Argentinien 2008
Reisebericht von Bernd Zillich
   
 
                   
   
   © | Reisebericht | Home
   
         
     
 
 
Die Wasserfälle von Iguazu
Pampa Linda / Tronador
   
  ARGENTINIEN 2004
  ARGENTINIEN 2011
  ARGENTINIEN/CHILE 2014
   
   
 
 
 
Argentinische Landschaften Wandkalender 2019

 
 
 
  Premium Textil-Leinwand 90 cm x 60 cm quer, Der erloschene Vulkan Tronador im Nationalpark Nahuel Huapi
 
Premium Textil-Leinwand
90 cm x 60 cm quer,
Der Vulkan Tronador im Nationalpark Nahuel Huapi

Auch 1000-Teile-Puzzle
 
 
 
 
 
Argentinien
 
Argentinien (DVD)
 
 
 
 
Argentinien
 
Planet Erde - Die schönsten Landschaften (DVD)
 
 
 
 
 
Argentiniens faszinierende Vogelwelt
(Wandkalender 2019)

 
 
 
Booking.com
Samstag, 6. Dezember
Großzügigkeit
Der Kellner der confiteria auf dem Cerro Campanario begrüßt mich per Handschlag – wie einen al­ten Freund. Ich bestelle Apfelstrudel und cafe con leche, was sonst? Als ich mit einem Zwanzig-Peso-Schein die Rechnung begleichen will, bekomme ich – anstatt der rechnerisch mir zustehen­den drei Pesos – einen Fünf-Peso-Schein zurück. Ihm fehle das Kleingeld, sagt er. Als ich aus­glei­chen will, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass plötzlich das Lächeln aus seinem Ge­sicht ver­schwin­det. Könnte es sein, dass ich einen Fauxpas be­gangen habe? Hat er dieser kleinen "Ermä­ßi­gung" die Bedeutung eines Gastgeschenks zu­ge­ord­net? Ich bin verdutzt. Mir war bereits mehrmals im Supermarkt aufgefallen, dass die Kas­sie­re­rin­nen aus­nahmslos zu meinen Gunsten aufrundeten. Eine kleine Lektion in Sache Zivilisation? Ich bin sehr beeindruckt!
Beeindrückend ist von hier oben auch die Aussicht. Zu dieser späten Stunde glitzert die Wasser­oberfläche der vielen Verzweigungen des Nahuel-Huapi-Sees, als sei sie ein Silberschmuck. Ver­dient habe ich mir diese Aussicht allerdings nicht, bin ich doch diesmal wieder mit dem Ses­sel­lift hochgekommen.
Sonntag, 7. Dezember
Nationalpark Nahuel Huapi
Während wir (etwa ein Dutzend Reisende) vom Kleinbus aus die wunderbare Landschaft, die an uns vorbeifliegt, mit den Blicken verfolgen, überhäuft uns unser "guia" mit Informationen über den, nach dem Nahuel-Huapi-See genannten Nationalpark. Es handelt sich um einem der ältesten argentinischen Nationalparks. Der Park, von hohen Bergen, einer Vielzahl von Seen und ausgedehnten Wäldern geprägt, erstreckt sich auf einer Länge von 130 km entlang der argentinisch-chilenischen Grenze und hat eine Fläche von etwa 7100 km² (etwa drei Mal so groß wie das Saarland).
Den Grundstein für den 1934 gegründeten Nationalpark bildete am 6. November 1903 die großzügige Spende von Grundstücken durch den argentinischer Geographen, Anthropologen und Entdecker Francisco Pascasio Moreno (bekannt als Perito Moreno). In zahlreichen Expe­ditio­nen hatte Moreno Patagonien und dessen Flora und Fauna er­forscht. Der Beiname "Perito", der im Spanischen "Sach­ver­stän­diger" bedeutet, war die Amtsbezeichnung, die er während der Grenz­ver­mes­sung von Chile und Argentinien erhielt.
Einer der zahlreichen Verdienste Morenos lag darin, dass er, nachdem die beiden Nachbarländer am 23. Juli 1881 den Grenzvertrag unterzeichnet hatten, der die voll­stän­dige gemeinsame Landgrenze festlegte, auf einen Kniff zurückgriff. Als Richtschnur für die Grenzziehung galt u.a. die Wasserscheide zwischen Pazifik und Atlantik. Die faktische Demar­ka­tions­linie sollte von einem Schiedsspruch der britischen Regierung bestimmt werden. Im Jahr 1898 ließ Moreno deshalb einen Kanal bauen, der den kleinen Rio Fenix in das Flusssystem des Rio De­se­ado umleitete. Hierdurch verschob sich die Wasserscheide etwas in Richtung Chile. Durch diese Maßnahme erreichte Argentinien den Gewinn etlicher Quadratkilometer.

Wir fahren die Strecke, die zum Cerro Tronador, einem 3491 hohen erloschenen Vulkan führt, und die ich vor Jahren bereits in Angriff genommen hatte, aber wegen einer Autopanne nicht schaffen konnte []. Kein Besuch von Bariloche wäre vollständig, ohne einen Abstecher zu diesem Berg, der sich an der chilenischen Grenze tief im Nationalpark Nahuel Huapi befindet. Die Einfahrt zum Nationalpark ist etwa 35 km südlich von Bariloche. Von da an geht es auf einer Schotterstraße am südlichen Rand des Lago Mascardi entlang, vorbei an spektakulären Landschaften, die den Ein­druck auf mich machen, als seien sie seit Urzeiten völlig unberührt geblieben.

Der Lago Mascardi (Mascardi See) wurde nach dem italienischen Jesuiten Nicolás Mascardi (1625 - 1673) genannt, der als erster Europäer (von Chile aus) die Seen des argentinischen Südens er­reichte. Im Jahr 1670 gründete er die Jesuiten-Mission Nuestra Senora de Nahuel Huapi an der Küste des Nahuel-Huapi-Sees. Die Gletscher und Wasserfälle des Cerro Tronador dominieren die umliegende Landschaft. Besonders interessant ist seine schwarze Moräne, der sogenannte Ventis­quero Negro, ein sehr seltenes Naturereignis. Die abgestürzten Eisbrocken bilden in der Tiefe ei­nen kleinen Gletscher, der "negro" genannt wird, weil er teils aus Eis und teils aus Erde, Sand und Steinen besteht, und daher eher eine dunkelbraune Farbe hat. Er kalbt in einen ebenfalls schmut­zig-braunen See.
Unser "guia" erläutert, dass es im Nationalpark mit Außnahme der Vogelarten nur noch wenige au­tocht­hone Tierarten gibt. Unter diesen befinden sich zwei Hirscharten, der Huemul [] und der Pu­dú [], die beide vom Aus­ster­ben bedroht sind, der Puma, die huiña (Chilenische Waldkatze) [] und die coma­drejita trompuda (Chilenische Opossummaus), der Zorro Gris (graue Fuchs) [] und der Zorro Colorado (An­den­schakal) []. Diese indigenen Arten sind streng geschützt und dürfen nicht gejagt werden. Gegenüber den von den Eu­ro­päern eingeschleppten Tier­ar­ten sind sie beson­ders verwundbarer, weil bis zur Ankunft der letz­teren die Konkurrenz um Nahrung und Lebens­raum nicht sehr groß war.
Die Mehrheit der größeren Wildtiere im Natio­nal­park besteht heute aus angesiedelten Tieren. Bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Rothirsche, Damhirsche, Axishirsche, Wild­schwei­ne und Hasen zu Jagdzwecken angesiedelt. Sie konnten sich der neuen Umwelt gut anpassen und vermehrten sich manchmal sogar zu schnell, so dass einige von ihnen (beispielsweise das Rotwild) in den 1950er Jahren zur Plage erklärt wurden.
Innerhalb des Parks findet man auch einige kleine landwirtschaftliche Betriebe (chacras) mit ge­rin­gem Bestand an Rindern oder Schafen. Es handelt sich dabei aber ausschließlich um Betriebe, die es vor der Gründung des Nationalparks bereits gab.
Hosteria Pampa Linda

Wenn ich an den heutigen Tag zurückdenke, weiß ich nicht, ob ich schmunzeln, laut auflachen, wei­nen, intensiv nachdenken, lesen, oder nur ausspannen und in die vornehme Einsamkeit dieses Ho­tels eintauchen soll. Wenn ich aus dem Fenster blicke, erhebt sich der Tronador, dieser höchste Berg Patagoniens, majestätisch vor meinen Augen, wie der Thron eines Kö­nigs. Allerdings ist der Ursprung seines Namens nicht auf "Thron" zurückzuführen, sondern auf das Don­nern (tronar), der Eismassen des Gletschers, wenn sie sich ablösen und die vertikale, tausend Meter hohe Wand herabstürzen.

Ich "diniere" bei auffallend schlechtem Essen
– das "Gulasch mit Spätzle" ist nur genießbar, wenn ich es reichlich mit den mitservierten Par­me­san­kä­se (!) be­streue – in der dünnen Luft eines rus­ti­kal-an­heim­elnden Am­bientes, in dem nur wenig Tische besetzt sind. Nur zwei von einer langen Wan­derung zurückgekehrten Nord­ame­ri­kanerinnen, ein ver­lieb­tes holländisches Pärchen und ein schwer einzuordnenden Wiener in Be­glei­tung zweier jün­gerer Spanisch sprechender Mäd­chen leisten mir, zumindest in Gedanken, Ge­sell­schaft.
Was für eine absurde Art zu Reisen ist diese! Immer weniger gefällt es mir, auf eine organisierte Tour angewiesen zu sein, mit all den Nachteilen, die mit dieser verbunden sind: Man ist  in den heißesten Stunden und beim unangenehmsten, grellsten Licht unterwegs, macht ausnahmslos an jenen Stellen Halt, die von der Reiseplanung "vorgesehen" sind, und rast erbarmungslos an jenen Stellen vorbei, die am meisten reizen würden.
Aber die Erinnerung an meinen ersten, gescheiterten Versuch, auf abenteuerlicher, schlag­loch­rei­cher Schotterstraße mit dem eigenen Auto in Richtung Tronador zu fahren – es endete damals mit einem fünfstündigen Warten auf einen Ab­schlepp­wagen –, ist noch allzu wach.
So ließ ich mich auf eine Kompromisslösung ein. Weil es in dieser Jahreszeit noch keine reguläre Busverbindung nach Pampa Linda gibt, arran­gier­te ich es, an einem Tag per organisierte Fahrt hierher zu kommen und hier zu übernachten, um schließlich erst am da­rauf folgenden Tag mit einer anderen Tour wie­der zurück nach Bariloche zu fahren. Der Gedanke an einen Ta­ges­ausklang in der Einsamkeit und der Ruhe von Pampa Linda war verlockend! Eine Ruhe, wohlgemerkt, die man vermutlich nur in dieser frühen Jahreszeit genießen kann, denn in der Hochsaison sind die Campingplätze mit aller Wahr­schein­lich­keit gesteckt voll mit lärmenden Teenagern und Groß­fa­milien, die mittags und abends auch noch die Luft mit dem beißenden Rauch der "asados" verpesten.
Abendspaziergang
Heute Nachmittag scheiterte ich beim Versuch, mich diesen merkwürdigen Vögeln zu nähern. Die Bandurrias, (eine Art Ibis) hielten mich und meine Kamera immer auf Distanz. Diese Schreitvögel mit ihren langen, gekrümmten Schnäbeln, bewegten sich, nach Würmern suchend, langsam und in kleinen Gruppen auf den Wiesen und im Sumpfgebiet neben dem Rio Manso. Jedes Mal, wenn ich näher kam, flogen sie auf und erfüllten noch minutenlang die Luft mit ihren auffälligen, metalli­schen Trompetenlauten.
Jetzt sind die sporadischen Tüt-tüt-Laute der Bandurrias und das Knirschen des Kieses unter mei­nen Schuhen die einzigen Geräusche, die die unwahrscheinliche Stille unterbrechen, in der ich mich befinde. Ich traue mich kaum, zu gehen, betrete das Gras am Wegesrand, nur um diese Stille zu zelebrieren. Ein Wunder: kein Motorenlärm, kein menschliches Geräusch! "Que silencio!", würde Frau Pellegrini sagen. Der Schnee des Tronadors leuchtet in der zunehmenden Dunkelheit noch einmal auf. Das sind die Augenblicke, die mich für all die Zweifel und Mühen belohnen.
Pferde grasen am Straßenrand, inzwischen nur noch als dunkle, sich kaum bewegende Schatten
zu erkennen. Gespenstisch beleuchtet der Mond die mit Flechten (die sogenannte barba del diablo) bewachsenen Lenga-Bäume. Im Osten leuchten bereits die ersten Sterne auf. Ein lauer Wind haucht mir Wohlbefinden ins Gesicht. Ich stolpere etwas verwirrt, fast verzaubert, durch den lich­ten Wald, ich kann meine Füße gerade noch sehen. Wann habe ich zum letzten Mal eine derar­tige Erfahrung gemacht? Wann so intensiv und so bewusst eine Situation erlebt, die für Hundert­tau­sen­den von Jahren für alle Menschen ein selbstverständlicher Zustand war, so selbstverständlich, dass das Bedürfnis danach in die Gene eingegangen sein muss.
Montag, 8. Dezember
Die Morgendämmerung der Welt
Es gibt Erlebnisse, die wird man niemals vergessen können, so tief gehen sie einem unter die Haut, so sehr unterscheiden sie sich von all dem, was man im Alltag erlebt. Man kann der Aufhel­lung des Nachthimmels durch die von Men­schen erschaffenen und betriebenen Licht­quel­len nor­malerweise kaum entfliehen und man ist es gewohnt, von dem aus unserer Welt kaum noch wegzudenkenden Lärm der Motoren bis ins letzte Winkel verfolgt zu werden. Aber hier in diesem entfernten Ort kann man tatsächlich noch die Nacht erleben, wie sie vor dem Auf­tau­chen der technischen Zivilisation bestand: dun­kel, un­heim­lich, flüsternd, Geheimnisse erzähl­end, nur vom glitzernden Licht der Sterne erhellt. Und der Tagesanbruch steht der Nacht in nichts nach. Er ist ein Weltwunder, ein Lichtzauber, er gleicht dem Morgengrauen der Welt. In solchen Momenten er­greift mich ein überwältigendes Gefühl von Demut gegenüber der Erhabenheit der Schöpfung.
Chimangos
Die Vogelwelt Patagoniens hat es mir angetan. Da ist beispielsweise der Chimango (Milvago chi­mango), ein knapp krähengroßer Greifvogel der Familie der Falconidae (Falkenartigen), der in den Bergregionen Patagoniens eine unübersehbare Verbreitung erlangt hat. Hier in Pampa Linda kann ich fast auf jedem zweiten Baum einen dieser gefiederten Räuber in Miniaturformat erspähen.

Ich bin weit davon entfernt, das sogenannte Birdwatching (Neudeutsch für "Vogelbeobachtung") so ernst zu nehmen, dass ich mich mit dem Studium von Vogelbestimmungsbüchern und den Hören von Vogelstimmenaufnahmen beschäftigen möchte. Tiefer gehendes Wissen über die Biologie der Vögel ist nicht mein Ziel. Die Vogelwelt Patagoniens mit seinen über 160 Arten ist für mich, in dem Rahmen, in dem ich sie überhaupt zu sehen bekomme, in erster Linie ein Erlebnis des Sehens und eine Mög­lichkeit, die Nähe zur Natur zu genießen.

Neben den Bandurrias, den Magellangänsen und den Spornkiebitzen gehören die Chimangos zu jenen Vögeln, die man in Patagonien auch beim besten Willen nicht übersehen kann. Für mich als Fotografen sind sie heute zu einer kleinen Herausforderung geworden. So verbringe ich – trotz des Fehlens eines schnellen Teleobjektivs – den hal­ben Vormittag damit, auf sie "Jagd" zu machen. Jedem das Seine!