Reisebericht von Bernd Zillich    
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Bosnien und Herzegowina auf der Hand: Alles Wissenswerte für Ihre Reise nach Bosnien und Herzegowina
Bosnien und Herzegowina
auf der Hand
   
   
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Kreuz und quer durch Bosnien-Herzegowina (Wandkalender 2019)
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Repubika Srpska
Eine leichte Brise macht während der größten Tageshitze das Sitzen erträglich. Mit Mühe und Not konnte ich dieses Gasthaus an der Landstraße nach Gacko aufsuchen und eine "Kleinigkeit" zu essen bestellen. Da ich aber der üblichen Cevapcici überdrüssig bin, be­schränkt sich die mögliche Wahl leider ausschließlich auf "Chleb" (Brot) und einen bröck­ligen, sehr salzigen "Sir" (Käse). Ein unvermeidliches Pivo gehört selbst­ver­ständ­lich da­zu, obwohl es bei dieser Hitze nicht unerheblich dazu beitragen wird, mich müde für die Fahrt zu machen. Aber die etwa 50 km bis zum Nationalpark Sutjeska werde ich wohl noch schaffen.
Hier in diesem kleinen Wirtshaus an der Straße nach Norden im östlichen Teil der Re­pu­blika Srpska ist die moderne, "touristische" Welt verschwunden, die paar Au­to­fah­rer, die hier einen kurzen Halt machen, sprechen nur Serbisch und der Kaffee ist türkisch, der Kaffeesatz knirscht mir noch lange zwischen den Zähnen.
Der Staat Bosnien und Herzegowina, der sich 1992 für unabhängig von Jugoslawien er­klärt hatte, setzt sich seit dem Ende des Bosnienkriegs, der 1995 mit dem Abkommen von Dayton nach dreieinhalb Jahren zum Ende kam, aus zwei Entitäten zusammen: der Republika Srpska mit 49 % und der Föderation von Bosnien und Herzegowina mit 51 % des Territoriums. Bosnien und Herzegowina bleibt also als souveräner und ungeteilter Staat bestehen, aber stark dezentralisiert. Heute ist die Republika Srpska mehrheitlich von bosnischen Serben bewohnt und besitzt ein eigenes politisches System mit unab­hän­giger Legislative, Exekutive und Judikative.
Die Sutjeska-Enttäuschung
Der Nationalpark Sutjeska ist der älteste Nationalpark in Bosnien und Herzegowina. Er erstreckt sich im Einzugsgebiet der Sutjeska, einem Nebenfluss der Drina, auf einer Flä­che von 17.500 Hektar. Der Nationalpark bietet wunderschöne und unberührte Wildnis.
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Soweit die Beschreibung. Dichte Wälder säumen die Straße; ich fahre und fahre – und kann mich kaum sattsehen. Der Eindruck von Abgeschiedenheit verstärkt sich von Ki­lo­meter zu Kilometer, die Landschaft wird zerklüfteter, die mit dunklen Kiefern be­wach­se­nen Berghänge und – streckenweise – zahlreiche bizarre Felsformationen wecken Asso­ziationen zu urzeitlichen Gefahren und geben der Gegend ein düsteres Antlitz. Es wächst in mir der Wunsch, in diesem prächtigen Stück Natur einige Tage zu verweilen.
Aber so schnell ich die Passstraße hinauffahre, so rasch geht es Kurve um Kurve auch wieder bergab. Kein Zeichen menschlicher Anwesenheit, weder in Form eines Hauses, noch einer Siedlung oder eines irgendwie gearteten touristischen Komplexes! Die Ruine eines Hotels rostet an einer Stelle vor sich hin; ein paar Kilometer weiter, in der Ein­sam­keit des engen Fluss­ta­ls, taucht wie aus dem Nichts endlich ein Hotel auf. Die Anlage kann man zwar kaum als schön bezeichnen, denn sie widerspiegelt nur die Trostlosigkeit vieler ähnlicher Bauten aus der "sozialistischen" Zeit, aber immerhin. Ich zögere eine ganze Weile, bevor ich an der Rezeption nachfrage. Ergebnis: Mir wird die Entscheidung weggenommen, denn das Hotel ist bis auf das letzte Bett ausgebucht, es beherbergt eine Reihe kompletter Fuß­ball­mannschaften.
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Enttäuscht und schlecht gelaunt fahre ich weiter und es wiederholt sich eine Erfahrung, die ich auch anderswo im Osten Europas gemacht habe: das Erleben einer wunder­schö­nen Berglandschaft und der Verdruss, keine auch noch so kleine Ortschaft mit Flair zu finden, wo man übernachten und diese Herrlichkeit genießen kann.
Resigniert und bosnienmüde fahre ich weiter bis nach Foča, der nächsten Stadt. Als ich gegen 18 Uhr eintreffe, wird die Stadt, die in sehr schöner Lage an der Drina liegt, ge­ra­de von einem sanften Spätnachmittagslicht gestreift, das mich ihr schlagartig alle Un­schön­hei­ten verzeihen lässt und mich in eine wohlig entspannte Verfassung bringt. Das herun­ter­ge­kom­me­ne Hotel, in dem ich absteige, das Fehlen eines jeden städtischen Charakters und die Schäbigkeit, die jedes zweite Gebäude ausstrahlt, das alles ist mir jetzt egal. Denn der ohne jeden Zweifel hässliche Ort wirkt echter auf mich als all die ge­schnie­gel­ten Touristenorte im Süden. Allein die Tatsache, dass sich hier wohl kaum ein Tourist verirrt, macht ihn mir sympathisch. Ich bin woanders!
Abiturfest in Foča
Nach langem Umherirren, aber noch rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit entdecke ich ein kleines hübsches Restaurant direkt an der Drina, wo ich es mir auf der Terrasse umgehend gemütlich mache. Nach dem heute sehr anstrengenden Tag male ich mir froh gestimmt aus, wie ich mir die Ćevapčići / Ražnjići / Pljeskavica, oder was auch im­mer die Speisekarte bieten wird, schmecken lassen und sie mit einem guten Bier hi­nun­ter­spülen werde, und mich dabei auch am Plätschern des vorbeifließenden Flusses reich­lich erfreuen werde. Die kontemplative Idylle ist aber nicht von langer Dauer, denn be­vor auch nur eine halbe Stunde vergangen ist, stürmt eine Schar junger Leute das Lo­kal, die sich bald durch lautes und angeregtes Unterhalten hervortun und sich ent­spre­chend dem Prinzip der kommunizierenden Gefäße in kurzer Zeit gleichmäßig auf die Terrasse verteilen.
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Was mir an ihnen sofort auffällt, ist ihre Festtagskleidung, die einen besonderen An­lass für diese Zusammenkunft vermuten lässt. Während aber die Jungen lediglich "adrett" mit Anzug und Krawatte gekleidet sind, überraschen die – nebenbei gesagt erstaunlich hübschen – Mädchen durch ihre aufwendige zur Schau gestellte Garderobe, die alle Schattierungen von elegant bis aufgedonnert aufweist. Manche Kleider sind bodenlang, andere zeigen viel Bein, manche sind schulterfrei; das eine Gewand entzückt mit der Empire-Linie, bei der die Taille knapp unterhalb der Brust betont und diese durch ein Dekolleté akzentuiert wird, das andere fällt durch reichliche Verzierungen, Pailletten oder Rüschen auf. Auch Kleider, die wegen ihrer zahlreichen Volants an eine spanische Fiesta denken lassen, fehlen nicht. Manches figurenbetonte, glamouröse Cocktailkleid ist der Hingucker schlechthin. Unübersehbar ist auch der eine oder andere ge­schmack­li­che Ausrutscher, bei dem man die Absicht der Trägerin, sich als prominentes Filmsternchen zu inszenieren, beim besten Willen nicht übersehen kann.
Besonders eine junge Frau, die hochhackige Schuhe mit "gefühlten" 15 cm hohen Ab­sät­zen trägt, zieht meine Blicke an. Das ihren Oberkörper eng umschließende, schulterfreie Kleidungsstück, das zudem mit einem besonders eng anliegenden, ultrakurzen Rockteil bestückt ist, lässt im wörtlichen Sinn tief blicken, und stellt gleichzeitig im übertragenen Sinn das Mädchen in ihrer Persönlichkeit nackt dar, als die etwas gewöhnliche Dorf­schö­ne aus der tiefen Provinz. Als gehemmter Oldie, der ich bin, traue ich mich nicht, sie zu fotografieren.
Wie es sich bald herausstellt, feiern die jungen Leute ihr be­stan­de­nes Abitur.
Fußball in Foča
Jetzt weiß ich, weshalb das Hotel in der Sutjeska vollbelegt war, denn: „Vom 20. bis zum 24. Mai kommen in Foča junge Straßenfußballer aus ganz Europa zusammen, um ge­meinsam eine Woche Fußball zu spielen, voneinander zu lernen und in einem Fair-Play-Fußballturnier um den Titel des Europäischen Straßenfußballmeisters zu wetteifern. Es kommen 24 Mannschaften, auf die eine Woche voller Workshops und dem Fair-Play-Fußballturnier wartet. Die Teams bestehen jeweils aus vier Mädchen und vier Jungs zwischen 14 und 18 Jahren. Zwölf Delegationen aus der Balkan-Region treffen in Foča auf zwölf Teams aus den übrigen europäischen Ländern.“ Immerhin werde ich mich deshalb an diesem lauen sommerlichen Abend kaum langweilen müssen. Es gibt etwas zu sehen!