Argentinien/Chile    REISEBERICHT VON BERND ZILLICH  
 
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24. März
Zur Insel Chiloè
Frühstück einmal anders: Cherimoya-Saft, Huevos revueltos (Rühreier), Brot, Butter, Mermelada de Arándano (Moosbeeren-Marmelade), verschiedene Früchte – dies alles bereits in kleinen Schälchen „prêt à manger“ portioniert.
Bild vergrössernDie Straßenbeschilderung der Gegend ist alles anderes als übersichtlich. Um ins Zentrum von Puerto Montt zu gelangen – was ich eigentlich nicht hätte tun müssen – und weiter nach Pargua  zu gelangen, wo die Fähren zur Insel Chiloé abfahren, muss ich mehrmals fragen. Der Kanal von Chacao ist die Meerenge, welche die Insel Chiloé (genauer gesagt, der Archipel von Chiloé) vom Festland trennt. Die Überfahrt dauert keine 20 Minuten, dann sind wir in Chacao. Von hier aus geht es über Ancud weiter nach Süden in Richtung Castro.
Verglichen mit den atemberaubenden Landschaften auf der argentinischen Seite und den idyllischen Landschaften der „Región de los Lagos“ ist Chiloé eher eintönig. Bild vergrössernStel­lenweise sieht (und riecht) man riesige Eukalyptus-Plan­tagen, dann fährt man längere Strecken durch eine leicht hügelige Wiesenlandschaft mit niedrigen Sträu­chern und kaum nennenswerten Siedlungen, meistens han­delt es sich um einzelne kleine, etwas armselig wirkende Farm­häuser. Auf­fal­lend sind nur die Merkwürdigkeiten der Stra­ßen­beschilderung. Einmal wird die Entfernung zur Hauptstadt Castro mit 76 km beschildert, Sekunden darauf ist ein Schild mit 72 km zu sehen. Damit ich aber nicht denke, ich würde mit überhöhter Geschwindigkeit fahren, beruhigt mich das nächste Schild mit der Angabe von 80 km, allerdings nach wenigen Minuten gefolgt von einem weiteren mit 60 km.
Castro
Bild vergrössernCastro, die Hauptstadt Chiloés, ist die drittälteste Stadt Chiles, die seit ihrer Gründung ununterbrochen bewohnt ist. Ganz bewusst habe ich ein Zimmer im charmanten Ho­tel Patio Palafito reserviert, das zwar auch für chi­le­nische Verhältnisse ziemlich teuer ist (130 US$/Tag), aber die Ver­su­chung, einmal im Leben in einem Pfahl­bau mit direktem Blick aufs Meer zu wohnen, war zu verlockend! Man lebt schließlich nur einmal!
Abends
Bei „Congrio a la plancha“ (gegrilltem Meeraal, dem bedeutendsten Speisefisch Chiles) „Arrroz graneado“ (körnigem Reis), „Ensalada de Palmitos“ (Palm­her­zen­sa­lat) und Papaya-Kompott, alles von einem leichten Weißwein begleitet, endet im halb­leeren Restaurant Donde Eladio dieser Tag.


Der Kellner und der einzige Gast außer mir schauen wie gebannt auf den Flach­bild­schirm an der Wand, auf dem irgendeine mit vielen Tränen und Autover­fol­gungs­jag­den gespickte Schmonzette läuft. Die zahlreichen wie Bischofsmützen gefalteten Ser­vietten in den Weingläsern auf den gedeckten Tischen sehen aus wie ein Heer von Zwergen, die seit einer Ewigkeit auf etwas warten, was nicht kommt. Diese Leere scheint mir einzuflüstern, dass Castro, die klei­ne schmucke Hauptstadt der In­sel Chiloé, eine Welt für sich ist, die völlig ab­seits der größeren Tou­ris­ten­ströme liegt.
Meine ständige Suche nach Orten, die in einem Irgendwo, den ich verallgemeinernd Bild vergrössern als „Ferne“ bezeichne, sich selbst gleich geblieben sind, hat ein Ziel gefunden. Der landschaftliche Kontrast der Insel zur „Region de los La­gos“ auf dem Festland ist frappierend. Abwechs­lungs­arm und weniger grün, flach bis leicht hügelig. Nur die Ar­chitektur der auf diesem unspektakulären Landstrich verstreuten kleinen Holz­häuser, die in ihrer einfachsten Variante an Onkel Toms Hütte erinnern, fasziniert mich, als ob jedes kleine farbig gestrichene Holzgebäude mit einem kleinen Hof, in dem ein paar Hühner sich tum­meln oder ein einsames Schaf grast, eine unvergleichliche Sehenswürdigkeit wäre.
25. März
Jetzt sitze ich schon wieder in einem Restaurant. Es heißt „Brisas del mar“ (Meeres­brise) und ist eine Pfahlbaut mit direktem Blick aufs Meer. Auf der Speisekarte steht fast nur Fisch. Für umgerechnet Bild vergrössernkaum mehr als drei Eu­ro ist die Portion Congrio um einiges preiswerter als im gestrigen Restaurant – und schmeckt genauso gut. Das Ambiente, die Aussicht, alles ist perfekt! Das erste tou­ris­tische Muss, eine Rundfahrt auf einer „lancha“ (Aus­flugsboot) entlang der Küste, habe ich bereits hinter mir. Herrlich die Aussicht vom Meer aus auf die „pa­la­fi­tos“ (Pfahlbauten), das Wahrzeichen der Stadt. Nach der Fahrt verabschiedete sich der Fremdenführer auf dem Boot sich den Gästen humorvoll mit den Worten: „Wer Trinkgeld gibt, darf links aussteigen (zum Steg hin), die anderen nur rechts (ins Meer)". Das Motto „Su propina es mi sueldo“ (Ihr Trinkgeld ist mein Lohn) offenbart, dass der Mann ausschließlich von den Trinkgeldern lebt.
Bild vergrössernMan muss die „palafitos“ erleben, um das wahre Chiloé ken­nenzu­lernen, sagen die Chiloten, denn wenn man in die Stadt kommt, ist es ein wenig so, als würde man in die Zeit der alteingesessenen Völker zurückkehren, der Huilliche, der Nomaden des Meeres, zurück zu Bild vergrössern ihrer fast amphi­bi­schen Lebensart am Meer. Als würde man das Chiloé wiederentdecken, das 1826 von den chi­le­ni­schen Trup­pen erobert und von Chile einverleibt wurde. In je­ner Zeit gab es den Panamakanal noch nicht, und die Schif­fe waren gezwungen Kap Horn zu passieren, wobei der erste Hafen nach Punta Arenas damals jener der In­sel Chiloé war. Es war also ganz natürlich für die Insulaner, ihre Häuser direkt am Meer zu bauen, auf hohen Pfählen als Schutz vor den Gezeiten. Später bauten auch die Fischer ihre Häuser am Meer, weil sie sich die teuren Grundstücke auf dem Fest­land nicht leisten konnten.
1936 wurde ein großer Teil der Stadt von einer Feuersbrunst zerstört, und mit ihr auch zahlreiche Pfahlbauten. Weitere Gebäude fielen dem großen Erd­be­ben von 1960 und dem anschließenden Tsunami zum Opfer.
Die „dueña" (die Eigentümerin und gleichzeitig Architektin) des Hotels erzählte mir, dass in den 1970er Jahren eine weitere massive Gefährdung der Pfahlbauten er­folg­te, als der „cabildo“ (Gemeinderat) der Stadt beabsichtigte, die "palafitos“ abreißen zu lassen, weil sie als Elends­viertel und deshalb als ein Schandfleck galten. Es gab einen Aufschrei seitens der Architekten und einem großen Teil der Be­völ­ke­rung. Es wurde das „Taller Puerta Azul", ein Verein, das sich die Erhaltung der Pfahlbauten als Auf­ga­be gesetzt hatte, gegründet. Bild vergrössernAngeführt vom pro­minenten Ar­chitekten Edward Rojas gelang es, die Ver­antwortlichen davon zu überzeugen, dass es sich mehr um ein ethi­sches als um ein ästhetisches Problem han­delte. Man musste die Häuser wieder instand set­zen, an das Ka­na­lisationssystem anschließen und mit Strom­an­schluss versorgen, das heißt, aus ihnen wieder würde­vol­le Be­hausungen für ihre Bewohner machen.
Als Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts die UNESCO damit begann, die Kir­chen Chiloés zum Welterbe der Menschheit zu erklären, wurde auch aus der Be­son­der­heit der Pfahlbauten ein Anziehungspunkt. 2008 wurde schließlich das erste Gäste­haus in einem "palafito“ eröffnet. Langsam wurden Castro und seine Pfahl­bauten zum touristischen Ziel.
Bild vergrössernMit dem Bebauungsplan von 2007 machte sich die Ge­mein­deverwaltung eines architektonischen Sündenfalls schuldig, der möglicherweise – wie es bei der Elbbrücke von Dresden der Fall war – der Stadt ihren Status als Welterbe kosten könnte. Es wurde ein „centro com­mer­cial", eine Einkaufs-Mall von bestechender Hässlichkeit gebaut, welche von einer durch den Konsum gehirn­ge­wa­sche­nen und blind an die "Moderne“ glaubenden Bevölkerung sogar gutgeheißen wurde. Für den Monsterbau, der den Hügel verunstaltet und mit seinem schieren Volumen die kleinen, am Hang gebauten traditionellen Häuser erdrückt, stimmte bei einer Um­frage 94,7% der Bevölkerung.
Die heutige Hauptstadt Castro wurde im Jahr 1567 von Martín Ruiz de Gamboa ge­grün­det. 1608 kamen die Jesuiten nach Chiloé und starteten eine Missio­nie­rungs­kam­pagne unter den ansässigen Huilliches, die später von den Franziskanern fortgesetzt wurde. 1612 wurde die erste Kirche auf Chiloé errichtet. Weitere Holzkirchen folgten, viele von ihnen waren architektonische Meisterwerke. Wegen der Notwendigkeit, über mehr Priester zu verfügen, bemühte sich die Ordensgemeinschaft beim König um die Erlaubnis, auch nicht spanische Jesuiten auf die Insel zu holen. So kamen Geistliche aus verschiedenen Ländern Europas, vor allem aus Bayern, Siebenbürgen und Un­garn. Sie gaben im 18. Jahrhundert dem Bau von dauerhafteren Kirchen den Auf­trieb. Sie ließen sich beim Bau von den Kirchen ihres Landes inspirieren und brachten auch das Wissen um die entsprechenden Bautechniken ins Land. Die Beiträge der chilotischen Tischler waren vor allem ihre Arbeitskraft, das Baumaterial, aber auch eigene Techniken, die vom Schiffsbau inspiriert waren. Nachdem die Jesuiten 1767 von der Insel vertrieben wurden, fuhren die Franziskaner mit ihrer Arbeit fort.
Bild vergrössernBild vergrössernAn der „Plaza de Armas", dem Mittelpunkt Castros, erhebt sich die wichtigste Kirche der Stadt, die Iglesia de San Francisco, die aus verschiedenen Holzarten (Ul­me, Zypresse, Eiche) ge­zim­mert wurde. Bereits 1567 stand an die­ser Stelle eine Kirche. Der heutige 1910-12 nach einem Brand im Stil der Neugotik vom italienischen Architekten Eduardo Pro­vasoli neu errichtete Bau ist mit 52 m Länge und 27 m Breite das größte Kirchengebäude der Insel. Die beiden Türme der 1997-99 renovierten Kirche sind 42 m hoch und weithin sichtbar. Zweifelsohne ist die Kirche San Francisco de Castro die monumentalste von allen und mit ihrer orangefarbenen Fassade von be­ste­chender Schönheit. Die Kirche wurde 2000 zusammen mit weiteren Holzkirchen in Castro und auf dem Archipel in das Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen.
Insgesamt 150 kleine Holzkirchen aus dem 18. und 19. Jahrhundert gehören zum Wahrzeichen der Insel. 16 davon zählen zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Bild vergrössernBild vergrössernNach der Besichtigung der Franziskus-Kirche fahre ich die 22 km nach Chonchi, von wo ich mich von der Fähre auf die Insel Lemuy über­set­zen lasse. Sie ist mi 97 km² die drittgrößte Insel des Chi­loé-Archipels nach Chiloé selbst und Quinchao. Lemuy ist landwirtschaftlich geprägt, leicht hügelig und beherbergt eine Reihe von Holzkirchen, von denen drei, Aldachildo, Ichuac und Detif in der Bild vergrössernWelterbe-Liste enthalten sind. Mehr als diese Kirche begeistert mich auf dieser Insel die Landschaft – eine Idylle, deren Schönheit auch noch vom zauberhaften Spätnachmittagslicht zur Gel­tung gebracht wird.
Während ich unten an der „costanera“ , der Küsten­stra­ße, auf die Fähre warte, fällt mir ein Schild auf. „Zona de amenaza tsunami“ ist darauf zu lesen, Tsunami-Gefahr.
Abends
22 Uhr. Die Gehsteige sind längst hochgeklappt, herrenlose Hunde laufen kreuz und quer durch die leeren Straßen. Oben in der Oberstadt, wo neben dem kleinen Park die beeindruckende Kirche steht, ist noch ein wenig Leben. Aus  einem „Restobar“ dringt ein angenehmer, leicht säuerlicher Geruch von gebratenem Fisch. Ein Mädchen im Minirock steht vor der „Bar Brujas“ (Hexen-Bar) und plappert in voller Lautstärke in ihr Handy. Drinnen hocken ein paar Jugendliche vor Spielgeräten. Nur zu dieser späten Stunde hat die steile zum Meer hinunter führende Straße den zwielichtigen Charakter vieler Hafenstädte. Aus der Kneipe „La Cueva de Quicavi“ quillt dumpfe rhythmische Musik zur Stra­ße. In den dunklen Nischen hocken noch ein paar junge Leute: Nachtleben in der Provinz.