|
Der letzte
Schluck Tee ist ausgetrunken, das Polohemd flattert zum Trocknen im Wind.
Aber es ist nur ein schwacher Lufthauch, der es nicht schafft, meine Schwere
und meine Schläfrigkeit an diesem Sommervormittag zu vertreiben.
Von der Straße kommt ein gleichmäßiges, nicht allzu lautes
Rauschen zu mir und gelegentlich das Knattern eines Motorrads. Diese akustische
Kulisse und die ungewohnte Hitze erinnern mich ein wenig an die verschlafene
Atmosphäre des Ferragosto in einer italienischen Kleinstadt. Der
Himmel ist weiß und voller Fragezeichen. Alle Pflanzen sind bewässert,
die Koffer gepackt und ich habe die Seufzer nicht gezählt, die mir,
wie immer beim Aufbruch zu einer Reise, entflohen sind.
|
|
Wer
kennt das Gefühl? Verschwitzt und verstaubt aus dem Auto raus, schnell
unter die Dusche und in frische Klamotten schlüpfen? Anschließend
im Gastgarten eines Restaurants (in meinem Fall im Brauhaus vor dem Steinertor)
sitzen und den Schnurrbart tief in den Bierschaum eintauchen?
Apropos Bier: Es heißt, dass die Stadt Krems - was in einer Weingegend
auch verständlich ist - dem Brauereigewerbe jahrhundertelang eher
feindlich gegenüber gestanden sei. Aus dem Jahr 1588 ist sogar ein
Edikt bekannt, dass den hiesigen Wirten das Ausschenken von Bier verbot.
Ich sitze im Freien unter Linden, schneide genüsslich einen Bissen
von meinem Cordon Bleu ab und erfreue mich am Anblick eines schönes
Barockgebäudes am angrenzenden Südtiroler Platz.
Freilich braucht man auch hier einen recht selektiven Blick, will man
sich nicht von der allgegenwärtigen Stadtmöblierung durch die
Autos oder von der Verunstaltung durch die Modernisierung der Häuser
in der Fußgängerzone verstimmen lassen.
Es gibt kaum noch Erdgeschosse, in denen sich nicht Warenhäuser,
Schnellimbisse, Banken oder chemische Reinigungen, bar jeder denkmalverträglichen
Gestaltung, breit gemacht haben. Ohne jedes Verständnis für
kleinteilige, in sich geschlossene Strukturen oder Rücksicht auf
die Gestaltung der Obergeschosse wurden der Vorkriegsarchitektur überdimensionierte
Kaufhauselemente aufgesetzt. Alle weisen sie unverhältnismäßig
große, hässliche Fenster auf, knallbunte Werbeschriften und,
obszön ins Auge stechend, großformatige Präsentationsflächen
für Waren, sodass die Aufmerksamkeit der Passanten ganz automatisch
auf diese Hässlichkeit geleitet wird und von den behutsam restaurierten
oberen Stockwerke abgelenkt wird.
Es ist als ob man von einer ehemals schönen Frau nicht das hübsche
Gesicht, die edlen Züge, die anmutigen Rundungen der Brüste
oder der Hüften sehen würde, sondern ihre von einem grausamen
Unfall verunstalteten Beine.
Dennoch gehe ich gerne in der lauen Abendluft durch die Straßen
dieser Stadt spazieren. Abseits der Geschäftsstraßen und der
Hauptsehenswürdigkeiten finde ich zahlreiche Details, die mich in
die Zeiten des Kaiserreichs versetzen oder in das Wien meiner Kindheit
(nicht die Kaiserzeit!), teilweise sogar nach Italien. Barocke Bürgerhäuser,
oft liebevoll restauriert, abbröckelnde Mauern, hinter denen sich
große, fast verwilderte Gärten verbergen, das klotzige, wie
eine Festung wirkende Gebäude der Justizanstalt, Straßenschilder
in gotischer Schrift, all das versetzt in ein Mitteleuropa, das - jedenfalls
vom architektonischen Standpunkt aus - eine Idylle gewesen sein muss.
|