Argentinien 2008
Reisebericht von Bernd Zillich
   
 
                   
   
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Die Wasserfälle von Iguazu
Unterwegs nach Patagonien
   
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Pflanzen der Tropen
 
Bäume der Tropen
   
 
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Am Ende der Welt
von Klaus Bednarz

   
   
 
 
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Dienstag, 18. November
Flug nach Buenos Aires
Für einen Europäer ist das schwer nachzuvollziehen: Auf dem Flug nach Salta musste ich für das Übergewicht – wo denken Sie hin? Ich spreche vom Gepäck! – nichts hinzuzahlen. Für den Rück­flug sind es plötzlich 120 Pesos! Ebenso wenig kann ich verstehen, dass Ausländer etwa 50% mehr für einen Flug bezahlen müssen als die Argentinier selbst. "Vergüenza! (Was für eine Schande!)" be­scheinigte mir die hübsche Reisebüroangestellte.
Jacaranda
Was für eine Pracht, die von hellblau bis lila blü­henden Jacaranda-Bäumen gesäumten Straßen Buenos Aires'. Mit ihrer Farbintensität prägen diese Bäume für einige Wochen im Frühling das gesamte Stadtbild. Der Jacaranda (Jacaranda mimosifolia), auch als Palisanderholzbaum be­kannt, ist eine Gattung der Familie der Trom­pe­tenbaumgewächse. Er war zwar ursprünglich nur im tropischen und subtropischen Südamerika verbreitet, seine blaue Blütenpracht führte aber dazu, dass er auch in vielen anderen, klimatisch ähnlichen Regionen der Welt als Ziergehölz an­gepflanzt wurde. "El jacaranda elevaba espuma hecha de resplandores  transmarinos" (Sinnge­mäß: Vom Jacaranda-Baum gingen Wolken von ultramarinfarbigen Lichtschimmer aus).
Das Abenteuer beginnt
22 Stunden Fahrt liegen vor mir. Damit ist wirkliches Reisen gemeint, nicht das unnatürliche Zu­sammenschrumpfenlassen der Entfernungen via Flugzeug. Im Busterminal Retiro herrscht ein Betrieb, im Vergleich zu dem der eines jeden deutschen Bahnhofs verblassen muss. Ein Dop­pel­decker nach dem anderen fährt, wie auf einem Flughafen, in eine der über 60 "gates" ein. Das Gepäck wird aufgeladen – wehe, man gibt dem Dienstmann kein Trinkgeld! - die Passagiere neh­men in ihren "buticas" (Liegesitzen) Platz, und schon reiht sich der Bus in die Reihe der anderen in die Ferne aufbrechenden Gesellen ein. Ich fahre diesmal mit der Gesellschaft Andesmar, aber in diesem Land, in dem Eisenbahnfahren ein Fremdwort zu sein scheint, gibt es Busgesellschaften wie Sand am Meer: Flechabus (Pfeilbus), Chevallier, Via Bariloche und viele, viele andere. Die Aus­re­de, dass sich wegen der Größe dieses Landes ein weitverzeigtes Eisenbahnnetz nicht lohne, lasse ich nicht gelten. Schließlich hat Indien eine der besten Eisenbahninfrastrukturen der Welt. Aber dort waren bekanntlich die Engländer. Man muss aber auch bedenken, dass Argentinien ein nahezu leeres Land ist. Gerade einmal 40 Millionen Einwohner, davon ein Viertel allein in Buenos Aires lebend, bewohnen ein Land von einer Fläche von etwa 2,8 Millionen Quadratkilometern, während das nicht wesentlich größere Indien das Dreißigfache an Bevölkerung unterbringen muss.
Es ist die blaue Stunde der Dämmerung. Die Kulisse der Wolkenkratzer, das Perpetuum Mobile der ein- und ausfahrenden Busse, die orangefarbene Straßenbeleuchtung und die daraus resultierende Mischung aus warmem und kaltem Licht ergeben ein fast surreales Bild. Es ist fast dunkel, als die "salida con destino Comodoro Rivadavia" angekündigt wird. Merkwürdig: Das Wort "destino", das auf Spanisch so viel wie "Ziel" ausdrückt, bedeutet auf Italienisch "Schicksal".  Demnach fahre ich also sowohl der Stadt in Patagonien als auch meinem Schicksal entgegen.
Nach einer Dreiviertelstunde Fahrt sind wir immer noch in Buenos Aires. An verschiedenen Ter­minals steigen weitere Passagiere ein. Diesmal sind es aber kaum Weltenbummler wie auf der Fahrt von Puerto Iguazu nach Posadas und der Bus wird nicht ganz voll. Meine Strategie, einen Sitzplatz in der letzten Reihe belegt zu haben, zahlt sich aus. Ich könnte mich auf die vier Plätze der letzten Reihe zum Schlafen hinlegen. Aber selbst ohne diese Option ist die Bequemlichkeit dieser so genannten "semicama" (Deutsch: Halbbett) dem Hühnerkäfig eines Flugzeuges haushoch überlegen.
Um 22 Uhr ist das Abendessen noch immer nicht serviert worden. Vielleicht sollte ich deshalb bes­ser das süddeutsche Wort "Nachtmahl" verwenden. Der Stewart (eigentlich der Beifahrer) verteilt Kopfkissen und auf den kleinen Fernsehschirmen läuft das Abendprogramm an. Genauer gesagt müssen wir uns zunächst die Werbung für die Busgesellschaft ansehen und die Sicherheits­in­struk­tionen. Bis auf den Platz für die Beine könnte man wirklich meinen, man sei in einem Flugzeug.
Erst eineinhalb Stunden nach der Abfahrt verlassen wir das Stadtgebiet. Vor uns die Autobahn, rechts und links nur Dunkelheit. Endlich wird das Essen serviert und am Bildschirm beginnt ein Film – alles in Butter. Alles in Butter? Gegen 23 Uhr hält der Bus bei einer kleinen Polizeistation an. Der Motor wird abgeschaltet, das Fernsehbild verschwindet. Danach ist Stille. Auf der Straße neben dem Bus sehe ich einen offenen Koffer liegen und Werkzeuge auf dem Boden verstreut. Daneben steht der Fahrer in blauem Overall. Es sieht ganz so aus, als hätten wir eine Panne! Doch nach einer halben Stunde sind wir wieder unterwegs.
Mittwoch, 19. November
Die ewig lange Fahrt
Ich wache – diesmal endgültig – auf, als wir durch Bahia Blanca fahren, die letzte Stadt der Pro­vinz Buenos Aires.  Sie leuchtet im Morgenlicht auf, als hätte man sie in einen Eimer Orangensaft getaucht. Etwas später fahren wir an einem Hotel vorbei, das sich Hotel Km 711 nennt: Aha, schät­ze ich, wir haben also noch nicht einmal die Hälfte der Strecke hinter uns.

Das Frühstück: Der "Stewart" reicht mir ein Tablett mit einem Styroporbecher, einem Tütchen Pul­verkaffee, einem mit Milchpulver und zwei mit Zucker, dazu ein paar Alfajores (das ist eine über­süße argentinische Keksspezialität aus Mürbeteig mit Milchkaramellfüllung und Schokolademantel).

An der Grenze zur Provinz Rio Negro passieren wir eine Kontroll- and Desinfektionsstation. Um die Verbreitung von Schädlingen (wie die Taufliege) und Krankheiten (wie die Maul- und Klauen­seu­che) zu unterbinden, wird in Patagonien die Einfuhr von lebenden Tieren, von vielen Fleisch­pro­dukten und einer Reihe Gemüse- und Obstsorten (Mangos, Äpfel, Maracujas, ...) eingeschränkt.
Von da an ist es endgültig Pampa. Eine unendliche, immer gleiche, wenig inspirierende, brettflache Ebene. Eine "Prärie", wie man es sich vom Wilden Westen vorstellt, ist diese unendliche Ebene ge­ra­de nicht. Vor meinen Augen dehnt sich keinesfalls eine bis zum Horizont reichende Fläche saf­ti­gen grünen Grases aus. Es ist ein trockener, staubiger hellbrauner Boden mit braungrünem Ge­strüpp. Auch sieht man nirgendwo riesige Rinderherden, die von urig aussehenden Gauchos vor sich hin getrieben wer­den. Nur vereinzelte Rinder grasen hinter den nie­dri­gen Zäunen, die sich ununterbrochen die Straße entlang hinziehen.

Als diese trockene Wüste plötzlich einer wäldchenartiger Anhäufung von Weiden, Pappeln und Sträu­chern weicht, bin ich mir, ohne auch nur einen Blick auf die Karte zu werfen, ganz sicher, dass wir gleich den Rio Negro überqueren werden. Damit sind wir in Patagonien angelangt.

Punkt 12 Uhr trifft der Bus in San Antonio de Oeste ein, einem Staubfleck mit weit verstreuten klei­nen einstöckigen Häusern. Füße austreten und schon geht es weiter. Nur noch etwa 690 Kilometer liegen jetzt vor uns.
Die nächsten Stunden gleichen den ersten 10 Minuten der Fahrt wie ein Ei dem anderen. Eine un­end­liche, hässliche, graugelbe Ebene, die sich bis zum Horizont erstreckt. Meine Leidensfähigkeit ist auf eine harte Probe gestellt.
Als wir gegen 17 Uhr in das Busterminal von Trelew erreichen, kommen bei mir erste Zweifel auf, dass wir es schaffen könnten, planmäßig um 19:30 in Comodoro Rivadavia anzukommen. Da ich diesmal kein Hotel gebucht habe, sehe ich dem Ganzen doch mit gemischten Gefühlen ent­ge­gen. In Trelew fährt der Bus dazu auch noch in eine Werkstatt. Wir warten und keiner weiß, worum es eigentlich geht. So geht eine weitere halbe Stunde verloren.
18 Uhr. Unglaublich wie identisch mit sich selbst eine Landschaft sein kann. Eine Straße, eine pa­ral­lel dazu verlaufender Zaun, Gestrüpp bis zum Horizont, man könnte meinen, man rührte sich nicht vom Fleck. Erst weiter im Süden ändert sich die Monotonie in Nuancen. Die Land­schaft wird grüner. Zwischen den Zwergbüschen taucht Gras auf.