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Fotografieren in Sorrent
 
   
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Raffaele Celentano
 
Italia, amore mio
von Raffaele Celentano
 
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Neapel, Amalfiküste
 
Gebrauchsanleitung
für Neapel
 
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4. - 6. April
Sorrent

Was ich in Sorrent zu suchen habe? Ich nehme teil an einem Fotografie-Workshop, bei dem wir, nämlich ein kleines Grüppchen lernwilliger Fotografen, vom erfolgreichen Pro­fifotografen Raffaele Celentano durch die Straßen von Sorrent, Neapel und Umge­bung ge­trie­ben werden, auf dass wir die Scheu verlieren, fremde Menschen zu foto­gra­fie­ren und vor allem unsere Beobachtungsgabe verfeinern.

Wie wohnen in diesen Tagen in einem entzückenden "Agriturismo" [] bei Santa Maria di Castello etwa 700 Meter oberhalb von Vico Equense (einem Nachbarort von Sorrent). Nach dem Frühstück geht es dann immer zuerst in wilder Autofahrt die enge und kur­ven­reiche Straße hinab zur Küste, wo wir mit großer Ausdauer und mit der geballten Kraft unserer Kameras Orte wie Sorrent, Vico Equense, Positano, Pompeji oder Neapel unsicher machen (oder umgekehrt).

Wir entdecken entzückende Plätze, die im italienischen Teil meines Herzens Erin­ne­run­gen wecken an ein Neapel, dass mein Bild von Italien entscheidend geprägt hat.

Obwohl ich bisher nur ein einziges Mal in dieser Gegend war, ist sie mir durch Literatur, Film und Fernsehen sehr vertraut, wie mir auch die neapolitanische Mundart vertraut und ans Herzen gewachsen ist, sei es wegen den Filmen von Totò, dem wohl größten italie­ni­schen Komiker, der mit seinem sehr speziellen Humor in Neapel bis heute noch Kult­sta­tus genießt, sei es durch die Theaterstücke von Edoardo De Filippo oder auch die schnul­zi­gen "canzoni" von Peppino di Capri. Und wer wenn nicht die "maggiorata" (an weib­li­chen Attributen reichlich ausgestattete) Sophia Loren kann besser die Sehn­süchte des jungen Mann verkörpern, der ich einmal war? Der Augenblick, als ich die Treppen in Marina Grande in Sorrent betrete, wo der Film "L'oro di Napoli" (das Gold von Neapel) gedreht wurde, in dem die Loren die Hauptrolle spielte, ist für mich geladen mit Emotionen.

Karwoche-Prozessionen

Es ist kein Zufall, dass unser Workshop in die Karwoche gelegt wurde, denn die Pro­zes­sio­nen der Osterwoche sind in Süditalien besonders ein­drucksvoll, eine Einladung und eine Herausforderung zugleich für jeden Fotografen, fast wie der Karneval in Venedig, aber nicht so abgedroschen wie dieser.

Die Prozessionen bei Sorrent halten uns in diesen Tagen bis spät in die Nacht auf Trab. Mittwochabend ist es die Via-Crucis-Prozession in Piano di Sorrento, in der Nacht von Donnerstag auf Karfreitag die Processione della Madonna addolorata, (Prozession der leidenden Madonna), eine Prozession, bei der die Kutten der Kapuzenträger weiß sind, und die im Volksbewusstsein die Suche Marias nach ihrem Sohn symbolisiert; am Abend des selben Tages erleben wir zuerst die Karfreitagsprozession in Amalfi (auch in Weiß) und noch in der selben Nacht wird Piano di Sorrento von einer "schwarzen" Prozession durchzogen. Bei dieser werden im Zeichen der Trauer für den gestorbenen Jesus die Statuen der Madonna und des gekreuzigten Christus auf den Schultern von schwarz gekleideten Gläubigen durch die Straßen getragen.
Welche Bedeutung der "roten" Prozession zuzuordnen ist, die wir in der selben Nacht auch noch erleben, ist mir bis jetzt nicht gelungen auszumachen.
Nicht zu denken, was ich in der Zeit vor der Digitalfotografie für einen Filmverschleiß gehabt hätte, vorstellbar wie anstrengend diese Tage für unsere Gruppe sind. Und dass ich trotz der Konzentration auf das Fotografieren auch noch Momente einer beinahe unwirklichen Atmosphäre genießen kann, das ist das eigentliche Wunder.
Ein wenig Sightseeing

Es sind mehr als zwanzig Jahre vergangen, als ich zum ersten (und letzten) Mal in Posi­tano war, damals über beide Ohren in eine junge Neapolitanerin verliebt. Ob ich nur deshalb diesen Ort als einen der schönsten Italiens in Erinnerung habe? Wenn ich davon absehe, dass wir in einen von einem Erdrutsch verursachten Stau geraten und deshalb nur im Schritttempo durch Positano fahren, was die Situation ein wenig stressig macht, kann ich mein damaliges Urteil nur bestätigen: ein Juwel von einem Ort! Noch dazu in dieser Jahreszeit noch nicht vollgestopft mit Urlaubern.

Die ganze "Amalfitana", die 40 Kilometer lange Küstenstraße von Positano nach Vietri sul Mare gilt als eine der herrlichsten Panoramastraßen der Welt. Ununterbrochen bieten sich unseren Augen spektakuläre Ausblicke. Einziger Wermutstropfen für uns Fotografen ist das diesige Wetter, das für Landschaftsfotografie nicht besonders geeignet ist. Aber hätten wir überhaupt eine Chance auch nur einen Ausschnitt zu fotografieren, das vor uns schon millionenfach abgelichtet worden ist? So sind wir letztlich zu normale Touris­ten zurückgestuft, die das wunderbare Ambiente dieses Gebiets genießen. Positano, Atrani, Amalfi, Ravello, Schmuckstücke Italiens, ich bin begeistert.
7. April
Abseits der Touristenpfade

Unsere heutige Fotopirsch-Tour führt uns nach Castellammare di Stabia, einem Städt­chen an der Bahnlinie der Circumvesuviana, der Regionalbahn, die Neapel mit umlie­gen­den Gemeinden wie Sorrent, Pompeji und Herculaneum verbindet. Der wohlklingende Name (Castellammare = Schloss am Meer) täuscht aber, denn der Besucher findet hier kaum eine Touristenidylle am Meer. Nicht nur ist der Ort Teil des ununterbrochenen Sie­dlungsbrei, der sich von Neapel bis Sorrent die gesamte Küste entlang erstreckt, er ist auch als Kernland der Camorra berüchtigt. Freilich hat es die Camorra nicht auf die Tou­ris­ten abge­se­hen, diese müssen sich aber sehr wohl von der Kleinkriminalität in Acht nehmen. Für uns bedeutet das jedenfalls: Nichts im Auto liegen lassen und auf die Foto­sachen scharf aufpassen.

Antipasti und Hauptgericht
Mit diesen Vorurteilen im Handgepäck werden die Begegnungen mit den Menschen auf der Straße zu einer uns stetig begleitenden Überraschung. Denn in den engen Gassen der Altstadt von Castellammare begegnen wir nur Lächeln, Entgegenkommen und Gast­freundlichkeit.

Da ist zum Beispiel die Artischockenverkäuferin an der Straßenecke. Mit ihrem rauch­en­den Grill ist sie für uns neugierige fotografierende Meute wie ein gefundenes Fressen. In null Komma nichts wird sie eingekreist und aus allen Winkeln heraus auf Megapixel verewigt. Plötzlich, als käme er aus einer Zauberkiste, ist auch ein Ziehharmonika-Spieler zur Stelle und die Frau - alle Neapolitaner sind Schauspieler - deutet für uns ein paar Tanz­schrit­te an. Nur Schade, dass der Musikant ein Rumäne ist, der keine einzige nea­po­li­ta­nische "can­zone" beherrscht. Dass wir nach unserem Tanz mit den Kameras zu einem Imbiss mit ge­grillten Arti­schoc­ken eingeladen werden, darauf hätten wir wetten kön­nen. Und dass wir selbst für die Einwohner des Viertels zum Spektakel geworden sind, ist auch nicht verwunderlich. Bald wird von einem Balkon ein Korb zum Abseilen bereit­gestellt. Ob wir zu den "carciofi alla griglia" denn eine Flasche Wein haben möch­ten? Aber nein. Uns ist die Episode schon Erlebnis genug. Verstohlen werfe ich die ab­ge­lutsch­ten Arti­schoc­ken­blätter auf den Boden, bin dann irgendwie erleichtert, als ich sehe, wie sie weg­ge­kehrt werden. Unnötig zu sagen, dass wir nichts bezahlen dürfen, aber "la fotografia la voglio" (ein Foto würde ich gerne bekommen), fordert die alte Frau von uns mit einem Lächeln!

Herummarschieren mit schweren Kameras und angestrengtem Blick macht hungrig. So landen wir zum Mittagessen in Gragnano, im Restaurant von Zí Ferdinando (Onkel Ferdi­nand). Und hier helfen alle guten Vorsätze nichts: Antipasti di mare, Pasta ai frutti di mare und ein süffiger Weißwein geben uns neue Kraft für den Weitermarsch.

Rauschgift-Drive-in
Nach wie vor auf Motivsuche fahren wir im Nachbarort Torre Annunziata (nebenbei bemerkt: dem Geburtsort von Al Capone) eine Zeit lang ziellos durch die Straßen, bis wir schließlich in einen kleinen Stau geraten, den wir uns nicht sofort erklären können. Es dauert nicht lange, bis uns ein Licht aufgeht. Das jeweils vorderste Auto hält nämlich immer neben einem Mann, der uns durch ein dickes Kuvert in der Hand auffällt. Auto für Auto wiederholt sich dann vor unseren Augen die gleiche Szene. Durch das he­run­ter­ge­kur­belte Seitenfenster reicht der Fahrer ein paar Scheine dem ohne Zweifel als Dealer ein­zustufenden Mann, in dessen Briefumschlag sie rasch verschwinden. Dann kommt Bewe­gung in die Szene. Durch die Schlitze zwischen den Brettchen eines Fens­terladens im nächstgelegenen Haus taucht, wie von Zauberhand, eine kleine Plastiktüte mit einer weißen Substanz auf, die vom Händler entgegengenommen und dem Kunden weiter­ge­reicht wird.
Wir sind alle verblüfft! Während wir uns in der Schlange der "Kunden" jeweils ein paar Meter dem Dealer nähern, schleicht sich ein mulmiges Gefühl bei mir ein. Selbst der gebürtige Sorrentiner Raffaele gesteht, noch nie Augenzeuge einer solchen Szene ge­wesen zu sein. Zwei Straßenecken weiter erleben wir die gleiche Szene. Diesmal sitzt der Dealer auf einem Motorrad und hält eine große Plastiktüte mit den Rauschgift­päck­chen ungeniert in der Hand, als sei er gerade von einem Einkauf im nächstgelegenen Kaufhaus zurück. Wieder fahren Autos vorbei, drosseln die Geschwindigkeit, halten an, das Fenster wird heruntergekurbelt, Geld und Stoff wechseln den Besitzer.
Inzwischen sind die Kerle auf uns aufmerksam geworden. "Fotoapparate auf den Boden legen. Nicht den Kopf bewegen,", weist uns Raffaele an. "Niemanden anschauen, so tun als seien diese fragwürdigen Gestalten Luft.". So unauffällig können wir aber gar nicht tun, dass wir uns nicht von allen Richtungen beobachtet fühlten. Nanni, die einzige Frau in unserer Gruppe, gibt bereits ihren Fotoapparat für verloren. Alle schweigen und schauen nach vorne.
Mitten in die­ser stillen allgemeinen Anspannung wendet sich Bernd, der Spaßvogel un­ter uns, als sei überhaupt nichts vorgefallen, an Nanni und fragt sie: "Wie alt sind deine Kinder?" Wir kommen nicht umhin, alle laut aufzulachen, und somit entspannt sich die Situation ein wenig.

Dass die Lage ernst ist, beweist die Drohung eines der Dealer, der laut und deutlich in unsere Richtung wettert: "Ich warte nur darauf, dass mich jemand in den ... fickt". Also nichts wie weiter! Wir sind aber keine zweihundert Meter gefahren, da kommt ein anderer Biker entgegen der Fahrtrichtung und mit hohem Tempo auf uns zu. Nur knapp vor der Motorhaube unseres Autos kommt er zum Halt, macht mit quietschenden Reifen kehrt und zetert: "Sind das nicht die Scheißfotografen von vorhin?" Dann startet er los. Die letzte Warnung! Zwei Straßen weiter kreuzen wir einen feuerroten Ferrari, der im Schritttempo seine Runden zieht. Wieder sorgt Bernd für Heiterkeit: "Womit er die Karre wohl bezahlt hat?"

In solchen No-Go-Areas in und um Neapel ist die Camorra zum größten Arbeitgeber avan­ciert. Ihre größte Stärke ist das unerschöpfliche Reservoir an jungen Menschen, die sonst keinerlei Chance im Leben haben, ein Nachschub an Kleinkriminellen, der in den "Problemzonen" nahezu unerschöpflich ist. In der Gegend wachen jeden Morgen Tau­sen­de Verzweifelte auf, die alles tun würden, um in einen der Camorra-Clans einzu­tre­ten. Zahlreich die Häuser, in denen wenigstens eine Familie das Drogengeschäft be­treibt. Väter, die den Stoff nach den Vorgaben des capopiazza (Blockchefs) ver­schnei­den, Müt­ter und Töchter, die ihn abpacken, Söhne, die den Stoff vertreiben oder Wa­che ste­hen. Ein raffiniertes Warnsystem kündigt das Auftauchen von Unbekannten oder der Polizei an.

In diesem Supermarkt der Drogen agieren Dealer derart offen, dass man denken könnte, die Polizei sei korrupt, weil sie das zulasse. Die Polizei schaut aber nicht tatenlos zu. Seit den 1980er Jahren verfolgt die italienische Regierung die Kriminalität mit einer in Europa ungewohnten Härte. Deren großes Hindernis sind aber die korrupten lokalen Politiker, die durch dem Druck der Camorra als Kandidaten bei den Kommunalwahlen aufgestellt wer­den, und dann den "Bossen" gehorchen. Was kann dagegen ein einzelner Polizeibeamter vorort ausrichten? Der ist möglicherweise mit den Bossen in der selben Grundschule gewesen, vielleicht mit ihnen verschwägert und vor allem: Er hat Familie mit Kindern.
9. April
Pasquetta

Der Tag, der an die Begegnung der zum Grab Christi gekommenen Frauen mit dem Him­mels­boten erinnert, wird in Italien "Lunedì dell'Angelo" (Montag des Engels) genannt. Im Volksmund heißt er auch "Pasquetta" (das kleine Ostern).

Das italienische Sprich­wort "Natale con i tuoi, Pasqua con chi vuoi", besagt zwar, dass man Weih­nachten im Kreise der Familie verbringen sollte und Ostern mit wem man will, aber in scheinbarem Wider­spruch dazu wird der Ostermontag seit jeher einem Ausflug ins Grüne mit der Familie gewidmet, dessen Höhepunkt ein reichliches Essen in einer Landgaststätte ist, oder, weit häufiger wenn das Wetter es erlaubt, ein Picknick im Freien.
Hier in Kampanien füllen sich an diesem Tag die sonst verlassenen Hänge der stadtnahen Hügel mit Ausflüglern. Ganze Sippen klappen ihre Stühle auf oder legen Decken aufs Gras, packen ihre mitgebrachten Speisen aus oder zünden Feuer zum Grillen an. Während Kinder Fußball spielen oder Frisbee-Scheiben werfen, verbreitet sich nach und nach der Geruch von Holzkohlerauch in der Luft und setzt das Stimmengewirr der fröh­li­chen Grüppchen ein. Bald werden die Weinflaschen von Hand zu Hand gereicht und die Fröhlichkeit zunehmen.

Nur schade, dass hier oben bei Santa Maria di Castello, von wo man bei schönen Wetter das großartige Panorama von Positano und den Golf von Salerno genießen kann, gerade heute ein zäher Nebel aufsteigt, der all die idyllischen Picknick-Szenen bald in düsteres Grau eintaucht und die Aussicht völlig verschluckt.