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Donnerstag, 17. November
El Calafate
El Calafate hat sich seit meinem ersten Besuch (2004) stark verändert. Es ist kaum wiederzuerkennen. Der Tou­rismus-Boom hat in den letzten Jahrzehnten für einen enormen Bevölkerungsanstieg gesorgt. Von den 3.100 Einwohnern von 1991 war der Ort im Jahr 2001 bereits auf 6.400 Einwohnern angewachsen, 2012 waren es dann schon 22.000 – zumindest im Som­mer, wenn die Tourismusindustrie ihren enormen Bedarf an Hilfskräften deckt.
Das Ergebnis ist auch am Wildwuchs an Bauten zu erkennen, die sich die Hänge hi­nauf schmiegen. Dieses Durcheinander von einfachen, teils unfertigen Baracken und kleinen Häusern, von denen keines dem anderen gleicht, sowie zahlreicher Ho­tels der unterschiedlichsten Bauarten, mal einfach und rustikal, mal protzig mit viel Holz und spitzen Satteldächern, strahlt einen ganz besonderen Reiz aus, der an Vita­lität und Aufbruchstimmung denken lässt. Ganz anders also als bei den architek­to­nisch ein­heit­lichen und einfallslosen Wohnsiedlungen mancher Provinz­nes­ter bei uns, die mit ihren banalen und aufdringlichen Kisten mit einheitlich weiß ge­tünchten Fas­saden, großen Kippfenstern und Dächern, die mehr Deckel als Dach sind, allenfalls den sub­tilen Charme von Spießertum und Genehmigungsbehörden ausstrahlen.

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Auch die Mischung von steilen, teils asphaltierten, teils steinigen und holprigen Stra­ßen, sowie von kleinen Vorgärten und Brachflächen übt eine subtile Faszination auf mich aus - kleine (gedankliche) Fluchten eines an sich ordnungsliebenden Menschen!
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Der wahre Lichtblick des Tages ist aber das kleine knallblaue Gästehaus, das weit oben am Hang steht und einen herrlichen Blick auf See und Berg ermöglicht. Und es ist vor allem Margarita zu verdanken, der freundlichen jungen Frau, die mich der­art herzlich empfängt, dass meine anfangs getroffene Entscheidung, den Auf­enthalt in El Cala­fa­te kurz zu halten, wie eine Seifenblase platzt. Und weil ich von Lichtblick ge­spro­chen habe: Das ist wörtlich zu nehmen. Die den ganzen Tag vor­herrschende graue trübe Wolkendecke reißt auf. Das Licht ist wieder da, klarer und betörender denn je. Wie trunken verbringe ich die letzte Stunde des Tages da­mit, den Hügel auf und ab zu laufen, und kann mich an dem plötzlich wieder riesig groß gewordenen Himmel kaum sattsehen.
Nachts: Wie ich es von Patagonien nicht anders erwarte, tobt der Wind dermaßen, dass man glauben könnte, er würde gleich das Dach abheben.
Freitag, 18. November
Perito-Moreno-Gletscher
Kaum einer der Touristen, die alljährlich den Perito-Moreno-Gletscher bei El Calafate besuchen, weiß, dass er einer der wenigen Gletscher außerhalb der Antarktis und Grönlands ist, der noch kontinuierlich wächst. Ebensowenig, dass er früher Bismarck-Gletscher hieß, weil er 1899 von einem deutschen Geologen entdeckt worden war. Erst später wurde er nach dem Entdecker und Anthropologen Francisco Moreno um­be­nannt. Der Gletscher, der in den Lago Argentino mündet, ist heute Teil des als UNESCO-Weltnaturerbe eingestuften Nationalparks Los Glaciares (die Gletscher).
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Der Gletscher bildet eine fünf  Kilometer breite und (ab der Wasseroberfläche ge­mes­sen) fast 80 Meter hohe Gletscherzunge, die weit in den Lago Argentino hi­nein­reicht. Alle paar Jahre schiebt sich das Eis des wachsenden Gletschers so weit hin zur ge­gen­überliegenden Halbinsel, dass dadurch ein Nebenarm des Sees, der Brazo Rico, abgetrennt wird. Dadurch wird dieser aufgestaut und diese zeitweilige Staumauer aus Eis führt zu einem Pegelunterschied zwischen den beiden Seearmen von bis zu 30 m.
Wenn der Wasserspiegel des Brazo Rico so stark gestiegen ist, dass die Eismassen dem Druck des Wassers nicht mehr standhalten können, kommt es zum Zusammenbruch der Eisbrücke,  die dann mit gro­ßem Getöse einstürzt, wes­we­gen kurzzeitig eine extrem starke Strömung mit sehr ho­hen Flutwellen ensteht, bis der Niveauausgleich erfolgt ist. Zuletzt wäre dieses beein­dru­cken­de Phänomen im März 2012 zu sehen gewesen, weil es aber um 3:30 Uhr in der Nacht geschah, blieb dieses eindrucksvolle Naturschauspiel weitgehend unbe­o­bach­tet, zur großen Enttäuschung von Tausenden Touristen, die in den Tagen zuvor aus aller Welt an­gereisten waren.
Das oben gezeigte Video zeigt den Zusammenbruch vom 14. März 2004, als bei herr­li­chem Wetter eine unüberschaubare Menge von Touristen, Fotografen und Doku­men­tar­filmern das Ereignis hautnah miterleben konnte. Das Schauspiel war damals be­sonders beeindruckend, weil der Pegelunterschied den Höchstwert von 30 m betrug (2012 waren es „nur“ 5,6 m gewesen). Das war darauf zurückzuführen, dass der Zeitabstand zum vorhergehenden Ereignis ganze 16 Jahre betragen hatte. Ärgerlich für mich, dass ich in März 2004 zwar in Patagonien war, aber erst vier Tage nach dem Einsturz, von Ushuaia kommend, in El Calafate eintraf.
Diese zweite Begegnung mit dem „glaciar“ ist für mich ein wenig ernüchternd. Die „pasarelas“ (Laufstege) zwischen den diversen „miradores“ (Aussichtsplattformen) sind zwar heute wesentlich besser ausgebaut als 2004, aber ich muss unwillkürlich daran denken,
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wie schön es noch bis Anfang der 1980er Jahre – wie es meine Tante erzählte – gewesen sein muss, als es noch keinerlei Aussichtsplattformen und Ab­sperrungen gab und man bis auf ein paar Meter oberhalb des Wasserstands (auf ei­ge­ne Gefahr) spa­zie­ren konnte! Aber das sporadische „Kalben“ des Gletschers fas­zi­niert mich nach wie vor, wenn kleine bis große Eisbrocken mit Donnergetöse in den See stürzen und damit kleine Flutwellen auslösen. Ein wenig enttäuschend ist auch, dass es hier keine Anlegestelle mehr für Boote gibt, mit denen man ganz nahe an den Gletscher fahren kann, um vom Boot aus, also von unten, die gewaltige Eiswand auf sich wirken zu lassen.
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Weil das Wetter, das heute Morgen in El Calafate noch sonnig und klar war, sich ein­getrübt hat, und die Berge zeitweise in dichtem Nebel verschwunden sind, fahre ich wieder zurück. Und siehe da! Kaum habe ich mich ein paar Kilo­me­ter vom Gletscher entfernt, schon lächelt wieder die Sonne. So mache ich auf halbem Weg noch einen kleinen Halt beim Günther-Plüschow-Denkmal, das für mich auch der Erin­ne­rung an meine Tante Helga dient, die den deutschen Flieger sehr verehrte. Günther Plüschow wurde als Flugpionier in Feuerland berühmt, wo er als Erster unter anderem die Dar­win-Kordillere, das Kap Hoorn und die Torres del Paine überflog. Er war auch der Überbringer der ersten Luftpost von Punta Arenas in Chile nach Ushuaia. Der kühne deutsche Flieger stürzte 1931 unweit von hier in den Lago Argentino.
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Etwa 19 km vor El Calafate ist mein nächster Halt, ich muss unbedingt noch die un­ge­wöhnliche Felsformation „Los elefantes“ am Fuß des Cerro Comisión bewundern, in der man mit ein wenig Fantasie eine Herde von Elefanten erkennen kann, die mit gesenkten Köpfen in Richtung Lago Argentino laufen.
Es zieht mich auch dorthin. Die Luft ist jetzt so stechend klar und der Wind so eisig, dass am Ufer des „argentinischen“ Sees eine fantastische Atmosphäre herrscht. Der Wind tobt, das Licht blendet und die türkisgrüne Farbe des Wassers ist traumhaft. Was will der Mensch mehr?
Samstag, 19. November
Camino de Ripio
Kann man mehr „altes Patagonien“ erleben als hier? Abseits der großen, inzwischen durchgehend asphaltierten Straße, die zum Perito-Moreno-Gletscher führt, und auf der Scharen von Touristen aller Nationalitäten zur Hauptsehenswürdigkeit gekarrt werden, kommt mir hier auf der ruta provincial 15 nur sporadisch ein Pickup ent­ge­gen, der mir aber mit seiner Staubfahne minutenlang die Sicht nimmt. Ich fahre auf einer ruta consolidada ("befestigten“ Straße) in Richtung Lago Roca. Der Blick hin zum Lago Argentino zu meiner Rechten ist überwältigend und ein male­ri­sches Wol­ken­bild sorgt für die nötige „Big-Sky"-Atmosphäre. Auch der kräftige Wind, der un­auf­hörlich bläst, trägt dazu bei, und ich muss unaus­weich­lich an die Hunderten von Wildwest-Filmen denken, die mein Leben begleitet und Bilder in meinen Kopf ein­ge­pflanzt haben, die immer das Wort „Freiheit“ als Untertitel hatten. Plötzlich, als ob er meine Gedanken gelesen hätte, taucht auf der weiten Steppe neben der Straße ein „echter“ berittener Gaucho auf, der eine tropilla (Schar) Pferde zu wildem Galopp jagt. Was für ein Gefühl! Was für eine Weite! Da kann ich glatt den Zaun wegdenken, der die ganze Strecke entlang parallel zur Straße verläuft.
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Patagonia tragica
Direkt an der ruta 15, etwa 28 km von El Calafate entfernt, befindet sich die Estancia Anita, ein beeindruckend schönes Anwesen. Mit seinen mehr als 74.000 Hektar ist dieser landwirtschaftliche Betrieb einer der größten in der Provinz Santa Cruz. Nur eine Gedenktafel, die in geringer Entfernung von der Estancia die Aufmerksamkeit auf sich zieht, erinnert daran, dass sich auf diesem Boden eines der schrecklichsten Geschehen in der sozialen und politischen Geschichte Argentiniens abspielte. In ei­nem Wellblechschuppen dieser Estancia wurden am 7. Dezember 1921 mehr als hun­dert Landarbeiter und Schafscherer erschossen, die versucht hatten, ihre Rechte mit einem Streik gegen die Gutsbesitzer zu verteidigen. Sie wurden von Soldaten der argentinischen Regierung erschossen, obwohl sie nichts anderes verlangten, als das, was ihnen durch ein Abkommen mit dem argentinischen Präsidenten Yrigoyen bereits zugesagt worden war. Oberstleutnant Varela, der die Erschießungen befehligt hatte, behauptete, dass er nur die Befehle des Präsidenten ausgeführt hatte. Ein paar Jahre später wurde Varela vom deutschen Anarchisten Kurt Wilkens getötet.
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Wenige Großfamilien teilten sich in jenen Jahren ganz Patagonien, und die Estancia Anita mit ihren zugehörigen Latifundien riesenhaften Ausmaßes gehörte der Familie Brown Menendez, die auch heute noch die Eigentümerin ist. Wer in Pata­go­nien Le­bens­mittel einkaufen geht, der ist sicher schon mehrmals auf einen der gro­ßen Su­per­märkte mit dem Namen „Anonima“ gestoßen. Diese größte südargen­ti­ni­sche Supermarktkette gehört zum Brown-Menendez-Imperium.
Der „galpon de fusilamento“ (Erschießungsschuppen) ist längst abgerissen; wo die Überreste der Hingerichteten begraben sind, ist nicht bekannt, und die Familie Brown Menendez weigert sich bis heute noch, die Überreste der Opfer freizugeben. Siehe dazu auch Tragisches Patagonien.
Lago Roca
Es trübt sich ein. In diesem Campingplatz am Lago Roca ist es ein bisschen trostlos. Das graue Wetter und - vor allem - die Vorsaison mögen der Grund dafür sein. Dabei ist der Komplex sowie der ganz in Holz gehaltene Flachbau des Restaurants mit sei­ner durchgehenden Fensterfront sehr ansprechend. Ich genieße den Augenblick, um meine Gedanken zu sammeln, natürlich bei einem cafe con leche. Einen Sprung zum See, dann fahre ich zurück.
Casa Azul
Viel mehr von diesem Land als nur das ständige Sightseeing gibt mir die herzliche Auf­nahme in der Gastgeberfamilie in der Casa Azul. Was für anregende Konver­sa­tion und wie viele hilfreiche Tipps bietet mir der aus Italien stammende Angel, Margaritas Ehemann und Physiklehrer in einer örtlichen Schule. Er und seine Frau zogen vor ei­ni­gen Jahren vom chaotischen, über­be­völ­ker­ten Buenos Aires in die Leere der pa­ta­gonischen Land­schaft - und haben es nie bereut. Es ist, als wäre ich bereits Mitglied der Familie. Mit großer Selbst­ver­ständlichkeit kommt, bereits ei­nen Tag nach meiner Ankunft, der sechsjährige Fede­rijo vor dem Zubettgehen und nach dem Aufstehen zu mir und erwartet schon eine liebe­volle Umarmung und einen sanf­ten Kuss auf die Stirn.
Dieser Umgang mit den Kindern in diesem Haus ist derart warmherzig und sanft und ohne jeglichem Kommandoton, dass es mich ins Staunen versetzt. Überhaupt, ich kann sagen, dass ich in diesem Land bisher sehr viel Freundlichkeit erlebt habe. Schwer zu sagen, ob sie nur mir als Ausländer galt, ist doch andrerseits Argentinien von großer sozialer Kälte gegenüber den Armen geprägt.
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Man darf nicht vergessen, dass am Anfang des argentinischen „Nation Building", wie auch in den USA, ein Genozid stand, infolgedessen heute Argentinien als das eu­ro­päischste Land Südamerikas gilt. Immerhin sind „Nationalhelden“ wie Gene­ral Ar­gen­ti­no Roca", der mit seinem „Wüstenfeldzug“ in der Mitte des 19. Jahrhun­derts die Mapuche-Indianer nahezu ausrottete, mehr und mehr umstritten. In Río Gallegos wurde die Avenida Roca vor Kurzem in Avenida de Kirchner umbenannt, und das Monument des Generals, das auf dem Hauptplatz von Bariloche steht, wird nicht selten mit feindlichen Parolen überschmiert.
Sonntag, 20. November
Pressefreiheit!

Was für ein herrliches Wetter! Eigentlich zu schade, um lange beim Frühstück zu sitzen, aber die Konversation mit Angel ist derart interessant, dass sie sich in die Länge zieht. Er schildert beispielsweise mit viel Detailkenntnis und großem Scharf­sinn, wie sich die Eigen­tümer der drei wichtigsten Tageszeitungen (Clarín, La Nación und  La Razón) während der Diktatur mit der Komplizenschaft des Staates das ein­zige Unternehmen im Land aneigneten, das Zeitungspapier herstellt, Papel Pren­sa! Kritische Verlage wurden dadurch zum Schweigen gebracht. Angel, der politisch eher links steht und ein großer Bewunderer von Christina Kirchner ist, vergisst aller­dings zu erwähnen, dass auch die demokratische „presidenta“ ein Gesetz verab­schi­eden ließ, dass zumindest po­ten­ziell die Pressefreiheit im Land gefährden könnte: Laut die­sem Gesetz soll die Produktion, Ver­teilung und Vermarktung von Zeitungspapier in Zukunft von staatlichem Interesse werden. Damit hat die Regierung die Möglichkeit der Kontrolle über eben dieses Unternehmen zu erlangen.

Einmal Cowboy sein
Es ist bereits später Vormittag, als ich losziehe. Als ich im Hafen Puerto Bandera an­komme - was für ein herrlicher Tag  für einen Bootsausflug! - ist es dort auffällig ruhig. Leider ist der Grund schnell herausgefunden: Von hier aus fährt pro Tag nur eine einzige - siebenstündige - Tour, und diese beginnt bereits um acht Uhr dreißig. Nichts also für Spätaufsteher.
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So heißt es, umdisponieren. Ich fahre eine Zeit lang kreuz und quer durch die weite Landschaft südlich des Lago Argentino, bis ich durch Zufall an einer Estancia vor­bei­komme, die „cabalgatas“ (Ausritte) anbietet. Ob ich auch als Einzel­person eine Chan­ce bekomme? Fünf Minuten später werden bereits zwei Pferde für mich und Pedro, dem Führer, vorbereitet und gesattelt, und wir brechen zu einem zweistündigen Ritt in Richtung Brazo rico auf.
Vor uns eine weite, offene Ebene, die zum hellgrünen Streifen des einige Kilometer Bild vergrössernentfernten Sees führt, vor der Kulisse der fernen Anden. Unnötig zu sagen, dass mein Pferd außerordentlich zahm ist. Ich erhalte ein paar Instruktionen, mit denen ich in die Lage versetzt werde, das Pferd in Bewegung zu setzen (indem ich die Wa­den impulsartig ans Pferd drücke), es anzuhalten (mit dem Ziehen beider Zügel) oder einen Richtungs­wech­sel zu bewirken. Pedro ist ein Gaucho wie es im Bilderbuch steht. Er reitet gemächlich vor mir her, während ihm mein Gaul, ohne dass ich viel dazu tun muss, anstandslos hinterher trottet. Ich reite, neuer John Wayne, hinein in eine unendlich erscheinende Landschaft, die vom Pferderücken noch weiter aussieht. Ein herrliches Gefühl. Es geht alles sehr ge­mes­sen vor sich hin, sodass ich problem­los die Zügel in einer Hand und den Fotoapparat in der anderen halten kann.
Nach dem Ritt lädt mich Pedro noch zu einem Mate ein und danach komme ich auch noch in den Genuss eines (im Preis inbegriffenen) Mittagessens mit einem dicken, saftigen Stück Rinderlende („lomo“).

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