Argentinien 2008
Reisebericht von Bernd Zillich
   
 
                   
   
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TANGO, Wehmut,
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  11 Orte in Buenos Aires, die man gesehen haben muss
 
11 Orte in Buenos Aires, die man gesehen haben muss
 
 
 
 
Dienstag, 21. Oktober
Buenos Aires, Parque Lezama

Mein Aufenthalt in Buenos Aires beginnt mit Regen. Alles scheint grau zu sein, sowohl der trostlose Tag, der fast Züge eines mitteleuropäischen Herbsttages aufweist, als auch die Peripherie dieser rie­sengroßen Stadt, die durch das Fenster des remise (Bestelltaxi) an mir vorbeifliegt und mich mit ihrem Schmutz und ihrem städtebaulichen Wildwuchs überfällt. Dieser erste abschreckende Ein­druck setzt sich bald mit den War­nun­gen der Pen­sionsinhaberin Anna und ihres Sohnes fort: Alles, was mich als Tourist erkennen ließe, auch den Stadtplan in der Hand, solle ich verbergen, keines­falls dürfe ich den teue­ren Foto­ap­pa­rat offen tragen und einsame Gassen aufsuchen. Und immer, beson­ders abends, müsse ich zu meiner eigenen Sicherheit ein Taxi benutzen. Was für eine er­mu­tigende Perspektive!

Kaum ist aber eine Stunde vergangen, schon erleben meine Gedanken durch die einnehmende Atmosphäre des Lezama-Parks eine Wendung zum Positiven. Der Grauschleier ist wie durch Zau­berkraft abgefallen. Ich sehe und staune. Auf einer Parkbank macht ein junges Mädchen Liege­stützen, zwei Bänke weiter sitzt ein Paar fest­umschlungen, in einem leidenschaftlichen, fast schon theatralischen Kuss verwickelt. Anderswo führen die für Buenos Aires typischen "paseadores" (Hunde­aus­führer) Trauben von Hunden an einem Bündel von Leinen, oder laufen verwildert aussehende Kinder umher. Und ist die ältere Dame mit den wuscheligen roten Haaren, die in einem abge­tra­ge­nen, von einem langfransigen blumen­ge­mus­terten Schal kaum verdeckten Sommer­kleid­chen würdevoll durch den Park zieht, nicht entzückend?

Wenn ich versuche, den wahren Auslöser meines melancholisch-glücklichen Gefühls zu finden, dann weiß ich sehr schnell, dass es in der Hauptsache die laue, noch von Feuchtigkeit getränkte Luft ist. Denn sie lässt mich an Treibhäuser voller Blattwerk und Palmen denken, an Indien und an nie erlebte subtropische Träume. Dieses Am­bien­te wird vom Kreischen, Zirpen und Zwitschern mir unbekannter Vögel und vom sporadischen, laut­starken Aufflattern der Tauben noch ver­stärkt. Es sind auch die Platanen, ein paar ker­zen­ge­raden Dattelpalmen, die Jacarandas mit ihren blass­lila­farbenen Blüten, die Araukarien und der Ombu, der Baum, der in Wirklichkeit ein Busch ist, die diesem ziemlich unauffälligen Park seine Beson­derheit geben. Der Himmel ist, nach dem Regen, wieder fast völlig klar, von einem zarten Hellblau, das in Richtung Sonne sanft in ein goldenes Leuch­ten übergeht. Gegen Nordosten gibt der leicht erhöht stehende Park den Blick frei auf eine Riege von Hochhäusern, die wahllos in den Himmel ragen, aber im milden Abendlicht ihre Häss­lichkeit vorübergehend abgelegt haben. Am westlichen und südlichen Parkrand beein­drucken mich eine Kirche mit grellblauen Zwiebeltürmen, die Iglesia catolica apostolica-ortodoxa rusa und das Nebeneinander von modernen Hochhäusern und architektonischen Erinnerungen an die koloniale Vergangenheit. Manches Gebäude weckt mit seinen schmiedeeisernen Balkonen und den Dach­zie­geln aus grauem Schiefer sogar Assoziationen an Frankreich.

Mittwoch, 22. Oktober
Tango
Die hübsche Dänin mit dem Pippi-Langstrumpf-Gesicht und dem ansteckenden Lächeln führt mich zu einem Tisch in der ersten Reihe. Von hier Tangoaus kann ich aus größter Nähe die traditionelle In-Szene-Setzung des "getanzten Dialogs zwischen Mann und Frau", also des Tangos erleben, der hier auf der Plaza Dorrego in San Telmo  zur Erbauung von Tou­ris­ten und einheimischen Nos­tal­gikern aufgeführt wird. Zwar fehlt es dem einzigen Tanzpaar, das an die­sem ruhigen Wochentags­mor­gen hier auftritt, an Leiden­schaft, auch passt der Mann kaum zum Bild, das man mit einem stolzen Tangotänzer assoziiert, aber was soll's: Das Wetter ist früh­lings­haft, die cerveza (das Bier) ver­lang­samt den Gedankenfluss und ein lockeres Gefühl von Zufriedenheit macht sich bei mir breit.
Der Mann sieht wie ein Buchhalter aus und lässt eher an ei­nen verklemmten, in die Jahre gekommenen Junggesellen denken. Von stolzem, gar arrogantem Macho-Gehabe ist weder in seinen Bewe­gungen noch in seinen Blicken etwas zu spüren. Auch seiner Part­nerin geht das Rassige und Stolze ab. Ihr blasses Vorstadtmäd­chen-Gesicht mit indianischem Einschlag lässt sie eher als biedere Hausfrau einordnen. Ihre Drehungen, die Bewegungen ihrer Füße, die Beinhaken, mit denen sie das Bein ihres Partners umschlingt, sie wirken allesamt künstlich und ein wenig hölzern. Wären da nicht die bis zur Hüfte reichenden Schlitze in ihrem Kleid, würde mein Interesse schnell erlahmen. Aber ihre Schenkel sind so weiß, die Linie ihres vom dünnen Stoff wunderbar zur Geltung gebrachten runden Pos so verführerisch, ihr Ge­sichts­ausdruck so unschuldsgeladen und ihre Blicke eine derart naive Freude am Tanzen ausstrahlend, dass Sehnsuchtsbilder aus meinem tiefen Inneren an die Oberfläche kommen und mich völlig für die Frau vereinnahmen lassen.
Tango
Tango
Tango
Ganz anders das Paar, das am späteren Nachmittag an der selben Stelle auftritt. Sie tanzen mit Elan und mit unverkennbarer Selbstsicherheit. Ihr Gehen, ihre Stopps, ihre Drehungen, die ge­konn­ten Pausen, die sie einfügen, die Lufthaken der Frau und all die getanzten Verzierungen, die sie vorführen, sie haben eine Leichtigkeit und eine Selbstverständlichkeit, die bestechen. Ihr Tanz ist gekennzeichnet von Anmut und Poesie, Stolz und Eleganz. Diesmal schaffen es sogar die nack­ten Beinen der Frau nicht, mich vom Gesamtkunstwerk
des Tanzes abzulenken, obwohl der stän­di­ge, sensibler Körperkontakt des Paares eine sub­tile Atmosphäre der Erotik ausstrahlt. Der Tango, sagt man in Buenos Aires, sei das Vorspiel zur Liebe. Zynischer formulierte es George Bern­hard Shaw: "Der Tango ist der vertikale Ausdruck eines horizontalen Verlangens".
Während die Beiden tanzen, werden sie von ei­nem kleinen Mädchen andauernd umtanzt. Sie tut es spielerisch, mit Begeisterung und strahlt dabei gro­ße Glückseligkeit aus. Einmal nimmt der junge Tän­zer sie an den Händen und führt sie. Sie ist sofort im siebentem Tangohimmel.
Bar Britanico, abends

Ein markantes Mestizengesicht, wie es im Buch steht: braungelbe Haut, eingefallene Wangen, her­vorragende Backenknochen, stechende Picassoaugen, kurze, struppige blondierte Haare und ein Goldkettchen in jedem Ohr, das vom oberem Rand bis zum Ohrläppchen hängt, alles in allem eine Visage, die mich an den letzten Mohikaner oder an zwielichtige Gestalten wie Long John Silver (aus "Die Schatzinsel") denken lässt. Nicht dass ich mich über ruppige Manieren zu beklagen hätte, ganz im Gegenteil: Der Kellner des Bar Britanico wirkt sanft wie ein Lamm und ist zuvorkommend höflich. Dass die milanesa (paniertes Schnitzel) ziemlich trocken ist, nach ranzigem Öl riecht und so aussieht, als sei sie bereits zum zweiten Mal aufgewärmt worden, dafür kann er sicher nichts.

Donnerstag, 23. Oktober
Bar Hipopotamo, abends

Wenn Lärm Leben ist, dann ist Buenos Aires eine besonders lebendige Stadt. Ununterbrochen rum­peln, brummen und husten Privatautos, Busse und die zahlreichen Taxis (vierzigtausend sollen es sein) in voller Lautstärke, als sie auf den unebenen, aufgerissenen, oft mit Kopfpflaster verse­he­nen Straßen vorbeifahren. Das fällt mir besonders dann auf, wenn ich in einem Cafe ein paar "ruhige" Minuten verbringen will. Diese erholsamen Aufenthalte bei Kaffee und medialunas (Mini­croissants) oder Bier und empanadas (gefüllte, gebackene Teigtaschen) werden immer wieder zu meinem Rettungsanker und meiner philosophischen Zuflucht. Aus der Kaffeehaus-Perspektive kann man so leicht verdrängen, dass man auf Reisen so oft nur Beobachter und kein wirklicher Teilnehmer jenes Lebens ist, das sich irgendwie "da draußen" abspielt, mehr Theater als Realität, in dem fernen Land, wohin man wie ein Schiffsbrüchiger vom Meer des Zufalls hingespült wurde.

Das Zufällige am Leben fällt mir besonders dann auf, wenn ich unterwegs bin, wenn ich die stumpf machende Routine des Alltags hinter mir gelassen habe und auf einen neugierigen Blick nahezu angewiesen bin. Ist es denn nicht ausschließlich Zufall, dass es der kleine, mit zwei Ten­nis­bällen jonglierende junge Indio ist, der auf eine "monedita" (Münze) angewiesen ist und nicht eines der Kinder meiner europäischen Freunde? Dass mir hier in der stolzen Stadt der "guten Lüfte" so viele ältere Herren mit edlen Gesichtszügen und verschlissenen Anzügen auffallen? Dass so oft eine stille, erbärmliche Gestalt ein Lokal betritt, von Tisch zu Tisch geht, jeweils etwas dort ablegt (ein Feuerzeug, einen Kugelschreiber, ein Päckchen Papiertaschentücher oder wer weiß noch was) und dann beim zweiten Rundgang, weil kaum jemand etwas davon kaufen will, wieder alles ein­sam­melt? Dass sich jemand mit dem Spazierführen fremder Hunde ein paar Pesos verdienen muss und dass Argentinier europäischer Abstammung sich seltener, Indios aber sehr oft als Bettler durchs Leben kämpfen muss?

In der Calle Florida kann man keine zwanzig Meter gehen, ohne von jemandem eine Visitenkarte oder ein Prospekt in die Hand gedrückt zu bekommen: Lederwaren gefällig? Die beste parilla (Grillrestaurant) der Stadt? Die preiswertesten Jeans? Der beste Striptease in Buenos Aires? Unversehens – Zufall? – kann man in eine vermeintliche Tango-Bar gezerrt werden und von einem halben Dutzend dreikäsehohen Prostituierten mit tätowierten Brüsten auf die Leistungen des Lo­kals hingewiesen werden. Kann man von diesen Pseudojobs leben? Oder vom Sammeln von Müll wie die Cartoneros, die allabendlich die am Straßenrand gestapelten Müll­säcke öffnen und nach Ver­wert­barem suchen? Zwanzig- bis dreißigtausend soll es von ihnen geben. Pro Kilo eingesammeltes Papier bekommen sie gerade ein paar Pesos, was ihnen bestenfalls 800 Pesos (etwa 150 Euro) pro Monat bringt.
Ist das Feuer­spucken oder Tangotanzen auf der Stra­ße ein ein­träglicher Be­ruf? Ich frage mich, ob die Sympathie, die ich für diese Arm­seligen spüre, vielleicht darauf beruht, dass ich mich in ihnen gespiegelt sehe, wenn auch auf einer ganz anderen Ebene: Weil die Aktien wieder einmal in freiem Fall sind, die Heiz­kosten gestiegen, erwartete Erfolge ausgeblieben und weil mir Lobes- und Lie­bes­bekundungen nicht gerade oft geboten werden und das Leben schneller vorbeirast als gedacht.
Ich werde genügsam. Einer Gruppe Karatesportler aus Brasilien auf der Plaza San Martin im Spät­nachmittagslicht zuschauen, ein Lüftchen genießen, das die Wolken weggefegt hat, und schon habe ich wieder Kraft bis zum nächsten Tag. Dann kann ich vergessen, dass ich zwei Stunden im Handy­laden Schlange stehen musste, ohne am Ende eine funktionierende SIM-Karte ergattert zu haben, dass ich mir beim stundenlangen Marsch durch das microcentro Füße und Rücken wundgelaufen habe, und dass der Tag so schnell vorbei war, ohne dass ich wirklich etwas Neues von dieser Stadt erlebt hätte.