uf der
Rückfahrt war die Luft mild und klar und der Abstecher nach Tereglio wurde
zum zweiten Höhepunkt des Tages. Ein Dorf wie ein Adlernest. Wie eine trutzige
Burg säumten die Häuser den grünen Gipfel. Das Licht näherte sich seiner
goldenen Stunde, und es wehte ein lauwarmer, zart duftender Wind. Die eigentliche
Überraschung lag darin, dass sich die Straßen und Häuser in einwandfreiem
Zustand befanden. Auch hier hatte ich kein "vergessenes" Dorf
gefunden, mit schwarz gekleideten alten Menschen, die mit apathischem Blick
vor ihren Häusern sitzen und traurig an ihre nach Amerika ausgewanderten
Söhne denken. Nein, die Einwohner - von denen man allerdings nicht viele
zu sehen bekam - schienen ganz normale Flachlandtoskaner zu sein, vielleicht
wohnten sie auch nur an den Wochenenden in der Ortschaft.
Ein Rätsel, wovon die Leute hier leben. Von der Landwirtschaft sicher nicht,
davon war keine Spur zu sehen. Ich sah zwar manch kleinen Gemüsegarten,
zwei Gänse und zutrauliche, frei laufende Hühner, ebenso drang das Grunzen
eines Schweins aus einem Stall, aber das war auch alles.
Das Dorf, das überraschenderweise fast autofrei war, zog sich über eine
längere Strecke den Bergrücken entlang. Von der steilen Klippe der Häuserfront
genoss ich eine atemberaubende Aussicht auf die Berge ringsum.
s
fällt mir schwer, die Fülle der Eindrücke zu schildern, die
ich an diesem, für mich magischen Ort, empfand. Vor allem war es
eine Welt von Düften. Es mischten sich der Geruch von nassem Staub, von
Holzfeuerrauch, von Balkonblumen und von zahlreichen feinen, in homöopathischen
Mengen in der Luft verteilten Küchengerüchen, wie - um nur einen zu nennen
- den von Omelette mit gebratenen Pfefferschoten. Ich ging weiter,
einen grünen Hügel etwas außerhalb des Dorfes als Ziel. Auch hier, fast
betörend der Geruch von Robinienblüten, Holzfeuerrauch und - Kaffee.
Ich kletterte den Hügel hinauf, stapfte im meterhohem Gras, zwischen Feldblumen,
die in einer Vielfalt, die ich höchstens aus Erzählungen kannte, auftraten.
Wieder war ich hingerissen von dieser südländischen Üppigkeit, die von
Flurbereinigung und chemischer Keule noch nichts gesehen hatte.
Die Aussicht, die ich dort oben genoss, war - ich finde kein besseres
Wort dafür - perfekt. Das Dorf, wie ein Adlernest auf einer Bergkuppe
gelegen, der Kirchturm als dominanter Akzent, die Apenninen im Hintergrund,
in einem Grün, das im Süden nur in dieser frühen Jahreszeit möglich
ist. Das milde Spätnachmittagslicht (es war bereits sieben Uhr),
die klaren Konturen aller Gegenstände (als ob es gerade zu Regnen
aufgehört hätte) und immer wieder ein himmlischer Geruch von
Salbei, Gräsern und unzähligen Gewürzen, eines wahrhaftigen "Bouquet
garni" von Sommerkräutern. Ab und zu blies der laue Wind stärker,
als wollte er den Abend ankündigen.
ine
Reise nach Italien ist für mich, bei allem Neuen, immer eine Reise in
die Vergangenheit. Besonders wenn ich nicht in Genua bin, der Stadt, wo
ich aufgewachsen bin, denn dort ist die Vergangenheit viel zu stark von
der Gegenwart meiner alljährlichen Besuche überlagert.
Als ich abends entspannt und zufrieden auf den Tag zurückblickte und aus
der behaglichen Perspektive eines Restaurants meiner Lieblingsbeschäftigung,
dem Beobachten von Menschen, nachging, da wusste ich nicht mehr genau,
ob ich das Schauspiel aus der Perspektive eines Touristen oder aus der
eines Italieners erlebte, so lange schon lebe ich in Deutschland.
Es ist zweischneidig. Manche Beobachtungen erzeugen etwas Wehmut in mir.
Ich merke plötzlich, dass mir etwas fehlt, was mir früher vielleicht selbstverständlich
war, etwas, das für mich Leben bedeutet, menschliche Kommunikation,
Gemeinschaft. Da schlendern die Menschen in lebhafte Gespräche vertieft
auf und ab, Stimmen und Gesten füllen die Straßen. Abend für Abend wiederholt
sich das Ritual des Flanierens, des Redens, des Sehens und Gesehenwerdens.
Man kennt sich gut in diesen kleinen Orten, man trifft sich auch tagsüber
in der Bar, beim Bäcker oder auf dem Markt. Man grüßt sich und winkt sich
von einer Seite der Straße zur anderen zu, Mütter rufen lautstark ihre
Kinder. Schon wieder schaltet sich eine Erinnerung ein. "Guido",
höre ich Frau Armani ihrem Sohn vom Balkon im 5. Stock zurufen, "vieni
a casa" (komm nach Hause). Ich sehe es so deutlich vor Augen,
als ob es heute wäre, und doch geschah es vor vierzig Jahren in der via
Vittorino Era in Genua.
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