Argentinien 2008
Reisebericht von Bernd Zillich
   
 
                   
   
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Argentinien
 
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  Premium Textil-Leinwand 120 cm x 80 cm quer, Die Seelöweninsel bei Puerto Deseado (Santa Cruz)
 
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Reise der Pinguine
 
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Pinguine
 
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Puerto Deseado
Was für ein Licht! Was für ein Licht! Ich kann diesen Satz gar nicht oft genug wiederholen. Als ich nämlich in Puerto Deseado ankomme, empfängt mich neben der entzückenden Aussicht auf den kleinen Hafen ein Farben-, und Lichtschauspiel, dass mich augenblicklich in einen rauschähnlichen Zustand versetzt. Das dunkle La-Cueva-Bier mit seinem rauchigen Geschmack, das ich gleich im kleinen Restaurant mit Hafenblick zu mir nehme, steigert mein Empfinden sogar noch zu einem wahrhaftigen Glücksgefühl.

Die kleine Stadt verdankt ihren Namen dem Korsar Thomas Cavendish, der sie im Jahr 1586  Port Desire, nach dem Namen seines Schiffes, benannte. Sie lebt hauptsächlich von kommerziellem Fischfang und vom Tourismus, der in den letzten Jahren kräftig zugenommen hat. Puerto Deseado liegt am Rio Deseado, der hier in den Atlantik mündet. Eine Besonderheit dieses Flusses ist, dass er so wenig Wasser führt und dass die Meeresströmung so stark ist, dass das salzhaltige Meer­wasser bis 40 km landeinwärts fließt.

Samstag, 22. November
Wind
Ich wollte den Wind? Heute kann ich mehr davon haben, als mir lieb ist. Denn seinetwegen werde ich auf Pinguine, Albatrosse, Seelöwen und die weitere Fauna dieser Gegend verzichten müssen. Der Rio Deseado gleicht einem Meer in Rage. Die Wellen jagen wie eine Herde wild gewordener Pferde über die Was­seroberfläche, mit Schaumkronen als deren weißen Mähnen. Der vor dem Hotel geparkte rostige alte Chevrolet-Pickup schaukelt bei jedem Windstoß quer zu seiner Achse, als wür­de er mit hohem Tempo über eine holprige Straße fahren. Vom Luftabzug im Bade­zim­mer dringt, unheimlich und bedrohlich, ein Geräusch ins Zimmer, das wie ein raues, rhythmisches Pfeifen klingt.
Sich mit einem Boot, nur der Pinguine wegen, aufs Wasser zu wagen, scheint unter diesen Voraus­setzungen nicht besonders empfehlenswert, eine Meinung, die ich ohne auch nur einen Augenblick zu zö­gern, mit dem jungen Leiter des Exkursionsunternehmen teile, bei dem ich mich erkundigt habe. Wäre dieser stür­mische Wind nicht auch ein Erlebnis für sich, ich könnte meinen, Petrus, der alte Schlawiner, wol­le sich einen Spaß daraus machen, meine Reisepläne zu torpedieren. Was das Fotografieren betrifft, ist ihm das wohl schon mehrmals gelungen.
Ein grauer Samstagnachmittag
Musik als Körperverletzung! Ich kann die grausige Popmusik, die in der Ferro Bar, dem einzigen offenen Laden in der Stadt, aus den Lautsprechern strömt, nur ertragen, weil mich der Hunger da­zu zwingt. Gerne würde ich aber einen Teil meiner empanadas gegen Ohrenstöpseln tauschen! Geisterstädte soll es ja viele geben, doch Puerto Deseado übertrifft sie alle bei weitem. Wenn man von ein paar Passanten absieht, die sich an diesem grauen und windigen Nachmittag nach vorne ge­beugt durch die Straßen kämpfen, herrscht überall Grabesstille. Die Baumkronen, der Staub und der aufgewirbelte Plastik- und Papierabfall sind das Einzige, was sich bewegt. Geschäfte, Bars, Re­s­taurants sind nur noch eine Gelegenheit, sich das spanische Wort "cerrado"(geschlossen) ein­zu­prägen.
Als der Wind etwas nachgelassen zu haben scheint und ich in Richtung Fluss bummle, hat der in­zwi­schen völlig graue Himmel meine Laune zu einen Tiefpunkt gebracht. Die Schaumkronen auf der Wasseroberfläche wirken jetzt etwas zahmer als heute Morgen. Als ich es aber wage, mich auf eine aus Steinen aufgeschüttete Mole zu begeben, merke ich, wie der Wind mit jedem meiner Schritte stärker, böiger und tückischer wird. Ich muss mich breitbeinig, stark nach vorne gebeugt und mit großer Vorsicht bewegen, um nicht umgeworfen zu werden. Einmal reißt mir der Wind fast die Umhängetasche von der Schulter. Trotz allem, oder gerade deswegen, ich liebe den Wind!
Auswanderer
In nicht allzu großer Entfernung vom Ufer übt derweil ein Kajakfahrer die Eskimorolle. Immer wie­der kann man nur noch den Boden des Kajaks auf der Wasseroberfläche sehen, als sei der Mann selbst von den Fluten verschluckt worden. Jedes Mal  taucht er aber wieder auf. Carlos Flügel heißt der sportliche junge Mann und – habe ich ähnliche Worte nicht schon gehört? – sein Großvater ist knapp nach dem ersten Weltkrieg aus Deutschland nach Argentinien ausgewandert. Genauer ge­sagt zog es ihn zuerst nach Kanada, wo es ihm als gläubiger Katholik nicht gelang, sich zu inte­grie­ren, dann über Etappen in New York und Mexiko nach Buenos Aires. Carlos' Vater zog es später nach Bariloche – wie klein ist die Welt! Vielleicht kannte er meine Tante! – und von dort schließlich hierher. Aber was trieb diese Menschen ausgerechnet in diese unwirtliche Gegend? War es das Ergebnis eines Plans, den die argentinische Regierung damals hegte, um das Land zu besiedeln? Bekamen die neuen Bürger Vergünstigungen? Gar Land? Oder verzaubert Patagonien die Men­schen allein mit seinem Wesen?
Sonntag, 23 November
Die Insel der Pinguine

In München schneit es. Ich sitze mit von der Sonnen gerötetem Gesicht im Restaurant des Hotels Los Acan­tilados (Die Felsenküste) und lasse den heutigen Tag in Gedanken Revue passieren.
Nach der erzwungenen Untätigkeit von gestern war es bis zum Schluss nicht sicher, ob die Tour überhaupt stattfinden würde. Die Insel der Pinguine liegt nämlich im offenen Meer, 21 km von Puerto Deseado entfernt. Bei zu starkem Wellengang wäre die Unternehmung zu riskant. Endlich, spät am Abend, reichte mir das Mädchen an der Rezeption einen Zettel mit einer Tele­fon­nachricht von Ricardo Perez, dem Leiter des Unternehmens "Darwin Expediciones": "Mañana 23./11. excur­sión a la isla Pingüino a las 11.00 hs."

So ging es also los. Außer mir nahmen ein Dutzend weitere Touristen aus allen Herren Ländern an der Tour teil. Geführt wurde sie von Javier, Ricardos Partner, Kajak- und Bootsfahrer, Natur­for­scher und "guia naturalistica" mit jahrzehntelanger Erfahrung als Expeditionsleiter. Ihn begleitete Annick, eine junge Biologin aus der Schweiz, die im Rahmen von verschiedenen Natur­schutz- und Vogelkunde-Projekten Puerto Deseado als temporären Mittelpunkt ihres Lebens auserkoren hat.
Nach dem Anlegen der Schwimmwesten fing das "Abenteuer" an. Das knallgelbe, stabile Schlauch­boot mit Außenbordmotor fuhr zunächst auf dem Rio Deseado hinaus zum offenen Meer, dann ent­lang der Küs­te auf einem strammen Südkurs in Richtung der dem Festland vor­ge­la­ger­ten, unter Natur­schutz gestellten Isla Pingüino.
Bereits die Fahrt war ein spannendes Erlebnis. Sie wirkte auf mich wie eine Synthese aus Rafting und Segeln. Wir fuhren mit hoher Geschwindigkeit über das Meer, das noch ziemlich bewegt war, so dass das Boot sich immer wieder aufbäumte und nicht selten der Längsachse entlang schau­kel­te, wenn wir über eine Welle fuhren. Je nachdem, wie man die Welle erwischte, gab es mehr oder weniger heftige Klatscher, die sich als gut spürbare Stöße auf den Hintern bemerkbar machten. Das Auf und Ab gab mir ein klein wenig das Gefühl, Achterbahn zu fahren. Und immer wieder sorg­ten eisige Was­serspritzer für Aufregung und Spaß.
Da die Insel, im Gegensatz zum Naturreservat der Halbinsel Valdés, das seit 1999 auf der Welt­er­beliste der UNESCO steht und deshalb auf dem Programm von  jeder organisierten Ar­gen­ti­nien­reise steht, weniger bekannt ist, hat der Tourismus hier noch bescheidene Ausmaße. Es gibt auf dem etwa 3 km2 klei­nen Eiland kaum mehr als ein paar hun­dert Besucher im Monat (in der Saison zwischen Sep­tem­ber und April, wenn bis zu 30.000 Vögel zum Nisten die Insel besuchen). Das beruht auch auf der Ge­ge­benheit, dass die Besuchsmöglichkeiten, durch die exponierte Lage der Insel im offenen Meer sehr stark vom Wetter abhängen. Die Einzäunungen, die mir in Valdés so zugesetzt hatten, feh­len hier völlig. So bekommt man die einmalige Chance, der Tierwelt wahrhaftig auf Tuch­fühlung zu kommen. Früher gab es auf der Insel einen Marinestützpunkt und einen Leuchtturm. Heute ste­hen vom ersteren nur ein paar Ruinen, und der Leuchtturm ist schon längst nicht mehr in Betrieb. Diese Überreste tragen aber dazu bei, der Insel den urromantischen Charakter eines ehe­ma­ligen Seeräubernests zu verleihen.
Was die Insel zu etwas Einzigartigem macht: Sie beherbergt die einzige zugängliche Kolonie von Pengüinos de pennacho amarrillo (Goldschopfpinguinen) der patagonischen Küste. Ihr wissen­schaft­licher Name ist Eudyptes chrysolophus. Das auffälligstes Merkmal dieser kleinen Pinguinen ist ihr orangegelber Schopf auf dem Oberkopf und ihr dunkelrot gefärbter Schnabel. Mit einer durch­schnitt­lichen Körpergröße von etwa 55 cm wirken sehen sie äußerst niedlich aus.
Aber natürlich beschränkt sich die Tierwelt der Insel nicht allein auf diese Art. Man stolpert fast bei jedem zweiten Schritt über Magellan-Pinguine (Spheniscus magellanicus), die sich in dieser Jah­reszeit zu Tausenden auf der Insel befinden. Dass sie, wenn man sich ihnen allzu sehr nähert, den Kopf zur Seite neigen, sagt uns Javier, sei eine Stressreaktion, die besonders bei brütenden Vö­geln zu sehen sei. Das sollte für uns Besucher und speziell für die Fotografen in der Gruppe - aber wer hat denn keine Kamera bei sich? – als Aufforderung gesehen werden, auf Distanz su gehen.
Eine Vogelart, die Subantarktikskua (Catharacta antarctica), auch als Braune Skua bezeichnet, ist eine Vogelart aus der Familie der Raubmöwen, die nicht nur für die Pinguine gefährlich werden kann. Sie erbeuten sowohl deren Eier als auch junge, soeben geschlüpfte Vögel. Zu diesem Zweck fliegen sie Täuschungsmanöver und Scheinangriffe. Einen direkten Angriff wagen sie nicht, denn diese aggressive Art fürchtet sich vor den schwachen Pinguinen, wenn diese in der Überzahl sind. Wenn so ein angriffslustiger Vogel, wie ein Sturzkampfflugzeug angeflogen kommt, da kann es auch für einen Menschen gefährlich werden. Als ich versuchte, einer dieser Skuas im Flug zu foto­grafieren, kam es fast zum Zusammenstoß. Alfred Hitchcock lässt grüßen!
Apropos Pinguine. Nicht nur der Name der Stadt soll auf Cavendish zurückzuführen sein, auch der Na­me der Ordnung, der von "pen-gwyn" kommen soll, was auf Walisisch "weißer Kopf" be­deu­tet. Denn so wurden diese Vögel von den Mannschaften der Piraten Drake und Cavendish genannt, die mehr­heitlich Wali­sisch sprachen.
Nach dem wir uns sehr lange auf den Felsen aufhielten, um die Gold­schopf­pinguinen zu beo­bach­ten – was für herrliches Gefühl, nicht im Lauftempo von "Sehens­wür­dig­keit" zu "Sehenswürdigkeit" gejagt zu werden –, führten uns Annick und Javier an eine Stel­le, wo einige "lobos marinos" (See­lö­wen) zu sehen waren. Diesmal durften wir uns aber nur sehr vorsichtig den Tieren nähern, denn sie sind sehr ängstlich, und wenn sie auf­ge­schreckt werden, ver­lassen sie mit einer Ge­schwin­dig­keit, die man ihnen kaum zutrauen würde, flucht­artig das Festland in Richtung Meer. Wir versteckten uns daher hinter eine Reihe nie­driger Felsen in eini­gen Meter Ab­stand von ihnen und strecken ab und zu unsere Köpfe in die Hö­he,um die Tiere zu beobachten. Es handelt sich um Mähnen­rob­ben, (Otaria fla­ve­scens), auch Südamerika­ni­sche Seelöwen ge­nannt. Es gelang mir nicht, un­ter ihnen Exem­pla­re von See-Ele­fan­ten (Miroun­ga), der größten Robben der Welt, auszu­ma­chen, die hier auch zu Hause sein sollen.
Die Rückfahrt war nicht minder spannend und abenteuerlich als die Hinfahrt. Der Seegang hatte sich verstärkt und es schien mir, als würde das Schlauchboot mit größerer Geschwindigkeit über die Wellen des Atlantiks rasen als am Vormittag. Manchmal bäumte sich das Boot derart auf oder schwankte so stark, dass mir fast Angst und Bange wurde. Aber ich vertraute natürlich völlig auf  die "Fahrkünste" von Javier.  Gut jedenfalls, dass wir die Schwimmwesten anhatten.
Auch das Schauerlebnis ließ nicht nach. Anfangs sahen wir riesige Albatrosse, die sich weit oben wie unbewegliche schwarze Kreuze oder ferne Segelflugzeuge scharf gegen den Himmel abzeich­neten, und Kormorane, die in langen Reihen flogen. Später begleiteten uns schwarz-weiße Del­phine, die unentwegt neben dem Boot schwammen, immer wieder unter das Kiel abtauchten, um dann wieder auf der anderen Seite mit einem Sprung aufzutauchen. Man hätte meinen können, sie wollten mit uns spielen.