Argentinien 2008
Reisebericht von Bernd Zillich
   
 
                   
   
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Die Wasserfälle von Iguazu
Posadas (Misiones)
   
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Weg nach San Diego
 
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Jesuiten Südamerika
 
Der Jesuitenstaat in
Südamerika 1609-1768

 
 
Der sehenswerte Film zum Thema: mit Robert de Niro
 
Mission
 
Der Film wurde 1986 mit einem Oscar für die beste Kamera ausgezeichnet und war 1987 für den Oscar in der Kategorie Bester Film nominiert.
 
   
 
 
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Samstag, 1. November
Fahrt nach Posadas
Die gigantischen Iguazú-Wasserfälle und der gleichnamige Nationalpark liegen im äußersten Nor­den der Provinz Misiones, im Dreiländereck Brasilien, Paraguay und Argentinien. Misiones liegt Omnibuswie­derum im äußersten Nordosten Argentiniens, wie ein Pfannenstiel zwischen Paraguay und Bra­silien eingezwängt. Die Hauptstadt ist Posadas, am Río Paraná. Das Terrain ist nahezu durch­ge­hend hügelig und, mit Ausnahme der land­wirt­schaft­lich genutzten Fläche und der üppigen Wei­den, von dichten Regenwäldern bedeckt.
Was mich während der an und für sich ziemlich eintönigen Fahrt nach Posadas fasziniert, ist der Kontrast zwischen der tiefgrünen Vegetation und der auf hohen Eisenoxydgehalt zurück­zu­füh­ren­den roten Erde. Es sind hauptsächlich diese Farb­ein­drücke, die sich mir während der mehrstündigen Fahrt einprägen, und die mich ganz unbewusst für diese Gegend einen Vermerk eintragen lassen in das nur in meinen Gedanken existierende Verzeichnis von wün­schenswerten zukünftigen Reisen.
Es regnet Badewannen

Als mich Hermann (Dr. Hermann Hampel, Forstingenieur bei der Danzer Forestaciones) in meinem Hotel in Posadas mit seinem Toyota-Pickup abholt, ist es bereits dunkel und der Regenvorhang so dicht, dass man kaum noch die Fahrbahn sehen kann, auf der wir fahren. Und doch führt mich mein Gastgeber mit Beflissenheit durch die Gegend und erzählt mir dabei vieles über diese Stadt, die auf die 1615 gegründete Jesuitenreduktion Nuestra Señora de Itapuá zurückgeht. Diese Rallye im Tropenregen bekommt in meinen Augen fast hyperreale Züge, als sei das "blin­de" Um­herirren der eigentliche Zweck des Fahrens und nicht das Warten auf die für deutsche Ver­hältnisse sehr späte Öffnungszeit der Restaurants. Ein Warten, das sich lohnt, denn ich werde zu einem außer­or­dentlich guten – wie könnte es in Argentinien anders sein? – Steak eingeladen.

Sonntag, 2. November
Aufforstungen
Nach dem Frühstück werde ich von zwei Berufskollegen von Hermann vom Hotel abgeholt. Die beiden arbeiten für die GMF LATINOAMERICANA, ein forst- und holzwirtschaftliches Unter­neh­men im Norden Argentiniens und sind zum Erfahrungsaustausch nach Posadas gekommen.
Die Danzer Forestaciones ist eine Tochterfirma der Danzer-Group, eines Unternehmen mit schwei­zerisch-deutschem Hintergrund, das in der Herstellung von Furnier- und Schnittholz sowie im Han­del mit Rundholz tätig ist. In Argentinien bewirtschaftet Danzer Forestaciones in der Provinz Po­sa­das eigene Wälder von 25.000 Hektar. Sie betreibt hier hauptsächlich Wiederaufforstungsprojekte, bei denen ehemals für die Viehhaltung genutztes Weideland zu Wäldern aufgeforstet wird. Weil sich die Firma auf den lokalen Markt spezialisiert hat, spürt sie auch die aktuelle Finanzkrise we­ni­ger als andere Firmen, die sich stärker auf den nordamerikanischen Baumarkt spezialisiert haben, der ja bekanntlich zum Erliegen gekommen ist.
Nach etwa zwanzig Minuten Fahrt treffen wir Hermann auf der Danzer-Hacienda und es beginnt unter seiner Führung eine spannende Besichtigung des riesigen von Danzer aufgeforsteten Areals. Ich bemühe mich zwar, mit dem Fachjargon der Ingenieure Schritt zu halten, aber letztlich bleibt von ihrem forst­wissenschaftliches Know-how recht wenig bei mir hängen.
So zum Beispiel, dass von der halben Million der von Danzer Forestaciones hier am Standort "El Porvenir" bei Posadas pro Jahr gepflanzten Bäumen nur etwa 30.000 einheimische Gewächse sind. Das ist darauf zurückzuführen, dass die einheimischen Sorten viel langsamer wachsen und deshalb das Pflanzen von – beispielsweise – Kiefern gewinnbringender ist. Kleinere Firmen wie Danzer und GMF sind dennoch wesentlich experimentierfreudiger als die großen der Branche, die sich haupt­sächlich auf die rasch wachsenden Kiefern und Eukalypten beschränken.
So werden hochwertige Laubhölzer gepflanzt wie der Paraiso (Zedrach-, bzw. Paradiesbaum). Mit dieser Art wurde gut ein Viertel der bisher in Angriff genommenen Flächen aufgeforstet. Den Rest teilen sich Hölzer wie Toona australis (Australische Zeder, eine sehr wertvolle Sorte), Grevillea ro­busta (Australische Seideneiche), Caña fistula (Röhren-Kassie), Araukarien sowie weitere einhei­mi­sche Laubbaumarten. Die Grevillea robusta ist ein sehr dekoratives Holz, das beispielsweise für den Fußbodenbau, für Karosseriearbeiten, aber hier vorwiegend als Furnierholz verwendet wird.
Die Firma Danzer pflanzt aber nicht nur, um Holz für Furniere und Böden zu produzieren, sondern auch, um Nutzungsrechte zu verkaufen. Denn solche Plantagen schlucken Kohlenstoffdioxid, da­durch bekommt man Verschmutzungsrechte, die man beispielsweise an Zementfabriken verkau­fen kann. Dabei muss man nach gewissen Kriterien vorgehen, damit man zertifiziert wird.
San Ignacio, UNESCO-Weltkulturerbe
Entfernungen misst man in diesem riesigen Land mit einem anderen Maß. So fährt Hermann mit mir am Nach­mittag noch "rasch" zur ehemaligen Jesuitenreduktion von San Ignacio Miní, di 63 Kilometer nord- östlich von Posadas liegt – für hiesige Verhältnisse offensichtlich ein Katzensprung.

Der Werbespruch der Provinz Misiones lautet "Tierra Colorada" (rote Erde), und die Erde ist hier tatsächlich eines dunklen, rostigen Rots. Ihren Namen erhielt die Provinz von den Missionen der Jesuiten, den sogenannten Jesuitenreduktionen. So nennt man die von Jesuiten errichteten Sie­dlungen der indigenen Bevölkerung in Südamerika.

Es ist hervorzuheben, dass die Jesuiten neben der christlichen Missionierung der Ureinwohner auch das Ziel hatten, sich für deren Schutz vor der Ausbeutung durch die weiße Oberschicht und vor Sklavenjägern zu engagieren. Mit den "Jesuitenreduktionen der Guaraní" – die Guaraní-Indianer waren eines der ersten Völker Südamerikas, die von den Europäern kontaktiert wurden –, die seit dem Jahre 1610 errichtet wurden, schufen die Jesuiten-Patres gewissermaßen die ersten "India­ner­reservationen" Amerikas. Der französischer Philosoph der Aufklärung Montesquieu beurteilte die Reduktionen positiv als eine "Verbindung der Religion mit der Idee der Menschlichkeit". Diese ge­schützten Siedlungen durften nur von den Guaranì, den Jesuiten und von geladenen Gäste be­tre­ten werden. Die Jesuiten-Reduktionen unterstanden nicht direkt der Kolonialregierung, son­dern waren (formal) nur der spanischen Krone unterworfen.

Dass die spanischen Krone die Jesuiten ermutigte, solche Reduktionen (vor allem im Gebiet des heutigen Paraguay) zu errichten, war sicher nicht auf humanistische Beweggründe zurückzuführen, denn es hatte ausschließlich mit den politischen Interessen Spaniens zu tun. Portugiesische Kolo­nisten, Händler und Sklavenjäger hielten sich zu jener Zeit nicht an die zwischen Spanien und Por­tugal festgelegte Grenzziehung und das Einzugsgebiet Portugals dehnte sich somit immer weiter aus. Mit der Errichtung der Reduktionen wollte Spanien Bollwerke gegen diese heimliche Expansion schaffen.

Zur Blütezeit existierten in den Grenzgebieten der heutigen Staaten Paraguay, Argen­tinien und Brasilien 30 solche Reduktionen, mehr als ein Drittel davon auf dem Gebiet der heutigen Provinz Misiones. In den Reduktionen gab es weitgehende Gleichberechtigung. Das Zusammen­le­ben be­ruh­te auf der christlichen Ethik und der Vorstellung von Recht und Ordnung der Guaraní. Keine India­ner durften zur Zwangsarbeit gezwungen werden. Die Alten, die Witwen und die Waisen wurden von der Gemeinschaft versorgt, für die Kranken gab es in allen Reduktionen ein Hospital. Was Wunder also, dass die Reduktionen bald wirtschaftlich aufblühten und große Überschüsse an Ge­trei­de, Zucker und Baumwolle erwirtschafteten. Auch dadurch waren sie der spanischen Kolo­nial­verwaltung zunehmend ein Dorn im Auge.

Von Norden her kam es immer wieder zu Überfällen durch sogenannte Bandeirantes oder Pau­lis­tas, portugiesische Sklavenjäger aus Sao Paulo, die die Guaraní-Indianer massenweise entführten, weil diese besser ausgebildet waren und somit entsprechend teurer auf den Sklavenmärkten ver­kauft werden konnten. Mehr als 60.000 Indianer wurden von den Sklavenjägern verschleppt.

1641 beschlossen die Jesuiten, die Reduktionen vor den Angriffen zu schützen. Mit Hilfe von ehe­maligen Militärs wie Domingo de Torres, Juan Cárdenas und Antonio Bernal bewaffneten sie ihre Schützlinge mit Musketen und Arkebusen und bildeten sie rudimentär militärisch aus. So konnte einen Angriff der Bandeirantes bei Mboboré erfolgreich abgewehrt werden. Die Sklavenjäger hielten sich daraufhin für viele Jahre von den Jesuiten-Reduktionen fern.
Der Friede sollte nicht lange anhalten. Die Konflikte mit den Kolonialbehörden und Groß­grund­be­sitzern, nicht zuletzt auch die zunehmend ablehnende Haltung der absolutischen Regierungen Por­tu­gals, Frankreichs und Spaniens gegenüber dem Jesuitenorden, führten 1767 auf Geheiß des Königs Karl III. von Spanien zur Vertreibung der Jesuiten aus den spanischen Ge­bieten Süd­ame­rikas und somit zur Auf­lösung der Jesuitenreduktionen. Nach der Vertreibung der Jesu­iten ver­lie­ßen auch die Guaraní die Reduktionen, die somit recht schnell verfielen und im Laufe der Jahre immer mehr vom Urwald überwachsen wurden.

Einige der ehemaligen Reduktionen wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts teilweise ausgegraben und rekonstruiert. 1984 wurden die Jesuitenreduktionen San Ignacio Miní, Santa Ana, Nuestra Señora de Loreto und Santa Maria Mayor (Argentinien), sowie São Miguel das Missões (Brasilien) von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. 1993 folgten die Jesuitenreduktionen La Santisima Trinidad de Paraná und Jesus de Tavarangue in Paraguay.

Parrillada
Abends bin ich bei Hermann und seiner charmanten jungen Frau zu einer ganz persönlich für mich organisierten parrillada (typisch argentinischen Grillmahlzeit) eingeladen. Hermann und ich kennen uns seit langer Zeit – er ist der Sohn guter alter Freunde – und so wird mir das Glück zuteil, mich hier, so weit weg von der Heimat wie ich bin, einmal nicht als isolierter Tourist in der Fremde, son­dern wie zu Hause zu fühlen.

Dass ich dabei auch ins Grübeln komme – über mein Leben, über das persönliche Glück und über die Entscheidungen, die Menschen treffen, wenn sie ihr Leben auf die eine oder andere Art ein­rich­ten, ist unausweichlich. "Könnte ich das?" ist die Frage, die ich mir immer stelle, wenn ich Lebens­linien beobachte, die meiner so diametral entgegengesetzt sind. Hier in diesem adretten Bungalow in El Porvenir, umgeben von nichts als tropischen Wald, sehe ich mich, als eingefleischter Städter, mit der besonderen Form der Zufriedenheit meiner beiden Gastgeber konfrontiert, die hier ihr klei­nes Dschungel-Paradies erschaffen haben. Ich kann nicht leugnen, dass sich – bei allen Zweifeln – eine subtile Faszination in meine Gedanken einschleicht.

Montag, 3. November
Posadas
Die Schweißperlen auf meiner Stirn verdampfen im schwachen Luftstrom eines Ventilators. Es reicht gerade für die Illusion einer Abkühlung. Im Schatten der Markise dieser einzigen offenen Bar an der kilometerlangen Flusspromenade lösen sich meine trägen Gedanken in undefinierten Stimmungen auf. Entlang der Promenade quälen sich sporadische Jogger: junge Männer mit an­geberisch zur Schau getragenen nackten Oberkörpern und Mädchen in eng anliegenden Stretch­höschen, die ihre perfekt gerundeten Popos hervorheben. Im Hintergrund fließt der kilo­meter­brei­te, braungelbe Paranà-Fluss. Auf der gegenüber liegenden Seite fängt Paraguay an, einer der rück­stän­digsten, korruptesten und kriminalitätsgefährdetsten Staaten Südamerikas.
Die Avenida Costanera ist, abgesehen von den genannten Joggern, leer wie an einem stürmischen Winterabend. Die große Hitze - der klare blau-weiße Frühlingshimmel täuscht – macht mich müde. Mir kommt der absurde Gedanke, Abkühlung in einem Solarium zu suchen. Heißer als hier kann es dort auch nicht werden. Ich brauche einen Kaffee! Zurück im Zentrum suche ich vorübergehende Erfrischung in der Kathedrale. Dass an den Säulen, die das Mittelschiff von den Seitenschiffen trennen, reihenweise große Ventilatoren angebracht sind, lässt ahnen, wie heiß der Sommer hier werden kann. Endlich finde ich eine einigermaßen gemütliche, moderne, klimatisierte Bar mit stapelweise Torten in der Vitrine. Ich bin gerettet!
General San Martin
San MartinViel zu sehen gibt es in dieser Stadt nicht, sieht man einmal von den vielen Denkmälern von li­ber­tadores (Befreiern) ab. Allgegenwärtig wie überall in Argentinien ist der General José de San Martín. Das Paradoxe an diesem Befreier ist, so er­zählte es mir Hermann, dass er als Sohn spani­scher Eltern zwar in Argentinien geboren wurde, aber in Spanien aufwuchs und dort eine Offi­ziers­lauf­bahn in der spanischen Armee durchlief, in der er zwanzig Jahre lang diente. Im Jahr 1812 kehrte er nach Argentinien zurück und bildete dort eine Revolutionsarmee für den Unabhäng­ig­keits­kampf aus – gegen Spanien. Er Befreite zuerst (1818) Chile, dann im Jahr 1820 führte er eine Operation zur Be­frei­ung Perus aus der spanischen Herrschaft an, mit der Hilfe des anderen großen süd­amerikanischen Helden Símon Bolívar.
Süden
Abends, wenn das Licht zu einer Mischung aus Blau und Orange wird, wenn die Tageshitze ge­bro­chen ist und die Straßen und die Parks vor Leben quirlen, wenn man von den Platanen, Araukarien und Jacaranda-Bäumen gerade noch die Konturen erkennt, dann spielen endlich die ar­chi­tek­to­ni­schen Hässlichkeiten keine Rolle mehr. Dann schmilzt man nur noch unter dem Gefühl vor sich hin, in einem Traum des Südens angekommen zu sein.
Im Restaurant bin ich immer der Erste, erst nach neun Uhr trudeln die ersten Argentinier ein. Aus­nahmslos und ununterbrochen berieselt ein Fernseher die Gäste mit Fußball, Nachrichten oder Tri­vialem. Nicht selten kommt ein kleiner verschmutzter Junge in zerschlissener Kleidung herein, geht zur Küche, und geht dann manchmal mit einem kleinen mit Essensresten gefülltem Plastikbeutel wieder hinaus, selten ohne im Vorbeigehen an die Restaurantgäste die ewige Frage zu stellen: "mo­nedita?". Armut ist nicht unsichtbar in Argentinien.
Dienstag, 4. November
Nachtbus nach Buenos Aires
Weil ich nicht sofort das Portemonnaie zucke, knurrt mir der Gehilfe, der meinen Koffer im Ge­päck­raum des Busses verstaut hat, missgelaunt das Wort "propina" ins Gesicht. Aber woher soll ein begriffsstutziger Greenhorn wie ich wissen, wann hierzulande ein Trinkgeld erwartet wird?
Im Vergleich zur Folter der Economy Class eines Flugzeugs ist das entspannte Zurücklehnen in der bequemen und großzügig bemessenen "butaca" eines argentinischen Reisebusses nahezu ein Pa­ra­dies. Der bequeme Schlafsitz ("semicama"), bei dem die Rückenlehne sehr weit zurückgestellt werden kann, bietet sogar einem 1,90 Meter großen Menschen wie mir genügend Beinfreiheit. Wenn ich dazu noch bemerke, dass ich den oberen Stockwerk mit nur drei weiteren Passagieren teile, dann ist meine glücklich-erwartungsvolle Reiselust bereits erklärt. Auf die Minute genau fährt der Koloss aus dem Terminal.
Entlang der ruta nacional 14 ist es etwas eintönig: Flache Brachlandschaft wechselt sich mit aus­ge­dehnten Mate-Plantagen, Maisfeldern und streckenweise mit kleinen Kiefernwäldern ab. Ein Ein­druck von Monotonie, der von der akustischen Dauerberieselung durch drittklassiger Popmusik noch verstärkt wird. Nur die sporadisch am Straßenrand auftauchenden bunten Onkel-Tom-Häus­chen, die wie auf einem Spieltisch hingeworfene kleine Würfel aussehen und vor denen Kinder herumtollen und über freilaufende Hühner stolpern, erinnern daran, dass wir im äußersten Nord­westen Argentiniens unterwegs sind. Die rotbraune Erde der Bankette und der kahlen Stellen der Landschaft ist fast das Markenzeichen dieser Region. Während Autos mit grellen eingeschalteten Lichtern vereinzelt an uns vorbeiflutschen, geht die Sonne sanft leuchtend und in kurzer Zeit im Westen unter.
Nach etwa zwei Stunden Fahrt durch diese weitläufige, landschaftlich fast eigenschaftslose Land­schaft erreichen wir die Municipalidad Apóstoles, ein schmuckes Städtchen, in der das allge­gen­wär­tige Rotbraun von Straßenrand, offenem Boden und staubigen Nischen mit dem Grün der Pal­men, der Platanen und der restlichen exotischen Flora einen bizarren Kontrast bildet. Eine Zwei­far­ben­welt in Rot und Grün, die nur von den Pastellfarben mancher Häuser aufgemuntert wird. Dazu kleine Gärten, Menschen, die vor ihrem Haus sitzen und plaudern, kaum Verkehr. Junge Mädchen flanieren fröhlich und schnatternd in Grüppchen entlang der Hauptstraße. Was für mich das Ende der Welt ist, ist für sie deren absolute Mittelpunkt. Eine Provinzidylle in der milden Abendluft, sau­ber, voller Leben aber wohl geordnet, so dass man fast denken könnte, ein Schweizer habe hier die Hand im Spiel gehabt.
22 Uhr 15
Als der Bus spätabends irgendwo in der Provinz an einem "Terminal" anhält und ich das Knurren meines Magens nicht mehr überhören kann, frage ich den Fahrer, ob wir die Zeit hätten, ein Sand­wich zu kaufen. "No necesita" (das brauchen Sie nicht), antwortet er, "nosotros le damos la cena" (sie bekommen das Essen von uns). Diese Überland­bus­fahr­ten weisen immer mehr Ähnlichkeiten mit Flügen auf. Man steigt über einer "porta" (Neudeutsch: "Gate") ein, es gibt freie Getränke, und an der Decke angebrachte Bildschirme berieseln die Pas­sa­giere mit gewünschtem und unge­wünsch­tem Zeitvertreib. Zu den Essenszeiten kommt ein "Stewart" (d.h. einer der beiden Fahrer) durch die Gänge und verteilt Tabletts mit dem Essen. Aber auch im Bus, wie immer in Argentinien, wird zu später Zeit gegessen. Ich hätte es wissen sollen!