Balkanreise  - Reisenotizen von Bernd Zillich   
   
 
   
   
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Die Brücke über die Drina
Finale in den Karpaten
   
 
Ivo Andric
 
Die Brücke
über die Drina

von Ivo Andric
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Dienstag, 27. Mai
Вишеград (Višegrad)
"... An dieser Stelle, wo die Drina mit der ganzen Schwere ihrer grünen und überschäumten Was­ser­masse aus dem scheinbar geschlossenen Gefüge der schwarzen und steilen Berge hervorbricht, steht die große, gleichmäßig geschnittene, steinerne Brücke mit ihren elf weitgespannten Bögen .. "
" ... Am rechten Ufer des Flusses, gleich hinter der Brücke, liegt der Hauptteil der Stadt mit dem Marktplatz, teils in der Ebene und teils auf den Abhängen der Hügel am Ufer ... "
So beschreibt Ivo Andric in seinem berühmten historischen Roman "Die Brücke über die Drina"
die Stelle, an der ich mich befinde. An diesem rechten Ufer, wo früher das von der österrei­chi­schen Besatzung gegründete "Hotel zur Brücke" stand, befindet sich heute ein funkelnagelneues Hotel, in dessen Restaurantgarten ich mit einem toceni pivo (Bier vom Fass) die Strapazen des Tages hinunterspüle. Auf der gegen­überliegenden Seite der Straße steht ein ziemlich hässliches Bankgebäude, das mich aber zu meiner eigenen Überraschung überhaupt nicht stört. Vielleicht ist es der – geringe - Alkoholpegel, der mich alles etwas weniger scharf und viel versöhnlicher be­trach­ten lässt, möglicherweise bin ich aber auch gegen solche Verunstaltungen inzwischen immun. Oder es ist der herrliche Blick über die Drina, der den Ausgleich schafft.
Ein paar Tische weiter, direkt am Geländer, das die Terrasse abschließt und zur Drina ausgerichtet ist, unterhält sich, leise und ohne große Leidenschaft ein junges Paar. Der unauffällig aussehende Mann, der fortdauernd aber ohne großem Elan auf seine Partnerin einredet, fällt mir durch seine traurigen Augen und sein unsicheres Auftreten auf. Er scheint die zurückweisende Haltung seiner Part­nerin nicht im Geringsten wahrzunehmen. Denn ihre Blicke wandern die ganze Zeit unruhig überall hin, nur nicht zu ihm. Die Beiden anzusehen macht mich traurig. Zwei Tische weiter hin­ge­gen verrät mir die Körper­sprache eines weiteren Paars, dass sie sich sehr nahe stehen. Einmal ist es ihre Hand auf seiner Schulter, dann ein Streicheln, oder die Art, wie sie sich gegenseitig zu­hö­ren und sich in die Augen schauen. Das stellt meinen inneren Frieden wieder her.
Auf der Kapija
Die türkischen Brücken waren so gebaut, dass sich in ihrer Mitte ein großer Pfeiler befand, auf dem sich die Brücke zu einer größeren Plattform verbreiterte, die wie ein "Sofa" aus Stein gebaut war, auf dem sich Jung und Alt traf. Diese Kapija war für viele kleine Ortschaften der Mittelpunkt des Stadtlebens, wie es heutzutage die Cafés und die Gaststätten sind.
In Ivo Andrics Worten: "Die Leute begannen wieder, sich auf dem Sofa aufzuhalten und dort die Zeit im Gespräch, in Geschäften oder in müßigem Träumen zu verbringen. In den Sommernächten sangen dort die jun­gen Burschen in Gruppen oder saßen als Einzelgänger und erstickten ihren Liebes­kum­mer  oder jenen unbestimmten schmerzenden Wunsch nach Reisen in wei­te Fernen, nach großen Taten und ungewöhnlichen Erlebnissen ..."
" ... und schon nach einigen zwanzig Jahren sang und lachte dort eine neue Generation ..."

Etwas später sitze ich selbst auf der Kapija, und während meine Blicke gemächlich herumschwei­fen, von der Brücke zum grünen Fluss und weiter zu den dichtbewachsenen Hügeln an den Ufern, erfasst mich peu a peu eine selten empfundene Ergriffenheit. Ein urplötzliches, tiefes Gespür für das Vergehen der Zeit überwältigt mich. Über Jahrhunderte hinweg war diese Stelle Treffpunkt und Schauplatz des Lebens. Ich sehe sie überdeutlich vor mir, wie sie hier sitzen, die Jungen und die Alten mit ihren gewickelten Turbanen, und wie sie über die alltäglichen Kümmernisse plaudern, über Ernten, Todesfälle, Eheschließungen und Kriege. Ich zähle diese Kapija zu den "magischen" Orten. Während ich hier sitze, sehe ich in meiner Vor­stel­lung das Leben von Ge­nerationen wie in einem Film vorbeifliegen. Ich sehe die Mädchen, wie sie als Kinder auf der Brücke spielen, wie sie wachsen, wie sich ihre Rundungen ausbilden, sie reif wer­den, sie verheiratet wer­den, sich ihre Bäuche wölben, ihre Kinder auf die Welt kommen, und wie sich schließlich der ganze Lebenszyklus wiederholt.

Von diesem "Sofa" aus erlebe ich das Geschehen in einem wundersamen Zeitraffer. So wie diese Großmutter neben mir mit ihrem Enkelkind spielt, hat es sich immer und immer wieder abgespielt, nur dass es früher kein Handy gab, eine Nebensächlichkeit! In diesem "se­hen­den" Zustand kann ich kraft meiner Einbildung die Passanten in Sekundenschnelle beliebig altern lassen, und durch die nächste Generation ersetzen. Habe ich den alten Mann mit grobem Bauerngesicht und Dreita­ge­bart, der gerade die Brücke entlang schlendert, nicht schon vor dreihundert Jahren an mir vorbei­ge­hen gesehen? Diese Brücke ist für mich die Brücke der Zeit.
Eine alte, am Stock gehende Frau setzt sich neben mich hin, lächelt mich an und versucht mir etwas zu sagen. Sie klopft dabei mit der flachen Hand auf die Brust und äußert etwas, was sich wie "ne da, ne da srce" anhört. Mir geht ein Licht auf! Auf Tschechisch sagt man srdce zum Herzen, serce ist Polnisch, serdce Russisch. Dann wird srce wohl das serbokroatische Wort dafür sein! Die alte Dame musste sich also hinsetzen, um ihr Herz nicht anzustrengen. Bald steht sie auf und geht weiter. Wie ihre Mutter, ihre Großmutter und all ihre Ahnen vor ihr und all jene Frauen, die Jahre davor attraktiv gewesen waren und Männer in erotische Träume versetzt hatten. An diesem war­men Sommerabend im Mai fühle ich mich von merkwürdigen Gedanken in eine andere Sphäre versetzt, es ist, als würde ich über den Dingen schweben, und als würde ich alle Menschen um­ar­men können.
Mittwoch, 28. Mai
Drei Männer im Boot
Auf der gegenüberliegenden Seite der Brücke sehe ich die Pappeln, wie sie in einer leichten Brise zittern, die ich beschwörend herübersehne. Stattdessen bilden sich feine Schweißtröpfchen auf meiner Stirn, die aber ohne dieses Lüftchen ihren kühlenden Zweck nicht erfüllen können. Unmöglich, mich in dieser urplötzlich ausgebrochenen Sommerhitze zu bewegen. Auch meine Denkfähigkeit scheint erlahmt zu sein. Mit einem Glas Bitter Lemmon versuche ich aber, klaren Kopf zu bekommen und den gestrigen Abend auf treffende Weise zu beschreiben.
Als ich also, in meine Gedanken vertieft, auf der Kapija saß, ergab sich, dass ich mit drei Männern ins Gespräch kam, die, das stellte sich wegen der Verständigungsschwierigkeit nicht gleich heraus, auf eine siebentägige Schlauchbootfahrt auf der Drina unterwegs waren. Die serbische Variante, gewissermaßen, von K.K. Jeromes "Drei Männer auf dem Boot". Und wieder einmal bewies sich, dass es in dieser Gegend nicht leicht ist, zu vereinsamen. Als ich nämlich etwas später im Res­tau­rant eintraf, waren die Drei bereits dort und luden mich auf ein Bier ein. Aus dem einen Bier wurde ein zweites, daraus ein drittes, bald ein viertes, wer hat sie alle gezählt? Aus einem beabsichtigten "normalen" Abendessen wurde eine Nahrungsaufnahme ausschließlich in flüssiger Form.
Das Gespräch wurde immer fröhlicher und der Abend sank über die Brücke, die inzwischen, von orangefarbenem Licht angestrahlt, zu leuchten begonnen hatte. Von einem "Gespräch" zu schrei­ben ist vielleicht etwas gewagt, sprach doch einer der Dreien nur bruchstückhaft Englisch, der Zweite ein minimalistisches Deutsch, und der Dritte, ein "sex maniac", wie ihn die anderen spa­ßeshalber beschrieben, außer Serbisch nur Russisch und Chinesisch.
Mit diesen Prämissen, dem bisschen Tschechisch, das bei mir hängen geblieben ist, und vor allem dem reichlich fließenden pivo fand eine Völkerverbrüderung statt, die bis in den späten Abend ging. Dass die Gesprächsthemen nicht philosophisch-tiefschürfender Art waren, liegt auf der Hand. Die Drei, das habe ich immerhin mitbekommen, waren von unterschiedlichster Persönlichkeit. Journalist und Karikaturist für ein Wirtschaftsblatt seiner Heimatstadt der Eine, dazu Schmet­ter­ling-Präparator und Ökofreund. Post-Filialleiter hingegen der Zweite, wohl der Jüngste des Trios, mit Neigung zum linken politischen Spektrum. Seine Freunde nannten ihn "director na ruski" und immer wieder schielte er zu den Mädchen vom Nebentisch, ohne allerdings jemals die Anstalt zu machen, sie zu unserem Tisch einzuladen. Der Dritte, ein wahrhaftig gut aussehender Mann, der sich al Barmann ausgab, gab sich alle Mühe, sich mit seinem eingeschränkten Deutsch verständlich zu machen. Er erinnerte mich entfernt an den Schauspieler Peter O'Toole. Unrasiert und bereits ergraut, wie er war, strahlte er etwas Verwegenes aus, ein Eindruck, vielleicht, der nur von mei­nen Filmfantasien erzeugt wurde.
Zu später Sunde gingen die drei Männer dazu über, melancholische serbische Lieder zu singen, woraus aber trotz der nicht vernachlässigbaren Alkoholmenge keineswegs ein Grölen wurde. Das war aber bereits auch das Signal zum Aufbruch, womit wir vermeiden konnten, noch witziger und geistreicher zu werden, als wir uns bereits einbildeten zu sein.
Der Kreis schließt sich
Heute morgen, als ich aufwachte, wunderte ich mich nicht wenig. Denn es zeigten sich bei mir keinerlei Symptome eines Katers, im Gegenteil: ich fühlte mich munter genug, um mit großem Elan loszumarschieren und nach einem Panoramablick auf Drina, Brücke und Tal zu suchen.
Auf dem Weg dorthin kam ich an einem kleinen orthodoxen Friedhof vorbei. Ordentlich angereiht und mit kleinen weißen Kreuzen versehen präsentierten sich die Gräber in der Sonne. Bei nä­he­rem Hinsehen, aber, bekam die Stätte etwas Beklemmendes und ein Schauer lief mir den Rücken hinunter. Denn alle Grabsteine wiesen neben den kyrillischen Aufschriften ein und das selbe Ster­bedatum auf: 1992. Wie sich mir in Sarajevo der Gedanke an das Leiden der bosnischen Bevöl­ke­rung aufgedrängt hatte, so kam mir hier in Višegrad, in der Republika Srpska, jenes der Serben, ihrer damaligen Gegner in jenem schrecklichen Krieg zum Bewusstsein.
Ich umwanderte die Anhöhe, auf der sich die Kirche und der Friedhof befanden, und marschierte dann auf schmalsten Pfaden bergauf durch Wald und Dickicht, über Stock und Stein, bis ich schließ­lich, völlig zerkratzt und patschnass wegen der feuchten Hitze den ersehnten Aussichtspunkt erreichte. Vor meinen Augen lag das sich ausweitende, herrliche Tal der Drina und die berühmte Brücke. Ein großartiger Anblick! In meinen Gedanken aber geisterte ein Krieg, und zwar einer, dessen erste Kampfhandlungen vor mehr als neun Jahrzehnten stattgefunden hatten.
Eindrucksvoll schildert Ivo Andrić gegen Ende seines Romans die 1914 begonnenen Kampf­hand­lungen zwischen den Serben und der österreichischen Besatzungsmacht: "Sofort schlugen noch drei Granaten ein, zwei im Fluss und eine wiederum unter den zusammengedrängten Men­schen auf der Brücke. In Handumdrehen war die Brücke leer; auf dem freigewordenen Raum sah man wie dunkle Flecken umgestürzte Wagen, tote Pferde und Menschen. Von den But­kower Felsen meldete sich die österreichische Feldartillerie und begann, die serbische Gebirgsbatterie zu suchen, die jetzt die versprengten Trosse zu beiden Seiten der Brücke unter Schrapnellfeuer nahm."
Ist es nicht merkwürdig? In jenem Augenblick, als ich von oben auf sie hinunterblickte, symbo­li­sierte die Brücke über die Drina für mich auch die Brücke, die dieses Land mit mir und meiner Fa­mi­liegeschichte verbindet. Beim Lesen der sehr anschaulichen und lebensnahen Schilderungen aus Großvaters Kriegstagebüchern ist es mir, als würden sich die Puzzleteile der Geschichte und mei­ner Erfahrungen zusammenfügen, um sich zu einem einzigen großen Gesamtbild zu verdichten: der Einmarsch der Österreicher 1878 in Bosnien, der Zerfall des Osmanischen Reiches, das Atten­tat von Sarajevo, Großvaters Stationierung in diesem Land, der erste Welkkrieg, das Entstehen der Republik Österreich, und viel, viel später diese meine Fragen zur Geschichte und meine Be­weg­gründe für diese Reise.
Nächsten Tag mittags kam mein Diener mit einem Tragtier daher, wir feierten ein frohes Wie­dersehen, luden auf und so ging es bei Zwornik über die Drina hinein nach Serbien, in die Wildnis. Ich hatte die 1. Kompanie zu über­nehmen. Bald sah ich mir oben am Kamm die Stellung an. Heilige Madon­na! Was haben wir alles in der Schule gelernt, was die Jah­re hindurch am Exerzierplatz geübt und nun sah ich einen mäßigen Graben und davor ein Blumendraht gespannt mit leeren Konservenbüch­sen, welche durch den Lärm die An­näh­erung des Feindes anzeigen sollten. Den Lärm besorg­te dann der Wind auch, und wir waren in ständiger Bereit­schaft. Nicht ein Stückchen Stacheldraht war da. Und ge­gen­über, durch eine Schlucht getrennt, auf einem mäch­ti­gen Rücken 700 Schritte entfernt waren die Serben in ta­del­los ausgebauter Stellung mit breiten Drahthindernissen. Uns fraß der Neid. So sah es also auf der Gornja Borina aus, links nördlich von uns war der Berg Kalista, um wel­chen jeden Abend hef­tig Gekämpft wurde. Dabei beschoß eine serbische Batterie ununterbrochen den Hang knapp hinter uns; das war nicht angenehm. Aber mit der Zeit gewöhnte man sich auch an dieses Höllenkonzert, man sah, daß nicht jede Kugel traf. Das Essen wurde etwas weiter im Tale gekocht und in Kochkisten heraufgetragen. In einfa­chen Gefäßen abgeholt, wurde es ausgelöffelt und schmeckte ganz gut. Dazu ein Schluck Etap­pen­wein, welche nicht weit vom Essig entfernt war (Etappe war jener Raum hinter der Kampf­front, wo sich der ganze Nachschub an Verpflegung und Munition abspielte, wo also die Magazine waren).
 
 
 
 
     
         
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