Argentinien 2004
Reisebericht Argentinien - Patagonien    
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ARGENTINIEN 2004
Buenos Aires
Tango in San Telmo
Puerto Madryn
Pinguine in Punta Tombo
Halbinsel Valdes
Ushuaia
Zur Seelöweninsel
Nationalpark Feuerland I
Estancia Harberton
Garibaldi-Pass
Zug am Ende der Welt
Nationalpark Feuerland II
Beagle-Kanal Titanic
El Calafate
Perito-Moreno-Gletscher
Ruta 40
Nach Bariloche
Auf den Cerro Otto
Nahuel-Huapi-See
Nationalpark Lanin
Das verzaubert Tal
Lago Mascardi
Abschied von Bariloche
Buenos Aires
Im Paranà-Delta
 
 ARGENTINIEN 2008
 ARGENTINIEN 2011
 ARGENTINIEN / CHILE 2014
 
In Feuerland
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Faszinierendes Patagonien
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Seel÷wen
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Feuerland
Geschichten von
Ende der Welt
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  Buenos Aires    
14. März
Kleiner Spanisch-Unterricht, lection cuatro:
Ich bin erstaunt, wie gut ich inzwischen Spanisch verstehe. Vorausgesetzt allerdings, dass ich mich nicht von einigen Besonderheiten der argentinischen Aussprache, die sich vom klassischen Spa­nisch unterscheiden, verunsichern lasse. So hat es eine ganze Weile gedauert, bis ich etwas mit dem Wort ballena (Walfisch) anfangen konnte, denn das doppelte „l“ wird hierzulande wie das „dg“ im englischen budget ausgesprochen - man spricht also ballena wie „badgena“ aus. Noch größere Verwirrung verursacht bei mir das verschluckte „s“. Dieser Buchstabe wird vor Konsonanten (aber nicht nur dort) sehr gerne weggelassen, bzw. nur so leicht angedeutet, dass fast nur noch ein laut­loses Anstoßen der Zunge an die Zähne übrig bleibt. Und noch eine Beobachtung. Beim Geldzählen wird gerne ein "con“ (mit) zwischen der Peso-Zahl und den Centavos gestellt. Also zum Beispiel: uno con cinquenta, dos con quarenta usw.
Erste Begegnung mit dem Nationalpark
Heute werde ich mir noch kein Auto mieten. Denn der 6300 ha große Parque Nacional Tierra del Fuego ist bestens erschlossen. Regelmäßig bringen Busse die Besucher zu dem 12 Kilometer ent­fernten Park, der mit seinen 25 Kilometern Wanderwege den Vergleich mit seinen Euro­pä­i­schen Genossen nicht zu scheuen braucht. Mit einem Kleinbus der Firma Eben Ezer mache ich mich also einigermaßen zeitig (das heißt, so gegen 10 Uhr) auf die Fahrt.
Zielort und Ausgangspunkt für eine Reihe von Wanderwegen ist der Campingplatz am Lago Roca. Der Touristenbusse-Rummel rund um das angeschlossene Restaurant, der Andrang im Informa­tions­zentrum und die Schlange am Bratwurst-Kiosk suggerieren allerdings kaum, dass man am „Ende der Welt“ sei, inmitten einer wilden, naturbelassenen und menschenleeren Landschaft.
Nach einem heißen mate cocido [Mate] mache ich mich schleunigst dem Lapataia-Fluss entlang in Richtung Süden auf den Weg. Kaum bin ich wenige Schritte vom Campingplatz – welcher zurzeit völlig verwaist ist – entfernt, schon geschieht ein kleines Wunder: Es ist still. Kein Windhauch ist zu spüren. Eine schwache Sonne lugt hervor und lässt die Oberfläche des Rio Lapataia, der an dieser Stelle ziemlich breit ist, silbern glänzen. Von seinem flachen Ufer fliegen immer wieder mir zu­nächst unbekannte Vögel auf. Ihr Gefieder ist an der Oberseite braun und an der Unterseite zimt­braun mit weißlicher Fleckung. Ich identifiziere sie als eine kleine Falkenart und ziehe daraus den Schluss, es seien die im Süden des Kontinents sehr häufig vorkommenden Chimangos [Chimango] (Milvago chimango).
An einer seichte Stelle des Flusses waten weitere Vögel – aber um welche Art handelt es sich? –, die penibel den Sicherheitsabstand zu mir halten. Schließlich bin ich ja bewaffnet – mit einem Teleobjektiv!
Nachdem ich die Brücke über den Fluss und eine Station der Gendarmeria National passiert habe, gelingt es mir immerhin, mit der Kamera an einzelne Magellangänse (Chloephaga picta) näher heranzu-kommen, die entlang des Paseo de la Isla (Inselwanderweg) häufig zu sehen sind. Der Lapataia wirkt an dieser Stelle fast wie ein See mit einzelnen kleinen Inseln und wird Archipel der Kormorane genannt. Tatsächlich kann ich einige dieser Vögel in der Ferne erspähen.
Der Weg führt in einem ständigen Auf und Ab durch eine Urlandschaft unerwarteter Schönheit, in der ich der einzige Besucher bin, und weil die Sonne immer öfter den Eindruck erweckt, sich durchsetzen zu wollen, schwebe ich bald auf einer Wolke der Zufriedenheit, wenn nicht gar der Begeisterung. Ein paar Mal überquere ich die Hauptstraße und werde prompt – nur damit ich nicht vergesse, das ich eben nicht fern von allem und allen bin – von vorbeifahrenden Touristenautos mit einer Staubwolke beglückt. Bei der Laguna Verde (Grünen Lagune) halte ich mich etwas länger auf – so atemberaubend schön ist die Aussicht. Leider trübt es sich dann langsam wieder ein, und als ich bei der Laguna Negra (Schwarzen Lagune) ankomme, wo ein beeidruckendes Moor in Ent­stehung zu bewundern ist, fängt es an zu tröpfeln.
Bald ist es grau in grau. Wald und Landschaft konturenlos und ohne Raumtiefe. Zu diesem Wetter passen einzig und allein die gespensterhaft wirkenden toten Bäume, die hie und da aus modrigen kleinen Tümpeln herausragen. So wandere ich, nunmehr nicht mehr so beschwingt, über den Paseo del Mirador zur Baiha Lapataia (Lapataia-Bucht), wo die Busse abfahren, die mich zurück nach Ushuaia bringen sollen.
Gegen Abend, während ich gemütlich in einer Bar sitze und – was sonst? – ein „bife“ esse, wird der Regen stärker. Bald gießt es in Strömen. Ich kann gerade noch ein Taxi finden, der mich die in Schlamm verwandelte Straße hinauf zur cabana fährt.
15. März
Zur Estancia Harberton
Ein kleiner südkoreanischer Daewo, ein Zwerg von einem Auto, für nur 95 Pesos pro Tag, und das bei unbegrenzter Kilometerzahl! Es soll mir die Freiheit bringen, den anderen Touristen ein wenig aus dem Weg zu gehen. Laut Vermieter ist der Wagen auch für rutas no pavimentadas (unbe­fes­tigte Straßen) tauglich, sofern man con cuidado (mit Vorsicht) und höchstens 50 Kilometer pro Stunde fährt.
Nach einem Abstecher in die Randbezirke der Stadt – die Luft ist stechend klar und ich will die Gelegenheit nutzen, um ein paar Bilder zu schießen – fahre ich die große Ausfahrtstraße, die Ruta 3, in Richtung Osten. Die ersten 30 Kilometer sind noch geteert, der Himmel noch klar, ich fahre und fühle mich frei – es ist ein Vergnügen! Nach der Umfahrung des Monte Olivia, des Wahr­zei­chens Ushuaias, öffnet sich die Aussicht auf ein weites Tal, das zu einem beachtlichen Teil aus ei­nem Hochmoor besteht, aus dem an manchen Stellen Torf gestochen wird. Im Hintergrund ragen sonnenbeschienene Bergspitzen empor. Ein atemberaubendes Panorama! Wenige Kilometer weiter verbreitert sich das Tal noch weiter, jetzt besteht es fast vollständig aus einem noch ausge­dehn­te­ren Moor, das rötlich im Gegenlicht schimmert. Kurz darauf fahre ich an den Wintersportzentren Tierra Mayor, Cerro Castor und Haruwen vorbei, von denen ich aber von der Straße aus nur ein­zelne Berggasthäuser, die Trasse eines Sessellifts und Schilder, die auf Langlaufstrecken ver­wei­sen, sehen kann.
Kurz darauf zweige ich in die Erdstraße in Richtung Estancia Harberton ab. Die plötzlich auftretende Bewölkung gibt den Wäldern einen düsteren Charakter und unterstreicht die Einsamkeit dieses Landstrichs. Zwischendurch sehe ich immer wieder kleine Gruppen von ab­ge­stor­benen Bäumen, die gespensterhaft aus einem Tümpel her-ausragen. Sie sind – so habe ich gelesen – auf die un­er­müdliche Dammbau-Tätigkeiten von Bibern zurückzuführen. Durch die Däm­me staut sich das Was­ser, und das zum führt Bäumesterben. Die Biber, die in Patagonien nicht heimisch sind, wurden ihrer Felle wegen 1946 aus Kanada eingeführt. Das Projekt wurde aber zu einem kompletten Fias­ko, weil die Biber, da die Winter in Feuerland nicht annähernd so streng sind wie in Nord­ame­ri­ka, weniger dicke und weiche Pelze als ihre kanadischen Vorfahren entwickelten. Außerdem ver­mehr­ten sie sich, weil sie hier keine natürlichen Feinde haben, wie die Kaninchen. So wurden sie zur Plage.
Als mich nur noch wenige Kilometer vom Beagle-Kanal trennen, öffnet sich die Landschaft und ver­ändert fast schlagartig ihren Charakter. Aus einer bedrohlichen Wildnis, in der düstere Sümpfe und bizarre Geisterwälder vorherrschen, wird eine sanfte, hügelige, fast anheimelnde Weite. Zur glei­chen Zeit reißt die Wolkendecke auf und die kräftige Mittagssonne taucht die Hügel in ein grelles, warmes Licht. Und weil der Wind die Wolken immer wieder vor die Sonne schiebt und sie kurz da­rauf erneut wegfegt, sieht es fast so aus, als wäre ich im Theater, wo die Bühne abwechselnd von Scheinwerfern hell beleuchtet und abgedunkelt wird. Die Bühne, das sind gewellte, von gelben Grasbüscheln und sparrigen Bäumen bedeckte Anhöhen im Vordergrund, fjordartige Meeres­buch­ten in der Ferne und weit, weit hinten, als Kulisse, die Zacken der Chilenischen Cordillera.
Ein roter Reisebus, der exakt auf der Kuppe eines Hügels stehen geblieben ist, lässt mich ver­mu­ten, dass es dort etwas Sehenswürdiges geben muss – und sei es auch nur eine besondere Aus­sicht. Die Reisegruppe besteht in der Hauptsache aus jungen Menschen, die sich, in kleine Grüpp­chen aufgeteilt, auf den Hügel begeben haben und dem Anschein nach ganz merkwürdige Dinge tun. Ausnahmslos trägt jeder ein Notizheftchen in der Hand, guckt vorwiegend auf den Boden, hebt Steine auf, schaut in die Ferne. In Gruppen scharen sie sich um einzelne Personen, von deren Äu­ße­rungen ich nur einzelne Worte aufschnappen kann: subglacial, formacion de los arboles, mor­pho­logia, maxima pendencia. Es sei, erfahre ich, eine „class of geology" der Universität von Ushuaia.
Der Zufall will es, dass diese sehr stark dem Wind ausgesetzte Anhöhe noch etwas anderes bietet als Mineralien und Aussicht auf Moränenlandschaften. Hier gibt es nämlich einen, wenn nicht sogar den Hain mit jenen windzersausten, krummen Bäumen, die beinahe als Symbol der wind­ge­peitsch­ten Tierra del Fuego gelten. Die meist fotografierten Bäume Südamerikas, vermute ich, und schaue sie demütig an – Schweigeminute!
Touristen wären nach zehnminütiger Besichtigung wieder zu ihrem Bus zurückgepfiffen worden, die Studenten bleiben hingegen wie festgenagelt hier. Nach einer halben Stunde sind sie immer noch da. So warte ich nicht nur auf die Sonne, die immer wieder verschwindet, um für Augenblicke wie­der leuchtende Flecken in die Landschaft zu zaubern, sondern auch auf den Augenblick, an dem ich überall hinschauen kann, ohne eine menschliche Gestalt erblicken zu müssen.
Der Mensch ist Besitz ergreifend. Die schönsten Fleckchen Erde möchte er gerne für sich allein haben, und sei es auch nur für einen Augenblick der Inspiration.
Als ich weiterfahre und kurz darauf bei der berühmten Estancia Harberton ankomme, bin ich trotz des extraklaren Nachmittagslichts ein wenig enttäuscht. Die Küste ist flach und kahl, die Bucht schmal und ihre Ufer weisen nur unscheinbare dunkle, steinige Strände auf. Von keiner Anhöhe aus gibt es berauschende Ansichten. Außerdem ist gerade ein Ausflugsschiff aus Ushuaia ein­ge­trof­fen, dessen Passagiere in alle Richtungen ausschwärmen und in großer Anzahl die Teestube des Farmhauses überfallen, in der ich hoffte, in aller Stille einen Kaffee trinken zu können.
Ich spüre es schon die ganze Zeit: Irgendetwas fehlt mir. Erst jetzt fällt es mir wie Schuppen vor den Augen. Es ist der Wind. Wie kann ich windzersauste Bäume sehen, aber den Wind vermissen müssen, der ihre Form gestaltet hat? Habe ich nicht gelesen, dass über Patagonien immer der Wind herrscht? Dass er von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weht, an einem Tag wie dem anderen, Sommer wie Winter, Jahr für Jahr? Dass er sich von den Bergen stürzt, schaumgekrönte Wellen auf die Seen zeichnet und über die Steppe fegt und Bäume krumm wachsen lässt? Und gerade jetzt, hier wo jedes Detail vom Wind erzählt, erlebe ich nur ein so schwaches, schüchternes Lüftchen?
Es spukt
Als ich mich in die cabana zur Nachtruhe begebe, erwarten mich dort, statt der nächtlichen Stille, schier unheimliche Geräusche. Es ist, als würden Scharniere quietschen oder Hagelkörner aufs Dach klopfen, als kratzte ein Geist an die Fenster, oder es schlüge jemand mit Peitschen gegen die Wände. Es ist unheimlich. Die Geister der ausgerotteten Ona- oder Alacaluf-Indianer? Einbrecher? Das Geheimnis ist bald geklärt: Es ist der Wind, der die dünnen Äste der Buchen, die äußerst dicht am Haus wachsen, gegen Wände und Fenster schlägt.
Magellangans Nationalpark Feuerland Laguna Verde Chilenische Cordillera Siedlung am Rande Ushuaias Monte Olivia Chilenische Cordillera Siedlung am Rande Ushuaias Laguna Verde