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| Das ganze Gebiet war durch Einsamkeit und Weite geprägt. Manchmal war weder ein Baum noch ein Strauch zu sehen, dann wiederum säumten dichte Eichenwälder die Straße oder setzten vereinzelte Zypressenreihen Akzente am Horizont. Streckenweise sah diese Landschaft wie ein Sanddünenmeer aus, das aber mit grünen, samtenen Weizenteppichen bewachsen war, manchmal mit einem Muster aus leuchtendrotem Klatschmohn durchsetzt. Im Kloster Sant 'Anna in Camprena Neugierig geworden und in der festen Überzeugung, auf einer guten Fährte zu sein, folgte ich der holperigen, zypressengesäumten Schotterstraße etwa einen Kilometer weit. Recht bald war das Ende dieses Sträßchen erreicht. Es hatte sich zu einem kleinen Platz verbreitert, der sich durch ein abgrenzendes Brüstungsmäuerchen ein wenig wie eine Terrasse ausnahm, die sich über eine weite, einsame Landschaft erhob. Ihr gegenüber stand, erhaben und allein auf weiter Flur, die alte Klosterkirche. Ich blieb einige Zeit fast verwirrt vor der Kirche stehen, gefangen wie ich war vom archaisches Fluidum, welches von diesem Ort ausging.
Endlich kam ein Mann auf mich zu, den ich zögernd befragte, ob denn die azienda in Betrieb sei, ob sie Gäste aufnehme und ob noch Zimmer frei seien. Und welche Erleichterung verspürte ich, als er mit ruhigem toskaner Akzent alle Fragen bejahte. Ich erfuhr von ihm, dass eine größere Gruppe Amerikaner recht kurzfristig ihren Aufenthalt abgesagt hatte, und dass für heute nur noch zwei Gäste aus Genua angemeldet waren. Erstaunt folgte ich ihm auf dem Rundgang durch das Areal. Er führte mich im Klostergebäude herum, erläuterte mir dies und jenes und begleitete mich schließlich zu einem langen Korridor, in dem sich die Türen der ehemaligen Schlafzellen der Mönche, aneinander reihten. Heute sind die Zellen spartanisch für Besucher eingerichtet. Da ich innerlich bereits entschlossen war, hier zu bleiben, waren meine Fragen zu den Kosten und sonstigen Bedingungen eine reine Formsache. Eine andächtige, ruhige Atmosphäre strahlte von den Räumlichkeiten aus. Für die meisten Zimmer gab es keine Schlüssel. Das elektrische Licht und eine Reihe von sauber eingerichteten, komfortablen Badezimmern auf dem Stockwerk waren das einzige Zugeständnis an die Moderne. Es sah fast so aus, als würde ich das Kloster ganz alleine bewohnen. Seit dem neuen Konkordat muss zwar auch die Kirche auf Rentabilität achten, dennoch wurde, auf Anraten des heutigen Verwalters, und im persönlichen Auftrag des Bischofs beschlossen, den Betrieb biologisch zu bewirtschaften. Es entspreche mehr dem Geist der Enzyklika, nach der die Schöpfung nicht zerstört, sondern erhalten werden solle, betonte Herr Gonzi. Pienza Pienza ist eine auf dem Reißbrett entstandene Stadt. In Corsignano, - so hieß früher der kleine Ort - wurde 1405 Enea Silvio Piccolomini geboren. Dieser hoch gebildete Mann, der erst mit über vierzig zum Priester geweiht wurde und 1458 als Papst Pius II die Höhe seines Erfolges erreichte, nahm sich der Aufgabe an, das Dorf Corsignano zu einer "Idealstadt" der Renaissance im Sinne der philosophischen Ideen des 15. Jh. umzugestalten. Eine Pius-Stadt -Pienza. Den Auftrag dazu bekam der Architekt Bernardo Rossellino. Der schöne Stadtplatz mit Dom, Bischofspalast, Stadthaus und Papstpalast war noch nicht vollendet, als der Auftraggeber 1462 starb. Es wurde dennoch weitergebaut, wenn auch mit weniger Elan, und was daraus entstanden ist, gilt heute noch für die Kunstgeschichte als Wiege der Renaissance-Stadtbaukunst. Während
der kurzen, interessanten Konversation, die (um die anderen Gäste mit
einzubeziehen) teils auf Deutsch, teils auf Englisch stattfand
, klärte sich auch das Geheimnis dieser bunt zusammengewürfelten
Gesellschaft.Es waren Amerikaner, Australier und Briten, die mit einer Alternativ-Reisegesellschaft aus Oxford - die beste, die es gebe, wurde mir versichert - zehn Tage lang die Toskana zu Fuß erwanderten. Natürlich mit dem gebührenden Komfort, nicht allzu langen Tagesetappen und Picknick-Pausen im Schatten großer Bäume. Das Gepäck wurde zum jeweiligen Zielort immer per Auto befördert . Dort zog man sich zur Cocktailstunde entsprechend um und ging anschließend zum kulturellen Teil des Tages über. Einer der Amerikaner diktierte seiner Frau akribisch alle Details ihrer Tagesetappe für das Tagebuch, bis hin zu den Bestandteilen der Gerichte des Abendessens. |
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