Argentinien 2008
Reisebericht von Bernd Zillich
   
 
                   
   
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Eva Peron
 
Evita Peron
   
 
Santa Evita
 
Santa Evita
von Tomás Eloy Martinez

   
 
Argentinien
 
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Montag, 10. November
Salta
Als der Flieger in Salta ankommt, ist es bereits spät am Abend. Taxis (bzw. Remises) kann man an ei­nem Schalter in der Ankunftshalle bestellen. „Prevengase de delitos, utilice remises ofi­ciales“ (Beu­gen Sie Verbrechen vor! Benutzen Sie offizielle Remises), ist dort in Riesenlettern zu lesen.
Es regnet. Während mich das Remise vom Flughafen ins Hotel bringt, schlittert meine Laune in den Keller. Ich kann zu dieser späten Zeit nur die Lichter der Stadt sehen und gerade eine Ahnung von dem bekommen, was sich darunter verbirgt. Und das schaut nach einer heruntergekommen, hässlichen Stadt aus. Mein übers Internet gefundenes und per Telefon reserviertes Hotel „Refugio del Inca“ entpuppt sich als eine beschei­de­ne, wenn auch saubere Bleibe.
Dienstag, 11. November
Salta

Eine bakterielle Enteritis schafft es zwar nicht, mich völlig lahm zu legen, sie bestimmt aber das Tempo meiner Aktivitäten. Gut, dass ich reichlich mit Reiselektüre versorgt bin. Mein Eindruck von gestern Abend bestätigt sich. Trotz seiner 460.000 Einwohner wirkt Salta auf mich wie ein kleines, unbedeutendes Provinzstädtchen, dessen Charme – die Reisehandbücher schwärmen von ihrer alten spanischen Kolonialarchitektur – sich mir zunächst verbirgt. "Salta la Linda“ (Salta, die Schö­ne) wird sie genannt. Sie liegt auf einer Höhe von 1187 Metern über dem Meeresspiegel in einem sehr weiten Tal und ist von Bergen um­ge­ben. Der Mittelpunkt der Stadt ist die Plaza 9 de Julio, und es ist hier und in der unmittelbaren Um­gebung, wo sich noch einige – aber nicht allzu viele – bau­liche Zeugnisse der Kolonialzeit finden, wie die neo­barocke Kathedrale (1858), das 1626 entstan­dene cabildo (Rathaus) und die rotgoldene Ba­rock­kirche San Francisco, die zum Wahrzeichen Saltas geworden ist.

Vor allem der Hauptplatz hat es mir mit seinem kleinen Park, seinen Arkaden und den breiten be­flies­ten Bürgersteigen angetan. Ich verbringe die meiste Zeit im Café. Bei einem cafesito oder
– mittags – bei empanadas lässt sich gemütlich „La Nacion“ oder den Reiseführer lesen, Menschen beo­bach­ten und weitere Reisepläne schmieden. Ich nutze auch die Gelegenheit, um etwas Shop­ping zu be­trei­ben. Besonders schön sind hier die Silberwaren und der Schmuck mit dem argen­ti­nischen Na­tio­nal­stein, dem rosafarbenen Rhodochrosit.
Mittwoch, 12. November
Cerro San Bernardo, Salta
Ich fühle mich ausgelaugt, schlapp und lustlos. Auf dieser Aussichtsplattform, mit dem Panorama der dreihundert Meter tiefer gelegenen Stadt Salta vor mir und einem kleinen, sehr gepflegten und von wunder­ba­ren lila blühenden Jacarandas und zartblättrigen Yopo-Bäumen (Anadenanthera pe­re­grina) gezierten Park im Rücken, fühle ich mich wir der dümmste aller Tou­risten. Ame­ri­ka­nisches Englisch sowie Deutsch und Französisch sind die Sprachen, die den Raum um mich he­rum füllen. Eine düstere, bleierne Wolkendecke über dem Tal lässt jeden Augen­blick den er­sten Re­gen­guss erwarten. Aber noch ist die Luft lau, noch kann ich diese fast un­wirk­liche Atmos­phäre ge­nie­ßen, die mich einerseits weit, weit weg fühlen lässt, und andrerseits durch die touristische Ge­zähmtheit dieses Cafés anheimelnd wirkt.
Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. Trotz der zahlreichen Schuhputzer, die unten in der Stadt alle paar Minuten ihren Dienst anbieten, der Menschen, die bis auf wenige Ausnahmen das Erbe amerikanischer Indianer in ihren Zügen tragen, trotz der Armut, die man an ganz vielen De­tails erkennt, trotz der Sympathie weckenden Gruppen von Schülern in Schuluniform und der wun­der­ba­ren, wenn auch nur in vereinzelten Resten erkennbaren kolonialen Architektur, hat mir diese Stadt bisher keinen einzigen Augenblick das prickelndes Gefühl verschafft, das ich mit dem Wort „Exotik“ assoziiere. Argentinien ist letztlich ein sehr stark westlich geprägtes Land mit den unüber­seh­baren Zügen einer Konsum­ge­sellschaft. Mädchen tippen auf ihren Handys herum, Halb­wüch­si­ge unterscheiden sich in ihrer Kleidung kaum von europäischen Gleichaltrigen, Jugendliche ver­su­chen mit der Lautstärke ihrer Motorräder die Langeweile zu überwinden. Auch hier hat das Auto die Vor­herrschaft in der Stadt längst übernommen.
Donnerstag, 13. November
Santa Evita
Während ich in einer Bar auf der Plaza 9 de Julio ein kühles Bier genieße und dazu köstliche em­pa­nadas de carne (mit Rindfleischfüllung), oder de jamón y queso (mit Schinken und Käse) verzehre, folge ich fasziniert der Erzählung von Tomas Eloy Martinez, der in seinem Bestseller „Santa Evita“ die Odyssee von Evita Perons Leichnam schildert. Bereits zu ihrer Lebzeit hatte Eva Peron die leb­haftesten Vorstellungen auf sich gezogen. Was sich aber nach ihrem Tod abspielte, sprengte jedes Maß: Ihr Körper wurde einbalsamiert, versteckt, gejagt und quer durch die Welt geschickt.
Eva Duarte de Perón, dieses Aschenputtel, das zur Königin wurde, war schon zu Lebzeiten zu ei­nem gefeierten Mythos und zum Mit­telpunkt eines unglaublichen Personenkults geworden. Auch heute noch ist Evita in Argentinien eine Legende. Sie gilt für einen großen Teil ihrer Landsleute, Männer wie Frauen, immer noch als die große Wohltäterin der Nation.
Als Evita Peron 1952 an Krebs starb, wurde ihr Leichnam zu einer politischen Waffe. Er erlangte eine größere Bedeutung, als es Evita während ihres Lebens je gehabt hatte. Juan Peron wusste von der Beliebtheit seiner schönen Frau bei den Armen. Mit ihrer Einbal­sa­mie­rung hoffte er, die Erinnerung an sie zu verewigen und damit den Peronismus auch für die Zukunft zu stärken.
Drei Jahre lang arbeitete der bekannte spanische Pathologe Pedro Ara, um sie zu zu präparieren,  mit großer Sorgfalt ging er an die Einbal­sa­mie­rung. „Er war ihr verfallen“, schrieb Eloy Marti­nez. „Er hätte ewig an ihr arbeiten wol­len."  Ara kam (laut Eloy Martinez) auf die Idee, drei täuschend echte Wachskopien der Leiche anzu­fer­ti­gen.
Die echte Leiche wurde zunächst im Gebäude des pero­nis­ti­schen Gewerkschaftsbundes CGT auf­ge­bahrt. Die Militärs, die Juan Domingo Peron 1955 gestürzt hatten, fürchteten sich sehr vor der Aus­strah­lung, die Evita auch als Tote noch hatte, und besonders davor, dass sich das Volk ihres Leichnams bemächtigen und es in Demonstrationszügen durch die Stadt tragen könnte. Den Leich­nam zu ver­nich­ten, das trauten sie sich nicht, sie be­mächtigten sich nur der Toten und verwahrten sie bis zur Entscheidung über ihr endgültiges Schick­sal an einem vermeintlich sicheren Ort. Als dieser den Machthabern zu unsicher wurde, karrten sie die Mumie ta­gelang in einem Lastwagen kreuz und quer durch Buenos Aires, um ihre Spuren zu ver­wischen.

Aber wo immer der Leichnam auch hin­gebracht wurde, es tauchten dort nach kurzer Zeit Blumen und Ker­zen auf. Mehrmals wurde der be­auf­tragte Oberst von anonymen Briefen bedroht. Er solle sich kei­nesfalls allzusehr Evita nähern. Kurz darauf ließen die Militärs den Leichnam verschwinden und es be­gann die absurde, makabre Odys­see von Evitas Särge durch ver­schiedene Länder der Welt, unter anderen Bayern. Jahrelang gingen die verschie­den­sten Ge­rüch­te über Verbleib des „Ori­ginals“ durch die Weltpresse.
Nach vielen Jahren stellte sich heraus, dass die echte Evita unter dem Namen Maria Maggi de Ma­gistris auf einem Friedhof in Mailand ruhte. Im September 1971 wurde sie heim­lich nach Madrid gebracht, in das Haus, in dem General Perón im Exil lebte. Aber erst 1974, nach dem Tod Peróns, der 1973 nach Argen­ti­nien zu­rück­gekehrt und zum zweiten Mal Präsident geworden war, ließ seine Witwe Isabel Evitas Leichnam nach Bue­nos Aires holen und in der Präsidentschaftsresidenz Olivos bestatten. Und erst 1976, 24 Jahre nach ihrem Tod und zwei Jah­re nach dem Tod ihres Gatten, fand Evita ihre letzte Ruhestätte: Weil die Militärs, die durch einen Putsch ge­gen Perons Witwe an die Macht gekommen waren, fürchteten, dass sich linksperonistische Guerrilleros der Toten be­mäch­tigen könnten, ließen sie Evita auf dem Pro­minenten-Friedhof La Reco­leta in Buenos Aires endgültig beisetzen.
Noch heute suchen jeden Tag Verehrer das Grab auf, legen Blumen und Heili­gen­bildchen für die Angebetete nieder. In vielen Häusern weitab von den vornehmen Vierteln Buenos Aires' kann man neben dem Jesusbild auch heute noch ein Foto der Volksheiligen Evita auffinden.
Armut
Zum wiederholten Mal schleppt sich ein Gehbehinderter durch die Tischreihen, völlig ignoriert von seinen Landsleuten und von den fetten, salopp angezogenen Touristen. Steckte ich ihm nicht ei­nige Pesos in die Hemdtasche, würde mich das Ge­wis­sen plagen. Kurz darauf geht eine armselig ge­klei­dete junge Frau schüchtern von Tisch zu Tisch und zeigt den Gästen einen Stapel Wahrsagekarten, von denen man sich eine vom eigenen Stern­zei­chen aussuchen kann. „Diez Centavos“, flüstert sie, dass man es kaum hören kann – zweieinhalb Eu­ro-Cent für die Zu­kunfts­vor­aus­sage, von einer, die selbst gar keine Zu­kunft hat. Etwas später ist ein kleines Mädchen an der Reihe, die mir billigen Schmuck ver­kaufen möch­te. Ich habe sie bereits heute Morgen von Café zu Café gehen sehen. Kaum zu vermuten, dass sie viel verkaufe. Am Nach­bar­tisch haben die Gäste beim Weggehen Reste eines Sandwichs liegen lassen. Norma­ler­wei­se sind es die Tauben, die sich mit großer Frechheit an die Speisereste machen. Diesmal ist es aber die klei­ne Schmuck­ver­käu­ferin, die sich dieser annimmt und in eine Plastiktüte einpackt. Täusche ich mich, oder ich sehe ein Leuchten in ihren Augen? Täusche ich mich, oder ich spüre eine Träne in meinen Augen?

Es sind Menschen wie diese, die vor über sechzig Jahren die große Anhängerschaft von Evita bil­de­ten. In diesem Zeitraum hat es keine der Militärjuntas oder der mehr oder wenig demokratisch ge­wähl­ten Regierungen geschafft, ihre Armut zu bekämpfen. Der Mythos von Evita bleibt, und sei es in Form eines Musicals, der derzeit in einem Theater Buenos Aires' läuft. Menschen stehen Schlan­ge, um Eintrittskarten zu ergattern.

Freitag, 14, November
Menschen in Salta

Zwei Pesos und 57 Centavos (etwa 65 Euro-Cents) für eine Fahrt von etwa eineinhalb Kilometern. Kann ein Taxifahrer davon leben? Der Fahrer, der mich vom Bus-Terminal zurück ins Hotel fährt, rundet San Franciscoden Taxameterbetrag so­gar von 4,43 auf 4 Pesos ab. Klar, dass ich das nicht zulassen kann! Etwa 45 Pesos verdiene er pro Tag, meint er. Kann man davon eine Familie ernähren?
Der untersetzte Indio mit vor Haargel glänzenden schwar­zen Haa­ren spaziert ins Restaurant, geht von Tisch zu Tisch und bietet den Gästen kleine Plastikbeutel mit Coca-Blättern zum Verkauf an. Sie seien „buenos por el estomago“ (gut für den Ma­gen), meint er. 
Als ich am kleinen Café am Hauptplatz vorbeigehe, strahlt mich die junge Kellnerin schon von der Ferne an. Ob ich denn nicht auf ein cafesito kommen möchte? Wie gerne! Aber es kann ja sicher auch etwas anderes sein, habe ich mich doch an diesem verregneten Nachmittag bereits seit Stunden von einem Cafe zum anderen ge­schleppt. Dabei redet es so gerne mit mir, das junge Mädchen, das einen Freund im bayerischen Unterhaching hat. Noch heute habe sie mit ihm te­lefoniert! Bald wolle er sie wieder besuchen kommen. Im August sei sie selbst zu Besuch in München gewe­sen. Aber was für eine Kälte sei dort gewesen!

Samstag, 15. November
La Virgen del Cerro
Seit vielen Jahren – so wird behauptet – erscheint einer einfachen Hausfrau und Mutter von drei Kindern aus Salta die Heilige Jungfrau Maria. Maria Livia Galeano de Obeid, inzwischen 59-jährig, erzählte, dass ihr dies zum ersten Mal im Jahr 1990 geschehen sei. Sie habe die Muttergottes, die ihr wie ein wunderschönes, von einem strahlenden Glorienschein umgebenes, etwa 14-jäh­riges Mädchen erschien, sowohl gesehen als auch gehört. Seit damals hätten die Dialoge mit der Jungfrau in regelmäßigen Ab­ständen immer wieder stattgefunden.
Im gleichen Tempo wie die Berichte über erfolgte Wunder und Wunderheilungen, nahm in den folgenden Jahren auch die Anzahl der Anhänger von Maria Livia rasant zu. Allerdings auch die An­zahl der Zweifler. Glücklicherweise hatte Maria Livia zum Zeit­punkt der ersten Erscheinung die Geistesgegenwart, zur Kamera zu greifen und die Erscheinung zu fotografieren.
In den folgenden Jahren fuhr die Muttergottes weiterhin fort, der Frau zu erscheinen, und ihr zahlreiche Botschaften zu über­mit­teln. 1997 gab der Erzbischof von Salta, Moisés Julio Blanchoud, die Erlaubnis, diese Botschaften in einem Buch zu veröffentlichen, das - wen wundert's? - in null Komma nichts zu einem Bestseller wurde. Im Jahr 2000 ersuchte die Jungfrau Maria Livia, eine Wall­fahrtskirche auf einem Hügel in Tres Cerritos errichten zu lassen.
Die Pilgerstätte wurde im Eiltempo errichtet, und seit dem sie Ende 2001 fertiggestellt wurde, emp­fängt Maria Livia die Gläubigen, die Neugierigen und die Verzweifelten in einer herrlich im Grünen liegenden Lichtung auf einer Bergkuppe oberhalb von Salta.
Jeden Samstag kommen ganze Busladungen von Besuchern aus Salta, aus Buenos Aires und aus ganz Argentinien zum „heiligen“ Berg - bis zu 30.000 Pilger können es manchmal sein. Sie kom­men, weil sie diese Frau sehen wollen, weil sie von ihr berührt werden wollen, und weil sie hoffen, dass durch ihre Vermittlung die Jungfrau Maria ihre Gebete erhört.
Vom Busparkplatz bis hinauf zur Wallfahrtskapelle ist noch etwa ein Kilometer zu Fuß zu bewäl­ti­gen. Umgeben von einem ununterbrochenen Strom von Pilgern stapfe ich mühsam in einem lichten Wäldchen den Berg hinauf. Dort erwartet mich bereits das Gebetsgemurmel von Tausenden von Pilgern. Ich bewundere (und liebe) die Choreographie der katholischen Kirche! Wie hypnotisierend wirkt dieses rezi­tierte „Dios te salve María, llena eres de gracia, …", dem Hunderte von Stimmen mit „Santa María madre de Dios, ruega por nosotros pecadores, …“ antworten in nicht enden wol­len­den Wieder­ho­lun­gen. Selbst bei einem Ungläubigen wie mir komm ein Kribbeln in der Seele auf.
Nach Stunden des Rosenkranzbetens und leiser Musik aus den Lautsprechern, warten sie alle auf das Hauptereignis des Tages. Am frühen Nachmittag erscheint dann endlich Maria Livia. Leider konnte ich mich, selbst als fingierter Pressefotograf, nicht genug nach vorne kämpfen, um die Se­gnungen der Heiligen aus aller ersten Nähe zu erleben, geschweige denn zu fotografieren. Denn während der Fürbitte und der Gebete sei es nicht erlaubt zu fotografieren. So erklärt es mir je­den­falls eine vor lauter Frömmigkeit und engelhafter Lieblichkeit einem halben Meter über dem Boden schwebende freiwillige Helferin.
Tango
Tango
Tango
Der Höhepunkt ist gekommen. Die Gläubigen, vielen von ihnen im Rollstuhl, andere mit Klein­kin­dern in den Armen, alle aber mit pochenden Herzen, stehen vor der „Heiligen“ Schlange, um ihren Segen zu Empfangen. Maria Livia berührt jeden Pilger mit Kraft an den Schultern, sieht ihn kurz an, dann schließt sie wie inspiriert die Augen. Ein Moment, und schon ist der nächste dran. Die Meisten de Beglückten weinen leise vor sich hin, andere sinken ohnmächtig zu Boden, während hilfreiche Hände sie auffangen.
Mich irritiert dabei, dass einer der Veran­stal­ter die Handlungen der Heilerin von allergrößter Nähe auf Video aufnimmt. Penetrant und ohne jegliche Scham hält er die Kamera den Kranken, Be­hin­derten und Frommen vor die Nase, um das Auf­le­gen der heilenden Hand und die Ver­zückung der Ge­sich­ter ausreichend und porentief zu dokumentieren. Aufnahmen also doch erlaubt? Nur eine Sache des Copyrights? Dass Presse und Filmteams nicht gerne gesehen werden, ist aller­dings ver­ständ­lich, sehen doch Kritiker hinter dem Phä­nomen „Virgen del Cerro“ nur eine kluge Geschäftsidee. Man denke nur an die Dutzenden von Bussen, die jeden Samstag den „Santuario“ aufsuchen und an die entsprechend ausgebuchten Hotels!
Die „Darstellung“ geht ihrem Ende zu. Wie es zu jeder guten Theaterinszenierung gehört, darf das dramatische Element nicht fehlen. Während Maria Livia ihren Segen erteilt, kommen düstere Wol­ken auf den Berggipfel zu, Gewittergrollen droht aus der Ferne, und ein eisiger Wind, der mir in den verschwitzten Rücken kriecht, lässt mich an das Geschehen auf dem Golgatha denken.