Argentinien 2008
Reisebericht von Bernd Zillich
   
 
                   
   
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Faszinierendes Patagonien: (Wandkalender 2019)
 
 
 
 
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Sonntag, 30. November
Haus der Erinnerungen

Endlich in Bariloche: Ich fahre den Campichuelo hinauf, biege in die Calle Austria ein, lasse mich die hundert Meter Schotterstraße durchrütteln und schon stehe ich vor dem Haus. Als hätte sie bereits auf mich gewartet, taucht Bea hinter dem Gatter auf, begrüßt mich und bittet mich ein­zu­treten. Schön sieht es im neu eingerichteten Wohnzimmer aus. Ich gestehe, dass es mir besser gefällt, als zur Zeit, als meine Tante noch darin wohnte. Aber was für eine Melancholie in meinem Herzen! Der Garten ist immer noch der alte. Alles blüht in einer Pracht, die Tante große Freude bereitet hätte. Die große Zypresse hinterm Haus, die bei Sturm so gefährlich knarrte, ist gefällt worden. Ein weiterer Baum, der vor sich hinkümmerte, ist ebenfalls entfernt worden und nimmt jetzt dem Haus nicht mehr so viel Licht weg. Sonst ist alles so geblieben, wie es war. Wie schon oft, wenn ich die Orte meiner Familiengeschichte wieder besuche, überfallen mich grüblerische Gedanken über die Vergänglichkeit und über die Zeit, die die Generationen wegfegt. Sogar Flecki, Tantes Katze hat einer süßen schwarz-rot gefleckten Mieze Platz gemacht.

Montag, 1. Dezember
Cerro Campanario

Klick! Klick! Klick-klick-klick. Bitte ein wenig nach rechts! Lächeln! Klick! Mein Gott, nicht so ver­krampft! Klick! Warum dauert es so lange, bis du auslöst, siehst du nicht, was aus meinem Lächeln wird? Klick! Endlich! Inmitten dieser Knipsflut komme ich mir vor wie der einzige Mensch auf der Welt, der vor dieser fantastischen Kulisse nicht fotografiert werden möchte. Bin ich noch zu ret­ten? Ein bekannter Reisejournalist bezeich­nete einst diese Aussicht als eine von dreien auf der Welt, die ihn am meisten beeindruckt hatten. Die confiteria (Konditorei) auf dem Gipfel des Cerro Campanario ist mein liebster Auf­ent­halts­ort, mein Refugium und meine Kraftquelle, wenn ich in Ba­ri­loche verweile. Ich habe diesen Berg, der sich nur dreihundert Meter über den Nahuel-Huapi- See erhebt, bereits bei Sturm und Schnee­trei­ben, bei glasklarem und düster-grauem Wet­ter er­lebt. Einmal blies ein derart starker Wind, dass ich nur noch mit Mühe aufrecht stehen konnte. Auch diesmal kamen mir Tränen der Freude, als ich nach so langer Zeit wieder auf der Aussichts­platt­form stand.

Doch zunächst was für ein Schreck, als ich den Parkplatz vor der Talstation des Sessellifts ge­steckt voll mit Bussen sah. Das Schlimmste an den Reisegruppen ist nicht nur, dass sie einem auf die Füße treten, dass sie laut sind und einem den Tisch im Restaurant wegschnappen, sondern dass sie einem bewusst machen, dass die Burg /der Berg /die Aussicht weder von uns "entdeckt" wur­de, noch "unser" ist. Glücklicherweise entpuppen sich die einzelnen Teilnehmer solcher or­ga­ni­sier­ten Herden dann meistens als liebenswürdige Menschen wie du und ich. Wobei ich mich aber be­züg­lich dieser Aussage nicht festlegen möchte ...
Dienstag, 2. Dezember
Ginster
Müsste ich Patagonien mit wenigen Stichworten beschreiben, wären diese zweifelsohne: Wind, wei­te Landschaften, riesige Entfernungen, stechend klare Luft. Im Frühling könnte ich aber ein an­de­res auffälliges Merkmal hinzufügen: die Farbe Gelb! An den Straßenrändern, auf nicht bebauten Flächen, an den Seeufern und den Berghängen wächst der Ginster (Retama) und blüht in nicht zu überbietendem Gelb. Er soll ein "Mitbringsel" der deutschen Einwanderer aus dem 19. Jh. sein.
Was dem Touristen als phänomenales Naturschauspiel und Verschönerung der Landschaft er­scheint, ist für die Grundstückseigner eine Plage. Denn der eingeschleppte Ginster wächst nicht nur. Er wuchert! Und er überdeckt und verdrängt eine Vielzahl einheimischer Pflanzen. Man hat die größte Not, ihn einzudämmen, dichte Büsche ziehen sich entlang der Straßen bis hoch hinauf in die Berge und verhindern die Beweidung. Aber wen kümmert es? Für mich bleibt er eine Augenweide. Mit dem Auto entlang einer ginstergesäumten Straße zu fahren gehört zu den schönsten Er­leb­nis­sen dieser Reise.
Mittwoch, 3. Dezember
Auf dem Cerro Campanario
Kann man sich an Schönheit derart gewöhnen, dass die Emotion, die man beim ersten Mal spürte, verschwindet? Oder ist es nur das etwas langweilige, "schöne" Wetter, das mich heute irritiert? Vielleicht, nach mehr als sechs Wochen Reisen, eine allgemeine Sättigung meiner Erlebnis­fä­hig­keit? Oder das Fehlen des Faktors "Wind", der Patagoniens Himmel immer eine besondere Note gibt? Zum ersten Mal ertappe ich mich dabei, mir einen Schneesturm zu wünschen, bei dem mir die ei­si­gen Flocken "spürbar" ins Gesicht gepeitscht werden. Das ist es nämlich: Das zahme Wetter, die Schön­heit, die keine Überraschung mehr für mich ist, und nicht zuletzt der Touristenrummel machen aus einer Quelle von Emotionen eine stinknormale Urlaubslandschaft, sie ersetzen das Abenteuer durch das Alltägliche, wie man es an einem See im Salzkammergut genauso erleben könnte. Wie schön, dass mich der Kellner, den ich vor drei Jahren fotografierte, gleich wieder erkennt, und mit "Wieder Mal hier?" freundlich begrüßt!
Holzarchitektur
Es ist auffallend. In dieser Region der patagonischen Anden findet man einen bizarren, rustikalen Architekturstil, der mir in dieser Form von keiner anderen Gegen der Welt bekannt ist. Sein we­sen­tliches Merkmal ist die Naturstammbauweise, nämlich die Nutzung von Baumstämmen in ihrer ursprünglichen unbehauenen, wenn auch geschälten Form.
Es ist kein Zufall, dass sich im Osten der Anden, im argentinischen Patagonien, eine solche Bau­weise entwickelt hat. Die bergige Landschaft mit ihren wasserreichen Flüssen und kristallklaren Seen muss zweifelsohne die Menschen beeinflusst und zu einer Bauweise verleitet haben, die im Einklang mit der Natur ist. Obwohl sich der kulturelle Einfluss Europas auf beide Seiten der An­den ausgewirkt hat, so war es die argentinische Seite, in der sich ein landschaftstypischer Bau­stil ent­wickelt hat, der in hohem Maße rustikal ist und deren Formen nicht selten einen außerordentlich bizarren und pompösen Eindruck machen.
Die historischen Anfänge sind in der markanten, naturnahen Bauweise zu finden, die in den 1940er Jahren von der Nationalparkverwaltung eingeführt wurde. Diese ließ großzügig dimensionierte Ge­bäude errichten, die am Ort vorhandene Baumaterialien wie Steine und Baumstämme nutzten, letztere als geschälte, behauenen Stämme.
Nur wenige Jahrzehnte später fing man an, Bauwerke und Elemente der urbanen Landschaft zu errichten, die sich dem bis dahin gewohnten traditionellen Stil nicht mehr zuordnen ließen. Man begann, zusammen mit den Steinen die Stämme von Zypressen, Coihue (Südbuchen) oder Raulí (Scheinbuchen) zu verwenden, und mit diesen einen ganz besonderen Stil zu entwickeln, bei dem das Material mit all den Unebenheiten seiner Oberfläche, seinen Krümmungen und Unre­gel­mä­ßig­keiten eingesetzt wurde, um die Schönheit der Formen der Natur besser hervorheben zu können.
Die Philosophie, die sich dahinter verbirgt? Manche Menschen sehen nur den Wald. Andere auch die Bäume. Wenn man aber mit der Vorstellungskraft einen Schritt weiter geht, wird man wahr­nehmen können, wie sich die Natur in Skulpturen, Häuser oder Einrichtungsgegenstände ver­wan­deln kann. Demnach wird der Feinsinnige in einem Bett nicht nur das Holz sehen, sondern darin auch den Wald wieder erkennen können, beide Elemente zu einem Kunstwerk verschmolzen.
Donnerstag, 4. Dezember
Notro
Seien es die lilablauen Lupinen, die leuchtenden Ginstersträucher oder die malvenroten Jacaran­dás, blühende Pflanzen können durch ihre Farben Assoziationen zu einem Land oder einer Gegend wecken, die sich manchmal bis zur Symbolkraft verdichten.
Der Calafate-Strauch (Buchsblättrige Berberitze) mit seinen gelben Blütenbüscheln ist das Sym­bol Patagoniens schlechthin. Seine schwarzen kugeligen Früchten sollen ähnlich wirken wie die Mün­zen, die man in den Trevi-Brunnen in Rom wirft: Wer nämlich von diesen Calafate-Beeren esse, der werde unweigerlich zurück nach Patagonien kommen, so eine Legende.
Der Feuerbusch, hier in Patagonien unter dem Namen Notro – den ihm die Mapuche-Indianer ga­ben - bekannt, hat zwar weniger Symbolcharakter, ist aber wegen seinen spektakulären leuchtend roten Blüten sehr beliebt.
Wer im Frühling in Patagonien unterwegs ist, kann ihn eigentlich nicht übersehen, denn er blüht eines sehr intensiven Rots. Er findet sich überall: an der Straßenrändern, in den Gärten, auf den Berg­hän­gen und in den Wäldern. Der wissen­schaft­liche Name des Baumes ist Embothrium cocci­neum. Gewöhnlich wächst er zu einem Bäumchen von etwa vier Meter Höhe, in den kalten Re­gen­wäldern des chilenischen Seengebietes und Pata­goniens kann er aber bis zu fünfzehn Meter hoch werden und einen Umfang von bis zu eineinhalb Metern erreichen. Seine Rinde ist dunkelgrau. Sein hellrosa Holz wird verwendet, um Holzlöffel anzufertigen, Küchengefäße und weitere Kunst­hand­werksgegenstände. Seine Blütezeit ist im Süd­früh­ling, vom Oktober bis Dezember.
Freitag, 5. Dezember
Ruhige Tage in Bariloche

Das kleine Apartment in der etwa sechs Kilometer vom Zentrum entfernten Bungalow-Anlage San Isidro verleitet mich mit seinem Komfort und der herrlichen Aussicht auf den See zum Nichtstun: Schreiben, Lesen, Revue passieren. Nachts, während der Sternenhimmel auf den See herabblickt, kann ich das Rauschen der Wellen bis in mein Schlafzimmer hören.

Ich kann mich nicht entschließen, wieder ein Auto zu mieten, denn mein Respekt für die hiesigen Landstraßen ist ungebrochen und die hohen Kaskobeiträge der Versicherungen schrecken mich nicht weniger ab. Eine gewisse Erlebnismüdigkeit vergrößert diese Unentschlossenheit noch zusätzlich.
Die Tage vergehen im Nu. Tagsüber ist ein kurzer Besuch in Catis Geschäft (Cati war die liebste Freundin meiner verstorbenen Tante) fast schon (wie es Tante früher tat) zur Tradition geworden. Die persönliche Freundschaft, das gemütliche Ambiente des Ladens und die Tatsache, dass ich hier Deutsch sprechen kann, geben meinem Aufenthalt in Bariloche fast schon den Charakter ei­nes Urlaubs in der Heimat. Beim darauf folgenden, unvermeidlichen Besuch im Cafe del Turista fühle ich mich längst als Stammgast.