Freitag 3.April

Zurück in San Sebastian
Zum Abschluss gönne ich mir etwas Luxus: Am Swimmingpool des Parador Nacional "Conde de la Gomera" sitzen, an einem Glas Bitter Lemmon nippen - woanders würde ich "trinken" sagen, aber hier muss ich mich "vornehm" ausdrücken - und nichts tun (was auch sehr nobel ist).
Die Hotelanlage, ein getreues Abbild alter kanarischer Landhäuser, liegt hoch auf den Klippen über dem Atlantik am Rande von San Sebastian. Der Komplex mit den stilvollen Holzveranden und -bal­ko­nen lässt kaum vermuten, dass der parador erst 1973 erbaut und 1985 erweitert wurde - man wähnt sich in einem alten, zum Hotel umfunktionierten Herrschaftssitz und kann sich gedanklich leicht in die Kolonialzeit zurückversetzen.
Das Ambiente ist wunderschön: Der leicht angestaubte Charme der kastilisch eingerichteten Säle im Hauptgebäude, der weitläufige, elegante Park, in dem ein Großteil der subtropischen Pflanzenwelt der Insel vertreten ist, die grandiose Aussicht auf den Hafen und den Atlantik (von manchen Gäs­te­zimmern kann man direkt auf Teneriffas Teide schauen), der Swimmingpool auf einer der Park­ter­rassen - ich kann mich kaum satt sehen.
Leider passt diese etwas unterkühlte Atmosphäre kaum zu den eher lauten, ein wenig zu salopp angezogenen Gästen. Man sucht umsonst die exzentrischen Gestalten ehemaliger Kolonialbeamten, oder einen Schnurrbart tragenden Briten aus Northumbelandshire.
Inzwischen bröckeln die vier Sterne des Hotels auch etwas ab. Nach einer Stunde Warten ist das Zimmer noch immer nicht gemacht - es heißt, das Zimmermädchen sei beim Mittagessen - und in den servicios bei der Bar fehlt das Licht. Und ist es nicht merkwürdig? In einem Vier-Sterne-Hotel, in dem zu achtzig Prozent Deutsche absteigen, beherrscht der Angestellte an der Rezeption kein einziges deutsches Wort.

Bald warte ich nur noch darauf, dass mein Zimmer gemacht wird. Irgendwie drängt es mich nach unten in die Stadt, um dieser dünnen Luft zu entfliehen.
Und jetzt sitze ich zum letzten Mal - so denke ich - auf der Plaza de las Americas, genieße meine einfachen tapas und das Leben, das sich vor meinen Augen abspielt. Was war es, das ich hier am Häufigsten angetroffen habe? Sympathische junge Leute mit schweren Rucksäcken, die diese Insel aufsuchen, um sie zu erwandern und zu erobern.
Ich schmunzle über ihre grell-bunten Schlabberhosen, die zu leichte Kleidung für das kühle Ge­bir­ge, die Strohhüte, mit denen sie sich so spanisch fühlen wollen und die totale Ahnungslosigkeit mit der sie trotz Anpassungswille diese Inseln verändern.
Ich komme in Zugzwang. Nach den vorzüglichen Scampi in der Pizzeria Rincon del Cedro - es müssen ja nicht gerade hamburguesas oder perros calientes (perro = Hund, also hot dogs) sein - drehe ich noch eine Runde auf der Strandpromenade. Der Wind ist kühl geworden und es herrscht eine Stim­mung wie in Rimini am Ende der Saison.
Mein letzter Abend in La Gomera. Nichts, aber nichts zieht mich hinauf in die teure Herberge. Und ich raffe mich schließlich nur auf, weil mich die Aussicht auf die Stadt in der Dämmerung lockt.
Also wieder hinauf und rein in das Ambiente vergangener Zeiten.
Im Haus herrscht wie in den meisten staatlichen Luxushotels eine vornehm-unterkühlte Atmo­sphä­re. Deutsche Paare dinieren elegant angezogen im Restaurant bei den gedämpften Klängen klas­si­scher Musik.
Im Patio stehen aufgeputzte Spanier laut schwätzend und rauchend beim Aperitif. Man trifft sich wohl hier oben am Freitagabend, wenn man etwas auf sich hält. Die Szene könnte aus dem Italien der sechziger Jahre stammen, denke ich während meine Laune einen weiteren Sturzflug erlebt. Ich kann dieses mondäne Getue noch immer nicht ausstehen. Es zieht mich in den Park. Dort bin ich allein mit dem herrlichen Ausblick auf die Lichter der Stadt und des Hafens. Dort unten sieht man noch Leben, Kinder beim Spielen, kleine, entfernte, sich bewegende Pünktchen auf der plaza. Es ist Freitag, morgen gibt es keine Schule und mein Herz bekommt einen schmerzhaften Stich . . .
Wie sagt man auf Spanisch: "Wo sind die Treppen hinunter zur Stadt?"? Vielleicht "Donde estan las escaleras a la ciudad?" oder "Donde estan las escaleras para ir a la ciudad?" Ich rase hinunter - zum Leben.
Jetzt geht es mir gut. Während ich den letzten Cafe des Abends hinunterschlürfe, lärmen und laufen ganze Scharen von Kindern auf dem Platz hin und her. Eine Gruppe geschwätziger junger Leute am Nebentisch erinnert mich an die Cliquen in Italien, ihre spanischen Stimmen haben alles Deutsche verdrängt.
Eine Fred-Olsen-Fähre fährt festbeleuchtet in den Hafen ein, der Wind ist etwas lauer geworden, die Palmen, die den Platz abgrenzen, sind gelb angestrahlt, ihre Kronen rascheln in der Abendbrise und ich fühle mich, wenn auch nur im Geiste - zu Hause.
Noch eine Abschlussbemerkung. Als ich zu später Stunde wieder im parador auftauche (schließlich muss ich ja dort übernachten), kommt mir Froschgequake entgegen. Ich bin einen Augenblick lang verwirrt, ehe ich die Verwechslung bemerke. Natürlich sind es nicht die Konzertfrösche aus Valle­hermoso, die mir ein Ständchen halten. Nein, es ist lauter, unangenehmer - es ist eine Cocktail­party.
  
Am Parador-Swimmingpool Im Garten des Paradors Hafen von San Sebastian