Argentinien 2008
Reisebericht von Bernd Zillich
   
 
                   
   
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Montag, 27. Oktober
Sicherheit
Als ich in der noblen Avenida de Mayo Anstalten mache, ein besonders interessantes Gebäude zu fotografieren, werde ich von einem agente de policia federal angesprochen. Ich solle bitte das da­ne­ben stehende Bankgebäude nicht ablichten. Was bedauerlich ist, denn ohne dieses Foto wer­den es meine Komplizen und ich nicht leicht haben, den beabsichtigten Bankraub zu planen. Erstaunlich wie oft ich allein wegen meiner Kamera mit dem Thema "Sicherheit" konfrontiert werde, nicht zu­letzt mit der häufigen, freundlich gemeinten Ansprache mit "cuidado!" (="Vorsicht").

"Die Empörung über das, was man als die unaufhaltsame Ausbreitung der Kriminalität empfindet, und vor allem das Fehlen einer Antwort seitens der Behörden mobilisierte gestern Nachmittag eine große Menschenmenge vor der Gemeindeverwaltung von San Isidro (einem Viertel Buenos Aires'). Dort, in einem Viertel, das große Massenkundgebungen nicht gewohnt ist, versammelten sich, um mehr Sicherheit und strengere Gesetze zu verlangen, mehr als 18.000 Bürger." (La Nacion)

Architektur
Die Stadt, die in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts unkontrolliert gewachsen ist, ist heute eine Mischung von Reminiszenzen aus der kolonialen Vergangenheit, dem Europa der Jahr­hundertwende und Unmengen von Hochhäusern, die nicht nur in der City in den Himmel ragen. Man nannte Buenos Aires einst das "Paris Lateinamerikas", hatte man doch gegen Ende des 19. Jahrhunderts Europa und insbesondere Paris als städtebauliches Vorbild genommen. Hunderte von Stadtpalästen wurden den jeweils neuesten Pariser Stilrichtungen nachgebaut, vom Neo­klassi­zis­mus bis hin zur Art nouveau.

Die Casa Rosada, beispielsweise, das Regierungsgebäude, wurde 1887 im Stil der späten italienischen Renaissance erbaut während die fast zwei Kilometer lange Avenida de Mayo ist eine einzige lange Reihe von repräsentativen Bauten aus der Jahrhun­dert­wen­de. Auf dieser Avenida befindet sich auch das berühmte Café Tortoni, das mit Möbeln aus dem Fin de Siècle ausgestattet ist und zum Besuchermagnet geworden ist. Das 1906 vom italienischen Archi­tek­ten Vittorio Meano gebaute Kongresspalast ist eines der monumentalsten Bauwerke des Eklektizismus in Argentinien.

Unglücklicherweise wurde die Stadt zu einem Anziehungspunkt für die verarmte Landbevölkerung und für Tausende von Einwanderern aus einem verunsichertem Europa. Die Stadt brauchte Wohn­raum. Sie wuchs in die Höhe, ihren nordamerikanischen Vetter nacheifernd. Noch allerdings war der Geist der Architektur nicht erloschen. Wunderbare, fast barocke Gebilde preschten in die Höhe, als seien Zuckerbäcker am Werk. Die Zeiten wurden aber immer nüchterner, immer we­ni­ger bemühte man sich um so etwas wie Stadtplanung und überließ endgültig das Bauen dem freien Spiel der Kräfte. Es wurde abgerissen, historisch Gewachsenes durch Massenhaftes, Billiges, Un­über­leg­tes, Protziges, Nichtssagendes und Voluminöses ersetzt. Die Stadt wurde zur Antithese von Architektur, zum reinen Wildwuchs, zehn- bis fünfzehnstöckige Häuser wuchsen wie Unkraut in den Blumenrabatten einstiger Schönheit. Die einst so anmutende Architektur wurde in wenige Nischen verdrängt, sie verschwand zwischen immer höheren, immer nüchternen Klötzen. Der Größenwahn und die beispiellose Selbstüberschätzung dieses Landes, die sich bis dahin nur in repräsentative öffentliche Bauten und unzählige protzige Denkmäler von Conquistadores, Generälen und Cau­dillos geflossen war, mündete nun in ungezügelte Bauwut.
Werbung

Die Werbung gab schließlich dem Stadtzentrum den Rest. Aus kleinen Schildern und dezenten Aufschriften wurden Aufmerksamkeit heischende Neonreklamen oder großflächige Aushänge, aus bescheidenen Schaufenstern überdimensionale Glasfronten, die die Erdgeschosse architektonisch völlig entmaterialisierten. Gleichzeitig wuchsen, wie Wälder auf den Dächern und Flechten auf den Fassaden, enorme Werbeplakate ins Stadtbild hinein, bis sie mit ihrer Allgegenwärtigkeit jegliche Ästhetik erstickten. Wenn ich daran denke, dass in manchen Städten Italiens sogar die Größe und die Farben der Sonnenschirme in den Straßencafes vorgeschrieben werden, damit das Stadtbild nicht verunstaltet werde, merkt man welche Unkontrollierbarkeit und Kulturlosigkeit der Städtebau in dieser Stadt erreicht hat.

Wie überrascht bin ich deshalb, als ich von den Maßnahmen lese, die die Stadtverwaltung zur Ent­rumpelung des öffentlichen Raumes in Aussicht stellt. Sie zielen nämlich auf die Reduzierung der Außenwerbung. Unter anderem soll die Werbung in den Wartehäuschen des öffentlichen Verkehrs nur auf die Innenstadt beschränkt werden und in den Wohnvierteln, wie auch jede andere Wer­bung, gänzlich verboten. Werbeflächen, die quer zum Bürgersteig angebracht sind, müssen ent­fernt werden. Werbeplakate auf den Dächern sollen auf gewisse Stadtgebiete beschränkt werden. Ich bin jetzt schon neugierig auf meinen nächsten Besuch!

Ombù, mon amour
Es gibt keinen zweiten Baum auf der Welt wie den Ombù (Phytolacca dioica). Dieser Baum ist eigen­tlich, so merkwürdig das einem vorkommen mag, wenn man vor seiner riesigen, eigen­tüm­li­chen Gestalt steht, gar kein Baum, sondern ein Strauch. Als solcher hat er auch keine Jahresringe. Es ist der einzige "Baum", der, dank seinem geringen Bedarf an Wasser, in der Pampa wächst.
Sein wuchtiger, feuerresistente Stamm hat wasserspeichernde Eigenschaften, was aus ihn eine ausgezeichnete Anpassung an die Pampa macht, die häufig von Buschbränden geplagt wird.
Deshalb und wegen seiner zuweilen riesigen schattenliefernden Krone wurde er zum Symbol Ar­gen­tiniens. Der Ombù wächst schnell, kann sehr groß werden und hat tief sitzende, waag­rechte Äste, und sein enormer Umfang zählt oft mehr als fünfzehn Meter. Sein Holz ist schwammig und weich genug, um mit einem Messer durchgeschnitten zu werden.
Was ihn aber zu meinem Lieblingsbaum macht, das sind seine surreal aussehenden dicken Wur­zeln. Diese Wurzeln die sich strahlenförmig vom Stamm aus wie die buckeligen Tentakeln einer Krake ausbreiten, können wie die Rüssel eines Elefanten aussehen (was dem Ombù auch den Namen "Elefantenbaum" gegeben hat), wie der Wachs einer Kerze, der am Boden zerfließt, wie ganze Berglandschaft oder urzeitliche Drachen, Schlangen, Hundeköpfe. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.