Argentinien 2008
Reisebericht von Bernd Zillich
   
 
                   
   
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Mittwoch, 5. November
Im Busbahnhof Retiro
Noch Anfang des 20. Jahrhunderts verfügte Argentinien über ein weit verzweigtes Schienennetz. Weil aber in den 1950er Jahre die Priorität auf den Straßenverkehr ge­legt wurde und Bahn­stre­cken in großem Umfang stillgelegt wurden oder vor sich hin verfielen, spielt heute der Personen­trans­port per Eisenbahn kaum noch eine Rolle in diesem Land, außer vielleicht noch im Großraum Bue­nos Aires für die Pendler. Der gesamte Personenfernverkehr über Land hat sich auf moderne, kli­ma­tisierte Reisebusse verlagert. Bahnfernverbindungen gibt es zwar immer noch, aber die Züge fahren viel seltener und benötigen zudem für die gleiche Strecke wesentlich länger als die Über­land­busse. Mit letzteren kann praktisch jeder Punkt des Landes erreicht werden. So sind die Bus­bahnhöfe zu dem geworden, was in Europa die Bahnhöfe sind: neben den Flughäfen die wich­tig­sten Infra­struk­tur­ein­richtungen. Im Busbahnhof Retiro in Buenos Aires gibt es über 70 Abfahrts­plätze, mehr als es in den mir be­kannten Bahnhöfen an Bahnsteige gibt. Ununterbrochen ist das Kommen und Gehen der Busse. Die untere Halle ist Abfahrtshalle und Wartesaal zu­gleich, dort gibt es Geschäfte und Restaurants, die ständig überfüllt sind.

Und da sitze ich nun in einem Café, lese die Zeitung und warte auf die Weiterfahrt. Eine span­nen­de Lektüre! Denn die Schlagzeilen kennen heute nur ein Thema: den Wahlsieg von Barak Obama zum Präsi­denten der Vereinigten Staaten von Amerika.

San Antonio de Areco
San Antonio de Areco, etwa 110 km nördlich von Buenos Aires gelegen, ist ein verschlafenes Städtchen mit einem außerordentlich reizvollen und unge­wöhn­lich gut erhaltenen, architektonisch sehr har­mo­nischen Zentrum, der sich um einen großen qua­dratischen Platz (die Plaza Ruiz de Arellano) an­ord­net. Am Rande des Platzes befindet sich der Dom, die Iglesia Parroquial San Antonio de Padua, eine einfache weiße Kirche mit eindeutigen italienischen Einflüssen. Die Mitte des Platzes wird von einem kleinen, von großen Platanen ein­ge­nommen Park beherrscht, mit ein paar Zypressen, zwei kerzengeraden Palmen und zwei mir un­be­kannten Bäumen mit  farnartig aussehenden Blättern und einer Fülle bizarr geformter, zu Büscheln angeordneter orange leuch­tender Blüten. Keiner der Einheimischen, die ich befragt habe, konnte mir den Namen dieses Baums nennen.
Im Park, direkt vor der Kirche, thront die Statue irgendeines irischen Premierministers, der sich vor langer Zeit hierher verirrt hat. Rund um diese Plaza de Arellano befinden sich karreeartig an­geordnete gerade Straßen und kleine einstöckige, weiß- oder hellgetünchte Häuser, die direkt aus der Kolo­nial­zeit ins Heute gerettet zu sein scheinen, mit flachen Reliefsäulen und -kapitellen und florealen Stuckverzierungen an den Fassaden und gusseisernen Balkonen oder Fensterbrüstungen. Alles in allem macht das Städtchen einen erstaunlich authentischen Eindruck. Ein weiteres Plus ist sei­ne Lage am Ufer eines ruhigen Flusses, des Rio Areco. Das Areal am Flussufer ist eine beliebte Pick­nick-Stelle, die zum Verweilen einlädt.
Nur die Autos, der Kommerz der Läden, die Werbeplakate und die Bekleidung der Passanten las­sen die geträumte Seifenblase "Vergangenheit" platzen. Die Hitze, freilich, löst sich nicht per Sprung in die Realität auf, sie ist überhaupt das Reellste an diesem 36° C warmen Novembertag. Träge schleppe ich mich von Schatten zu Schatten.

Ebenso wenig wie die Hitze kann sich das riesige Steak in Luft auflösen, das ich im Re­s­taurant La Esquina de Merti in Angriff genommen habe. Obwohl es durchaus zart und saftig ist, verlangt seine Bewältigung nicht nur harte Arbeit, sondern auch – dem gesunden Schlaf zu Liebe – einen früh­zei­ti­gen Verzicht. Colin, ein australischer Geologe, mit dem ich ins Gespräch ge­kom­men bin, schmun­zelt. Er wundere sich kaum noch darüber, dass er frühmorgens in Buenos Aires in der U-Bahn fast nur verschlafene Gesichter zu sehen bekomme. Bei den Mengen an Fleisch, die hier zu Lande zu später Stunde verschlungen werden, könne man beim besten Willen nicht früh aufwachen.

Donnerstag, 6. November
Der Kreis schließt sich
Ich bin gerade im Begriff, einen der  beiden exotischen Bäume im Park zu fotografieren, als ich Colin auf mich zukommen sehe. Ich klage ihm mein Leid wegen deren mir immer noch un­be­kann­ten Namen und ernte zunächst einen leicht verblüfften Blick. Dann kommt, wie aus der Pistole ge­schossen, seine Äußerung, dass es sich um Exemplare der Grevillea robusta handle. Dass ich über­rascht bin, ist nur verständlich. Colin ist mit aller Wahrscheinlichkeit der einzige Mensch im ganzen Ort, der das weiß. Aber des Rätsels Lösung ist gleich gefunden. Dieser Name ist nämlich die wissenschaftliche Bezeichnung für die Australische Seideneiche, eine in Colins Heimat weit ver­breitete Art. Das Witzige an der Situation ist auch, dass ich diesen Namen bereits kannte. Es han­delt sich nämlich um einer jener Exoten, die auf den Ländereien der Firma Danzer gepflanzt wer­den. Dort, freilich, erreichen sie bei weitem nicht diese Höhe und diese Pracht.
Trägheit

In der Hitze dieses verschlafenen Nestes – nur einmal im Jahr, am Wochenende der Fiesta de la Tra­dición ist hier wirklich etwas los – steht zwischen 12 und 17 Uhr alles still. Man tut gut, sich selbst daran zu halten. Mit jeder Minute im Sitzen verschwinden ein paar trübe Gedanken und mit jeder Minute im Schatten steigt die Laune weiter an. Nichts tun und Kaffee trinken ist das Zweck­mäßigste.

Und was soll man überhaupt anderes tun? In diesem Städtchen, das ebenso gut irgend­wo im Sü­den Frankreichs oder Spaniens liegen könnte, gibt es für mich nichts Auffälliges außer dem Staub, den Schulkindern mit weißen Kitteln oder dem sporadischen Vorbeifahren von uralten Ford- oder Chevrolet-Pickups. Freilich könnte ich ein wenig ein einem Kunsthandwerk-Laden herum­stö­bern. Aber wer braucht schon mit Silbermünzen besetzte Gürtel, verzierte Langmesser, Steig­bü­gel, Bolas, eine Baskenmütze oder andere Gaucho-Accessoires?

Freitag, 7. November
Tiefen und Höhen

Manche Ereignisse scheinen den Charakter eines Winks von oben zu haben, eine Bedeutung, ge­wis­sermaßen, die man aus ihnen herauslesen kann, wenn man nur mit genügend Nachdruck in sich selbst schaut. Bis vor ein paar Stunden fühlte ich mich nur noch matt und bedrückt, wegen der Hitze und vor allem wegen des Stillstands, in dem ich mich befand. Meine fotografischen Er­war­tun­gen setzten mich nicht wenig unter Druck, so dass, wenn man von einem kühlen Bier ab­sieht, es fast nur ein gelungenes Foto schaffte, mich entspannt und glücklich fühlen zu lassen. Aber dann, als ich im Hotel gerade meine neuesten Bilde auf den Computer speichern wollte, fiel mir plötzlich auf, dass ein Großteil dieser Bilder nur eine sehr geringe Auflösung hatte. Ich muss, ohne es ge­merkt zu haben, an den Kameraeinstellungen etwas geändert haben. Der Schreck war groß, der Ver­druss immens. Ich war nahe dran, alles hinzuschmeißen.

In jenem Augenblick tiefster Betrübnis fiel mir glücklicherweise ein, dass ich meine Nikon so kon­figuriert hatte, dass die Bilder jeweils auch im sogenannten RAW-Format abspeichert werden, wo­mit mir letztendlich die Bilder doch noch in Höchstqualität zur Verfügung standen.
Samstag, 8. November
Fiesta
Zum 69. Mal bereitet sich das ursprünglich gebliebene Pampa-Städtchens auf die alljährliche "Fies­ta de la Tradición" vor, das größte Gaucho-Fest des Landes. Der gesamte Ort und zahlreiche In­te­ressierte aus ganz Argentinien werden zum "Campo de Destrezas" (Ge­schick­lichkeits-/Fer­tig­keits­feld) im "Parque Criollo" strömen, um an diesem "Fest der Tradition" eine Kultur zu bewahren, die immer mehr auszusterben droht. Dieses Fest ist wie eine alljährliche Zeit­rei­se zurück in eine längst vergangene Welt: eine, die viele Argentinier heute nahezu vergessen haben, mit einem großen Umzug, mit waghalsigen Reit- und Rodeoeinlagen, mit Folklore, Tänzen, typischen Speisen und mit all den Gauchos und den Landsleuten, die auf ihre argentinische Wur­zeln stolz sind.
Ein Stolz, der sich im häufig benutzen Wort "criollo" (kreolisch) widerspiegelt, das ein "Individuum, das in Amerika geboren wurde, aber von spanischen Eltern stammt" definiert und  somit Iden­ti­fi­zierung mit dem Amerikanischen bedeutet. Die meisten Argentinier identifizieren mit diesem Wort, als Adjektiv benutzt,  die typischen Tugenden der Menschen ihres Landes. Ein "caballero criollo" glänzt demnach durch ausgezeichnete physische Eigenschaften, aber auch durch Mut, Klugheit, Gastfreundschaft und Zuverlässigkeit.
Im parque criollo
Nach den ersten paar Fotos, die ich knipse, lächeln mir die Männer bereits freundlich zu, kurz darauf wird mir das erste Stück Fleisch zum Kosten gereicht. Als ich weiter fotografiere, wie sie das Feuer schüren, die fetten chorizos (Bratwürste) auf dem Grill wenden und die Glut entfachen, reichen sie mir einen großen Becher Frischgetränks. Und als ich mich schließlich als fotografo de Alemania vorstelle, ist ein choripan (eine Bratwurst in der Semmel) fällig und viel freundliches Lächeln. Klar, dass ich versprechen muss, Fotos zu schicken.
Abends, im Restaurant

Die ganze Stadt ist zur parrilla (zum Grillrestaurant) mutiert. An jeder Ecke riecht es so stark nach gegrilltem Fleisch, dass einem ständig das Wasser im Mund zusammenläuft. Was für ein Paradox: Einerseits muss ich stundenlang vor mich hin hungern – es ist zum Verzweifeln, wie spät in diesem Land zu Abend gegessen wird! – andrerseits sehe ich die Fleischmengen, die dann auf mich zu­kom­men, nicht ganz ohne Bammel. Ein üppiges argentinisches Abendessen mutiert zwangsläufig zum surrealen Erlebnis.

Von Zeit zu Zeit wirbeln heftige Windstöße den feinen Straßenstaub auf, wehen die Ränder der Tischdecken über das Gedeck und pusten mir den Rauch der parrilla, auf der mein Abend­essen brät, direkt in die Augen. Funken fliegen herum. Motorräder, Autos und Reiter pro­menieren auf und ab: Zusammen mit den Lautsprechern sorgen sie dafür, dass diese Avenida am Parque Criollo zur betäubenden Lärmkulisse wird.

Ein nachlässig gekleideter älterer Herr, der aus­sieht, als sei er ein in die Tropen versetzter bri­ti­scher Geheimagent im Ruhestand, sitzt an einem Tisch direkt an der Straße. Ihn erwischt die volle Wucht der Rauchschwaden. Ein Caballero, oder einer, der sich dafür ausgibt, stellt sich mit selbst­sicherer Haltung neben ihn, ein Messer im linken Stiefel, eine Baskenmütze auf dem Kopf, ein Hals­tuch um den Kragen und dem typischen mit vie­len Silbermünzen gezierten breiten Gaucho-Gürtel um den Leib. Was für ein Machogehabe!

Gegen 22 Uhr habe ich es geschafft: mein Teller ist leergefegt! Jetzt bräuchte ich nur noch einen Drei-Stunden-Spaziergang, um die vertilgten Fleischmengen zu verdauen.

Sonntag, 9. November
Die Welt ist klein
Bereits vor ein paar Tagen, im Restaurant Esquina de Merti, waren mir die zwei älteren Paare am Ne­ben­tisch auf­ge­fallen, die sich Caballero in akzentfreiem Deutsch unter­hiel­ten. Heute, während ich mit der Kamera in der Hand zwischen den Hun­derten von Reitern umherirre, die sich für den großen Umzug auf­gestellt haben, treffe ich sie wieder und entschließe mich, sie anzusprechen. Es sind, in der Tat, Deutsche, die seit vielen Jahren in Buenos Aires leben. Als ich ihnen von meiner Tante erzähle, wie sie Mitte der 1950er Jah­re ins Land kam, hier einen Bayern hei­ra­tete und dann einige Jahre später, des Klimas wegen, mit ihm nach Bariloche zog, fragt mich einer der Herren nach dem Familien­na­men meiner Ver­wand­ten. Als der Name Stampfl fällt, kommt die Antwort wie aus dem Gewehr geschossen: "Ach, der Willi!". Es sei in San Fernando, in der Provinz Buenos Aires, gewesen, wo er und Onkel Willi, der im Zweiten Weltkrieg in der Luftwaffe gedient hatte und in seinen frü­hen Argentinien-Jahren als Fluglehrer tätig war, sich kennen gelernt und angefreundet hätten. Irgendwann hätten sie sich dann aus denn Augen verloren. Dass Österreicher und Deutsche im damaligen Argentinien einen starken Zusammenhalt hatten, das wusste ich be­reits, aber dass ich hier in San Antonio de Areco das so unmittelbar zu spüren bekomme, das lässt mich nicht ungerührt.

Der Umzug
Seit fast einer Stunde sitze ich bereits in diesem Cafe an der Plaza de Arellano und immer noch reiten sie an mir vorbei, die traditionell gekleideten Gauchos und Estancieros mit ihren Basken­müt­zen auf dem Kopf und dem Messer im Gürtel, die señoritas mit den ausladenden Röcken und die kleinen sattelfesten Kinder, die alle auf mit Silber- und Goldgeschirr geschmückten Pferden an der Parade teilnehmen. Es müssen Tausende von Pferden sein. Der Stimme aus dem Lautsprecher überhäuft das Pu­bli­kum mit Superlativen. Die Fiesta de la Tradición ist das größte Fest seiner Art in Argentinien. Viele möchten es zum Nationalfeiertag deklarieren.
Von der Regierung zum nationalen Kulturerbe erklärt, ist San Antonio de Areco das symbolische Zentrum der argentinischen Gaucho-Kultur und zählt zu den ältesten und traditionsreichsten Orten der Provinz Buenos Aires.  Nach wie vor ist der "Día de la Tradición" (Tag der Tradition), der 1939 auf Initiative einiger Ortsbewohner eingeführt wurde, der Jahreshöhepunkt der Stadt. Für das Fest putzt sich jeder heraus. Man trägt die edelste Gaucho-Montur: Baskenmütze, Lederstiefel und Plu­derhosen; man frisiert die Pferde und schmückt sie zum Festtag mit Silber- und Goldgeschirr; man trifft sich beim Asado, der Festmahlzeit, bei der man gegrilltes Fleisch in rauen Mengen verzehrt.
Ricardo Güiraldes, ein direkter Nachfahre von Ruiz de Arellano, der 1730 San Antonio de Areco gründete, beschrieb in seinem Roman "Don Segundo Sombra", einem Klassiker der latein­ame­ri­kanischen Literatur, die Gauchos als kämpferischer Menschenschlag. Don Segundo ist die Ideal­gestalt eines Gaucho, des argentinischen Helden der Pampa. Der Roman steht für die Sehnsucht des Menschen nach der Romantik der wilden Natur.
Destrezas gauchas (Rodeo)
Warten ist die Devise: Laut Programm hätten die Reitervorführungen bereits um 14 Uhr anfangen sollen, aber genau wie am Vormittag, als der Umzug mit eineinhalb Stunden Verspätung begann, rührt sich hier im Parque Criollo auch um 16 Uhr noch nicht viel. Dabei überrascht und freut es mich, dass sich die Menge der Zuschauer in bescheidenen Grenzen hält. Am Zaun des Gelän­des, wo die Reiterkunststücke stattfinden sollen, drängen sich keine Menschenmassen, man sieht vor­wiegend kleinere Familienverbände, die es sich gemütlich machen – wie auf einem Picknick im Grünen. Ausgerüstet mit Klappstühlen und -tischen, Decken, kleinen Grills und Gaskochern be­völ­kern sie jede schat­tige Ecke unter den spärlichen Bäumen direkt am Zaun. Kleinkinder werden gewickelt oder an die Brust genommen, Mate wird getrunken, ein Nickerchen gehalten.

Fast ununterbrochen ertönt aus den Lautsprechern leise Gitarrenmusik. Sie ist der musikalische Hintergrund für die von einer tiefen und rauen Stimme vorgetragenen Sätze, die von Liebe, Va­ter­land und Tradition sprechen. Ein ununterbrochener Fluss bombastischer Wörter ergießt sich über die wartende Menge. Helden- und Stolz-Rhetorik vom Feinsten. Begriffe wie "criollo", "Ar­gen­ti­na", "libertad" (Freiheit), "mi tierra" (mein Land), "mi pueblo" (mein Volk), "sangre" (Blut), "fuerza" (Kraft), "generosidad" (Großzügigkeit) spicken die markanten Sätze mit nicht enden wol­lender Monotonie.

Man meint, die hochklingenden, schmeichelnden Worte eines Ricardo Güiraldes' zu hören: "Quiero que mis cantos al cantar la libertad, sean libres; al cantar el coraje, tengan entereza; al cantar la audacia, sean audaces y al cantar la fuerza, sean fuertes" (Ich möchte, dass meine Lie­der, wenn sie die Freiheit besingen, frei seien, wenn sie über den Mut singen, charakterfest, wenn sie Kühn­heit besingen, mutig, wenn sie von Kraft singen, stark). "Mi pueblo! Un pueblo admirable de sim­pli­cidad, de aristocracia anárquica". (Mein Volk, bewun­derns­wert wegen seiner Schlichtheit und sei­nes aufrührerischen natürlichen Adels).

Obwohl der Anteil von Stubenhockern an der Gesamtbevölkerung mit aller Wahrscheinlichkeit in Ar­gentinien nicht geringer ausfällt als in den anderen entwickelten Ländern, definieren sich die Be­wohner dieses Landes immer noch sehr stark über das Pferd. Im Nationalbewusstsein der Argen­ti­nier spielen, neben dem Fußball und dem Tanz, das Gaucho-Leben, die ländlichen Sitten und das Pferd eine sehr große Rolle.

Ab und zu werden die Teilnehmer durch den Lautsprecher dazu aufgefordert, nun endlich zu er­scheinen: "Vamos muchachos, no se aduerman" (Kommt, Jungs, schlaft nicht ein!), heißt es dann. Als die Reiter endlich auftauchen, wird es aber zunächst um kein Deut spannender, denn es folgt nur eine Wiederholung des vormittäglichen Umzugs, diesmal aber "en el campo". Erst die Parade der "tropillas" (kleinen Trupps junger Hengste mit einer Leitstute), die dicht zusammen in wildem Ritt über das Feld getrieben werden, belebt endlich die Szene.

Auf den Beginn der "doma" (Zähmung der Wildpferde) müssen wir trotzdem noch eine Weile war­ten. Denn noch fehlt die Ambulanz, die aus Sicherheitsgründen unmittelbar in der Nähe stationiert sein muss. Das dauert eine weitere gute halbe Stunde. Als die "doma" endlich beginnt, ist es be­reits Viertel vor Sechs. Kein Zweifel: Die waghalsigen Reit- und Rodeoeinlagen, mit denen die stolzen Gauchos auf dem Pferderücken imponieren, sind der Höhepunkt dieser Veranstaltung. Sie beein­drucken mich sehr!

Die Fiesta de la Tradición kann man aber nicht auf die paar Stunden Reitervorführung reduzieren. Das wahre Erlebnis ist die Kirmes-Atmosphäre, so wie der Lärm, die Hitze, die Schattensuche, der Staub, der Rauch, der Duft der "parillas", das Trampeln der Pferdehufe auf dem Straße­pflas­ter, der Pferdedung, der stellenweise zentimeterdick das Straßenpflaster bedeckt, das unun­ter­bro­chene Hin und her von Autos am Korso. Das Faszinierende sind die markanten Indiogesichter mancher Zuschauer, die fetten Mamas, die ihre Kinder beruhigen, das Geplapper der Ansager aus den Lautsprecher und – was für ein Glück! – das absolute Fehlen nordamerikanischer Popmusik.

Veranstaltungen wie diese "Fiesta de la Tradicion" sind letztlich ein Zeugnis des Kampfes gegen das Vergessen der historischen Wurzeln des Landes. Jahr für Jahr wird in San Antonio de Areco das Versprechen eingelöst, den Lebensstil der Vorfahren lebendig zu erhalten.