|
|
||||||
![]() |
||||||
| Playa de Hermigua,
Bar Piloto Croquantes de pescado? - das klingt verdächtig nach Fischstäbchen. Pollo al ajillo? Knoblauch in Ehren, aber es muss nicht immer sein. Also nehme ich "cerdo al vino tinto" (Schweinebraten in Rotwein). Vor wenigen Minuten noch sah es danach aus, als würde meine Laune wieder einen Sturzflug erleben. Ich hatte im Vorbeifahren diese schmucke Bar gesehen. Sie versprach Blick auf Bananenplantage und Meer. An einem schönen Plätzchen verweilen, Wein und Aussicht genießen und die Gedanken fliegen lassen: das passte genau zu meiner seelischen Verfassung. Indes, so teilte mir der freundliche junge Mann mit: "esta cerrado" (ist geschlossen). An der Tür der Bar El Faro, gleich nebenan, hing das Hinweisschild "cerrado los miercoles". Und natürlich ist heute genau Mittwoch. Als mich der selbe Mann freundlich auf eine Bar gleich nach der nächsten Kurve verwies, war ich im Nu dort, nur - die genannte Bar war leider auch geschlossen. Ich sah mich um und konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, in eine Geisterstadt gekommen zu sein. Links, neben der Straße, breitete sich eine große Bananeplantage aus, die direkt an die Brandung angrenzte, rechts erhoben sich die Fassaden leer aussehender Häuser, die zwar keinesfalls verfallen waren, aber irgendwie an Verlassenheit und längst vergangene Zeiten erinnerten. Kein Mensch, kein Lebenszeichen. Es mutete gespenstisch an, und ich fragte mich, weshalb es an dieser so einnehmenden Stelle keinen Touristenrummel gab, und warum der Strand so ausgestorben aussah. Missgelaunt ging ich die hundert Meter zurück zum Auto, denn es war inzwischen zwei Uhr vorbei. Meine innere Uhr rief nach tapas und siesta. Und siehe da, nun war die Bar plötzlich offen. So bin ich doch zu meinem Mittagessen gekommen. Der Schweinebraten, begleitet von gebratenem Gemüse (Zucchini, Auberginen, Paprika, Kartoffeln) ist vorzüglich, der vino tinto schwer, die südamerikanische Hintergrundmusik wie geschaffen für die erhoffte Stimmung. Ein junger Mann an der Theke klatscht rhythmisch die Hände dazu. Plötzlich kommt Bewegung in die kleine verschlafene Bude. Aufgeregt und mit roten Köpfen treten zwei deutsche Touristen ein und versuchen mit Händen und Füßen den Barmann dazu zu bewegen, einen Krankenwagen herbeizurufen. Drei Männer hätten einen Unfall gehabt und müssten dringend verarztet werden. Erst allmählich stellt sich heraus, dass die Drei von den Wellen mehrmals gegen die Felsen geschleudert worden waren und, von Panik erfasst, fast ertrunken wären. Blutüberströmt hatten sie sich in allerletzter Minute doch noch retten können und standen immer noch unter Schock. Das deutsche Ehepaar hatte zwar dem Ganzen mit Entsetzen zusehen können, sich aber nicht in der Lage gesehen, ihnen zu helfen. Im näheren Gespräch erweist sich, dass die Männer gar nicht im offenem Meer geschwommen waren, sondern in einem künstlich angelegten Meerwasserschwimmbad. Plötzlich auftauchende, über zwei Meter hohe Wellen hatten die Abgrenzung überwunden und die Drei immer wieder gegen den Beckenrand geschleudert, und sie dann mit dem Rücksog wieder unter Wasser ins Becken gezogen. Die Aufregung im Bar Piloto ist groß. Jeder gibt mit erregter Stimme seine Meinung zum Besten. Endlich: Zwei Anwesende erklären sich bereit, die Verunglückten mit dem Auto zu einem Arzt zu bringen. Ich lese im Reiseführer: "Der geröllige Strand macht nicht viel her. Brandung und Unterströmung sind zudem rau und gefährlich. Nahe den gespenstisch aus dem Meer ragenden Pfeilern der alten Bananenverladestelle gibt es ein Meeresschwimmbecken" - und jetzt aufgepasst - "wo es sich ganz ungefährlich plantschen lässt." |
||||||
![]() |
||||||
| Langsam wird mir klar, weshalb
der Strand so leer ist und weshalb Gomera die Exzesse des Massentourismus
erspart geblieben sind. Unten am langen Steinstrand brechen sich mit aller
Wucht die Wellen des Atlantiks. Sie sind nicht nur wegen ihrer Größe
so gefährlich, sondern auch wegen der Sogwirkung und den unberechenbaren
Strömungen, die schon manchen erfahrenen Schwimmer das Leben gekostet
haben - kein Ort für ungetrübte Badefreuden. Das "ungefährliche"
Meerwasserschwimmbecken
wurde 1987 zwischen den Trümmern der alten Mole gebaut, um den Gästen
dennoch eine Möglichkeit zum Baden
zu bieten. Wie viel Schutz freilich das nur wenige Zentimeter über dem Meeresspiegel gelegene Betonbecken vor der geballten Kraft des Meeres zu geben vermag, hat sich mir heute eindrucksvoll gezeigt. Die alte Mole, wo früher die Bananendampfer anlegten, war noch vor wenigen Jahren die einzige Verbindung Hermiguas zur Außenwelt. In der Bar Piloto (Lotse) warteten die Lotsen auf die Ankunft der Schiffe. Heute ist von der Mole nur noch ein gründlich vom Atlantik benagtes Gerippe übrig. Die Straße zur Verladestelle, die bei den schweren Stürmen des Winters 1987/88 unterspült und fortgerissen wurde, ist heute eine alte, nur behelfsmäßig in Stand gesetzte und von Steinbrocken übersäte Betonstraße, die weit oberhalb der Brandung verläuft. Als ich meinen Blick zurück in Richtung Strand lenke, sehe ich einen feinen Schleier aus Wassertröpfchen über dem Meer schweben, der im Gegenlicht zu leuchten beginnt. Und ungeachtet dieses strahlenden, von Wellen und Wind erzeugten Nebels, sticht über dem Meer die Farbe Blau leuchtend hervor. Regelmäßig, fast beruhigend, brechen sich die langen, langsam rollenden Wellen am Ufer. Ich stehe wie angenagelt vor dieser überwältigenden Ansicht, während mich ein Kribbeln im Nacken packt und eine plötzliche und starke Emotion in ihren Bann zieht. In der entgegengesetzten Richtung ein ganz anderes Szenario: eine Betonplattform, auf der zwei würfelförmige, frisch geweißelte Gebäude ragen - es sollten wohl Bars werden -, zwei alte Laternen mit zerschlagenen Lampen, die Treppen hinunter zum Meerwasserbecken - ein Ort der Verlassenheit! Das genannte Schwimmbad ist noch immer von Wellen umspült. Und von Zeit zu Zeit kommt tatsächlich eine Reihe mächtiger, brausender Wogen, die das Becken und die vorgelagerten Felsen vorübergehend unter weißer Gischt verschwinden lassen. Die Pfeiler der alten Mole stehen wie antike Tempelsäulen in der Brandung, die Wellen rauschen und klatschen gegen sie und gegen die Mauern der Plattform, während der Wind einen an einem Kabel hängenden, kaputten Isolator rhythmisch gegen den Laternenmast schlägt. Das daraus entstehende, unheimliche Klopfen mischt sich mit dem Flüstern des Windes selbst zu einer faszinierenden, verwirrenden Dissonanz. Einmal gingen hier Schiffe vor Anker, und schweißgebadete Männer in verschmutzter und zerrissener Kleidung hievten schwere Bananenstauden auf das Deck der anlegenden Frachter. Heute lässt dieser Ort nur an längst vergangene Geschehnisse erinnern, erzählt von Abenteuern, die es vielleicht gar nicht gab und zwingt mich, über die Unerbittlichkeit der Zeit nachzudenken. Während ich so in Gedanken versunken meiner Fantasie freien Lauf lasse, nähert sich ein holländisches Paar neugierig dem Schwimmbecken. Dem Mann sieht man die Absicht, ein paar Runden zu schwimmen, gleich an, er fängt bald damit an, seine Schuhe auszuziehen. Die Frau wirkt hingegen eher unsicher und kommt zögernd auf mich zu, um mich, als Einheimischen, zu fragen, ob man denn hier überhaupt schwimmen könne. Vom Nichtswissenden zum Experten avanciert erzähle ich mit entsprechend ernstem Ton vom heutigen Geschehen, und provoziere damit eine kurze Debatte zwischen den Eheleuten. Resultat - die Schuhe werden wieder angezogen. Ohne dass ich es gemerkt habe, hat sich die Zeit wieder eine Scheibe abgeschnitten - es ist inzwischen schon halb sieben. Und dennoch kann ich mich von diesem Ort nur schwer trennen. Weiter oben, auf einer Plattform von der man direkt auf die Pfeiler sieht, kann man eine etwa hundert Meter hohe Felswand beobachten, deren Fuß im wilden Weiß des Ozeans verschwindet. eine Insel, wie eine Festung. Schweren Herzens verabschiede ich mich von dieser vereinnehmenden Aussicht. Ich möchte noch vor der Dunkelheit in Agulo sein. In der Bar Pepe (Agulo) Im Reiseführer ist immer alles mit so nüchternen Worten beschrieben. Die Bar ist also "mitten im Ortskern von Agulo, mit leckeren tapas und abends einer bescheidenen Auswahl gomerischer Gerichte. Dorftreff der Einheimischen". Mit eigenen Worten beschrieben sieht es dann so aus: Es ist das pittoreske Ambiente, das allen meinen Vorstellungen von Spanien entspricht. Eine halbrunde, in hellem Holz getäfelte Theke, ein hinter dieser stehender, etwas grantig aussehender Wirt mit dickem, mexikanisch anmutendem Schnurrbart. Von der Decke hängend ein ebenfalls halbrundes Gestell für die Flaschen, die sich in ununterbrochener Reihenfolge aneinander reihen, Whisky an Whisky, Schnaps an Schnaps. Auf der Theke rechts thront auf einem Gestell ein prächtiger Schinken, dessen angenehmer Geruch Appetit anregend bis zu mir dringt. Zur Gasse hin zeigt eine offene Tür und ein ebenso offenes großes Fenster. Durch letzteres leuchtet gespenstisch die Wand des gegenüberliegenden Hauses in einem sich aus dem blauen Abendlicht und dem rotgelben Licht der Straßenlampen ergebenen grellen Lila. Das Ganze mutet wie ein buntes, vom Fensterrahmen eingerahmtes Gemälde an. Ein Moped fährt ratternd die schmale Gasse herauf und kommt vor der Bar zum stehen. Der Fahrer tritt aber nicht ein, sondern lehnt sich wie bei einem Drive-in von außen ans Fenster und unterhält sich aufgeregt mit Pepe. Es hört sich ein wenig wie ein Streit an. Vom Dorftreff ist ansonsten nicht viel zu spüren. Anfangs sitze ich ganz allein an einem der vier an die Wand gereihten Tische - sie stehen wie in einem Amphitheater rund um die Theke -, später gesellt sich am Nebentisch ein junges Touristenpaar dazu. Köstlich hört sich ihre britische Variante des Spanischen an. Ich nehme Gemüsesuppe und Tortillas. Und weil ich bereits in die hiesigen Essgewohnheiten eingeweiht bin, löffle ich fachmännisch auch etwas gofio in die Suppe. Bei der Nachspeise angelangt, bestelle ich, obwohl ich keine Ahnung habe, um was es sich handeln könnte, ein "dulce di pantana". Was auf den Tisch kommt, sieht etwa wie in Palmenhonig schwimmende, geraspelte Karotten aus, ist aber wegen der übermäßig starken Süße nicht näher identifizierbar. Der einzige einheimische Gast, der inzwischen gelangweilt an der Theke steht, ein "agricultor", wie er stolz betont, wiederholt den Namen des Gerichts und fügt erklärend hinzu: "o cabeillo de angel". Nun weiß ich zwar so viel wie vorher, nicke aber - hoffentlich überzeugt wirkend - dem Mann mit dankbarer Miene zu. Es entfaltet sich eine Art Konversation, in die der Wirt nur ab und zu eingreift, wenn er meint, ich hätte nicht verstanden – zu selten leider, denn er überschätzt mich dabei völlig. Wir sprechen über typische gomerische Gerichte, über die Ähnlichkeit zwischen Italienisch und Spanisch, über Touristen in Agulo und vieles mehr, und als Abschuss erläutert er mir in sehr ausführlicher Weise das Herstellungsverfahren des hiesigen Schnaps, der "agua ardiente Parro". Zu einem Gläschen dieses "brennenden" Wassers lädt er mich selbstverständlich auch ein. Man nimmt zuerst ein Löffelchen Zucker in den Mund und spült es mit den aus Weintrauben destillierten Schnaps in einem einzigen Zug hinunter. Es schüttelt mich gehörig, ich muss aber dennoch den Eindruck erwecken, dass es mir sehr schmeckt, denn es folgen weitere. 2. April |
||||||