Steiermark, Kärnten, Slowenien, Friaul
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Karawanken. Alpenvereinsführer
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Vertreibung der Kärntner Slowenen
Die Vertreibung der
Kärntner Slowenen

von Augustin Malle
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Bodental (Karawanken)  
Später Nachmittag. Leises, honigsüßes Jodeln und eine nicht weniger rührselige Zither-Musik haben den halb leeren Gastraum in Beschlag genommen und in einen flaumigen Ruhekissen der Seele verwandelt. Aber selbst wenn ich mich noch so bereitwillig und kritiklos darin fallen lassen möchte, selbst wenn ich mich in dieser Süße wohl fühle, ich könnte der Frage nicht ausweichen, ob sol­che Musik über­haupt noch in unsere Zeit passt. Steht nicht die Popmusik ameri­kanischer Prägung der alpenländischen Jugend weit näher als diese Volksmu­sik? Haben die Alten und die Traditionsgebundenen überhaupt noch was zu melden? Wenn ich freilich nur auf meine innere Stimme höre, dann weiß ich es sofort: Solch eine tief in der Heimat verwurzelte Musik hat in diesem einsamen, auf über tausend Meter gele­genen Gasthof in Südkärnten, von dem man einen Atemberaubenden Blick auf die Karawanken genießen kann, sehr wohl noch ihre Daseinsbe­rech­tigung. Der Impe­rialismus der Popmusik scheint fern zu sein, er wäre, so denke ich, hier ebenso fehl am Platze wie ein Fastfood-Restaurant oder eine klischee­hafte amerikanische Fernsehserie. Ziehharmonika, Zither, Mundartgesang, Wal­zerrhythmen und Länd­ler, es ist eine langsame, für die vom Alltag geschun­denen Nerven sehr wohl tuende Musik, von der ich mich hier sanft beschallen lasse.  
Am Nebentisch unterhält sich mit leiser Stimme ein älteres Ehepaar. Ich höre mit Behagen aus ihrer Sprache den unverwechselbaren, charmanten öster­rei­chi­schen Akzent, den ich so liebe. Vielleicht bin ich dem Mann aber auch des­halb so wohl­gesinnt, weil er mich ein wenig an meinen Vater erinnert: er hat den gleichen Haaransatz, die gleichen Lippen, ein ähnliches Profil und ein paar weitere gleich­artige Details, die ich nur schwer beschreiben kann. Es ist un­glaub­lich wie be­ruhigend es auf mich wirkt, Menschen um mich zu sehen, die "meinem" Volkstyp zugehören, die "meiner" sozialen Schicht angehören, oder die mich an jemanden erinnern, den ich kannte oder mochte. So klammert sich der Mensch an das "sichere" Gewohnte. Darin liegt wohl auch der Ursprung jeglichen Rassismus.  
Es geht ruhig zu in dieser Frühsaison. Draußen ist es bereits dunkel. Der Wirt steht hinter der Theke und unterhält sich mit gedämpfter Stimme mit drei älteren Männern aus dem Dorf. Sonst ist die Gaststube leer. Als sie im Laufe der Un­terhaltung auf das herrliche Alpenglühen zu sprechen kommen, dass es heute Früh gegeben hat, mische ich mich kurz ins Gespräch ein. Früh am Mor­gen, während das Tal noch grau und fahl ist, die Bergesspitzen aber im Wider­schein des Morgenrots tief in Rot glühen, da muss es herrlich sein. Der Gedanke an dieses Erlebnis beflügelt meine Fantasie. Der Wirt verspricht, dass er mich, sollte das farbenprächtige Phänomen morgen wieder auftreten, bei Sonnen­aufgang wecken wird.
 
Montag, 4. Mai  
Eine Bergwanderung  
Kein Alpenglühen heute Morgen. Dafür kann ich ausschlafen, ohne Hast früh­stücken. Zu mir kommen.  
Es ist noch nicht wirklich Frühling hier oben. Das Wetter ist zwar schön, aber ein leichter Schleier hindert die Sonne daran, mit Kraft ihre wärmende Wirkung aus­zuüben. Viel habe ich mir für heute jedenfalls nicht vorgenommen. Einen Tag zu verbringen, ohne ins Auto zu steigen, das ist bereits eine Belohnung. Mehr als etwas Entspannung, frische Luft und schöne Aussichten suche ich sowieso nicht!  
Mein Ziel ist eines der beliebtesten Aus­flugs­ziele Südkärntens, die "Mär­chen­wiese" mit­ten im Natur­schutz­gebiet Inneres Bo­den­tal - Vertatscha. KarawankenMü­he­los und in so kurzer Zeit, dass ich fast da­rü­ber enttäuscht bin, er­rei­che ich über Forst­stra­ßen und eher flachem Ge­län­de die Stelle. Der be­rühmten Wiese scheint aber jegli­che Besonderheit zu fehlen und sie wirkt so be­scheiden und un­auf­fällig, dass ich mich fragen muss, womit sie ihren hochklingenden Na­men verdient hat. Dieser nüchterne Eindruck beruht vermutlich nur auf der Tat­sache, dass es noch viel zu früh im Jahr ist. Ich dachte, ich würde hier einen beeindruckenden bunten Blumen­tep­pich auffinden. Immerhin kann ich von hier einen Blick auf die Vertatscha-Nord­wände werfen und die Aussicht genießen. Eine Zeit lang verweile ich nichtstuend auf einer Bank und genieße die schwachen Sonnenstrahlen, dann marschiere ich stramm weiter in Richtung Berge, obwohl sich der Himmel immer wieder zuzieht.  
Es vergeht keine Stunde, da bleibt der Wald zurück und ich zweige in ein gro­ßes, von Latschen bedecktes Kar ab. Weil ausreichende Markierungen fehlen, fällt es mir allerdings schwer, mich zu orien­tieren und aus meinem Wandern wird ein zielloses Umherirren auf schwe­rem Geröll und in zum Teil tiefen Rin­nen, durch Latschenbestände auf kaum er­kenn­baren Steigspuren.
Nach nicht allzu langer Zeit deklariere ich meine bergsteigerischen Ambitionen für erschöpft und suche mir eine ruhige Stelle auf einem flachen Stein, um mich ein weiteres Mal dem Nichtstun und dem Genießen der schwachen Sonnen­strah­len hinzugeben. Rechzeitig zur Kaffee-und-Kuchen-Zeit bin ich wieder im Gasthof zurück.
 
Lebenslinie  
Die jung aussehende Wirtin kann sich nur schwer vorstellen, woanders zu leben als hier, in ihrem kleinen Dorf in den Karawanken. Urlaubsreise? Das sei für sie ein Fremdwort, dass bei ihr nicht oben auf der Wunschliste stehe. Nur einmal im Jahr fahre sie mit der Familie und dem Schwimmverein nach Kroatien. Aber schon am zweiten Tag spüre sie Sehnsucht nach zu Hause, nach ihren geliebten Bergen. Sie macht einen durchaus glücklichen Eindruck auf mich.  
Ich versuche mir vorzustellen, ob ich mir so eine Art Leben vorstellen könnte: Jeden Tag in der Küche oder hinter der Theke stehen, Stammgäste oder Frem­de bedienen, immer wieder die gleichen Gesten ausführen, ähnliche Gespräche führen, vielleicht am Sonntag der Kirchenbesuch, ab und zu die Fahrt in den nächstgelegenen größeren Ort. Und dabei immer mit dieser wunderschönen Bergkulisse konfrontiert sein, morgens und abends, bei Regen und Sonne, Wind oder Schnee.  
Für mich hat das etwas Faszinierendes und Abschreckendes zu­gleich. Würde ein solch ewig wiederholter Ritus nicht zwangsläufig auch zu immer gleichen Gedan­ken führen? Ich stelle mir vor, dass das wiederholte Er­le­ben des Gleichen eine Abhängigkeit erzeugen könnte, die jener von Drogen nicht unähnlich ist. Und doch ist etwas subtil Mitreißendes am Gedanken an so eine Art leben in einer Abgeschiedenheit, die nur durch Radio und Fernsehen verringert wird. Plötzlich stelle ich fest, dass mein Alltag, wenn auch auf eine andere Art, nicht viel ab­wechs­lungs­reicher ist! Nur die Palette des Möglichen ist größer!  
Dienstag, 4. Mai
Zwei Volksgruppen  
"Obi schaun, hoit. I mog des net, am Strand liagn." So drückt der Mann vom Nebentisch seine Absicht aus, seine in Kürze stattfindende Mallorca-Reise in einen Wander­urlaub umzufunktionieren.  
Es ist gemütlich in der warmen Stube. Das ruhige Gewissen des Tatkräftigen, der die Müdigkeit seiner gestrigen Wanderung noch wohlig in den Knochen spürt, ist die ideale Voraussetzung, um diese Abgeschiedenheit noch mehr zu genießen.  
Ich lese und grüble. Ab und zu greife ich zum Notizblock, um ein paar dieser Gedanken festzuhalten. Irgendwann dringen Ziehharmonika-Klänge in mein Be­wusst­sein. Dazu paart sich Gesang - in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Es kann keine Mundart des Österreichischen sein, die ich da höre: "Hansi", der Bergführer, singt auf Slowenisch.  
Neugierde ergreift mich, wie es mir während dieser Reise, beim beobachten von Grabsteinen in einem Friedhof und Bildstöcken mit slawischen Inschriften, schon ein paar Mal ergangen ist. Sie weisen darauf hin, dass Kärnten ein Land zweier Volksgruppen ist. Etwas drei Prozent der Bevölkerung besteht nämlich aus Slowenen.
 
Ein paar Fakten über Slowenen in Österreich  
Die historische Einheit Kärntens als Land mit zwei Sprachen und zwei Kulturen war mit dem Zerfall Österreich-Ungarns jäh zu Bruche gegangen. Das natio­na­lis­tische Prinzip hatte gesiegt. Zwei Mal versuchte Jugoslawien, nach dem ersten und dem zweiten Weltkrieg, Südkärnten, wo es einst einen beträchtlichen slo­wenischen Bevölkerungsanteil gab, zu annektieren. Ohne Erfolg, denn Kärnten blieb ungeteilt bei Österreich. So ist das Verhältnis zwischen deutschsprachigen Kärntnern und ihren slowenischsprachigen Mitbürgern auch heute noch nicht frei von Vorurteilen, Aversionen, Ängsten.
1918, nach dem Zusammenbruch der Habsburger Monarchie, entwickelte sich zwischen der Republik Österreich und dem neu gegründeten "Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen", das aus der Vereinigung der Südslawen des Habsburger Reiches und des Königreichs Serbien entstanden war, ein Streit um die mehrheitlich slowenisch besiedelten Gebiete Südkärntens.
 
Der neu entstandene Staat (der später in Königreich Jugoslawien umbenannt wurde) versuchte mit Waffengewalt, große Teile Kärntens seinem Staatsgebiet anzuschließen. Slowenische Freischärler fielen in Kärnten ein und versuchten, vollendete Tatsachen zu schaffen. Ihnen warfen sich (ohne Hilfe Wiens) ab De­zember 1918 bunt zusammengewürfelte, nur unzureichend bewaffnete Kärntner Freiwilligenverbände, Kärntner Abwehrkämpfer genannt, entgegen. Sobald regu­läre Einheiten der jungen jugoslawischen Armee nachrückten, brach aber die Kärntnerische Heimatfront zusammen. Es kam zur Errichtung einer jugo­sla­wi­schen Militär- und Zivilverwaltung in großen Teilen Kärntens.  
Dank der von den Siegermächten angeordneten Volksabstimmung vom 10. Ok­tober 1920 konnten jedoch weit gehende Gebietsforderungen auf den ganzen Südkärntner Raum zurückgewiesen werden und die Einheit des Landes erhalten bleiben.  
Bei dieser Volksabstimmung stimmten trotz massiver Druckausübung der jugo­slawischer Zivil- und Militärverwaltung auf die österreichisch gesinnte Bevöl­ke­rung 59 % für den Verbleib bei Österreich! Eine Mehrheit der Slowenen (vor allem Bauern) stimmte für einen Anschluss an Jugoslawien, die anderen (vor allem die sozialdemokratisch beeinflussten slowenischen Arbeiter) für den Verbleib bei Österreich. Als Ausschlag gebend für das Abstimmungsergebnis stellte sich das Vertrauen der Kärntner Slowenen zur historischen Einheit des Landes heraus.  
Durch diese Volksabstimmung wurde die Karawanken-Grenze als Grenze mit Österreich festgelegt. Auf Grund der von den Siegermächten festgelegten Gren­zen Sloweniens blieben etwa 90.000 Slowenen in Österreich, 400.000 in Italien und 7.000 in Ungarn. Dabei verlor Slowenien ein Drittel seines Volksgebiets. Obwohl den Slowenen in Kärnten formell Minderheitenrechte zuerkannt wurden, erwies sich die 1. Republik als nicht sehr minderheitenfreundlich.  
1938 kam es auch in Kärnten zur nationalsozialistischen Machtübernahme. Nach dem Überfall des nationalsozialistischen Deutschland auf Jugoslawien 1941 er­folgten Repressalien gegen die Slowenen: Die slowenischen Organisationen wur­den verboten, deren Vermögen beschlagnahmt; die bis dahin bestandenen zwei­sprachigen Schulen wurden geschlossen; zahlreiche Slowenen wurden in KZs ermordet, Hunderte slowenische Familien aus Kärnten ausgesiedelt, was ein Übergreifen der slowenischen Partisanenbewegung auf Kärnten zur Folge hatten.  
Nachdem bereits einen Tag vor der am 8. Mai 1945 erfolgten endgültigen Kapi­tulation der Deutschen Wehrmacht in Kärnten eine provisorische demokratische Regierung gebildet worden war, drohte Kärnten mit dem gleichzeitig erfolgten Einmarsch der kommunistischen Partisanenarmee und der Proklamation der jugoslawischen Militärgewalt die Fortsetzung der Diktatur. Nur die ebenfalls ab dem 8. Mai 1945 erfolgte Besetzung Kärntens durch die Briten verhinderte die bereits angekündigte Annexion Kärntens durch Jugoslawien. Über Druck der britischen Besatzungsmacht mussten die Tito-Truppen am 22. Mai 1945 Süd­kärnten nach vierzehntägiger Schreckensherrschaft räumen.  
Bis 1949 hielt Jugoslawien seine Gebietsforderungen gegenüber Kärnten auf­recht. Erst auf der Pariser Konferenz im Juni 1949 entschieden die vier Groß­mäch­te gegen die jugoslawischen Gebietsansprüche und beschlossen, dass die Grenzen Österreichs, wie sie am 1. Jänner 1938 bestanden hatten, zu belassen seien.  
Bereits mit dem Beginn der 2. Republik wurde im Oktober 1945 eine neue Schulverordnung erlassen: In allen Schulen Südkärntens bestand nun Pflicht­unterricht in beiden Landessprachen.  
Im Staatsvertrag 1955, der Österreich Freiheit und Souveränität brachte, wur­den in Artikel 7 den nationalen Minderheiten recht vage Zugeständnisse einge­räumt, die slowenische Sprache wurde in wenigen regionalen Nischen zuge­las­sen, Ge­samt­kärnten blieb rein deutschsprachig.  
Erst die sozialdemokratische Alleinregierung Kreiskys leitete vorsichtige Re­form­versuche ein. 1972 beschloss der Nationalrat das so genannte Ortsta­fel­ge­setz, das laut Artikel 7 des Staatsvertrags in gemischtsprachigen Orten Kärntens die Er­richtung zweisprachiger Ortstafeln vorsah. Diese Regelung stieß bei einem Teil der Mehrheitsbevölkerung auf erbitterten Widerstand. So sehr lastete noch die kollek­tive "Ur-Angst" der Deutsch-Kärntner von einem geteilten Land. Es kam zum so genannten Ortstafelsturm. Illegale Demonstrationen und Demontagen der Orts­tafeln verhinderten die Umsetzung des Gesetzes.  
Erst nach einer langen Diskussion in der von Kreisky eingesetzten Ortstafel­kom­mis­sion wurde 1976 mit dem Volksgruppengesetz eine Regelung getroffen, nach der zur Zulassung der Zweisprachigkeit eine "Minderheitenfeststellung" voraus­ge­setzt werden sollte. Die Quote wurde mit 25% festgelegt. Dies reduzierte die be­trof­fenen Gemeinden auf über die Hälfte. Diese Verordnung wurde zum Großteil umgesetzt.  
Nachtrag (2005)  
Im Dezember 2001 erklärte der Verfassungsgerichtshof die Ortstafelregelung des Volksgruppengesetzes als verfassungswidrig, weil zu mehrheitsfreundlich aus­ge­legt. Die Regelung des Volksgruppengesetzes, wonach zweisprachige Ortstafeln nur dort zwingend sind, wo mehr als 25 Prozent der Bevölkerung slowenisch­spra­chig ist, wurde mit Verweis auf den Geist des Staatsvertrages gekippt. Der VfGH verlangte eine neue Verordnung binnen eines Jahres, welche die zweisprachige Topographie ab etwa 10 % slowenischem Bevölkerungsanteil vorschreibt. Das Urteil ist nie umgesetzt worden. Bis heute ist es Österreich nicht gelungen, durch eine großzügige Minderheitenpolitik Bruchstellen zwischen den Bevöl­ke­rungs­grup­pen zu kitten.