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% aller außerhalb Europas lebenden Juden haben ihre Wurzeln im Polen
des 16. Jahrhunderts. Denn Polen war zu dieser Zeit das einzige Land Europas,
das die Juden nicht nur aufnahm, sondern auch ermunterte, sich im Land
niederzulassen. Noch heute haben 40 % der Menschen in Krakau jüdische
Vorfahren. Das jedenfalls behauptet unsere Reiseführerin, Jane Witoch.
Solche Zahlen lassen einem ein klein wenig verstehen, wie innigst das
Judentum mit Polen verwachsen war und welchen Ausmaß dadurch die
Tragödie des 2. Weltkriegs in diesem Land annahm.
Jane ist während der Führung außerordentlich
gesprächig. Während ihr Wortschwall, die Stadtführung selbst
betreffend, fast zu groß ist - die Namen aller Könige
Polens gehen sowieso im Hintergrundlärm der Touristenmassen unter -,
wird es schlagartig interessant, wenn sie Details ihrer eigenen Erlebnissen
schildert.
Erschütternd wird es, wenn sie von den Verfolgungen durch die Nazis
spricht. Diese hatten bereits, noch lange vor dem Jahr 1942, als die systematische
Vernichtung der Juden begann, polnische Intellektuelle, Offiziere, Zigeuner,
Außenseiter, Geisteskranke und Behinderte systematisch aus den Weg
räumen wollen, in einem Vernichtungswahn, der seinesgleichen sucht.
Hätte ein deutscher Soldat damals, so schildert sie, einen Hund erschossen,
er wäre verurteilt worden. Bei der Tötung eines Polen hingegen
hätte bereits die Behauptung, dieser habe etwas gegen Hitler gesagt,
gereicht, ihn straffrei ausgehen zu lassen.
Als sich Janes Vater, ein hoher polnischer Offizier, vor den Nazis versteckte,
wurden alle Familienmitglieder, die eine Auskunft über seinen Aufenthaltsort
verweigert hatten, ausnahmslos umgebracht, und das Gleiche geschah auch
ihren kleinen Geschwistern. Ihr kleinstes Brüderlein erlitt den Tod,
indem es gegen eine Wand geschleudert wurde. Jane selbst überlebte
nur durch Zufall.
Sie erzählt auch, wie verblüfft die
Deutschen jedes Mal waren, wenn man ihren Befehlen Widerstand leistete.
Denn sie konnten sich partout nicht vorstellen, dass der Zwang zu "gehorchen"
den Menschen nicht von Gott gegeben war, sondern von ihrer Erziehung,
und sich nur in den Köpfen abspielte. Und die Polen hätten nun
andere Köpfe, betont Jane.
Während ich schreibe, hat sich uns eine Gruppe Zigeuner mit Gitarren,
Bass und Ziehharmonika genähert und will uns mit einigen Takten Musik
unterhalten. Die Klänge eines Dudelsackspielers an der nächsten
Ecke machen ihnen Konkurrenz und wetteifern mit ihnen um die größte
Lautstärke. Was aber nicht weiter stört, denn kaum haben sie
ein paar Slotys kassiert, sind sie auch gleich wieder verschwunden - um
drei Tische weiter andere Gäste zu beglücken.
Wie unzureichend sind meine Kenntnisse der europäischen Geschichte
- insbesondere der polnischen!
Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Polen drei Mal vollständig von
der europäischen Landkarte verschwunden war. Zum zweiten Mal verschwand
es 1795, und zwar für 120 Jahre, aufgeteilt zwischen Österreich,
Russland und Preußen. Zum dritten Mal geschah es nach dem Hitler-Stalin-Pakt.
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