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Auf
der Suche nach dem czmentarz zidowsky (jüdischen Friedhof)
ergibt es sich, dass ich einen alten Herrn nach dem Weg frage. Er lächelt
mich freundlich an, fragt, ob ich niemecky (deutsch) sei und beschreibt
mir bereitwillig den Weg - auf Deutsch.
Nach dieser von mir völlig unerwarteten Zuvorkommenheit verabschiedet
er sich mit einem doppelten: "Ich wünsche Ihnen alles Gute"
und - einem festen Handschlag. Ich zögere ein wenig, weiter zu gehen,
und frage ihn noch, wo er so gut Deutsch gelernt habe. Wieder strahlt
er mich an und zählt all die Orte auf, in denen er zwischen 1940
und 1945 war: Danzig, Nürnberg, Frankfurt unter anderen. Aha,
denke ich mir, als Zwangsarbeiter im Reich!
Wieder sein fester Händedruck, seine strahlenden Hans-Albers-Augen
und: "Alles Gute!"
Also mache ich mich auf den Weg zu dem etwas außerhalb liegenden,
für diese kleine Stadt unverhältnismäßig großen
Friedhof. Von jüdischen Gräbern sieht man aber keine Spur. Hier
und da knien Menschen vor einem Grab oder wechseln die Blumen aus, aber
wo ich auch hinschaue, ich sehe nur Kreuze.
Kein Auf- und Abgehen der Gräberreihen hilft mir weiter. Ein Meer
von Kreuzen. Enttäuscht verlasse ich den Ort, sehe mich noch einmal
um, gehe noch ein paar Schritte stadtauswärts, bleibe unschlüssig
stehen. Erst jetzt, etwa hundert Meter vom großen Friedhof entfernt,
entdecke ich ein weiteres, von einer alten Mauer umzäuntes Areal.
Ich trete durch ein Gittertor hinein, das durch einen unauffälligen
Judenstern verziert ist.
Anfangs wundere ich mich nur, wie klein die Fläche ist, die den Gräbern
gewidmet ist. Kaum zwanzig von ihnen kann ich zählen, und allesamt
scheinen sie neu zu sein. Erst bei näherem Ansehen merke ich, dass
die Grabsteine aus schwarzem Marmor zwar kaum früher als aus den
siebziger Jahren stammen, aber auf wesentlich älter aussehenden Sockeln
stehen. Diese sind aus Granit oder anderem Stein und bereits stark mit
Flechten und Moos bewachsen.
Immer noch nicht ganz überzeugt, erforsche ich nun das anschließende
Areal, ein völlig verwildertes Gestrüpp mit leuchtenden gelben
Blumen und mannshohen Brennnesseln. Aber ich muss erst einmal stolpern,
ehe es bei mir dämmert. Denn hier liegen sie, die Grabsteine, umgeworfen,
zerbrochen und völlig von der Natur überwuchert.
Im tiefen Gestrüpp wage ich mich jetzt weiter bis zu dem dahinter
liegenden Wäldchen, das dunkel, mückenverseucht und fast undurchdringlich
jeglicher Erkundung zu trotzen scheint.
Und auch hier finde ich sie, die verwitterten Steine; zwischen Baumwurzeln,
Gräsern und dichtem Unterholz vergegenwärtigen sie gespenstisch
die Toten unter meinen Füßen. Ich komme
mir vor wie ein Archäologe in Mexiko, der soeben eine völlig
zugewachsene Pyramide der Mayas entdeckt hat.
Die alten Inschriften sind fast ohne Ausnahme nicht mehr leserlich. Und
es scheint weniger das lange Einwirken der Zeit gewesen zu sein, dass
sie abbröckeln lassen hat, denn es ist deutlich erkennbar, dass
sie mutwillig abgeschabt oder abgemeißelt worden sind. Bei denen,
die noch zu lesen sind, handelt es sich eindeutig um "Ergänzungen"
aus späteren Jahren. Es ist offensichtlich, dass der alte Friedhof
geschändet wurde, böswillig zerstört. Und es können
nicht nur die Nazis gewesen sein. Auch viele Gräber aus der Nachkriegszeit
liegen umgeworfen, zerschlagen und verunstaltet auf dem Waldboden.
Antisemitismus im Lande der Bauern und Arbeiter? Aber ja, Ende der sechziger
Jahre hatte das Gomulka-Regime wieder heftigst den Antisemitismus entfacht.
Ein Sündenbock für die Versäumnisse des Regimes.
Lästige Mücken plagen mich, während ich in diesem Unterwelt-Szenario
umherirre und versuche die Inschriften zu entziffern. In dieser späten
Nachmittagsstunde wirkt der Ort unwirklich, düster, um nicht zu sagen
unheimlich.
"Hier ruhen die irdischen Reste eines edlen Wesens, einer Zierde
der Töchter Israels, einer Frau von edlem Denken und Handeln, Tochter
eines Gelehrtenstammes, Sali Aschkenazy, geboren am 5. August 1841, schied
aus unserer Mitte am 27. Juni 1913". Weitere Namen sind noch
zu lesen: Szymon Gottfried, Jakob Blech, Esther Hirt
und Elias Simon, Stifter des hiesigen israelischen Spitals.
Immer noch umschwirren mich die Mücken und ein plötzlicher herbstlich-kühler
Wind bringt mich zum Schaudern.
Der Gedanke, dass auf den seit fast sechzig Jahren nicht mehr gepflegten
Grabstätten ein ganzer Wald gewachsen ist, dass sich während
dieser Zeit niemand mehr darum gekümmert hat, weil es nicht erlaubt
war, weil die wenigen Überlebenden, die es hätten tun können,
geflohen waren oder weil es einfach niemanden mehr für diese Aufgabe
gab, erfüllt mich mit Ehrfurcht und Respekt für dieses gepeinigte
Volk.
Unwillkürlich muss ich über das Vergehen der Zeit und über
das Sterben, ich sage lieber das "Verschwinden" von Menschen,
Ortschaften und Erinnerungen, aber auch nur über deren Veränderungen
in der Zeit nachdenken. Ich frage mich, was passieren würde, wenn
Menschen, die zu unterschiedlichen Zeiten an einem bestimmten Ort lebten,
plötzlich alle gleichzeitig wieder erschienen. Was, wenn mein Großvater
mich als Erwachsener wieder treffen könnte? Er würde mich ebenso
wenig erkennen, wie ich mich an meinen zwanzigjährigen Vater erinnern
kann. Denn mich gab es damals noch nicht.
Jeder Ort ist zu jedem Zeitpunkt ein nicht wiederholbarer Querschnitt
unzähliger Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Gefühle
und Gedanken. Tage später beinhaltet der Querschnitt schon nicht
mehr die selben Menschen, denn neu Geborene sind hinzu gekommen, andere
sind gestorben. Eine Woche später, ein Jahr später, eine Generation
später hat sich die Zusammensetzung völlig verändert. Es
ist nicht mehr die gleiche Stadt, es sind nicht mehr die selben Gedanken
in den Köpfen der Menschen, auch jener, die noch am Leben sind. Warum
die Biographie eines Menschen schreiben und nicht zwei Minuten im Leben
einer Stadt? Die kurzen Gedanken schildern, die unzählige Menschen
völlig unabhängig von einander gleichzeitig haben, die Bruchstücke
von Ereignissen, die in jenen Minuten passieren. Man würde, so denke
ich, mehr Erkenntnisse, Zusammenhänge und wieder erkennbare Muster
entdecken als durch die Beschreibung eines Lebens.
Und um ähnliche Gedanken weiter zu spinnen: Was würde passieren,
wenn es eine Gleichzeitigkeit von Ereignissen gar nicht gäbe? Wenn
sich die Zeit für unterschiedliche Menschen mit unterschiedlicher
Geschwindigkeit bewegte? Wenn man das, was andere Menschen tun, jeweils
zeitversetzt erleben würde? Um Sekunden, Minuten? Antworten kämen
zu spät, die gereichte Tasse fiele aus der Hand, Blicke würden
nie erwidert...
Während ich gedankenverloren in einem Restaurant im Freien sitze
und das Essen als etwas völlig Nebensächliches, nur als Alibi
zum Sitzenbleiben und Weitersinnieren benutze, wenden sich die zwei jungen
Männer vom Nebentisch an mich und flüstern mir fast komplizenhaft
zu, wie schlecht das Essen in diesem Restaurant sei, gar nicht dobre,
und dass man gleich um die Ecke viel besser essen könne.
Dzenkuje, erwidere ich etwas verlegen. Sie können nicht wissen,
dass ich an diesem Abend eigentlich gar nicht hier bin, ich bin in der
Vergangenheit.
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