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Ich
hatte bereits, bevor ich mich auf diese Reise begeben habe, einiges über
die polnische Renaissancestadt Zamosc, die 1992 von der UNESCO
als Weltkulturerbe eingestuft wurde, gelesen. So wusste ich zum Beispiel,
dass sie im 16. Jahrhundert im Auftrag von Jan Zamojski, einem der gelehrtesten
Staatsmänner im damaligen Polen, vom italienischen Baumeister Bernardo
Morando binnen zehn Jahren errichtet wurde.
Auch Zamosc, wie das toskanische Pienza, sollte eine "ideale Stadt"
werden, eine Stadt der Aufklärung und des Handels. Was von all der
Pracht bleibt, ist kaum mehr als der große Marktplatz und eine Reihe
von schachbrettartig angeordneten Straßen, die größtenteils
seit Jahrzehnten im Dornröschenschlaf noch vor sich hin ergrauen
und abbröckeln.
Der Marktplatz mit seinen prächtigen Bürgerhäusern und
ihren Arkadengängen
wird vom imposanten Gebäude des Rathauses mit seiner geschwungenen
barocken Freitreppe und seinem 52 Meter hohen Turm optisch beherrscht.
Sieht man einmal vom Glockenturm ab, lässt das Bauwerk seine italienische
Herkunft nicht leugnen.
Es hat aufgeklärt. Streifen von rosa gefärbten Wolken, die wie
eine sanft aufgesetzte Krone über den Dächern schweben, verleihen
dem Himmel etwas Ätherisches, Zauberhaftes, das mich an ferne Frühlingsabende
und an Verse italienischer Dichter aus dem 19. Jahrhundert denken lässt.
Die Stimmen spielender Kinder und das Palavern der Spaziergänger
übertönen jetzt fast das lästige Dröhnen der Bässe
aus den Lautsprechern. Die Autos, der Nachmittagsrummel und das Transparent,
das zur Ankündigung eines Behindertenmarathons die Renaissancetreppe
des Rathauses "zierte", sind jetzt weg, die Turmuhr leuchtet
bereits.
Die Amerikaner, mit denen ich vor einigen Stunden zwischen Pizza und Hamburger
einen kurzen Wortwechsel hatte, grüßen mich freundlich im Vorbeigehen.
Es ist kühl geworden, plötzlich ganz herbstlich, und mir ist
bewusst, dass ich zum ersten Mal nicht im Freien essen können werde.
Trotzdem kann ich mich nicht recht entscheiden, ein Restaurant aufzusuchen.
Ich gehe in dieser blauen Stunde unentwegt auf dem Platz auf und ab, völlig
in Gedanken verloren, und die Zeituhr dreht sich dabei unmerklich zurück;
die Konturen des Rathausturmes, die Fahne, die Zwiebelturme, sie erinnern
mich plötzlich an ein Märchenbuch, das ich als Kind sehr lieb
hatte.
Wenn man zu einem Turm hinauf schaut, kann man, etwas Fantasie vorausgesetzt,
alle Umbauten, Fernsehantennen, Stromleitungen, Leuchtreklamen und
sonstigen Verunstaltungen der Moderne übersehen oder gar wegdenken.
Und wenn man diesen Turm auch lange genug ansieht und der Fantasie noch
eine weitere Chance gibt, dann sieht man vielleicht die alten Zeiten wieder
erwachen und alte Geschichten, die mit ihnen verbunden waren, wieder lebendig
werden. Das Marktgeschehen und das geschäftige Leben von damals,
die Welt der Grimm'schen Märchen, Till Eulenspiegels Streiche, Ritter-
und Liebesgeschichten, alles kann wieder vor unseren Augen auftauchen.
Sobald man den Blick aber wieder nach unten richtet, ist der Zauber schnell
gebrochen.
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