Argentinien 2004
Reisebericht Argentinien - Patagonien    
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ARGENTINIEN 2004
Buenos Aires
Tango in San Telmo
Puerto Madryn
Pinguine in Punta Tombo
Halbinsel Valdes
Ushuaia
Zur Seelöweninsel
Nationalpark Feuerland I
Estancia Harberton
Garibaldi-Pass
Zug am Ende der Welt
Nationalpark Feuerland II
Beagle-Kanal Titanic
El Calafate
Perito-Moreno-Gletscher
Ruta 40
Nach Bariloche
Auf den Cerro Otto
Nahuel-Huapi-See
Nationalpark Lanin
Das verzaubert Tal
Lago Mascardi
Abschied von Bariloche
Buenos Aires
Im Paranà-Delta
 
 ARGENTINIEN 2008
 ARGENTINIEN 2011
 ARGENTINIEN / CHILE 2014
 
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In Patagonien
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Feuerland
Geschichten von
Ende der Welt
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  Buenos Aires    
 
17. März
Der Zug am Ende der Welt
Ich schaue aus dem Fenster, sehe die Sonne, wie sie mir durch die Bäume zuzwinkert und denke in meiner unheilbaren Naivität, dass dies die Ankündigung eines wunderbaren Tagesverlaufs sei.
Eine halbe Stunde später – o Wunder, ich sehe noch immer keine Wolke am Himmel - steige ich ins Auto, lasse mich wie üblich auf der Erdstraße kräftig von den vielen Schlaglöchern durchschütteln und bin guten Mutes.
Nur kommt mir heute das Rütteln etwas kräftiger vor als sonst. Nach einer Weile steige ich aus, sehe mir die Reifen an, und schon bekommt der makellose Tag seine erste Schramme - ich habe nämlich einen Platten.
Gleich kommt mir ein hilfsbereiter, fein aussehender Herr aus Javiers Nachbarschaft zur Hilfe. Das heißt: Ich mache die Arbeit und er schaut zu, bzw. dreht ein wenig den Hebel des Wagenhebers und lächelt dabei recht freundlich.
Im Rekordtempo von fünf Minuten habe ich es geschafft. Ich bin ganz stolz darauf. In Windeseile bin ich also beim Autovermieter, um ihm mein Leid zu klagen, und während er das Auto überholen lässt, nutze ich die Gelegenheit, um einen Sprung zum Büro der Aerolineas Argentinas zu machen und den morgigen Weiterflug bestätigen zu lassen. Und schon bin ich wieder unterwegs.
Blaue Hügel mit rotbraunen Wäldern schieben sich zwischen Gletschern und Meer. Zivilisation bleibt Ausnahme. Nur der südlichste Golfplatz der Welt, an dem ich nach etwa einer halben Stunde vorbeifahre, drängt sich mir auf und will nicht so recht ins Bild passen.
Ganz in der Nähe schnauft die Lokomotive des Tren del Fin del Mundo [Tren del Fin del Mundo] (Zug am Ende der Welt) zwischen 20 Meter hohen Lenga-Bäumen. Bei der Estacion Fin del Mundo, dem kleinen Bahnhof dieser historischen Eisenbahn, die heute ausschließlich zur Touristenbeförderung dient, mache ich einen kurzen Halt, in der Hoffnung, ein Foto der alten, aber auf neu getrimmten Lokomotive ma­chen zu können. Während ich auf die Ankunft des Zügerl warte, gönne ich mir einen Drink in der kleinen Bahnhofs-Bar.
Als ich das Barmädchen, wegen ihrer amüsanten gelb-schwarz gestreiften Uniform, zu überreden versuche, für ein Foto zu posieren, komme ich ins Gespräch mit der Männergruppe vom Nebentisch. Einer von ihnen zeigt ganz stolz auf ein vergilbtes Foto an der Wand, und erklärt, dass einer der darauf abgebildeten Herren sein Vater sei, damals Offizier bei der Marine. Die Eisenbahntrasse, erzählt er mir, sei 1910 von Insassen der Straf­ko­lo­nie gebaut worden, der Zug habe früher Bauholz und Kalk, Verbannte und Verbrecher transportiert. Er ist ein Teil der Geschichte Feuerlands und dessen düsteren Ausstrahlung.
Chile hatte sich am Ende des 19. Jahrhunderts bereits zu beiden Seiten der Magellanstraße fest­gesetzt, so musste Argentinien versuchen, ehe es zu spät war, einen anderen Teil von Feuerland zu kolonisieren. Und weil es zweifelsohne nicht leicht gewesen wäre, Kolonisten zu bewegen, sich in dieser unwirtlichen Gegend anzusiedeln, beschloss die argentinische Regierung, entsprechend einer im neunzehnten Jahrhundert üblichen Taktik, eine Strafkolonie zu gründen.
Die Strafkolonie wurde 1896 auf der Isla de los Estados, der am westlichsten gelegenen Insel, gegründet und später, 1902, nach Ushuaia verlegt. In jenen Tagen bestand die Stadt nur aus einer Gruppe von etwa 40 Häusern.
Es ist unmöglich, sich Ushuaia ohne diese Strafanstalt vorzustellen. Es bestand eine enge Ver­bin­dung zwischen Ushuaia und dem Zuchthaus; es war das Alpha und Omega der Stadt, ihre einzige Berech­tigung und Lebensbedingung. Dank der Arbeit der Gefangenen bekam die Stadt den Hafen, die Post und die Gebäude der Hauptstraße; das Elektrizitätswerk des Zuchthauses lieferte Licht und Kraft, und die verschiedenen Werkstätten des Gefängnisses, wie Druckerei, Schneiderei, Schuh­ma­cher­werkstatt und Schreinerei arbeiteten fleißig für die Bürger von Ushuaia.
Erst 1947 wurde das Gefängnis endgültig geschlossen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Ushuaia bereits mehr als 2000 Einwohner.
Ich frage, absichtlich naiv, nach dem Grund für die gelb-schwarz gestreiften Uniformen der Ge­fan­genen. Woraufhin einer der Männer ins Gespräch eingreift, ein Auge zukneift, beide Arme zu einer Gebärde, als würde er mit einem Gewehr auf jemanden zielen, hochhebt, und mit einem eindeutig britischen Akzent äußert: „So you could see them better and shoot them“. Er sei technical en­gi­neer, stellt er sich vor – ich schätze, damit ist gemeint, dass er die alte Lok wartet - und wurde, was unüberhörbar ist, nicht in Argentinien geboren. „I have been imported“, sagt er mit einem Grinsen. Seine Kumpeln fügen lachend hinzu, er sei deshalb hierher gekommen, weil es „el pais mas bonito del mundo“ (das schönste Land der Welt) sei. Weshalb er von England weg gegangen ist? „Too many people there“ ist die lapidare Antwort.
Ein fast ungetrübter Ausflug in den Nationalpark
Als ich weiterfahre, ist der Himmel immer noch blau. Allerdings komme ich nicht sehr weit. Denn kurz nach der Einfahrt in den Nationalpark werde ich von einem Pickup der Parkwache angehalten. Ihnen sei gemeldet worden, dass ein Auto mit einem verdächtig flachen Reifen in ihre Richtung unterwegs sei. Diesmal ist es der linke hintere Reifen meines Schnauferls, der an der Reihe war, seine Luft auf-zugeben. Ich kann mich aber beim besten Willen nicht wirklich darüber ärgern, weil es einfach zu komisch ist.
Die beiden Ranger machen sich sofort dran, mir beim Reifenwechsel zu helfen. Die junge Frau, eine aparte Brünette mit feinen Händen und einer schmucken hellbraunen Rangeruniform, macht die meiste Arbeit. Diesmal bin ich derjenige, der vornehm zuschaut. Als die Frau den kleinen Rei­fen meines Daewo hochhebt, sagt sie: „Wie leicht ist der!“ und lacht. Ihr compañero, der ebenfalls nur zuschaut und sich in lockerer Haltung am Landrover, dessen Reifen die Dimension von auf­gerollten Elefantenrüsseln haben, anlehnt, schmunzelt.
Ich muss in diesem Zusammenhang eine Lanze für die Argentinier brechen. Ich erlebe in diesem Land nur reine Freundlichkeit. Einzig und allein der alte Kauz an der Rezeption des Hotels in Buenos Aires wirkte blasiert und abweisend. Allerdings ist es nicht mit überschwänglicher, lauter, „Hallo“ ru­fender Umarmung, dass ich in diesem Land empfangen werde, nein, es ist eher mit schüch­ter­nem, ruhigem Lächeln und einer sehr zuvorkommenden Art.
Nun mit keinem weiteren Ersatzreifen im Kofferraum traue ich mich nicht mehr, eine längere Fahrt zu planen. Ich fahre also nur die kürzmöglichste Strecke, die zur Bahia Ensenada führt. Dort stelle ich das Auto ab, genieße kurz den Blick auf das spiegelglatte Meer, die Redonda-Insel und das in der Ferne imposant aussehende Zickzack der chilenischen Cordillera und mache mich auf zur 6 1/2 Km langen Küstenwanderung.
Drei Südbuchenarten (Nothofagus) bestimmen das Vegetationsbild: die laubwerfenden Lenga und Ñire und der immergrüne Coihue. Was diese Wälder so verzaubert, das sind auch die hellgrünen Flechten, die als barba de viejo (Altmännerbart) von den Ästen hängen. So empfindlich sind diese (für die Bäume nicht schädlichen) Gewebe, dass sie als erste eingingen, wäre die Luft hier nicht absolut rein. Auch die "Chinesische Laterne“ genannten nestartigen Kugeln (Halbschmarotzer der Gattung Myzodendrum), die das Geäst mit gelben und roten Farbtupfern füllen, tragen zur Ver­zauberung dieser Wälder bei.
Ich kann der Strecke die Schönheit nicht absprechen. Einmal wandere ich in dichten Wäldern mit ausgeprägtem Urwald-Charakter, dann spaziere ich auf kleinen von Unmengen von Muscheln über­säten Stränden, dann gehe ich bergauf zu herrlichen Aussichten auf dicht bewachsene Küs­ten­ber­ge, und immer wieder öffnet sich der Blick auf den Beagle-Kanal und die ferne Cordillera.
Merkwürdigerweise will aber trotz der objektiven Großartigkeit dieser Landschaft bei mir partout keine Begeisterung aufkommen. Irgendetwas fehlt mir, jedenfalls. Ob es daran liegt, dass es zu idyllisch, zu zahm wirkt? Es fehlt mir – schon wieder – der Wind, der Sturm, der dramatische Himmel, das bewegte Meer, das Wilde, das Abenteuer suggerierende, mir fehlen - könnte es sein? - die an den Felsen zerschellten Schiffe, die ich in meiner Vorstellung immer mit der "Tierra del Fuego“ assoziiert habe.
Drei lange Stunden bin ich unterwegs, bevor ich wieder an die Hauptstraße in der Nähe des Rio Lapataia gelange. Müde schleppe ich mich jetzt die staubige Erdstraße zurück in Richtung Park­eingang. Die schwere Fototasche und das Stativ schneiden schmerzhaft meine Schultern ein. Ein Schuh drückt. Jedes Mal, wenn ich ein Auto kommen höre, muss ich mich, so weit ich kann, von der Straße entfernen, um nicht in eine Staubwolke zu geraten. Mittlerweile hat sich ein Schleier auf die bereits schwache Nachmittagssonne gelegt und dem Wald rechts und links der Fahrbahn seinen letzten Glanz genommen.
Wieder bekomme ich dieses beklemmende Gefühl, ins Leere zu greifen. Dieses Gefühl, am Ende der Welt angekommen zu sein, und nur eine – wie schön sie auch sein mag – Urlaubslandschaft gefunden zu haben, eine Landschaft, die sich nicht subtil meines Unterbewusstseins bemächtigt, sondern zum Konsum freigegeben und bereits in mundgerechte Stücke aufgeteilt worden ist. Es werden mir keine Geschichten ins Ohr geflüstert, keine abenteuerliche Gestalten lauern hinter einem Felsen, kein pfeifender Wind lässt mich erschauern, keine Bilder aus spannenden Romanen scheinen wahr zu werden. Aber wie könnte das auch sein, wenn keine zwei Kilometer von hier Ottonormaltourist gerade seine Bratwurstsemmel verschlingt?
Gran finale
Aber wie so oft, wenn ich es am wenigsten erwarte, geschieht ein kleines Wunder. Es ist wie ein Wink vom Himmel. Links von der Straße lichtet sich der Wald allmählich und eine weite, freie, rot leuch­tende Moorfläche tritt vor meinen Augen in Erscheinung. Zeitgleich verschwindet der letzte Schleier vom Himmel, die Sicht wird von Minute zu Minute klarer und die nunmehr befreite Nach­mittagssonne taucht die unberührte Fläche des Moors und die Berge im fernen Hintergrund in ein sanftes, gelbes Licht.
Als ich, um mich diesem Fleckchen unberührter Natur ungehindert hinzugeben, von der Straße entferne, über Steine, Äste und verfilzte Grasbüschel stolpere und immer wieder knöcheltief im feuchten Moor einsinke, sind alle grauen Gedanken wie weggefegt, die Touristenwelt ist auf einem Schlag verschwunden und ich fühle ich mich voller Energien und Begeisterung. Ein geisterhafter, ausgetrockneter Baum ragt aus einem Sumpf heraus, ich halte den Atem an, blinzle gegen die Sonne, sehe einen Vogel auffliegen, die Gräser leuchten rotgelb im Gegenlicht. Minuten, für die allein sich der Fünf-Stunden-Marsch schon gelohnt hat.
Als ich auf die Hauptstraße zurückkehre und weitermarschiere, dauert es nur noch eine Viertel­stunde bis ich den Pfad zum Ausgangspunkt meiner Wanderung aufspüren kann. So mache ich mich auf, zum letzten, zwanzigminütigen Marsch bergab zur Bahia ensenada. Als ich endlich am Meer ankomme, sind auch die allerletzten Wolken verschwunden und es herrscht ein klares, „nordisches“ Licht. Weiß-blaue Fahnen flattern an der Bootsanlegestelle im Wind. Am Liebsten würde ich mich hinsetzten, völlig regungslos den Abend kommen lassen, mich ins Sehen und Meditieren versenken und nie mehr zurück fahren.
Ushuaia einst Ushuaia heute Ushuaia heute Ushuaia einst Ushuaia heute Ushuaia heute Ushuaia einst Ushuaia heute Ushuaia heute