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31. März
Bar Amaya
Nachdem sich der Klüngel einheimischer Männer
mit einem "adios muchachos" sukzessive aufgelöst hat, sitze
ich nun, nur noch von Deutschen umgeben, an einem Tisch und schreibe.
Zum wiederholten Mal schlürfe ich einen cafe con leche. Die
Wolken hängen tief und unbeweglich über dem Ort und ich überlege
unschlüssig, ob ich nochmals in den "Märchenwald" soll.
Fotografisch wäre es zwar kaum lohnend, überlege ich, aber die
"König-Arthur-und-der-heilige-Gral-Stimmung" würde durch den Nebel
möglicherweise noch verstärkt hervortreten.
Allmählich macht sich bei mir eine gewisse Reisemüdigkeit breit.
Nicht weil ich mich langweilte oder Sehnsucht nach Hause hätte, nein,
ich bin nur verunsichert. Ich fahre mit dem Auto kreuz und quer durch die
Insel, auf der Suche nach einer neuen Aussicht, einem besonderen Licht,
einem besonderen Ort, aber einmal dort angekommen schaffe ich es nicht,
auch nur für wenige Stunden die Landschaft von innen zu erleben, sie
zu erwandern. Der Tag scheint zu kurz zu sein. Um mich von diesen trüben
Gedanken loszureißen, gibt es nur eines - aufstehen und meine innere
Trägheit überwinden.
Im Bosque del Cedro
Laut Wanderkarte trennen nur wenige Kilometer die
verstreuten Häuser von Los Aceviños vom Dörfchen El Cedro,
meinem Ziel im Zentrum des Nationalparks. Ein dichtes Netz von Pisten
führt dorthin. Man kann den Weiler kaum verfehlen, denke ich, und
bilde mir ein, den Cedro-Bach bereits rauschen zu hören.
Zwei Stunden später: Ich hocke unter einem Felsvorsprung und versuche
- so gut es geht - mich vor dem heftigen Regen zu schützen. Meine
Fotoapparate sind ungenutzt in der Tasche verstaut, meine Jeans bereits
völlig durchnässt, aus der Kapuze tröpfelt es mir in den
Hals. Ich muss gestehen: Meine Laune ist am Tiefpunkt. Und was schlimmer
ist: Ich habe nicht die geringste Ahnung, wo ich mich befinde. Die auf
der Karte eingezeichneten Wege scheinen mit der Wirklichkeit nichts Gemeinsames
zu haben, Hinweisschilder sind für die Gomeros offenkundig ein Fremdwort,
und der einzige Wegweiser, den ich fand, hatte mich nur vorübergehend
hoffen lassen: Noch 1300 Meter zu El Cedro, kündigte er an. Aber
der Weg hat nur hinunter, hinunter und nichts wie hinunter geführt.
Und an den Weggabelungen gab es keine weiteren Hinweise und die wenigen
Häuser, die ich sah, waren einsam und verlassen. Keinem von den sonst
so häufig anzutreffenden Wanderern war ich begegnet. Nach etwa drei
Kilometern hab ich schließlich das Zählen meiner Schritte aufgegeben.
Jetzt warte ich nur noch darauf, dass der graue Landregen, der die bewaldeten
Bergrücken umhängt, wieder abzieht und dass er sich nicht,
wie ich es aus Mitteleuropa gewohnt bin, auf lange Zeit an die Landschaft
festklammert. Aber während ich in der Hocke geduldig ausharre, zieht
die Wut, die sich beim Gehen laufend gesteigert und mir jeglichen Blick
für die Schönheit des Waldes genommen hatte, langsam ab. Die
Abgeschiedenheit, in der ich mich befinde, könnte nicht größer
sein. Ein subtiler Respekt für diese Urwelt schleicht sich allmählich
bei mir ein und lässt jeden Ärger verschwinden. Mit einem Mal
ist mein Blick wieder für die Schönheit dieser Wildnis geschärft,
mein Geist offen für Entdeckungen. Die Wolken, die sich plötzlich
als mystische Schleier entpuppen, als Atem eines geheimnisumwitterten
Urwalds, das feine
Geflecht abgestorbener, moosbewachsener Bäume, die
ausgedehnten Flächen meterhoher Farne, die blauen Tupfer der großen
Immergrün, die windgebeugten verkrüppelten Wacholder, die
in düsterem Grün der späten Stunde fast beängstigenden
Baumriesen, die Farbnuancen der wassergetränkten Erde, ja sogar die
Form und die Spiegelungen einer Regenpfütze, alles erscheint mir
wie ein unwiederholbares Wunder, das mir von der großartigen Natur
Gomeras geschenkt wird. Es fällt mir im doppelten Sinn schwer, diese
Traumlandschaft zu verlassen. Weil ich nur mit Mühe die Orientierung
wieder gewinne, und weil mich bei der zunehmenden Dunkelheit der Zauber
dieses Walde noch mehr vereinnahmt.
Abends, Bar Central
Zu späterer Stunde ist die Bar halb leer. Die
Stammkunden und die wenigen Touristen im Ort sind bereits heimgegangen.
Die Tagesasflügler aus Teneriffa haben die Insel schon längst
mit der Fähre verlassen.
Ich kann mir nichts vormachen: Mein Spanisch ist eine Katastrophe. Im
Fernseher läuft - in allen Bars und Restaurants sind die Geräte
immer eingeschaltet - ein Dokumentarfilm über Tibet. Der Sprecher
spricht ein schönes, langsames, deutliches Spanisch. Trotz allerlei
Hintergrundgeräuschen kann ich es einigermaßen verstehen. Aber
die Herrenrunde an der Theke palavert mit derart horrender Geschwindigkeit
über Gott, Fußball und die Welt, dass ich von Glück sprechen
kann, wenn ich auch nur vereinzelte Worte erkenne. Immerhin wechselt der
junge Inhaber ein paar Sätze mit mir: Spanisch für Anfänger,
Kapitel 1, Lektion 1.
1. April
Herumhängen in der Bar
Der Roque Cano ist zwar frei, aber die Wolken im Hintergrund sehen verdammt
dunkel aus; nur in Richtung Meer sieht man den gewohnten blauen Streifen.
Es ist ausgesprochen kühl heute. In dem zur Straßenfront über
zwei große Flügeltüren offenen Lokal zieht es demzufolge
gewaltig. An der Theke nimmt mir der in Strickhosen gepackte verlängerte
Rücken einer Festlandspanierin die Sicht. Der Rentner, der jeden
Tag am Spielautomaten steht, sitzt heute am Tisch nebenan und füllt
seinen Totozettel aus. Als der Lautsprecher eines kleinen Lieferwagens
etwas Unverständliches in den Raum plärrt, geht er hinaus, taucht
aber wenig später mit einem frischen Fisch in einer Plastiktüte
wieder am Schalter auf, wo er einen Totozettel abgibt - auch eine Möglichkeit,
zu Geld für den einarmigen Banditen zu kommen.
Die Szene lässt mich unwillkürlich an Pablo denken, und ich
versuche ihn mir vorzustellen, wie er Tag für Tag in dieser Bar herumhing
und mit seinem Spanisch mit schwiezerdeutschem Akzent das Spielchen spielte,
Einheimischer zu sein und mit den anderen Stammgästen über die
gleichen Nichtigkeiten sprach wie an allen Stammtischen dieser Welt.
Hin und wieder kommen ein paar Touristen mit schweren Wanderschuhen und
riesigen Rucksäcken in den Raum. Sie halten sich aber kaum länger
als für einen Kaffee auf. Nur das deutsche Ehepaar am Nebentisch
sitzt seit einiger Zeit abgespannt und etwas griesgrämig herum und
straft das Wetter mit gelegentlichen skeptischen Blicken.
Sie können sich meines Mitgefühls sicher sein. Leichte, gerade
noch angenehm wirkende Rücken- und Muskelschmerzen versetzen mich
ebenfalls in die "Keine-Lust-was-zu-tun"-Laune.
Plötzlich ruft jemand meinen Namen. Es ist Miguel, der sich nach
dem Tag meiner Abreise erkundigen will. Er ist wie gewohnt außerordentlich
freundlich. Und plötzlich fällt mir ein, an wen er mich erinnert,
nämlich an Manolis, einen Flamenco-Gitarre spielenden griechischen
Bekannten aus München. Sie haben sogar dieses verbindlich-charmante
Lächeln gemeinsam.
Das Verhältnis Spanier zu Touristen in der Bar steht im Augenblick
bei fünfzehn zu drei - gerade noch erträglich. Und es gesellen
sich noch ein paar Einheimische dazu. Jetzt, um zwanzig nach zehn kommt
Leben in die Bude.
Dennoch: Zeit zum Weiterfahren!
Aussicht mit Touristenbus
Seit zehn Minuten verweile ich auf diesem Parkplatz
kurz nach dem Agulo-Tunnel und genieße den herrlichen Blick auf
den Ort. Einziger Wermutstropfen: Ich muss das Schauspiel mit den lärmenden
Touristen eines Busses teilen. Fünf Minuten Fotografierpause - mehr
ist für die Gruppe nicht vorgesehen -, dann fahren sie weiter.
Erfreulicherweise weht eine leichte Brise die Dieselabgase schnell wieder
weg. Und erst jetzt entdecke ich die Stufen einer kleinen Treppe, die
bergseitig auf die bebauten Terrassen führt. Ich lasse mir die Gelegenheit
nicht entgehen. Im Nu bin ich etwa dreißig Meter gestiegen. Von
dort bietet sich mir ein wunderbares Panorama. Der Fernblick auf das Dorf
und den Teide, der sich wie eine Fata Morgana aus einer Dunstschicht emporhebt
und dennoch zum Greifen nahe scheint, ist überwältigend.
Ich bin in einer weichen Gemütsverfassung, ohne ehrgeizigen Vorsatz
für den Tag, außer vielleicht den, zur inneren Ruhe zu gelangen,
tapas und vino blanco in einer Bar zu genießen, zu
schreiben und fotografieren - und letzteres auch nur, wenn ich etwas ohne
große Mühe vor die Linse bekomme.
Wenn man bedenkt, dass La Gomera mit seinen etwa 25 km Durchmesser eine
kaum größere Fläche beansprucht als München, aber
auf kleinstem Raum Höhenunterschiede wie zwischen Mittenwald und
der westlichen Karwendelspitze aufweist und dass sich von den Berggipfeln
mehr als 50 barrancos hinunterwinden, die meisten von ihnen so
einsam und verlassen, dass man sich fernab jeder Zivilisation vermuten
könnte, dann hat man ein wenig von der Faszination dieser Insel erkannt.
In ständigem Bergauf und Bergab, gleich ob man mit Auto oder Wanderschuhen
unterwegs ist, ziehen innerhalb weniger Kilometer die unterschiedlichsten
Landschaften und Vegetationsstufen an den Augen vorbei: trockene, braune
Bergrücken mit spärlichem Bewuchs erinnern an das Spanien der
Westernfilme, wo die Sträucher aus der Ferne wie die Flecken eines
Leopardenfells aussehen; anderswo ähneln tief eingeschnittene Schluchten
mit steilen Wänden sowohl in der Farbe als auch in der Struktur den
eindrucksvollen Canyons des amerikanischen Westen.
Im Norden werden die Täler lieblicher, teils wie Oasen mit Dattelpalmen
bewachsen, teils lieblich grün in tausend Schattierungen, mit Terrassenkulturen,
die an Südostasien erinnern. Nur große, einladende sandige
Strände wie auf Teneriffa fehlen - und es ist wohl nur diesem glücklichen
Zufall zu verdanken, dass die Insel noch nicht Zerstörungen gleichen
Ausmaßes erfahren hat.
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