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Ein
orkanartiger Föhnsturm fegt über die Landschaft. Der Himmel
ist grau und ein hellblauer Streifen gibt im Süden die Sicht auf
die Gipfel der Tatra frei. Das ist eine Art Wetter, die im Handumdrehen
meine Laune hebt.
Ich habe keineswegs die Absicht, so viele Kilometer wie gestern abzufahren.
Ich nehme mir bewusst vor, nur die Fahrt an
sich zu genießen. Und obwohl ich im Prinzip vorhabe, zurück
nach Tschechien zu fahren, fühle ich mich jederzeit auch dazu bereit,
diese Pläne ad hoc zu ändern.
Das Kilometerfressen ermüdet. Es ist nützlich, um Eindrücke
zu sammeln, zum Vertiefen nicht. Ich habe jetzt mehr das Bedürfnis,
Menschen und Natur aus der Nähe zu erleben.
Also fahre ich los in Richtung Bielsko Biala, zu den Ausläufern der
schlesischen Beskiden, aber im Grunde ohne Ziel.
"Ich siebzehn Kilometer vor Paris geboren", erzählt die
alte Frau, die mich beim Fotografieren angesprochen hat, und sie kämpft
dabei mühsam um jedes deutsche Wort. "Mein Vater Pole, 1924
keine Arbeit, zurück nach Polen." Kopftuch über dem Kopf,
kaum Zähne im Mund, wirkt sie noch sehr agil und wirft mir einen
verschmitzten, leuchtenden Blick zu. Sie kramt auch ein paar Sätze
Französisch aus dem Gedächtnis. Ich verstehe zwar nur Choucroute
(Sauerkraut), von der Aussprache klingt es aber echt.
"Ich in Deutschland gearbeitet, Dortmund, Düsseldorf, Karlsruhe.
Bei großen Bauer, aber nix gut. Andere Bauer sehr gut". Auf
meine naive Frage "Wann?" antwortet sie prompt "in Krieg".
Schon wieder eine Zwangsarbeiterin für das tausendjährige Reich!
Auch ihr Mann habe während des Krieges im Reich gearbeitet, in Österreich.
Aber dafür kein Geld bekommen, denn der Mann in der Fabrik,
der die Unterschrift geleistet hatte, sei gestorben. So war das also damals.
Hier endlich, in den Beskiden südwestlich von Krakau, nahe am Babiogorsky
Nationalpark, dessen bis zu 1700 hohen Berge im Hintergrund hochragen,
fängt man an, Schilder mit der Aufschrift Pokoje (Tschechisch
für Zimmer) oder Noclegi zu sehen. Verstanden? Noc
wie Nacht und legi wie (hin)legen.
Auch sieht man wieder vermehrt Häuser, die so etwas wie einen eigenständigen
polnischen Baustil vorweisen. Es handelt sich dabei entweder um kleine
einstöckige, nicht sehr stark gegliederte Konstruktionen aus dunklem
oder manchmal bunt angestrichenem Holz, kaum mehr als einfache Wochenendhütten,
oder um etwas größere, zweistöckige Häuser, ebenfalls
aus Holz, denen manchmal ein verglaster, verandaartiger Vorbau das Aussehen
von Landhäusern russischer Adeliger verleiht, wie sie mir die Lektüre
von Pushkins Erzählungen vermittelt haben.
Auffälliger aber ist eine Bauweise, die mir derart typisch für
diese Gegend erscheint, dass ich mit Sicherheit behaupten könnte,
sie in keinem anderen Land bevor gesehen zu haben.
Das Typischeste und gleichzeitig auch Ansehnlichste daran sind die sehr
steilen Sattel- oder Giebeldächer, die manchmal bis zum Parterre
reichen und gegebenenfalls auch asymmetrisch sind, ferner die spitzen
Giebel, an dessen Fuß schmale Fußwalmdächer verlaufen,
die Giebelgauben und Zwerchhäuser, diese ebenfalls mit spitzen Dächern,
die durch ihre Verschachtelung und diese Asymmetrien ein wenig an orientalische
Pagoden erinnern.
Was in der Gegend nach wie vor fehlt, sind Ortschaften mit intaktem Ensemblecharakter.
Man sieht nur weit über das Land verstreute Häuser, gegebenenfalls
irgendwo eine vereinsamte Kirche als Mittelpunkt und Blickfang. Und von
Abgeschiedenheit und Menschenleere kann ebenso kaum gesprochen werden.
Überall wird auf Teufel komm
raus gebaut. Die halb fertigen Häuser sind in manchen Gegenden fast
so zahlreich wie die bereits bezogenen. Ein Adieu, also, der Illusion
(dem Traum) von kleinen Dörfern im Dornröschenschlaf, wo Hinterwäldler
in bunten Trachten die wenigen Touristen gastfreundlich empfangen.
Der Verkehr ist, selbst hier auf den Nebenstraßen, wesentlich dichter
als beispielsweise im Böhmerwald, und die wenigen Pferdegespanne
(ich bin inzwischen bei Quote 16), denen man begegnet, wirken inmitten
der überwiegenden Moderne nur noch armselig und unzeitgemäß.
Mein 17. Pferdegespann will ich dennoch fotografieren. Obwohl der alte
Mann nicht besonders freundlich in die Kamera schaut. Er wird sich schon
denken können, warum ich ihn fotografiere. Wie eine vom Aussterben
bedrohte Tiergattung in einem Naturreservat. Es ist mir ein wenig peinlich.
Auf der Passhöhe angekommen, weht der Föhn so böig, dass
das Auto bei jedem Stoß anfängt zu schwanken.
Und es regnet sich wieder ein und dieser Regen verstärkt meine Absicht,
noch heute weiter nach Tschechien zu fahren. Der Grenzübergang Ciesyn
ist mein Ziel.
Aber je näher ich zur Grenze komme, desto großartiger wird
das Schauspiel des Himmels. Eine Apotheose mit goldenen Wolken im Westen
und darunter eine entsprechend leuchtende Landschaft, die in dieses Gold
getaucht ist. Eine nordische Lichtstimmung. Zwar verdüstern die vom
Wind in rascher Abfolge gejagten Wolken immer wieder den Himmel, aber
um so schneller werden sie auch wieder weggefegt. Entlang den von Baumreihen
gesäumten Landstraßen wirbelt der Wind die Blätter stoßartig
auf und schüttelt gewaltig die Baumkronen. Es ist ein Herbstzauber,
dem nur noch die Verfärbung der Blätter fehlt. Das Licht-und-Himmel-Schauspiel
steigert sich weiter zu einem großartigen Finale.
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