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Und jetzt
sitze ich auf dem Balkon meiner "Pension" - es ist eher ein
Einfamilienhaus mit Zimmervermietung und Toilette auf dem Gang - und lasse
mir die schüchterne Sonne ins Gesicht scheinen. Das Gegenlicht verleiht
dabei den Geranien kräftig leuchtende Konturen. Vom Nachbarhaus erreichen
mich Kinderstimmen und das Quietschen einer Schaukel. Während mein
Pullover zum Auslüften an der Wäscheleine hängt und ich
müde und zufrieden in einem Wörterbuch blättere, warte
ich auf das Kommen meiner Gastgeberin, der Babicka (Großmutterchen)
mit dem Tante-Martha-Lächeln. Sie
will mich abholen und ein Stück mit mir auf dem Weg in Richtung Schloss
gehen, weil all ihre tapferen Versuche, mir den Weg mit Worten zu erklären,
an meinen zu geringen Kenntnissen des Tschechischen gescheitert sind.
Und nur oben im Schloss soll es eine Möglichkeit geben, zu Abend
zu essen. Immerhin kommt dadurch eine kleine Konversation zu Stande, und
langsam und noch sehr zäh kann ich etwas von dem Wissen hervorholen,
das ich fast als verschollen gegeben habe. Es versetzt mich in die Lage,
einfachste Sätze wie "Haben Sie ein Zimmer für eine Person?",
"Wenn das Wetter schön wird, bleibe ich zwei Tage." oder
"Ich hole jetzt das Auto, kann ich hier parken?" in dieser schweren
Sprache einigermaßen korrekt und verständlich zu formulieren.
Es sieht fast so aus, als würde mein Urlaub wie bei einem Feuerwerk
mit einem Grande Finale seinem Ende entgegengehen.
Hoch auf den Sandsteinfelsenklippen, an der Stelle der ursprünglichen
gotischen Burg aus dem 14. Jahrhundert steht das zum Renaissanceschloss
umgebaute und in der Mitte des 19. Jahrhunderts wieder regotisierte Schloss
Hrubá Skála. Am äußersten Rand der Sandsteinklippe
gesellt sich ihm auch eine in romanischer Gotik gebaute Kirche, mit der
es über eine Verbindungsbrücke mit wertvollen Barockstatuen
verbunden ist. Ein herrliches Ambiente!
Auf dem Gelände befindet sich heute zwar ein Hotel, aber der Zutritt
zum Schlosshof und zum Turm, die eine herrlichen Aussicht auf das Panorama
des Böhmischen Paradieses gewähren, ist der öffentlichkeit
gestattet.
Von dem Augenblick an aber, in dem ich das auch für nicht Hotelgäste
zugängliche Restaurant betrete, beginnt bereits die Entzauberung.
Kostbare Stuckarbeiten, Deckenbalken und edel wirkende Kristallleuchter
geben dem festlichen Saal zwar ein gewisses Flair, aber wie so oft in
den ehemaligen kommunistischen Ländern ist die Einrichtung von fantasieloser,
ernüchternden Eintönigkeit geprägt. Es fehlen gemütliche
Nischen und eine behagliche Beleuchtung, und die Tische, Massenware aus
einem spießigen Einrichtungshaus, sind in langen Reihen aufgestellt
wie in einem Bahnhofsrestaurant. Eine verheerende Akustik macht auch noch
jegliche Chance auf gelegentliche Geselligkeit den Garaus.
Aber auch das Essen bringt den erwartungsvollen Gast auf den harten Boden
der Tatsachen. Könnte man sich vorstellen, dass die Speisekarte eines
guten Restaurants in der Toskana zum großen Teil aus Wienerschnitzel,
Naturschnitzel, Jägerschnitzel, Grillteller, Steaks, Forelle Müllerin
und ähnlichen sogenannten internationalen Gerichten bestünde?
Selbstverständlich nicht. Aber genau das scheint in Tschechien passiert
zu sein. überall die selbe Litanei auf den Speisekarten. Allenfalls
Schweinsbraten "böhmische Art" und svičkova (Rindsfiletbraten)
als Vorzeigegericht fehlen nicht.
Nur in manchen dunklen Spelunken, wo die Werktätigen ihr Mittagessen
einnehmen, gibt es noch die deftigen, annähernd böhmischen Gerichte,
leider sind sie aber oft mit Knödeln aus der Packung versehen und
schwimmen in dicken undefinierbaren Soßen.
Also doch kein Feuerwerk? Aber ja. Es ist draußen. Es ist ein stilles
Feuerwerk, ein Streicheln der Seele. Es sind
Eindrücke, die von unscheinbaren, unauffälligen Dingen erzeugt
werden, die mir aber um so tiefer unter die Haut gehen.
Was es ist? Die klare Luft, die das grau-diesige Wetter vom Vormittag
abgelöst hat? Der Himmel, der plötzlich gänzlich wolkenfrei
ist? Die kleinen Gärten voller Apfel- und Zwetschgenbäumen unter
den letzten, tiefen Strahlen der Sonne? Die Silhouette der Burg? Und was
noch? Es ist vielleicht dieser unmittelbare Kontakt mit der kleinen, alltäglich
normalen Dorfwelt, in der all die Künstlichkeit der Touristenwelt
völlig zu fehlen scheint.
Als ich erfahre, dass in diesem (einzigen) Restaurant im Ort erst ab zehn
Uhr morgens gefrühstückt werden kann, bricht bei mir für
kurze Zeit etwas Hektik aus. Denn ich werde mich um mein Frühstück
selber kümmern müssen. Der Lebensmittelladen ist natürlich
bereits geschlossen. So scheint meine Gastgeberin meine letzte Chance
zu sein. Ich blättere hastig im Wörterbuch und versuche mühsam,
all die tschechischen Sätze zusammenzustellen, die mir helfen könnten,
das Problem zu lösen.
Mužete prosím řikat, kdy otevři potravinani (Können
Sie mir bitte sagen, wann das Lebensmittelgeschäft öffnet)?
Musím snídanit doma, protože restaurace otevři jen deset
hodin (ich muss zu Hause essen, weil das Restaurant erst um 10 Uhr
öffnet). Mužete prosím take dat mi taliř, nuž a kotelu na vodu
(können Sie mir bitte auch einen Teller, ein Messer und ein Wasserkochtopf
geben)? So vorbereitet klopfe ich an ihre Tür - und werde sofort
mit einem Wortschwall voller Lächeln überschüttet. Aber
ich könne doch selbstverständlich alles von ihr bekommen, strahlt
sie mich an. Und schon habe ich die Hände voll mit Butter, Marmelade,
Tee, Zucker und einem halben Brotlaib. Geschirr und Besteck, sowie ein
kleiner Gaskocher seien sowieso im Gästezimmer.
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"Mir
ist warm, mir ist warm, mir ist warm, mir ist warm!" - so oder ähnlich
hört sich mein Selbsthypnose-Versuch an, denn der Himmel ist wieder
grau in grau, und die bescheidene Temperatur im Zimmer bringt mich zum
Frösteln. Ich versuche es besser mit einem heißen Tee und ein
paar Kniebeugen.
Zum Glück macht mir das Wetter nicht viel aus, denn ich bin sowieso
wandermüde, reisemüde, fotografiermüde und brauche einen
Ruhetag zum Schreiben und für das, was ich von Anfang an vor hatte,
das Lernen der Sprache.
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