Argentinien 2008
Reisebericht von Bernd Zillich
   
 
                   
   
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In Patagonien
 
In Patagonien
von Bruce Chatwin

 
 
 
 
 
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Freitag, 28. November
Casa de Té "Nain Maggie", Trevelin
"Was mache ich hier?", so lautet der Titel eines Romans von Bruce Chatwin. Ein überaus pas­sen­der Satz – so scheint es mir – für meine Situation. Sanfte Harfenmusik füllt den Gastraum dieses wali­si­schen Tee­hau­ses. Die Atmosphäre ist gediegen, durchaus "britisch", der traditionelle Té Galés, eine äußerst reich­haltige Teetafel mit einem halben Dutzend verschiedener Gebäcksorten, wartet nur darauf, sich meines Magens zu bemächtigen. Tatsächlich schmeckt alles hervorragend! Javier, der junge Chef war sehr zuvorkommend, die ver­schiedenen Kuchen hat er mir, dem ein­zi­gen Gast, einzeln und mit detaillierten Beschreibungen vorgestellt, als seien sie alte Freunde. Die meisten wurden nach alten walisischen Rezepten gebacken und heben sich angenehm von ihren argen­ti­ni­schen Pen­dants ab, die nicht selten durch übermäßige Süße charakterisiert sind.

Javiers Großeltern seien noch echte Waliser gewesen, wie auch Margarita Freeman, die Gründerin dieses Casa de Té, nach der das Teehaus genannt wurde. Sie starb 1981 im Alter von 103 Jahren.

Die Ahnen der Waliser in der Provinz Chubut landeten 1865  mit dem Zweimaster "Mimosa" in der Nähe des heutigen Puerto Madryn und besiedelten in der Folge das untere Tal des Rio Chubut, das ihnen die argentinische Regierung zur Verfügung gestellt hatte. Sie kamen aus den Stein­kohle­zen­tren von Wales, wo ihre Sprache und ihr Streben nach Unabhängigkeit von England un­ter­drückt wurden und sie von den Fabrikeignern ausgebeutet wurden. In den Jahren 1874 und 1875 folgte eine weitere Einwanderungswelle. Schließlich bewohnten die Waliser das gesamte untere Chubut- Tal und gründeten die Orte Rawson Trelew, Puerto Madryn, Gaiman und Dolavon. Später besie­del­ten sie einen ganzen Korridor vom Atlantik bis in die Anden mit Orten wie Esquel und Trevelin.
Walisische Vereine und Schulen versuchen zwar, die Erinnerung an die alte Heimat am Leben zu erhalten, aber die inzwischen stark vermischte "walisische" Bevölkerung ist weit davon entfernt, eine eigene, von der des Gastlands getrennte kulturelle Identität zu besitzen,  wie es bei­spiels­wei­se bei den Südtirolern in Italien ist. Javier, beispielsweise, beherrscht mit Mühe und Not ein paar Brocken der Sprache seiner Ahnen. Die Tradition der Casas de Té Galés (walisischen Teehäuser), die besonders von Touristen gerne frequentiert werden, ist immerhin erhalten geblieben.
So sehr mir die At­mosphäre des Teehauses auch gefällt, es bleibt die Frage im Raum stehen, was ich denn ei­gen­tlich an diesem nicht besonders interessanten Ort zu suchen habe, zumal ich kein Waliser wie Chatwin bin, der auf der Suche nach der eigenen Familiengeschichte war.

Cholila
Von Trevelin könnte ich weiter in den Nationalpark "Los Alerces" fahren. Aber über hundert Kilo­me­ter "camino de ripio" – so wird hier eine nicht asphaltierte Straße genannt – schrecken mich ab. Von solchen "Ripio"-Straßen gibt es zwar gut ausgebaute, die aus festgestampfter Erde und leich­tem Kies bestehen, und auf denen man problemlos mit achtzig Stundenkilometern fahren kann, aber die meisten sind tückische Schotterstraßen, die streckenweise harmlos sind, dann aber plötz­lich zur Rumpel- und Waschbrettpiste mutieren können, mit scharfkantigen, halb aus dem Boden ra­gen­den Steinen, oder losen Steinen, die die Reifen mürbe machen und Ölwanne und weitere emp­findlichen Teile akut gefährden können. Ganz zu schweigen von aus dem Nichts auftauchen­den, badewannegroßen Löchern, die, wenn sie nicht umfahren werden, Auto und Fahrer durch­schüt­teln können wie bei einem Erdbeben. Ständig wird man auf einer solchen Straße von einem gegen den Boden des Fahrzeugs donnernden Geröll und den endlos wehenden Staubfahnen der anderen Verkehrsteilnehmer begleitet.
Obwohl ich bisher nur wenig auf "Ripio"-Strecken gefahren bin – sie sind mir aufgrund von Stra­ßen­arbeiten sogar auf der Hauptverbindung nicht erspart geblieben – beunruhigen mich einige merkwürdige Geräusche meines Gefährts, die ich nicht genau einordnen kann, aber auf irgend ein loses Blech deuten könnten. Nach einem Anruf beim Autovermieter, der die Geräusche auf meine Beschreibung hin auf Steine auf dem Schutzblech zurückführt, bin ich zwar etwas beruhigt, habe aber von Schotter- und Erdstraßen trotzdem die Nase voll. Ich fahre also etwas resigniert nach Norden in Richtung El Maiten.
Die fantastische Bergkulisse baut mich rasch wieder etwas auf. Dann folgt eine Überraschung: Auf der Höhe von Leleque entdecke ich eine Abzweigung von der Ruta 40 in Richtung Cholila, einem kleinen Ort am Rande des Nationalparks Los Alerces. Es sollen nur 39 Kilometer (allerdings "de ripio") sein. Ich brauche nicht lange nachzudenken. Ich kann nicht anders. Schon holpere ich wieder über Stock und Stein. Bei höchstens Tempo Vierzig werden meine Nerven zwar auf eine harte Probe gestellt, aber es ist eine Offenbarung! Ein einsame, großartige Berglandschaft nimmt mich auf! Jedes Mal, wenn ich anhalte (um zu fotografieren) werde ich von einer Stille eingeholt, von einer Weite über­flu­tet und von einer Natur, die mich an den Ursprung der Welt denken lässt, beeindruckt, die mich völlig in ihren Bann ziehen.
Der kleine Flecken Cholila ist unspektakulär, wenn nicht sogar nichtssagend. Er besteht lediglich aus einer breiten und geraden asphaltierten Straße, die angesichts der bescheidenen kleinen Häu­sern mit ungepflegten Gärten, die sie umgeben, völlig überdimensioniert erscheint. Was Cholila seine Einzigartigkeit gibt, dass ist seine Lage in einem flachen, sehr breiten Tal, das an allen Seiten von Bergen umgeben ist. In dieser Jahreszeit steht alles in Blüte. Ausgedehnte weiß, rosa und lila blühende Lupinenfelder und wildwachsende Ginstersträucher am Straßenrand leuchten unter einem blauen Himmel, der dem Landstrich einen fast überirdischen Charakter verleiht.
Hosteria El Trebol
Die Hosteria El Trebol liegt etwa einen Kilometer außerhalb der Stadt. Ein großer, einladender Garten umgibt sie, und der Eindruck, den sie auf mich macht, ist außergewöhnlich positiv. Hier muss ich blei­ben, ist daher mein erster Gedanke. Auf den ersten Blick wirkt das Haus verlassen. Als ich läu­te, rührt sich zu­nächst nichts. Erst nach einer Weile öffnet sich die Haustür und eine zierliche ältere Dame kommt mir lächelnd entgegen. Ein freies Zimmer sei in dieser frühen Jahreszeit kein Pro­blem, sagt sie mir.

Nachdem ich mein Gepäck abgeladen habe, komme ich mit Frau Pellegrini ins Gespräch. Ich denke zunächst – so sehr bin ich von ihrer Ausstrahlung beeindruckt –, sie sei die Chefin des Hauses. Aber nein, die Besitzer seien gerade unterwegs, erklärt sie. Sie selbst sei die Köchin. Als ich kurz darauf erfahre, dass sie eine waschechte porteña ist, ist meine Neugierde schlagartig geweckt. Vielleicht finde ich bei ihr, so argwöhne ich, eine Antwort auf die Frage, die ich mir auf dieser Reise immer wieder gestellt habe: Wie kommt man dazu, eine solche Abgeschiedenheit als zentralen Be­zugspunkt für das eigene Leben zu erkoren? Müsste einen nicht zwangsläufig und wiederholt das Gefühl befallen, etwas Wichtiges zu entbehren? Aber Frau Pellegrini, die aus dem quirligen, chao­ti­schen Buenos Aires hierher gekommen ist, liefert mir eine ganz nüchterne Erklärung. Es sei aus­schließlich die große argentinische Wirtschaftskrise (1998 - 2002) ge­wesen, die sie hierher geführt habe. Damals sei man froh gewesen, überhaupt eine Arbeit zu finden.

Als Frau Pellegrini mir erzählt, dass sie gar nicht in der Hosteria wohne, sondern im nahen Cholila, und dass sie deshalb jeden morgen zu Fuß hierher kommen müsse, bekomme ich – plötzlich – doch noch eine Antwort auf meine Frage. Es reicht ein Satz, und ich verstehe: "La mañana cuan­do ven­go acá tempranito – que silencio!" (Am frühen Morgen, wenn ich hierher komme – was für eine Stil­le!). Ihre Augen strahlen!
Samstag, 29. November
Tero Tero

Wenn man in dieser Ecke Patagoniens auch nur ein klein wenig in der freien Natur unterwegs ist, kommt man nicht drum herum, einen Vogel kennen zu lernen, den man sehr bald – da ist kein Zweifel – als liebenswerte Erscheinung betrachten wird, den Tero Tero, zu Deutsch, den Sporn­kiebitz. Charakteristisches und zugleich namensgebendes Merkmal dieses Vogels ist eine kleine Kralle (Sporn), die sich versteckt in jedem seiner Flügel befindet.

Der Ruf des Spornkiebitz ist kaum zu überhören. Es ist ein schrilles und schnell aufgereiht klin­gendes tschjück tschjück tschjück. Bei Alarm wird daraus ein lautes und raues  krüt krüt krüt, womit er seine Artgenossen vor der Gefahr warnt. Im Garten der Hosteria versuche ich, einen dieser Tero Teros zu fotografieren, was ohne längerer Brennweite nur schwer zu schaffen ist. Kaum komme ich dem Kerlchen näher, schon fängt er an, seine Laute auszustoßen und geht gleichzeitig wieder auf Sicherheitsentfernung.

The Wild Bunch
In der Nähe dieses Cholila ist noch heute jene Blockhütte zu finden, die am Anfang des 20. Jahr­hunderts von den nordamerikanischen Bankräubern Butch Cassidy, Sundance Kid und deren Freun­din Etta Place gebaut und eine gewisse Zeit bewohnt wurde. Unnötig zu sagen, dass ich sie besichtigen muss.
Was für eine Emotion, als ich, in einer Einsamkeit und in einer Stille, die ihresgleichen suchen, vor dieser Blockhütte stehe, mit der großartigen Bergkulisse im Hintergrund. Zwei bei meinem Nähern auffliegende Chimangos (eine kleine Falkenart), ein halbes Dutzend Vögel mit langen, krum­men Schnäbeln, vereinzelte Tero Teros und ein weißes Pferd im Schatten einer uralten Pappel als ein­zige Gesellschaft.
Wie erklärt sich die Faszination von Spuren aus der Vergangen­heit? Sind es die Träume von Aben­teuern, die sie zu wecken vermögen? Ist es die Heraus­for­de­rung, sich geistig in eine andere Zeit und in andere Leben versetzen zu können? Oder sind es die noch gegenwärtigen Zeichen ehe­ma­liger Geschehnisse, die den beruhigenden Eindruck herbeiführen, dass nicht alles vergeht?
Der Mann, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit Paul Newman hat, bittet mich einzutreten. Die Tür knarrt. Es ist ziemlich düster in diesem kleinen Zimmer, meine Augen brauchen eine Weile, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Ein leichter Rauchgeruch füllt den Raum, in dessen Mitte ein kleiner Holztisch und ein paar Stühle stehen, sonst nichts. Von der Decke hängt eine gelöschte Petroleumlampe. Ein weiterer Mann kommt herein, bleibt stehen, schaut in meine Richtung, man sieht das Staunen in seinen Augen. Von draußen dringt das Kreischen eines Tero Teros zu uns. Die Pferde grasen ruhig unten am Fluss.
Ich wundere mich. Eigentlich sehen die Männer völlig anders aus als auf dem Fahndungsfoto. Robert Leroy Parker, auch bekannt als Butch Cassi­dy, hatte ein breites, quadratisches Gesicht mit schmalen Lippen. Harry Longabaugh (gennant the Sundance Kid) hatte ein durchschnittliches, fast biederes Aussehen. Nach einer Reihe von Bank­über­fällen mussten die beiden Männer und die Re­vol­verlady Etta Place 1901 fluchtartig die Ver­einigten Staa­ten verlassen. Kein schlechter Ort für eine Zuflucht, denke ich mir, ist dieses Cholila, das etwas nördlich vom Nationalpark Los Alerces liegt.
Während ich sinniere, verblassen die Ge­sich­ter der beiden Ban­diten langsam in meiner Fantasie und der Raum steht wieder leer, und immer noch dunkel, vor meinen Augen.
In seinem Roman "In Patagonien" beschreibt Bruce Chatwin, wie ihm eine chilenische Indianerin namens Sepúlveda diese Hütte verkaufen wollte. Kurz bevor ich weggehe, steht plötzlich ein ver­schlafen aussehender Mann auf einem Pferd vor mir, und stellt sich als der Aufseher der Hütte vor. Er müsse darauf achten, sagt er, dass nichts von den vielen Besuchern beschädigt oder weg­ge­tragen werde. Er heiße Sepúlveda. Ein Zufall, nach dem mehr als dreißig Jahre nach dem Er­schei­nen von Chatwins Roman vergangen sind? Ein Glück, dass es in der jetzigen Vorsaison noch keine Bus­la­dungen von Touristen gibt, die die Seifenblase meines Träumens abrupt zum Platzen bringen könn­ten!
Zäune
Was mich in Argentinien, und besonders in Patagonien am meisten fasziniert, das sind der über­gro­ße, durch nichts begrenzte Himmel und die unendlichen Weiten seiner meist unbewohnten Land­schaften. Horizonte, von denen man im engen Europa keine Vorstellung hat. Ich assoziiere diese Weite fast automatisch mit dem Begriff "Freiheit", denn, selbst wenn ich in Wirklichkeit nur auf das Gaspedal trete, sehe ich mich in Gedanken auf einem Pferd reiten, durch Landschaften, die aus der Fan­ta­siewelt der Wildwestfilme stammen, als "lonesome cowboy" zuweilen, der am Fluss­ufer sein Lager aufmacht, sich am Lagerfeuer Bohnen mit Speck zubereitet und aus der Blech­kan­ne Kaffee ein­schenkt.
Zwischen mir und dieser Vorstellung stehen ganz hässliche Hindernisse - die Zäune. Sie sind Be­glei­ter jeder Autofahrt und eines jeden Spaziergangs, sofern ein solcher überhaupt möglich ist. Jedes Stück Land gehört jemandem und jede nicht landwirtschaftlich genutzte Fläche dient der Viehzucht, und seien es nur drei Schafe. Kilometerweise trennen diese Zäune den Reisenden von der vorgestellten Freiheit. Sie machen von keinem Seeufer Halt, vor keiner Wiese und vor keinem struppigen Stück Pampa.
Im Schatten der alten Linde
Im Garten der Hosteria El Trebol offenbart sich mir der Traum des europäischen Einwanderers. Ein englischer Rasen, eine riesige Schatten gebende Linde, eine etwas verkümmerte Tanne, viele Ro­sen­stöcke, Geranien auf den Fensterbrettern. Jenseits des Zaunes saftige Wiesen und dichte Rei­hen von Pappeln. Wenn ich die Augen noch weiter wandern lasse, sehe ich einen dicht mit Kiefern bewachsenen Bergrücken. Das Gemeinsame an all diesen Gewächsen ist, dass sie alle­samt nicht in Patagonien hei­misch sind. Sie alle wurden hierher verpflanzt. Nadelbäume gab es in dieser fer­nen Ecke der Welt überhaupt keine.
Millionen und Abermillionen von Douglasien, Kiefern und anderen Koniferen wurden über Jahr­zehn­te hinweg hier hochgezogen. Eine kolossale Aufforstung fand statt, die dem Bodenschutz und der Holzgewinnung dienen sollte. Die Reihen schlanker Pappeln, die so schön im goldenen Herbst­licht zittern, sie sollten als Windschutz für die Siedlungen dienen. Wenn man durch die trock­ene, step­pen­artige Landschaft fährt, sind es immer die Pappelreihen, die bereits aus der Ferne die An­we­senheit einer Estancia ankündigen.
Deutscher Abend
Die Gäste der Hosteria sind ohne Ausnahme aus Deutschland und auf "organisierter" eigener Faust unterwegs. Damit meine ich, dass sie zwar mit einem individuell gemieteten Auto unterwegs sind, ihre verschiedenen Etappen jedoch genauestens im Voraus von einem Reisebüro zusammen­ge­stellt wurden. Für jeden Übernachtungsort sind sie demnach mit einem Voucher ausgestattet, ei­nem Gutschein, der sie zu einer Hotelübernachtung berechtigt. Nur ein asketisch aussehender Mann aus Bayern, der normalerweise in seinem Wohnmobil schläft, macht hier eine Ausnahme. Heute wird er sich auch eine Über­nachtung in der komfortableren Herberge gönnen. Aber es sind nicht nur die Gäste, die hier Deutsch sprechen, auch der Inhaber der Hosteria be­herrscht diese (am heutigen Abend) gemeinsame Sprache. Herr Jäger ist nämlich in der deutschen Kolonie in San Carlos de Bariloche aufgewachsen. Wie klein die Welt doch ist: Es stellt sich he­raus, dass auch er den Bü­cher­laden meiner Tante kannte. 
Weil ich mich seit längerem mit dem Gedanken trage, mich dem Sportangeln zu widmen, frage ich ihn nach diesbezüglichen Möglichkeiten in den hiesigen Gewässern. Er muss es ja wissen, denn das Führen von Anglergruppen gehört zu seinem Hauptgeschäft. Die meisten Gäste kämen aus Nord­amerika, einem Land, von dem wenige wissen, dass seine männlichen Bürger diesen Sport, weit vor Football und Baseball, ihren Lieblingssport nennen. Die Seen und Flüsse Patagoniens sind ein Paradies für Forellen- und Lachsfischer. Diese beiden Arten sid übrigens – hätte es anders sein können? – auch Importe aus Europa!
Der nicht gerade niedrige Preis von 250 US$ pro Tag beinhaltet auch, dass die Gäste eine All­round­betreuung bekommen. Sie werden per Geländewagen und Boot herumgefahren und -geru­dert, in Wurftechnik geschult, mit Lunchpaketen versorgt und bis spät am Abend umsorgt, bis zum allerletzten gemeinsamen Whisky um 22 Uhr. Im Winter hingegen ist Heli­kop­terskiing die Haup­tein­nah­mequelle der Familie. Wenn ich meine ehrliche Meinung dazu sage, wi­der­spricht diese Art des Skilaufens, die in den 1960er Jahren in Kanada durch den Österreicher Hans Gmose eingeführt wurde, meinem Begriff von Sport in der freien Natur. Denn nur Spaß ha­ben, aber dem mühseligen Teil des Aufstiegs aus dem Weg gehen zu wollen, das passt zwar in die hedonistische Konsum- und Spaßgesellschaft unserer Zeit, doch für mich ist Heliskiing für den jüngferlichen Berg wie die Ent­weihung einer Kathedrale.