Argentinien 2008
Reisebericht von Bernd Zillich
   
 
                   
   
   © | Reisebericht | Home
   
         
     
 
 
Die Wasserfälle von Iguazu
Zurück nach Buenos Aires
   
  ARGENTINIEN 2004
  ARGENTINIEN 2011
  ARGENTINIEN/CHILE 2014
   
 
 
Buenos Aires
 
Lonely Planet
Buenos Aires

 
 
(Auf das Logo klicken, um
ein Hotel in Buenos Aires
zu suchen .
..)
 
 
 
Gardel
 
Very Best of
Carlos Gardel (DVD)

 
 
 
 
Booking.com
Mittwoch, 17. Dezember
Ommnibus nach Buenos Aires
Ich sitze im Bus und blicke auf die Landschaft. Ist das nicht eine Ironie des Schicksals? Jetzt, wo ich wegfahre, zeigt sich mir das Tal "Valle En­can­tado", so wie es sein Name sagt: verzaubert! Verzaubert durch die klare Luft und das sanfte Nachmittagslicht. Es ist das magische, stechend klare Licht Patagoniens, das ich in den letzten Wochen etwas vermisst habe. Die Farben leuch­ten kraftvoller als sonst, die Felsen in der Ferne sind nahezu rot, ihre Konturen messerscharf. Ich würde am Liebsten aussteigen! Als wir ein paar Stunden später den kleinen Ort Piedra del Águila (Provinz Neuquén) erreichen, sind die Schatten bereits lang und die Sonne versucht mit ihrer letz­ten Kraft, mir hier das süße Gift der Sehnsucht einzuimpfen.
Donnerstag, 18. Dezember
Ausklang in Buenos Aires
Ich weiß nicht, was es bedeuten soll, dass ich so lustlos bin. Nach vielen Wochen des Reisens ist mir nach nichts mehr der Sinn. Ist es die Müdigkeit der zwanzigstündigen Busfahrt? Der Augen­blick des Nachdenkens am Ende einer Reise? Oder nur die feuchte Hitze, die nach den angenehm küh­len und windigen Tagen in Bariloche wie ein Hammer zugeschlagen hat?

Neben dem Besorgen der letzten Erledigungen verbringe ich die meiste Zeit in Cafes, ge­nie­ße die kühle Luft der Klimaanlagen, schiele auf die hübschen Mädchen, die vorbeigehen, beobachte mit Sympathie die alten Herren, die bei einem cafesito "La Nacion" lesen, und schließe ihre weiblichen Gegen­stücke, die sich wie Europäerinnen aus den 1960er Jahre kleiden, mit nostalgischen Ge­dan­ken ins Herz.

TangoDer kleine beleuchtete Plastikchristbaum im Restaurant "Resto 1984" am Lezama-Park kann keine Weihnachtsstimmung in mir wecken. Wie könnte er auch? Ein Fernsehkommentator stellt fest: "Fal­tan ho­ras para el verano y ya hacen 30 grados" (In weni­gen Stunden ist Sommer­an­fang und wir haben bereits 30 Grad). Ich muss schmun­zeln, als ich an die Worte eines Taxi­fahrers denke, der bemerkte, man würde hier zu Weihnachten traditionsgemäß Win­tergerichte essen. Die Bäume zeigen sich bereits in ihrem Som­mer­kleid und die von mir heiß ge­liebten Jacarandás sind längst ver­blüht, ihre Blätter eines dunklen Grüns. Die jungen Mädchen tragen an­lie­gende T-Shirts, die frei­zügig Ausschnitt und Bauch zeigen. Sogar die Schwan­geren zeigen, wie überall in diesem Land, das wer­den­de Leben in ihnen bedenkenlos in ihrer vo­rü­bergehenden Ver­pa­ckung. Die Häu­fig­keit von – mitunter sehr jun­gen – Schwangeren auf der Stra­ße ist frappierend und lässt die Frage auf­kom­men, weshalb dieses riesige Land mit seinen nur 40 Mil­lio­nen Einwohnern nicht schon längst dichter bevölkert ist.

Freitag,19. Dezember
Verkehrssteuerung auf Argentinisch

Als ich mit dem Bus in die Stadt fahre, sehe ich zwei junge Männer am Straßenrand stehen, die ein Schild hochhalten. Auf diesem steht geschrieben: "A 200 metros desvio, disculpe la molestia" (Um­leitung in zwei­hun­dert Metern, entschuldigen Sie die Belästigung). Zuerst denke ich, sie stünden nur vorübergehend dort, beispielsweise wegen eines gerade vorbeiziehenden Demonstrationszugs. Aber nein. Es sind ganz normale, sicher länger anhaltende Straßenarbeiten. Nach dem Sand­wich­mann mit Werbebotschaften nun diese of­fen­sichtlich preiswerte Art der Straßenbeschilderung?

Im Microcentro

Das Stimmengewirr der Fußgängerzone vermischt sich mit den Tangoklängen, die aus einigen Lä­den zu meinen Ohren dringen. An einer Straßenecke spielt eine Band südamerikanische Rhy­th­men. Vor den Musikern, auf dem Boden, steht ein Schild mit der Aufschrift: "Imaginan la vida sin musica?" (können Sie sich ein Leben ohne Musik vorstellen?).

Die Armut ist auch hier, in der Calle Florida, der zentralen Einkaufsstraße von Buenos Aires, un­übersehbar. Am Straßenrand sitzen, in schmutzige, verschlissene Kleider gehüllt, eine Mutter und vier Kinder auf Pappkartons und betteln. Hundert Meter weiter die nächsten. Das Wort "monedita" (Münze) begleitet mich in regelmäßigen Zeitabständen auf meinem Weg durch die Menschen­men­ge. Kann man vom Austeilen von Zetteln und Visitenkarten leben? Wie viele Kunden mehr werden in ein Restaurant gelockt, wenn sie im Vorbeigehen ein Werbezettel in die Hand gedrückt be­kom­men? Man könnte diese Kärtchen sammeln, wie es Kinder mit den Sammelbildchen von be­kann­ten Fußballern tun.
Der agente de policia federal mit dem Indiogesicht und den blaugrauen Augen, der mit seinem Schlagstock, der Pistole und der schusssicheren Weste so martialisch wirkt, ist sanft und freund­lich, als er mir eine Frage beantwortet. Es wird mir warm ums Herz! Ja, sagt mir der Ord­nungs­hüter, diese fliegenden Händler, die auf der ganzen Länge der Calle Flo­rida ihre Tücher aus­ge­breitet haben und ihre Ware darauf auszustellen, sie dürften artesa­nias (handwerkliche Er­zeug­nis­se) hier verkaufen, aber keine Industrieware, denn letzteres wäre un­lau­terer Wettbewerb den teueren Läden gegenüber. Was für eine Menge an Halsketten, Mate-Trink­ge­fä­ßen, Handtaschen, Sandalen, Handyhüllen, Stickereien, Schals, Gürteln und sonstigen Waren stehen hier zum Ver­kauf. Was aber mit den Plüschtieren, dem Plastikspielzeug und den Billiguhren aus China? Auch "artesanias"? Das Gesetz drückt ein Auge zu.
Samstag, 20. Dezember
Riesige Stadt
Man fährt mehrere Kilometer mit dem Subte (der U-Bahn), einem Bus oder einem Taxi zu Fuß ist es nur eine Qual und man ist noch immer in der Stadt. Jedes Viertel hat ein Gesicht für sich, sei­ne eigenen Parks, seine Treffpunkte, seinen spezifischen Charakter. Von extrem herunter­ge­kom­me­nen Viertel, wo alle Wände mit Graffiti verunstaltet sind, geht es bis hin zu ruhigen bürgerlichen Gegenden. Gemeinsam ist allen, dass man in ihnen die unterschiedlichen Schichten der Stadt­ge­schichte wieder findet: die niedrigen Häuser der Kolonialzeit, mit viel Fassa­den­ver­zie­run­gen, ver­einzelte Zuckerbäckerhochhäuser der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, und die sich dazwischen zwängenden Hochhäuser, die jede stilistische Einheit sprengenden modernen Bauten.
Nur der Erhaltungszustand der Gebäude unterscheidet sich und kann quasi als Erkennungs­merk­mal der sozialen Klasse ihrer Bewohner dienen. Das Viertel Recoleta, das Rückzugsgebiet der Wohlhabenden, unterscheidet sich nicht nur in der Bausubstanz. Es ist auffallend, dass die Ge­sichts­züge der Passanten größtenteils europäisch sind, als hätte man die Einwohner Mailands und Madrids hierher verfrachtet und unverändert über die Generationen ge­bracht. Die dunkleren Farb­nuancen der Haut, denen man im Zentrum oder in der Provinz so oft begegnet, fehlen hier wei­test­ge­hend. Sogar die in Südamerika üblichen üppigen For­men der Frau­en haben hier dem schlan­ken euro­päischen Schönheitsideal Platz gemacht. Farben und Formen als Wohl­standsmesser!
Sonntag, 21. Dezember
Die letzten Tränen
Ich hatte den kleinen Mann in dunklem Anzug und Schlapphut bereits von meiner letzten Reise in Erinnerung. Er stand in der Nähe der Plaza Dorrego in San Telmo, spielte Gitarre und sang. Merk­würdig, dass ich ihn damals kaum wahrgenommen habe!
An diesem verregneten letzten Tag meines Aufenthalts in Argentinien begegne ich ihm zum zwei­ten Mal. Wir stehen beide unter der Markise eines Antiquariatsgeschäfts, um uns vor dem stärker werdenden Regen zu schützen. Er singt ein Lied, das wohl sehr bekannt sein muss, denn einige der Anwesenden singen mit leiser Stimme mit. Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße ver­kauft ein Junge Scherzartikel - bedauerlicherweise jener Art, bei der das Ziehen eines Schnür­chen gack­ern­de Geräusche erzeugt. Gardelito, so nennt sich der Sänger, singt des­sen ungeachtet wei­ter. Und je mehr er singt,
desto mehr macht sich bei mir ein tiefes und ergreifendes Gefühl breit, das ich nicht zum ersten Mal erlebe. Das Gefühl, nämlich, im In­ner­sten eines Ortes angekommen zu sein und seiner Seele zum Greifen nahe zu sein. Gardelito spricht das Herz sei­ner Landsleute an, weil er auf das Gemein­sa­me ihrer Tra­dition zurück­greift, welches sich in den Liedern von Carlos Gar­del, dem Grand­seigneur der argentinischen Chansons, widerspiegelt. Er singt. Und seine Stimme nimmt von mir Be­sitz mit ihren rauen, markanten Tönen, die einmal in ein sanftes Flüstern über­gehen, um dann urplötzlich ihre volle Kraft zu er­rei­chen. Es ist eine Musik aus vergangenen Zeiten, die Gar­delito von sich gibt, als das Schlagzeug, das große Gleich­ma­cher­in­stru­ment, noch nicht die leichte Musik in Be­sitz genommen hatte. Auch eine alte Frau, die lautstark versucht – man könnte meinen, ihre kräch­zen­de Stimme sei gerade durch einen Fleischwolf gedreht worden , einen großen schwarzen Schirm zu verkaufen, hält Gardelito nicht davon ab, weiter zu singen, ein Lied schö­ner und ein­fühlender als das andere.
Ich bin nicht der Einzige, der ergriffen ist. Auf der anderen Seite der Straße umarmt ein großer, grauhaariger Mann seine auffällig stark geschminkte Frau und beide blicken mit einem glück­se­li­gen Lächeln zu Gardelito herüber. Die Macht der Musik! Für mich ist es mehr als das. Es ist die Fest­stel­lung, dass in mir gerade etwas stattfindet, das mich alle Müdigkeit und Unlust der vergangenen Tagen vergessen lässt. Mich überwältigt für Momente eine Emotion, die ich zwar nicht näher be­schrei­ben kann, die mich aber zu Tränen rührt.