Argentinien 2008
Reisebericht von Bernd Zillich
   
 
                   
   
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Sonntag, 14. Dezember
Río Manso
Schluss mit den organisierten Touren! Ich will wieder über ein Auto verfügen! Was für ei­ne Über­ra­schung dann, als ich bei einem der hiesigen Vermieter einen VW Gol für nur 27 € pro Tag ange­bo­ten be­komme, und dass die Versicherung mit 180 € bei Teilschäden und 540 € bei Totalschaden auch we­sentlich günstiger ist als bei Hertz. "VW Gol" ist übrigens kein Schreibfehler. So heißt näm­lich ein von Volkswagen in Brasilien für den lateinamerikanischen Markt gebauter Kleinwagen, der seinen Na­men vom spa­ni­schen, bzw. portugiesischen Wort Gol ableitet (Fußballtor).
Kaum spüre ich wieder einen Autositz unterm Hintern, schon packt mich ein prickelndes Gefühl von Freiheit. Als Allererstes zieht es mich wieder dorthin, wo ich beim Ausflug nach Pampa Linda die verwit­ter­ten weißgrauen Baumgerippe gesehen habe. Vom Lago Los Moscos und dem Río Manso ziehen sie sich bis weit hinauf auf die Hänge des Cerro Granítico und geben mit ihrer Anwesenheit der Land­schaft ein geisterhaftes, fast surreales Gesicht.
Und siehe da! Die Strecke "de ripio", die zum Río Manso führt, scheint ihren bedrohlichen Cha­rak­ter für mich verloren zu haben. Es ist, als könnte ich sie endlich auf das rechte Maß zurückstutzen. An manchen Stellen muss ich zwar höllisch aufpassen, insgesamt fühle ich mich aber sicher und kann mir kaum noch vorstellen, dass mir diese Strecke einmal wie ein schlecht ausgebauter, von Schlaglöchern und Querrillen durchsetzter Wanderweg erschien. Dennoch fahre ich, um Achsen und Reifen so weit es geht zu schonen, selten schneller als 40 km/h.

Beim Camping Los Rapidos lasse ich das Auto stehen, schultere meinen Rucksack und marschiere in forschem Tempo die Ruta 81 entlang in Richtung Lago Hess.  Nach einem kurzen Aufstieg er­reicht die Straße den so genannten "balcón de la suegra" (Aussichtspunkt der Schwiegermutter), dessen Namen man sofort versteht, wenn man sich den steilen Hang hinunter zum See "Los Mos­cos" vergegenwärtigt. Der Name dieses Sees wird hingegen von den Stechfliegen (moscos) abge­lei­tet, die im Hochsommer seine Ufer heimsuchen! Von da an zeugen alle Berghänge links von der Straße und hinunter zum See vom großen Waldbrand, der diese Gegend im Februar 1999 heim­such­te und eine Waldfläche von über 5.000 ha zerstörte. Der Brand erfasste die gesamte Wald­flä­che an den Ufern des Río Manso, der Seen Steffen, Mascardi und Roca und erreichte sogar die Aus­läufer des Cerro Catedral. Es soll damals bereits Evakuierungspläne für Teile der Stadt Bari­loche gegeben haben. Der Waldbrand war längst außer Kontrolle geraten und nur der am 26. Fe­bruar einsetzende Regen konnte eine noch größere Katastrophe verhindern.

Zwischen den verwitterten weißgrauen toten Bäumen ist längst grünes Buschwerk gewachsen. Keine Frage, dass mich dieses grün-grau-blaue Gesamtkunstwerk der Natur lockt. Ich stoße in die­se geisterhafte Wildnis vor, ein fast undurchdringliches Dickicht von Retama (die einheimische Gin­sterart mit unscheinbaren weißen Blüten) und anderen Sträuchern, balanciere auf dem Holzgerippe verkohlter Baumleichen, bleibe am toten Geäst hängen, stolpere über unsichtbare überwachsene Erdlöcher und fühle mich – was scheren mich Steckmücken und Dornen – in einen Urzustand der Menschheit zurückversetzt.

Als ich zurück beim Camping bin, empfängt mich dort eine andere Art von Natur. Sie hat den inti­men Charakter eines grünen Paradieses. Und auch hier ist Stille, auch hier fehlt die Anwesen­heit des Menschen. Zwar muss im Hochsommer in dieser Ecke des Nationalparks die Hölle los sein, denn dann kommen sich Fliegenfischer und Kanufahrern in die Quere und spielende Schulklassen füllen die Luft mit ihrem "heiteren" Geschrei. Jetzt aber, jetzt habe ich die riesigen Coihue-Bäume, deren Äste bis tief übers Wasser reichen, den bläulich bis smaragdgrünen Río Manso, das Bam­bus­dickicht, die Hagebuttensträucher und den kühlen Schatten (fast) für mich allein. Nur auf dem ge­genüber liegenden Ufer zieht ein Fliegenfischer mit der Ästhetik eines kunstvollen Wurfes meine Aufmerksamkeit auf sich.
Eine Zeit lang liege ich bewegungslos und mucksmäuschenstill mit dem Rücken auf einem halb im Wasser versunkenen Stamm, so dass ich die bedrohlich-schützende Silhouette eines Baumes ge­gen den Himmel vor Augen habe und nur das leichte Säuseln des Windes in den Blättern wahrneh­me. Völlig auf den Augenblick konzentriert, wie ich bin, scheint sich mein Be­wusstsein auf wun­der­same Weise zu erweitern. Die Zeit ist stehen geblieben.
Montag, 15. Dezember
Wildwestlandschaft
Der Nahuel-Huapi-See ist eingebettet in eine großartige Landschaft mit dichten Wäldern, zahl­rei­chen weiteren Seen und Flüssen und der alles überragenden, schneebedeckten Cordillera der An­den. Die Region erinnert sehr an die ansehnlichsten alpinen Landschaften Europas und wird des­halb auch die "Argentinische Schweiz" genannt. Für mich ist diese Seenlandschaft ein "Salz­kam­mer­gut" in gewaltigerem Maßstab.
Das, was diese Gegend aber zu etwas Einmaligen macht, das sind ihre gewaltigen klimatischen und landschaftlichen Gegensätze. Die bereits erwähnte Gegend um Puerto Blest [] in der Nähe der chilenischen Gren­ze ist eine der regenreichsten und daher grünsten Regionen des Landes. Die jährliche Niederschlagsmenge kann dort, wie bereits erwähnt, 4000 mm erreichen. Aber bereits im 40 km östlich gele­ge­nen Bariloche beträgt die jährliche Niederschlagsmenge nur noch etwa 1000 mm, was etwa dem Wert Österreichs  (mit 1170 mm) entspricht. Weiter im Osten des Nahuel-Huapi-Sees nimmt der Jahresniederschlag weiter rapide ab und es bietet sich dem Besucher ein Landschaftsbild halb­trockener Steppen.
Der Übergang ist fast schlagartig. Fährt man gegen Osten in Richtung Pilcaniyeu, meint man, man käme in einer anderen Welt an. In einer Landschaft, nämlich, die mindestens so weiträumig und so beeindruckend ist, wie die bekannten Westernkulissen Nordamerikas, die von der Leinwand her ganze Generationen von Kinogängern begleitet haben. Über dieser Landschaft ein großer, weiter, stahlblauer Sehnsuchtshimmel!
Pilcaniyeu ist ein kleines Provinzstädtchen, das nur noch mit einem Jahresniederschlag von 250 Mil­limeter gesegnet ist. Seitdem Cati uns vor einigen Jahren mit ihrem Pickup (Geländewagen mit offe­ner Ladefläche) auf abenteuerlicher Fahrt dorthin be­glei­tete, ist dieser Ort fest in mein Ge­dächt­nis eingebrannt als der patagonische Ort schlechthin, ein wundersamer Flecken in der Wüste, ein Symbol für den entferntesten Winkel der Welt.
Die Schotterstraße, die dorthin führt, die Ruta 23, schreckt mich inzwischen nicht mehr so ab. Mit meinem kleinen gemieteten VW Gol will ich diese Landschaft noch einmal in Angriff nehmen, zu­min­dest streckenweise. Unterwegs in dem Gefährt habe ich das Gefühl, als schaukelte ich auf dem Sattel eines Pferdes – geradeaus unterwegs ins Abenteuer. Ich will einfach nur eintauchen in die­sen "Wilden Westen", diese atemberaubende Bilder in mir aufnehmen, das Rütteln und Schütteln des Wagens als Erlebnis verstehen und die Laster, die, riesige Staubfahnen hinter sich her zie­hen­den, mir entgegenkommen, kurzerhand zu einem sich im Galopp nähernden Cowboy-Trupp de­kla­rieren. John Wayne lässt grüßen!

Zwischendurch bleibe ich ein paar Mal stehen, klettere über die allgegenwärtigen Zäune, jage mit der Kamera – ohne Erfolg – einen Carancho, einen an seinem roten Gesicht leicht zu erkennenden Greifvogel [], und klettere einen Hügel hinauf, um die Ferne noch größer werden zu lassen. Bis an den Horizont dehnt sich die hügelige Steppe, dazwischen grasen (zumindest in meiner Fantasie) ein paar Büffel in der endlosen Weite.

Diese Buschsteppe ist durch eine trockene, rötlichbraune Erde charakterisieret, die von kleinen Grasbüscheln und dem gelb-blühenden Neneo–Strauch durchsetzt ist. Dieser sehr dornige, pol­ster­förmige Halbstrauch (Mulinum spinosum) könnte geradezu als Erkennungsmerkmal der pata­go­ni­schen Steppe an den Ausläufern der Anden auserkoren werden.
Diese Landschaft, die so weit und großartig ist wie die einschlägigen Westernhintergründe in Ari­zona, war auch eine der Kulissen für den mehrfach preisgekrönten Film "Die Reisen des jungen Che", der auf den Aufzeichnungen einer Südamerika-Reise der jungen Che Guevara und Alberto Granado basiert. Verfilmt in betörenden Landschaftsbildern und einer emotional packenden Insze­nierung sieht man darin, wie sich die beiden Männer per Motorrad durch Staub und Lehm kreuz und quer durch Südamerika kämpfen.
Meine Fahrt ist zwar nicht ganz so abenteuerlich, aber man hat ja schließlich genügend Vor­stel­lungs­kraft! Verstaubt und mit den Schuhen, Socken und Hosen voller Kletten [] fahre ich, wegen der späten Stunde ohne bis nach Pilcaniyeu vorgedrungen zu sein, am späten Nachmittag wieder zurück nach Bariloche.
Dienstag, 16. Dezember
Abstecher nach Chile
Es ist bereits früher Nachmittag, als mich das sonnige Wetter und der von einem kräftigen Wind klargefegte, stechend blaue Himmel auf den Gedanken bringen, einen Abstecher nach Chile zu wagen. Meine Tante fuhr jedes Jahr für ein paar Wochen in ein bekanntes Thermalbad [] im Na­tio­nal­park Puyehue, der gleich nach der chilenischen Grenze beginnt. 160 Kilometer gut aus­ge­bau­ter, asphaltierter Straße, das sollte zu schaffen sein, denke ich mir. Zum Gedenken an Tante und selbst­verständlich auch aus der Neugier, einen Schnipsel des mir noch unbekannten Chile kennen zu lernen. Gedacht, getan. Und schon sitze ich im Auto und fahre die Ruta 237 entlang in Richtung Norden. Nach etwa 25 Kilometern zweige ich links ab, um auf der Ruta 231 parallel zum Nahuel-Huapi-See in Richtung Villa La Angostura zu fahren, links von mir die unvergleichliche Schönheit der Seelandschaft. Am hübschen Touristenort fahre ich aber nur vorbei, um ab Correntoso direkt in Richtung Osten den Cardenal-Samoré-Pass (1314 m) anzusteuern, der ziemlich genau die Gren­ze zwischen Argentinien und Chile darstellt.
Jetzt, plötzlich, wenige Kilometer vor der chilenische Grenze, wecken die fortwährend imposanter werdende Bergkulisse, der pfeifenden Wind, der düster werdende Himmel und die gespenstisch an­mu­tenden flechtenbehangenen Bäume ein Abenteuergefühl in mir, das sich fast zum Rausch steigert. Ich bin innerlich aufgewühlt. An diesem letzten Tag meines Aufenthalts in Pata­go­nien und nach fast zwei Monaten des Reisens ist mir die Begeisterung noch immer nicht abhanden ge­kom­men. Ich würde alle paar Minuten aussteigen, einen Fluss entlang wandern, in die Dunkel­heit des Waldes eintauchen und die Stille und die Unberührtheit dieser Landschaft in mich auf­sau­gen, als könnte ich sie speichern und dann, zurück im heimatlichen München, peu a peu wieder aus mei­nem Inneren hervorholen und genießen.
An der Grenze fängt dann der Stress an. Die Grenzformalitäten ziehen sich eine gute halbe Stunde hin. Weder die argentinischen noch die chilenischen Beamten zeigen auch nur einen Anflug von Höflichkeit. Auf mich, der aus einem Kontinent komme, in dem die Grenzen in großer Anzahl ge­fal­len sind, wirkt das ganze völlig anachronistisch, absurd und – ärgerlich. Denn aus meinem "kur­zen" Ausflug ins Nachbarland ist längst ein Rennen um die Zeit geworden. Ich wäre jetzt bereits zu­frie­den, wenn ich im luxuriösen Ambiente des Thermenhotels einen Kaffee trinken und dann kehrtmachen könnte. Kilometer sind eben Kilometer. Ich fahre und fahre und rechts und links vom mir flutscht nur die einsamste Landschaft vorbei, zunächst noch dicht bewaldet, später dann auf­ge­lock­ert mit größer werden Lichtungen. Mit jedem Höhenmeter hinunter wirkt diese Landschaft "euro­pä­ischer" und somit heimischer auf mich. Und gäbe es nicht dieses klare Spätnachmittags­licht, das alles in eine zauberhafte Atmosphäre taucht, ging es mit meiner Laune so wie mit der Straße, näm­lich bergab!
Ich werde es kurz machen: Im besagten Hotel dürfen nur die Hotelgäste den Restaurantbetrieb nutzen, in der drei Kilometer entfernten Cafeteria schmeckt der Kaffe miserabel, und ich kann von Glück sprechen, dass ich ihn überhaupt bekomme. Denn das Zahlen mit der Kreditkarte geht übli­cherweise erst ab einem höheren Betrag.
Die Rückfahrt bis zur Grenze erfolgt unter einem düsteren, grauen Himmel. Die Grenzformalitäten sind diesmal etwas kürzer (nur 20 Minuten). Erst das fantastische Sieben-Uhr-Abend-Licht am Nahuel-Huapi-See ver­söhnt mich wieder mit der Welt.