Argentinien 2008
Reisebericht von Bernd Zillich
   
 
                   
   
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Sonntag, 16. November
Nach Cafayate
Nach einer infolge der Magenverstimmung und der darauf zurückzuführenden Lustlosigkeit nicht ganz nach meinem Geschmack verlaufenen Woche will ich meinen Aufenthalt hier im Norden mit einer zweitägigen organisierten Tour abschließen. In meiner Absicht sollte es ein "dulcis in fundo" werden, ein guter Abschluss, gewissermaßen, dieses Reiseabschnitts.
Eine organisierte Tour wie diese hat aber, das muss ich bald feststellen, einen wesentlichen Nach­teil. Man wird zum Gefangenen; man ist nicht Herr der eigenen Zeit; man gibt die gewohnte Bewe­gungs­freiheit ab, und – was mir besonders missfällt – man kommt nur dort zum fotografieren, wo es der Reiseführer eingeplant hat. Und das heißt: genau an den Stellen, wo auch die Busse aller anderen organisierten Touren anhalten – im Zehnminutenabstand. An solchen Stellen, wo die Bus­insassen dann alle gleichzeitig mit vorgestreckten Armen die selben Felsen, Schluchten oder Aus­sichten fotografieren, lauern auch gewiefte Einheimische mit ihren Schnitzereien, Ponchos oder anderen kunsthandwerklichen Erzeugnisse, oder ein Indio der zusammen mit seinem Lama be­ruf­lich in Hunderte von Kameras grinst.
Die Strecke der Quebrada de las Conchas (Schlucht der Muscheln), entlang der Ruta Nacional 68, ist beeindruckend. Sie beginnt im kleinen Weiler Alemanía, einer Art Geisterstadt, in der heute nur noch einige Hippies wohnen, die vom Kunsthandwerk leben. Das kleine Zentrum war Anfang des 20. Jahrhunderts noch stark besiedelt, da es der Endbahnhof einer Strecke war, die nach Salta führte. In den 1960er Jahren entvölkerte sich dann der Ort. 1971 wurde die Bahnstrecke schließ­lich aufgegeben. Der Name (alemán ist das spanische Wort für deutsch) ist auf die deutschen Ar­beiter zurückzuführen, die seinerzeit an dem Bau der Strecke teilgenommen hatten.
Danach folgt ein landschaftlicher Höhepunkt nach dem anderen. Als einer der ersten, die be­ein­druck­ende Höhle des sogenannten Anfiteatro, eines Naturwunders, wo bolivianische Musiker für eine kleine Spende demonstrieren, was für eine unglaubliche Akustik diese Stelle hat. Es ist ein­zigartig! Hätte ich diesen Ort doch nur für kurze Zeit für mich allein, bei absoluter Stille! Wäre das zuviel verlangt?
Weitere Sehenswürdigkeiten sind El Sapo (ein Felsen, dessen Form stark an eine Kröte erinnert), El Fraile (Der Mönch), Las Ventanas (die Fenster), El Obelisco (Der Obelisk) und Los Castillos (Die Burgen). Neben den Formen faszinieren mich vor allem die Farben. Es scheint dies eine Reise zu sein durch die gesamte Farbpalette, die unsere Erde zu bieten hat. Von Violett über Rot, Ocker und Orange bis hin zu Grün findet sich jeder Ton, jede Schattierung in diesem Tal. Im Prinzip also ein Eldorado für Fotografen. Aber für mich als Gefangener in meinem Reisebus eben nur "im Prinzip".
Cafayate
Cafayate, wo eine Übernachtung vorgesehen ist, ist etwa 190 Kilometer von Salta entfernt und liegt auf einer Höhe von 1.683 Metern. Letzteres und die Tatsache, dass sich dieser wüstenartige Landstrich durch 360 Sonnentage im Jahr auszeichnet, verhelfen dem Ort zu einer kristallklaren Luft. Das kleine Städtchen ist zwar – mit zahlreichen Hotels und Restaurants - längst auf Frem­den­verkehr eingestellt, es strahlt aber trotzdem eine Atmosphäre von liebenswürdiger Verschlafenheit aus. Um den großen quadratischen Hauptplatz mit einem kleinen Park in der Mitte und der Kathe­drale Nuestra Señora del Rosario am östlichen Rand scharen sich die schachbrettartig angelegten Straßen mit ihren ein- bis zweistöckigen weißgetunkten Häusern.
Freiheit
Nachdem wir Teilnehmer der Tour uns auf unsere Hotels verteilt haben, steht uns der Rest des Tages – es ist erst 17 Uhr – zur freien Verfügung. Ich lasse es mir nicht zweimal sagen. Im Nu habe ich mir ein Taxi organisiert, und schon fahre ich – endlich frei! – die selbe Strecke zurück, um we­nigstens ein Teil der auf der Herfahrt nur im Vorbeihuschen gesehenen Felslandschaften wieder zu erleben. Der späte Nachmittag ist mit seinem sanften Licht dem Fotografieren besonders zuträglich.
Es werden für mich Stunden intensiven Glücksgefühls. Während der Taxifahrer geduldig in seinem Gefährt auf mich wartet, stapfe ich, mit einem kühlen Wind im Gesicht, auf die wildzerklüfteten Naturburgen Los Castillos zu, eine Felsformation, die ihr Aussehen bei jedem meiner schritte zu ändern scheint. Sieht sie von der Straße noch wie ein sinkendes Schiff aus - man nennt sie des­halb auch "Titanic" –, so kommt sie mir von vorne wie eine scharfkantige und unnahbare mit­tel­alterliche Burg vor.
Ich tauche in diese entrückte Welt ein, verliere mich innerhalb Minuten in ihr und – endlich! – fo­tografiere! Weiter im Süden umwandere ich die freistehende Nase des Obelisco, ein einzigartige Gebilde. Ich könnte ganze Tage hier verbringen, um all das erkunden, was es zu sehen und zu ersteigen gibt, immer neue Ausblicke suchen und Erlebnisse in dieser wundersamen Welt mit all ihren Farben.
Montag, 17. November
Ruta 40
Bis Cafayate war die Straße geteert und in ausgezeichnetem Zustand. Das ändert sich nun schlag­artig, als wir in Richtung Norden fahren, entlang der berühmten Ruta 40 (Ruta Quarenta). Diese Ruta Nacional 40 hat bei Reisenden Kultstatus erlangt, fast wie die legendäre Route 66 in den Ver­einigten Staaten. Sie ist die längste Nationalstraße Argentiniens und eine der berühmtesten Fern­straßen auf dem amerikanischen Kontinent. Die Straße, die über mehr als 5200 km vom Norden Argentiniens bis hinunter ins südliche Patagonien führt, ist auf mehreren Streckenabschnitten nicht mehr als eine Schotter-, Geröll- und Staubpiste und daher nur mit geländegängigen Fahrzeugen befahrbar, was sie zu einer besonderen Herausforderung bei Abenteuertouristen macht und – für mich - ein Traum, den ich "irgendwann" in die Realität umsetzen möchte.
Die Quebrada de las Flechas (Schlucht der Pfeile) zwischen Cafayate und Angastaco ist der erste Höhepunkt der heutigen Strecke. Hier haben die Plattentektonik und die durch Wind und Wetter erfolgte Erosion aus dem Ablagerungsgestein Felsformationen geschaffen, die einer Art Wald aus riesigen Pfeil- oder Speerspitzen ähnelt. Die dicht nebeneinander stehenden spitzen Fels­for­ma­tio­nen ragen etwas schräg aus dem Boden und rufen eine bizarre, fast bedrohlich wirkende  Land­schaft in Grau und Beige hervor, durch die sich die Kurven der staubigen Ruta 40 winden. Wenn mich meine Spanischkenntnisse nicht getäuscht haben, wurden in dieser Gegend – so unser Rei­seleiter – auch zahlreiche Pfeilspitzen gefunden, womit der Name der Schlucht gewissermaßen doppelt gerechtfertigt wäre.
Die Landschaft, die wir auf dem Weg nach Cachi, unserem nächsten Etappenziel, begegnen, ist weit weniger spektakulär. Sie besticht durch ihren wüstenartigen, einsamen Charakter, der durch das grelle Licht der Mittagszeit fast unbarmherzig erscheint. Wir fahren an Dörfern vorbei, die aus einer Handvoll be­wohn­ter aber verlassenen aussehender weißgetünchter Häuser bestehen. Alle die­se pueblitos (kleine Ortschaften) haben ihren eigenen, ganz unspektakulären Flair und in allen erin­nert ein hübsches Kirchlein im Ko­lo­nialstil an das charakteristische Ambiente der Italo-Western.
Federico, unser "guia" (Reiseführer) versichert uns, dass dies landwirtschaftlich bebautes Gebiet ist. Neben dem Weinanbau werden vor allem Paprikaschoten angebaut und Alfalfa-Gras als Vieh­futter. Er spricht auch von "arroz", also Reis, wobei es mir schwer fällt, zu glauben, dass dafür genügend Wasser zur Verfügung steht.

Einmal überholen wir einen kleinen Laster, auf dessen Ladefläche eine Gruppe Landarbeiter sitzt. Keine Frage: alles Indios. Der indigene Anteil der ländlichen Gebiete hier im Norden ist an der Bevölkerung im gesamtargentinischen Vergleich sehr hoch.  Schwer vorstellbar ein Leben in dieser Einsamkeit! Wie viele dieser Menschen waren jemals in einer größeren Stadt wie Salta?

Cachi

Der kleine Ort Cachi liegt auf einer Höhe von 2.280 Metern über dem Meersspiegel. Neben dem kolonialen Charme seiner Architektur ist es der Eindruck von Einsamkeit und Verschlafenheit, die mich besonders gefangen nimmt. Ein wenig touristische Infrastruktur scheint vorhanden zu sein, und der Gedanke, hier ein paar Tage zu verbringen, lässt meine Fantasie fliegen. Aber wieder fehlt mir die Freiheit, auszubrechen. Und jetzt in der grellen und nicht gerade kühlen Mittagszeit kann ich gerade noch ein paar Runden in den leergefegten Gassen drehen und mich dann im kleinen Park auf dem Hauptplatz müde auf einer Bank niederlassen.

Kokablättertee
Dem almuerzo (Mittagessen) kann man bei solchen Exkursionen nicht aus dem Weg gehen, man will sich schließlich nicht vor der Gemeinschaft absondern und Federico, unser Reiseführer, hat eine Pause viel nötiger als wir. Wenn ich daran denke, dass er Tag für Tag mehrere hundert Ki­lo­meter über Stock und Stein fährt, zwar in einer wunderbaren Landschaft, aber von der An­stren­gung ein­mal abgesehen, kann man sie nach dem zigsten Mal noch so faszinierend finden?
Jedenfalls sitze ich jetzt in einem kleinen Restaurant in Payogasta (2596 Meter über dem Mee­res­spiegel) im Schatten einer Laube und plaudere mit zwei Reisegefährten aus Valencia - was für ein Genuss, ihrem deutlichen, schönen Spanisch zuzuhören! Auf Empfehlung einiger Gäste aus Holland probiere ich einen Kokablättertee, ein leicht bitter schmeckendes Getränk, das eine aufputschende und magenberuhigende Wirkung haben soll. Die Indios des Hochlands kauen die Blätter des Ko­ka­strauches fast ununterbrochen. Sie dienen ihnen als Genussmittel, als Nahrungsergänzungsmittel und für medizinische Zwecke. Sie helfen Hunger, Müdigkeit und Kälte zu verdrängen und sind ein probates Mittel gegen die Höhenkrankheit, da sie die Sauerstoffaufnahme verbessern. Gut zu wis­sen, denn wir werden über einen 3348 Meter hohen Pass fahren.

Bis zu ein Kilo Kokablätter darf man in Argentinien – ohne gegen das Gesetz zu verstoßen – mit sich herumtragen. Ausländern auf dem Rückflug wird jedoch dringend davon abgeraten, etwas von diesem "Tee" mit nach Hause zu nehmen. Denn das kann ihnen, ungeachtet der Tatsache, dass es ca. 1000 Kilo Kokablätter bedarf, um ein einziges Gramm Kokain herzustellen, im Heimatflughafen ern­ste Problemen mit der Drogen­fahn­dung bescheren.

Parque Nacional Los Cardones

Der nächste Höhepunkt der Strecke soll der Parque Nacional Los Cardones sein. Kurz nach Payo­gasta verlassen wir die Ruta 40 und biegen in die Ruta Provincial 33 ein. Eine schnurgerade, as­phal­tierte Straße, die "Recta Tin Tin", entfaltet sich vor unseren Augen. Diese 18 km lange Teil­strecke der Ruta 33 führt auf fast 2900 Meter Höhe mitten durch den Nationalpark, der sich über 65.520 Hektar ausdehnt. Hier, etwa 100 Kilometer südöstlich von Salta, bewachten einst die ge­waltigen Kan­de­la­ber-Kakteen wie ein Heer von stramm stehenden Soldaten die alte Inka-Straße nach Cuzco.

Die vorherrschende Pflanzenart ist der Kandelaber-Kaktus (auf spanisch "Cardón"). Einige Exem­pla­re dieser Art können eine Höhe von vier Metern und ein Alter von etwa 300 Jahren erreichen. Das leichte Holz mit den auffälligen Löchern diente früher als Baumaterial in dieser holzarmen Ge­gend, was fast zum Aussterben der Pflanzengattung führte. Seit dem 20. November 1996 wird der Cardón deshalb durch das Nationalparkgesetz geschützt.

Ginge es jetzt nach mir, ich würde aussteigen, den Rucksack schultern und in Richtung Berge los­marschieren, um im Wald der fotogenen Riesen zu verschwinden. Es muss herrlich sein, in der überwältigenden Stille des Tagesanbruchs von einer kleinen Anhöhe aus diese Urlandschaft zu be­trachten! Stattdessen muss ich mich damit zufrieden geben, dass wir einen kurzen Halt machen, um ein paar Ich-war-hier-Beweisfotos zu knipsen. Es vergehen keine zehn Minuten, da merke ich bereits, dass alle anderen Reisenden wieder im Kleinbus sitzen und ungeduldig auf die Weiterfahrt warten!

Kurz darauf erreichen wir die höchste Stelle unserer Tour, den auf 3.348 m Höhe gelegenen mi­ra­dor (Aussichtspunkt) Piedra del Molino. Der Name kommt von einem am Wegrand stehenden enormen Mühlstein geheimnisvollen Ursprungs. Die Aussicht gegen Westen wäre beeindruckend, wenn sich nicht immer graue Wolken vor die Landschaft schieben würden. Dazu kommt ein fast stürmischer eisiger Wind. Wieder verziehen sich die Mitreisende schleunigst in den Kleinbus und auch Federico scheint es eilig zu haben. Wofür ich diesmal sogar Verständnis habe. Also fahren wir – nun auf gut ausgebauter Schotterstraße – unzählige Serpentinen talwärts, am Valle Encantado (verzaubertem Tal) vorbei und der Cuesta del Obispo (dem Hang des Bischofs) entlang in Richtung Salta.

Abends, Plaza 9. Julio in Salta
Ich gebe es zu. Nicht ganz ohne Absicht bin ich an dem Café vorbei spaziert, wo die junge Kell­nerin mit den strahlenden Augen arbeitet. Ich habe sie ins Herz geschlossen. Sie ist so herzerfri­schend jung und offen, so liebenswürdig und vor allem so naiv mit ihrem innigen Wunsch, sich nach Deutschland wegzuverlieben. Dorthin, nämlich im bayerischen Unterhaching, wo, laut ihrer Aussage, ihr Freund auf sie wartet. Aber nein, heute ist die junge Frau nicht da und ich muss auf das Plauschchen ver­zichten, dass mir bereits zur lieben Gewohnheit geworden war. Wie schön und zugleich traurig die Begegnung mit Menschen ist, denen man mit fast hundertprozentigen Wahr­schein­lichkeit nie mehr begegnen wird.