Argentinien 2008
Reisebericht von Bernd Zillich
   
 
                   
   
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Die Wasserfälle von Iguazu
Sarmiento, Bosque pietrificado
   
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Chubut
 
Chubut: Im Sattel durch Kordillere und Pampa
 
   
 
  Premium Textil-Leinwand 75 cm x 50 cm quer, Im "Bosque Petrificado" (Versteinerten Wald) von Sarmiento
 
Premium Textil-Leinwand
75 cm x 50 cm quer,
Im Versteinerten Wald)
von Sarmiento

 
 
 
Argentinische Landschaften Wandkalender 2019
 
   
 
 
Patagonien
 
Patagonien
Von Horizont zu Horizont

 
   
 
 
Patagonien
 
Patagonien
 
   
 
 
Chatwin Theroux
 
Wiedersehen mit Patagonien
 
   
   
 
 
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Montag, 24 November
Am Ende der Welt?
Auf der Rückfahrt zieht es mich fast hypnotisch wieder nach Jaramillo. Weshalb das so ist? Viel­leicht, weil dieser kleine Ort weit hinten in Patagonien für mich zu einer Art Symbol für Weltab­ge­schie­denheit geworden ist! Und das, obwohl in der heutigen Zeit, in der Mobilität und Medien die Menschen immer stärker verbinden, dieser Begriff längst seine Absolutheit eingebüßt hat. 
Bei aller Faszination! Mir vorzustellen, dass dieser Ort für irgend jemanden jahraus, jahrein der Mittelpunkt des Lebens ist, fällt mir äußerst schwer. Mir ist zwar bewusst, dass  jeder Ort und  jede Lebensbedingung auf die Dauer ganz zwangsläufig zur Selbstverständlichkeit wer­den, ers­terer zum Mittelpunkt der eigenen Welt. Doch kann man sich auch damit iden­ti­fizieren?
Für mich, dem ein überbevölkerter Teil der Welt immer Aufenthaltsort war und dessen Leben, wenn man einmal vom Urlaub absieht, sich größtenteils zwischen Büro, Kaufhaus und Fernseher abgespielt hat, hat diese Abgeschiedenheit etwas Abschreckendes und Faszinierendes zugleich. Abschreckend, weil mir diese Reizarmut, dieses Sich-beschränken-müssen auf immer die selben Dinge und die selben Menschen als das Ende jeglichen Geistes erscheint. Faszinierend, aber, weil mich das Gedankenspiel, mich in manch "fremdes" Leben hineinzuversetzen, schon immer beflü­gelt hat. Der Grund dafür muss wohl in der quälenden Tatsache liegen, dass es auf der Welt zwar eine unendlich große Palette von völlig andersartigen Lebensumständen gibt und in der Zeit ge­ge­ben hat, ich selbst aber nur  einen einzigen ausprobieren konnte.
Ich muss in diesem Zusammenhang sehr an des Buch "Reisen mit meiner Tante" von Graham Greene denken, das mich seinerzeit sehr fesselte. Es ist die Geschichte eines Bankmanagers im Ruhestand, dessen über Jahrzehnte hinweg gleichgebliebenes Leben nach dem Tod seiner Mutter und der Bekanntschaft mit seiner verrückten Tante sich von Grund auf ändert.
Menschen, die diese Entscheidung treffen, nämlich ein "zweites", völlig andersartiges Leben aus­zuprobieren, ziehen mich besonders stark an, mehr als die, jedenfalls, die in die abweichenden Lebensbedingungen bereits hineingewachsen sind. Die Begeisterung, die Annick, die Schweizer Biologin, für die Natur und für Patagonien empfindet, kann ich ohne Schwierigkeit nachvollziehen. Auch in Javiers Leben kann ich mich hineinversetzen, schließlich ist Puerto Deseado sein Heimat­ort, und ein Leben auf den Wellen und auf den Spuren der Tiere vermittelt einen Hauch von Aben­teuer. Doch wenn ich an Außenseiter wie die Zoologin Diane Fossey denke, die sich der Erfor­schung des Verhaltens sowie dem Schutz der Berggorillas im Kongo widmete, fange ich an, zu zweifeln. Ein halbes Leben im Urwald? Ist das eine Option, die ich verstehen könnte? Kann die Gewöhnung allein die Selbstverständlichkeit herbeiführen, in einem Ort zu bleiben, und sei dieser noch so unwirtlich, so verlassen, so gefährlich, wenn man ihn aus dem Blickwinkel eines mittel­europäischen Grosstädters betrachtet?
Reisen als Dauerzustand
Wer schrieb das? "Die Grenzenlosigkeit der Pampa hindert einen daran, an irgend einem Ort Halt zu machen. Je mehr man reitet, um so mehr weicht der Horizont zurück. Deshalb reitet man wei­ter, um zu erfahren, ob der Horizont aufhört oder sich fortsetzt".
Nur noch 90 Km bis Sar­miento. Der Benzinanzeiger nähert sich dem roten Bereich. Rechts und links saust eine Landschaft an mir vorbei, die außer einer Reihe von Erdöl-Förderpumpen nur triste Ver­las­sen­heit zu bieten hat. Weit und breit ist keine Tankstelle in Sicht. Ich kann nicht leug­nen, dass sich eine leichte Ver­un­si­che­rung bei mir eingeschlichen hat. Aber ist es nicht gerade die per­ma­nen­te, Neugier wecken­de "Ungewissheit", die die Quintessenz des Reisens ausmacht?
Auf Reisen benötige ich immer eine gewisse Eingewöhnungszeit, bis ich jenen Zustand erreicht ha­be, bei dem sich meine Sehnsucht nach einem Frühstück mit frischen Brezeln, nach einem "rich­ti­gen" Wiener Schnitzel oder einem typisch deutschen Regentag aufgelöst hat und aus den Orten, durch die ich reise, ein sich ständig verwandelndes "Zuhause" wird. Nicht immer gelingt dieser Zau­bertrick. Manchmal ist mir die Überwindung des unvermeidlichen Reisekollers – statistisch tritt er bei mir nach drei Wochen auf – schier unmöglich und mein Schwung geht dann verloren. Aber wenn das Wunder stattfindet und ich nur im Hier und Jetzt zu bleiben vermag, dann verlieren Zeit und Heimweh ihre Bedeutung. Dann bin ich – wenn auch nie an einem einzigen Ort – wirklich an­gekommen.
Sarmiento, Salón de Té La Abuela Alicia
Als Francisco Pietrobelli, ein italienischer Unternehmer und Abenteurer, der 1888 nach Argentinien gekommen war und an dem Bau der Eisenbahnstrecke Puerto MadrynTrelew teilgenommen hat­te, nach Projektabschluss weiter in den Süden zog, traf er auf ein Tal, das er als "Valle Ideal" (das ideale Tal) bezeichnete. Ein paar Jahre später kehrte er zusammen mit fünf walisischen und einer litauischen Familie in dieses "ideale" Tal zurück, um sich dort anzusiedeln. Am 21. Juni 1897 unterschrieb schließlich der argentinische Präsident José Evaristo Uriburu ein Dekret, mit dem die inzwischen auf 17 Gemeinschaften aus verschie­de­nen Ländern angewachsene Siedlung als Colonia Pastorial Sarmiento offiziell ge­grün­det wurde. 1902, nach der Niederlage im zwei­ten Burenkrieg erreichten 120 Buren aus Süd­afri­ka die neue Siedlung. Ihre Nachkommen machen auch heute noch einen großen Teil der Bevölkerung aus. Sie sprechen Afrikaans und be­suchen bis heute die niederländisch-reformierte Kirche.
Heute leben die etwa 8000 Einwohner von Sarmiento hauptsächlich von der Landwirtschaft (dem Anbau von Kirschen und Erdbeeren), vom Tourismus und von der Erdölindustrie, dem größten Wirt­schafts­zweig der Region. In früheren Zeiten hatten die Öl-Gesellschaften Zeltlager für ihre Arbeiter eingerichtet, wo diese jeweils an zwanzig aufeinander folgenden Tagen arbeiten mussten, um dann für jeweils fünf Tage zu ihren Familien zurückkehren zu können. Heute fahren die Arbei­ter jeden Tag zu ihrer manchmal bis zu 100 Km entfernten Arbeitsstelle. Die Fahrtzeiten werden ihnen so­gar teilweise auf die Arbeitzeit angerechnet. So jedenfalls erklärt es mir die Inhaberin des kleinen, intimen Salon de Té, wo ich bei einer guten Tasse Tee den Abend verabschiede. Den drei Männern zuzuschauen, die am Nebentisch still und konzentriert ihre Schachpartien spielen, ver­setzt mich bald in einen unerwarteten Zustand des inneren Friedens.
Dienstag, 25 November
Bosque petrificado José Ormachea
Mir ist wirklich nicht zu helfen! Über meine Fahrt zum berühmten versteinerten Wald von Sarmiento lasse ich einzig und allein das Licht entscheiden. Und weil mir der Gedanke an das grelle Mittags­licht, das unausweichlich der Landschaft die Plastizität raubt und ihre Farben dämpft, ein Gräuel ist, mache ich mir reinen Gewissens einen gemütlichen Morgen und verlege die Besichtigung auf den Nachmittag. Wir befinden uns noch außerhalb der Hochsaison, die vom 15. Dezember bis zum 15. März geht. Erst dann wird zwei Mal am Tag ein Colectivo des Verkehrsbüros zum Bosque petrifi­ca­do verkehren, der über eine etwa 30 Kilometer lange Schotterpiste zu erreichen ist. Was für ein Glück! Denn die Perspektive, keinen Ansturm von Besuchern zu finden und selbst bestimmen zu können, wie lange ich bleibe, verschafft mir ein äußerst angenehmes Gefühl.
Erst am frühen Nachmittag verlasse ich also mit meinem "Chevrolet" den Stadtkern von Sar­mien­to, biege an der großen Tankstelle rechts in die Ruta 20 ab und nach weniger als hundert Metern links in die Schotterstraße, die mich ans Ziel führen soll. Ich folge dem "camino de ripio" – so wird hier eine nicht asphaltierte Straße genannt – anfangs mit äußerster Vorsicht, denn die Sorge, mein Gefährt – beispielsweise durch Steinschlag – zu beschädigen, nimmt mir jegliche Gelassen­heit. Aber schließlich fahre ich mich ein. Eine ziemlich einförmige Landschaft zieht an mir vorbei. Rechts und links von der Straße sind nur Zäune, Weiden und Schwemmland mit kleinen Seen zu sehen. Erst kurz vor dem Ziel bekommt die Landschaft den erwarteten bizarren Charakter.
Trotz des platten Lichts besticht die kahle Hügellandschaft des "Waldes" bei Sarmiento durch eine fast überirdische Leichtigkeit und durch die Vielfalt ihrer Formen. Die Einsamkeit, die Weite und die großartigen, fremdartigen Felsformationen gelten für mich als Metapher für unberührte Landschaft. Das Tal, dass sich mir zeigt, wird als "Valle de la Luna" (Mondtal) bezeichnet. Überall verstreut sieht man die versteinerten Stämme und die Splitter von Araukarien, die hier vor mehr als 60 Mil­lionen Jahren lebten, einige an der Oberfläche liegend, andere, wie verwurzelt aus der Erde he­raus­tre­tend, schei­nen sich wie riesige eingeschlagene und abgebrochene Speere in den Unter­grund fest­ge­kral­lt zu haben. Der Anblick hat etwas Unwirkliches, Endzeitmäßiges. Es fällt schwer, zu glauben, dass diese wüs­ten­artige Erosionslandschaft vor Millionen Jahren mit riesigen bis zu 100 Meter hohen Arau­karien be­wachsen war.
Ein versteinerter Wald ist ein fossiler Wald, dessen Bestandteile durch den Prozess der Ver­kie­se­lung (Einbau von Kieselsäure) erhalten bleiben konnten. Damit Holz versteinern kann, darf es zu­nächst nicht verrotten, was nur in einem vor Mikroorganismen geschützten Milieu geschehen kann, in dem die Sauerstoffzufuhr unterbrochen wird. Ein derartiges Milieu entsteht beispielsweise, wenn das Holz in Flüssen, Seen oder auch im Meer abgelagert und schnell mit Sediment bedeckt wird. Auch die Einbettung in vulkanischen Aschen und Tuffen nach einem Vulkanausbruch kann dies bewirken. Die Verkieselung der Hölzer kann nur dort geschehen, wo auch größere Men­gen Kie­sel­säure (SiO2) zur Verfügung stehen. Ein solches Milieu findet sich beispielsweise in vulka­nischen Ablagerungen. Das ist ein Grund dafür, dass viele versteinerte Wälder in Regionen mit früherer vulkanischer Aktivität zu finden sind. Aber auch in den Sedimenten von Flüssen und Seen kann ein Milieu entstehen, das diesen Prozess ermöglicht.
In den folgenden Stunden irre ich wie in einem Traum in der leblosen, eigenwillig geformten Wüs­tenlandschaft umher, ständig versuchend, mir zu vergegenwärtigen, wie diese Formen in Jahr­tau­sen­den, durch die Einwirkung von Erdbeben, Vulkanausbrüchen und den Erosionskräften von Wind und Wasser entstehen konnten. Ich marschiere neugierig zwischen ausgehöhlten Baumstumpfen und trockenem Gestrüpp umher, folge in der staubigen Hitze des Mondtals den Windungen eines ausgetrockneten Baches, stapfe ziellos auf dem gummiweichen Boden runder Lehmhügelkuppen herum, wecke die Aufmerksamkeit eines grauen Fuchses, ignoriere die Mückenstiche, wandere genüsslich zwischen den Zacken bizarrer Felsformationen, zerfurchten Hängen und Steilabbrüchen und lasse die Zeit ihre Wirkung auf mich ausüben.
Der Nachmittag gehört mir. Keine ungeduldige Reisegruppe wartet auf mich, keine innere Unruhe mindert mein Erlebnis. Während das Licht schmeichelnder wird und ein sanfter Wind die Hitze mil­dert, klettere ich auf die kahlen grauen Lehmkuppen, die wie die Wurzeln eines Baumes sich vor den rotbraunen, von Eisenerzen getönten Felswänden ausbreiten. Von dort oben sieht die Weite noch unendlicher aus. Keine Menschenstimme übertönt das Säuseln des Windes.
Vom Licht
Ich bin milde gestimmt. Wie die Luft. Wie das Licht, das wieder einmal zugeschlagen hat und mein Gemüt fest im Griff hält. Ich kann es nicht beschreiben, man muss es sehen: in seiner Klarheit, in seinen Farben, in seiner Intensität. So oft, wie ich es mir bei Antritt der Reise erhofft hatte, gab es dieses verführende, verzaubernde Licht gar nicht. Ich kann zurück an die warme Intimität des letzten Abends in Puerto Iguazu denken, an das Dunkelwerden auf dem Hauptplatz von San Anto­nio de Areco, an den Augenblick meiner Ankunft und an die Explosion der spätnachmittäglichen Farben des zweiten Tages in Puerto Deseado, und jetzt kann ich an diesem Abend in Sarmiento nicht anders, als das Abendessen zu verschieben, nur um in dieses wunderbare Leuchten ein­tauchen zu können.