Argentinien/Chile    REISEBERICHT VON BERND ZILLICH  
 
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ARGENTINIEN/CHILE 2014
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Der letzte Tango des Salvador Allende: Roman
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Die chilenische Küche
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Valdivia: Die Geschichte der ersten deutschen Tiefsee-Expedition
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26. März
Zurück aufs Festland
Bild vergrössern Bild vergrössern Bevor ich die Fähre zurück aufs Fest­land nehme, gönne ich mir noch ein Bierchen (begleitet von einer Portion Congrio) in einem Restaurant an der Anlegestelle in Chacao. Ich habe keine Eile! Puerto Montt kenne ich bereits. Se­hens­würdigkeiten gibt es so gut wie keine. Es sei denn, man findet Ge­fallen am Chaos der modernen Gebäude und den wenigen übriggebliebenen klei­nen Holzhäusern aus der Epoche der frü­hen Einwanderer. Die Ha­fenstadt Puerto Montt wurde vor gut 150 Jahren von deut­schen Einwanderern er­rich­tet. Hotels und Lokale der Stadt tragen hier nicht selten deutsche Namen, sie ser­vie­ren sogar Schwarzwälder Kirschtorte und das Wort „Kuchen“ ist auf jeder Spei­sekarte zu finden.
Das Fehlen schöner historischer Straßenzüge beruht auf das verheerende Erdbeben, das die Stadt am 22. Mai 1960 zu großen Teilen zerstörte. Das dreiminütige Beben mit Epizentrum in Valdivia und einer Stärke von 9,5 Grad war das Erdbeben mit der weltweit größten jemals aufgezeichneten Magnitude und das schwerste Erdbeben des 20. Jahrhunderts.
Puerto Varas
Bild vergrössern In Puerto Varas schließe ich Bild vergrössern den Tag mit einem langen Spaziergang an der „costa­nera". Herrlich der Blick auf den Vulkan Osorno und den See. Übernachtung wieder im Hotel Casa Kalfu.
27. März
Auf der Panamericana nach Norden
Ab Osorno wird die Ruta 5 (ein Teil der Panamericana) ziemlich eintönig, nämlich zur schnurgeraden Autobahnstrecke in einer flachen, leicht besiedelten Landschaft. Zudem kommt Nebel auf. Erst als ich etwa auf der Höhe von Valdivia bin, wird die Ge­gend wieder etwas anregender. Sie wird einsam und dicht bewaldet und weckt daher gleich wieder meine Abenteuerlust. Ab und zu reißt der Nebel auf und ein paar Sonnenstrahlen zau­bern ansprechende Licht-Schatten-Muster auf die Landschaft.
Um mein Ziel zu erreichen, müsste ich bei der Ausfahrt „Los lagos“ nach Osten ab­zwei­gen. Leider wird sie zwar angekündigt, Bild vergrössern aber es fol­gen dann nur Hinweise auf klei­ne Ortschaften, die auf meiner Straßenkarte nicht zu fin­den sind. Endlich dann ein Hinweisschild nach Malihue, das auf der Strecke liegt. Nach wenigen Kilo­me­tern ist es aber aus mit dem As­phalt – „fin de pavimento“ –, und es warten 37 km „camino de tierra“ (Schotter- oder Erdstraße) auf mich. In Argentinien gibt es Zehntausende von Kilometern davon, in Chile vielleicht Bild vergrössern we­ni­ger: von den harmlosen aus fest gestampfter Erde, die auch höhere Ge­schwin­dig­ke­iten erlauben, zu denen mit lo­cke­rem Schotter, bis hin zu jenen mit großen, halb aus dem Boden ragenden und nicht selten scharfkantigen Steinen, die die Reifen mürbe machen und Ölwanne und ähnliche empfindliche Auto­tei­le stark gefährden. Als ich an einem ver­fal­lenen Haus vor­beifahre und in einer fast absoluten Stille das Kreischen der Tero Tero (Sporn­ki­bitze) höre, macht sich bei mir die Hoffnung breit, in ein nicht allzu sehr „er­schlos­se­nes“ Gebiet angekommen zu sein. Aber meine Freude hält nicht lange an. Offen­sicht­lich habe ich nur die falsche Ausfahrt genommen.
Bild vergrössern Am Ende der Schotterstraße führt mich eine bestens aus­ge­bau­te Straße weiter in Richtung Panguipulli, einer Gemeinde in der Pro­vinz Valdivia. Und dass dieser Ort nicht von Touristen über­lau­fen ist, ist wohl nur der späten Jahreszeit zu verdanken. Mir soll es recht sein! Die Stadt Panguipulli liegt direkt am Westufer des gleich­na­mi­gen tiefblauen und glasklaren Sees und ist ein be­lieb­tes Tou­ris­muszentrum, das besonders von Anglern sehr gerne besucht wird. Es werden hier unter anderem Forellen und Lachse gefangen. Lohnenswert ist ein Besuch der Kirche, die 1947 vom Kapuzinermönch Bernabé de Lucerna (aus Luzern) gebaut wurde und einen markanten Schweizer Einfluss aufweist. Es war vor allem seine Holz­bau­wei­se, die der Kir­che half, die beiden verheerenden Erdbeben von 1960 und 2010 zu überstehen.
Das Naturschutzgebiet Huilo Huilo
Der Valdivianische Regenwald ist ein weltweit einzigartiges immergrünes und kalt­ge­mäßigtes Ökosystem, das zwischen der chilenischen Pazifikküste und den Anden liegt. Die Temperatur liegt im Jahresdurchschnitt nur zwischen 11° und 12° C, und die Niederschlagsmengen betragen bis über 2400 mm im Jahr. Entsprechend hoch ist die jährliche Anzahl von Regentagen, bei ständig hoher Luftfeuchtigkeit. Inmitten der ur­sprünglichen Natur dieser südchilenischen Kaltregenwälder liegt das 100.000 Hek­tar große Naturschutzgebiet Huilo Huilo, dass im Jahr 2007 zum Bio­sphä­ren­re­ser­vat der UNESCO erklärt wurde. Unter den Tieren, die in diesem Naturreservat geschützt wer­den, befinden sich der Huemul (Hippocamelus bisulcus), die Chilenische Wald­katze (Leo­pardus guigna), die Pampaskatze (Leo­pardus colocolo), der Andenschakal (Lycalopex culpaeus) und die Chiloé-Beu­tel­ratte (Dromiciops gliroides).
An dieser Stelle muss ich ehrlicherweise zugeben, dass es nicht die Ursprünglichkeit dieses Regenwalds und die exotischen Tiere waren, die mich in diese Gegend gelockt haben, sondern ein äußerst extravagantes Hotel, das ich unbedingt sehen wollte:  die „Montaña Magica“ (deutsch: der Zauberberg).
Bild vergrössernIn den 1970er Jahren war  die Gegend um den Vulkan Mocho Choshuenco in Gefahr geraten, ihren natür­li­chen Zustand zu verlieren. Wald wurde gerodet, autochthone Tiere wurden durch einge­schlepp­te Arten verdrängt, und die Dorfbewohner mussten immer häufiger wegziehen, um Ar­beit zu finden. Es war der Geschäfts­mann Victor Pe­ter­mann, der 1990 ein etwa 100.000 Hektar großes Areal  kaufte, um daraus zusammen mit Naturschützern ein privates Naturreservat zu machen, das 1999 schließ­lich eröffnet wurde. Victor Petermann hatte
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auch die Absicht, eine Form von nachhaltigem Tourismus zu ent­wi­ckeln und die Ge­mein­den vor Ort zu stärken. Ein Hotel musste her, das in die Natur ein­gebunden und extra­va­gant ge­nug sein musste, um Tou­ris­ten anzu­locken. So ließ er mitten im Wald die skur­ri­le Lodge Montaña Magica errichten, die der Form ei­nes Vul­kankegels nach­ge­baut ist, und an dessen  grün be­wach­se­nen Außen­mau­ern ein Wa­sserfall hi­nun­ter rinnt. Erst wenn man genauer hin­sieht, ent­deckt man zwi­schen Kletter­pflan­zen und Moos die Fenster der Zimmer.
Das Konzept war erfolgreich. Es gelang sogar, den fast ausgestorbenen Huemul neu anzusiedeln. Die Dorf­be­woh­ner wurden zu Naturschützern, Reise­füh­rern und Hotel­an­ge­stellten ausgebildet,Bild vergrössern und das außerge­wöhn­li­che Hotel war schon kurz nach seiner Errichtung kein Ge­heim­tipp mehr. So wurde ein weiteres Hotel gleich da­ne­ben ge­baut, das Hotel Baobab, das später auf Nothofagus umbenannt wurde, den wissen­schaft­li­chen Namen einer Familie von einheimischen Bäumen wie Ñire, Lenga und Coihue.
So beschreibt es die Werbung: „Hervorragend ein­ge­passt in das Biosphärenreservat von Huilo-Huilo, bietet das Hotel Nothofagus spekta­ku­läre Ausblicke auf den Kalt­re­gen­wald und auf Vulkane des Vorandengebirges. Den Gast erwartet Bild vergrösserneine gelungene Mischung aus Natur­nähe und Annehmlichkeiten eines ge­mütlichen und stil­vollen Hotels.“ Unnötig zu sagen, dass sich der Preis in dünner Luft bewegt. Unter 200 US$ für das Einzelzimmer geht gar nichts. Zu meinem Glück ist kein Zimmer mehr frei und ich muss mit einer „cabaña", einer mit allem Kom­fort versehenen Blockhütte, vorlieb nehmen.
Das dritte Hotel im Bunde, die Lodge Reino Fungi, setzt die architektonische Linie des ethnischen Surrealismus der beiden anderen fort. Es hat die Form eines Pilzes.
Im Restaurant des Hotel Nothofagus
"Salmon grillado posado en pastelera de choclos, bañado en mantequilla de luche y cebollitas glaseadas“ (Gegrillter Lachs an Creme von Maiskörnern mit Algenbutter und glasierten Perlzwiebeln). „Semifrìo de Membrillo en salsa de Toffe, espuma de Murtas y Crocante de Sesamo“ (Quitten-Parfait mit Karamellcreme, Murta-Schaum und Sesamkrokant). Keine Frage, dass bei solchen Gerichten die Rechnung üppig ausfällt. Für hiesige Maßstäbe, versteht sich. Die Lautsprecher flüstern die dazu pas­sende sanfte Musik in den Raum.


Bild vergrössernDas Nothofagus gleicht einem riesigen ausgehöhlten mehrstöckigen Zylinder, dessen Einrichtung komplett in Naturholz ist, und in dessen Mitte, wie in einem über­ho­hen Patio, ein Baum wächst. Von meinem Tisch in Res­tau­rant kann ich den plätschernden Wasserfall im Par­terre sehen und die Rampe, die von Stockwerk zu Stockwerk zu den Zimmern führt.
Das Paradoxe: Die letzten dreißig Kilometer zu diesem Hotel der Superlative führten wieder über eine unbefestigte steinige Straße, ein äußerst holpriges und staubiges „camino". Dieses fantastische Hoteltrio, mitten im tiefsten Urwald gelegen, war von der Straße aus zunächst kaum zu sehen. Ebenso die ganz in der Nähe gelegenen – preis­werteren aber umso originelleren - Baumhäuser des Canopy Village.
28. März
Hochnebel, Wolken? Die wundersamen Hotels sind an diesem Morgen in ein ge­spen­s­tisches Grau getaucht. So kann ich mir die Zeit nehmen, um ohne Zeitdruck gemüt­lich zu frühstü­cken. An dem reichlich gedeckten Buffet drängen sich noch zahlreiche Gäste. Die Meisten von ihnen seien Teilnehmer eines Kongresses, erklärt mir Herr Morales, den ich gestern kennen gelernt habe, und der es wissen muss, denn seine Frau ist Teilnehmerin eines Onkologie-Kongresses. Das erklärt auch, wes­halb die teu­re Herberge ausgebucht ist. Herr Morales schwärmt unentwegt von Valdivia, vor al­lem von den Häusern mit typisch deutscher Bauweise, die er mir aus seinem Note­book zeigt. Mehr als eine Halbe Million Chilenen stammen von Deutschen ab und ihr Hauptsied­lungs­ge­biet war genau hier im Kleinen Süden von Chile.
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Zum tiefen „Erleben“ des Regenwalds komme ich kaum, zu düster ist die vom Nebel verschlungene Natur. Der Bewuchs ist so stark, dass man ohne Machete den Weg gar nicht verlassen könnte. Wäre der Pfad hinunter zum „Salto Leona“ (Wasserfall der Löwin) nicht so gut be­schildert, mit Laufstegen versehen und z.T. mit Holzge­län­dern gesichert, könn­te dieses Ambiente meine Fan­ta­sie anregen und mich Ge­fahren und Abenteuer ge­dank­lich erleben lassen, als seien sie Realität. In der Tat, wenn ich einmal stehen bleibe, sodass meine Schritte kein Geräusch mehr er­zeugen, überfällt mich eine wun­der­ba­re Stille, die zu dieser Stunde nicht einmal von Vo­gelstimmen gebrochen wird. Ich fühle mich in die Urzeit zurückversetzt, aber ohne deren Gefahren.
Puerto Fuy
Ich fahre weiter nach Puerto Fuy, am Pirehueico See. Trotz der auffälligen Ur­sprüng­lichkeit der Landschaft befinde ich mich in einer Touristengegend. Die Hotels sind nur unauffällig in die Landschaft integriert. Es werden Kanufahrten, Ritte, Rafting und Fischpartien angeboten. Nur der späten Jahreszeit verdanke ich, dass ich diese pa­radiesische Gegend fast für mich allein habe.
Bild vergrössernEine Fähre steht Bild vergrössern im kleinen Ha­fen an der Anlegestelle. Um ein Uhr nachts könnte ich mit dem Auto zum Ost­ufer übersetzen, und käme damit ganz nahe an die ar­gentinischen Grenze heran, etwa auf der Höhe von San Martin de los Andes. Leider erfahre ich, dass der Grenz­über­gang geschlossen ist. So muss ich wohl oder übel zurück über Osorno und den Cardenal-Samoré-Pass.
Während der Rückfahrt trübt sich das Wetter ein, und es setzt zeitweise ein heftiger Regen ein. Chilenisches Wetter, also.