 130 Quadratkilometer wohl einen halben Tag. Nur das unmittelbare Umfeld des Hauses, das direkt am Rio Mayo liegt, ist mit üppigem Grün gesegnet, gleich dahinter fängt bereits die trockene pata­gonische Steppe an. Eine kurze Strecke bergauf und wir erreichen ein ausgedehntes Plateau, das sich vor unseren Augen brettflach bis zum Horizont erstreckt. Zunächst frage ich mich, was es denn überhaupt zu sehen gibt, aber Pedro hat eine kleine Überraschung in petto. Nach etwa fünf Minuten Fahrt steuert er den Pickup hin zu einem Abgrund, der aus der Ferne nicht zu orten war. Er hält den Wagen kurz davor. Wir steigen aus. Man stelle sich das vor: Besitzer eines Canyons zu sein. Aber da ist er, der "Cañadon de la Virgen" (der Canyon der Jungfrau), rötlich schimmernd unter dem diesigen Himmel, beeindruckend, seit Jahrtausenden unverändert. Ein kleiner Bruder des berühmteren nordamerikanischen Gran Canyon. Früher hieß er "Puerta del Diablo" (Teu­fels­tor), was bereits etwas von den Eindruck sagt, den er vermitteln kann.
Sollte er eines Tages nicht mehr von der Viehzucht leben können, dann könnte er immer noch ein paar Holzhütten aufstellen und den Touristen-Führer spielen, erklärt Pablo mit einem Lächeln. Der Cañadon müsse geologisch wohl besonders interessant zu sein, sinniert er, denn jedes Jahr kom­me eine Besuchergruppe aus verschiedenen Universitäten des Landes, um ihn zu studieren.

Als wir zurück sind, wartet bereits seiner Frau mit einer kräftigen Mahlzeit auf uns. Sie, deren El­tern deutschen und südafrikanischen Ursprungs waren, ist ein stiller, ruhiger, zufrieden wirken­der Mensch. So sind wir halt, wir Argentinier, wiederholt Pablo mehrmals, eine Mischung aus zahl­rei­chen Völkern der Welt, die längst zu einem neuen Volk geworden sind, und sich als ein solches fühlen. Obwohl die Külpers ein kleines Landhaus am Rande von Sarmiento mit Garten, Obst­bäu­men und frei laufenden Hühnern ihr eigen nennen, kommen sie doch sehr gerne hierher, wo sonst nur ihr Verwalter wohnt. Hier in dieser Stille und Einsamkeit, da fühlten sie sich am Wohlsten. Was ist das wohl für ein Menschenschlag!

Merengue
Das Lächeln der Bedienung ist entwaffnend. Ein wahrhaftiges Gute-Laune-Mädchen. Sie bewegt sich, so sieht es fast aus, im Rhythmus der äußerst quirligen Merengue-Musik, die aus dem Radio strömt und sogar diesen leeren Raum zum Schwingen bringt. Sie reißt auch mich dermaßen mit, dass ich beim Schreiben rhythmisch auf die Tasten tippen muss. Die gute Laune springt mit Kraft über, auch von einem wunderbaren Licht gesteigert, das von draußen hereinströmt und mich mit seiner Sanftheit überflutet. Die Spitzen der sich draußen im Wind wiegenden Weiden sind aus dem Gold der Märchen. In dieses Licht getaucht gehen drei junge Mädchen spazieren - was kann man
in diesem Ort sonst tun? - jeweils mit einem rosafarbenen, einen hellgrünen und eine hellblauen T-Shirt ge­klei­det, drei "Backfische" hätte man früher gesagt, frisch, voller Kicherenergie, mit ihren sexy kleinen Figuren als Pfründen einer, so wollen wir hoffen, glück­lichen Zukunft entgegen. Kurz darauf kommt auch ein Kind mit kohlrabenschwarzen, kurzgeschorenen Haaren und großen dun­klen Au­gen am Fenster vorbei, ein kleines Plüschtier in der Hand. Es sieht mich an (wo denken Sie hin, nicht das Plüschtier!), lächelt, fuchtelt mit dem Tier am Fenster freudig herum, glücklich, dass ich ihn bemerkt habe und zurückwinke.

Der begnadete Zustand des Wohlbefindens, der ungeachtet einer leichten Magenverstimmung bei mir vorherrscht, ist nicht zuletzt auf diesen kleinen Flecken Gobernador Costa zurückzuführen, die erste nennenswerte Ansiedlung seit Sarmiento. Hundertachtzig Kilometer Einsamkeit liegen da­zwi­schen. Selbst die auf der Karte aufgezeichneten Ortschaften entpuppten sich jedes Mal lediglich als Estancia, als eine Farm, bestehend lediglich aus einer Pappelallee, einem flachen Herrenhaus und einigen Wirtschaftsgebäuden. Dieser an einen felsigen braunen Hügel sich anschmiegende Ort im Norden der Provinz Chubut ist mit seinen 1980 Einwohnern der bevölkerungsreichste (!) Ort des Departements Tehuelches. Er besteht aus nichts außer einer asphaltierten Hauptstraße, einem paar weiteren parallel oder im rechten Winkel dazu verlaufenden ungeteerten, staubigen Straßen und aus vielen flachen, niedlichen, oft pastellfarbig gestrichenen Häusern, die entfernt an ein Wes­tern­städtchen denken lassen.

Ausschlaggebend für meinen Enthusiasmus sind die Ordnung und die Ruhe, die Gobernador Costa ausstrahlt. Kaum ein störender moderner Klotz, kaum chaotische, heruntergekommene Elemente, höchstens ein paar offensichtlich unbewohnte Häuser mit zerschlagenen Fenstern und abge­brö­ckel­tem Putz. Aber in meinen Augen ist dies eher ein zusätzliches Element, das dem Ort Charme ver­leiht. Kein angeberisches lautes Aufheulen von Motorrädern und Autos wie in Sarmiento durch­bricht diese wunderbare Ruhe, nur eine Gruppe Kinder, die für irgend einen kommenden Umzug in einem kleinen Park eine Schlagzeugkapelle mimen. Rad fahrende Kinder, Mädchen, die eine nicht mehr altersgemäße Rutschbahn in einem Kinderspielplatz hinunterrutschen und dabei laut kichern, als sie mich vorbeigehen sehen, etwas wird weich in meinem Inneren. Eine Begebenheit beeindruckt mich aber ganz besonders: Der Ort verschwindet am Ende seiner breiten, leeren und staubigen Straßen regelrecht im Nichts, in der Wüste, – als sei er nur eine Fata Morgana.

Nach dem Essen schlendere ich noch eine ganze Weile auf den staubigen Straßen auf und ab. Nur das Quietschen eines Gatters und das Bellen der Hunde unterbrechen die absolute Lautlosigkeit der Nacht. Der Himmel ist mit Sternen übersät, die Dunkelheit am Rande des Wohngebietes fast vollkommen. Einmal stehe ich plötzlich zwei Schafen gegenüber, kugelrund in ihrer Wolle verpackt, wie sie sind, nähern sie sich mir neugierig und beschnuppern mich. Ich fühle mich zurückversetzt in längst verlorene arkadische Zeiten.

Donnerstag, 27. November
Nach Esquel
Die Fahrt geht weiter in Richtung Norden, zu­nächst im Tal des Rio Genoa, dann dem Rio Tecka ent­lang, mitten in einer wüstenartigen Landschaft, in der die Farbe Grün nur in un­mit­telbarer Nähe zum Fluss Akzente setzt, mit der mächtigen Ge­birgs­kette der Anden immer in der gleichen Ent­fer­nung. Erst als die Ruta 40 einen Scharfen Bo­gen nach Westen macht und ich mich der Stadt Esquel nähere, wird plötzlich alles grün, während die Landschaft schlagartig ei­nen beein­druckenden alpinen Charakter annimmt.

Bar La Luna, Esquel

Durch die breite Fensterfront dieses rustikal eingerichteten Lokals lächelt mich eine herrliche Aus­sicht auf zackige, verschneite Bergspitzen an! Ich kann sogar drei Guanakos aus allergrößter Nä­he beobachten. Die Erfüllung eines Traums? Nein, leider nur ein riesiges Werbeplakat des Touris­mus­vereins! In dieser düsteren Bar La Luna berieselt mich nichtssagende amerikanische Popmusik. Keine Spur mehr von der vibrierenden "südamerikanischen" Atmosphäre des Hotels in Gober­na­dor Costa. Selbst die Bedienung ist hier nur ein Schatten des quirligen Mädchen von Gestern, ein star­rer Blick in einem stupiden Gesicht ohne jegliche Mimik. So ist es nicht schade, dass ich nach kur­zer Zeit hi­naus­komplimentiert werde, weil die Bar geschlossen wird. Draußen scheint die Sonne, aber es tröpfelt ein wenig. So flüchte ich in ein weiteres Lokal, diesmal eine confiteria, wo mich ein riesiges Stück Apfelstreuselkuchen glück­li­cher­wei­se rasch be­sänf­tigt. Außer mir sitzt nur ein junges, Englisch spre­chendes Paar im Lokal, so­wie zwei Ge­schäfts­leute, die, wie das hier üblich ist, das Cafe als Büroersatz benutzen und sta­pel­wei­se Papiere und Akten auf ihrem Tisch aus­ge­brei­tet haben. Das britische Mädchen ist eine jener angelsächsischen Blondinen mit Stupsnase, et­was fülligeren Formen und mit einer derart weißen Haut, dass arabische Scheichs Schlange für sie stehen würden.

Was das mit Argentinien zu tun hat? Nichts! Esquel hat mich sprachlos gemacht. Es ist ein Ort, der keinen Funken in mir zünden kann, trotz der imposanten Bergkulisse. Es reihen sich nur quadras an quadras aneinander, wie auf einem Schachbrett angeordnete Häuserblocks, ein flaches Ge­bäu­de neben dem anderen. Esquel ist eine auf dem Reißbrett geplante Touristensiedlung, räumlich so weitläufig, dass aus einem Dorf flächenmäßig eine Stadt geworden ist.
Laut Reiseführer weht hier immer noch eine Spur jenes Pioniergeistes, der Patagonien Anfang des 20. Jahrhunderts zum zweiten Wilden Westen Amerikas machte. Und er legt noch eine drauf. Ei­nem Mann zu Pferd würde man hier ebenso häufig wie einem Auto begegnen. Bullshit! Es ist tiefste Provinz + Tourismus + Kommerz. Die relative Leere ist nur auf die Jahreszeit zurückzuführen, kei­nesfalls auf seine Lage am vermeintlichen "Ende der Welt". Während des Sommers herrscht hier ohne Zweifel ein Gedränge wie in Cortina d'Ampezzo zu Ferragosto!