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29. März
Im Zauberwald
Der kleine botanische Garten des Centro de Visitantes
Juego de Bolas, am Rande des Nationalparks gelegen, ist in ein angenehmes,
klares, nahezu schattenloses Licht getaucht. Der Himmel ist gleichmäßig
grau, fast ein wenig düster. Nur ab und zu kommt ein Sonnenstrahl
durch. In Richtung Berge sieht es dunkler und vor allem feuchter aus,
zum Meer hin herrscht das übliche Blau. Es tröpfelt. Ein stetiger
Wind und die laue Luft kündigen ideale Wanderbedingungen an.
Als ich zum Bosque del Cedro aufbreche, ist es bereits ein Uhr vorbei.
Meine Erwartungen sind gewaltig, hab ich doch so oft auf Ansichtskarten,
in Reiseführern und in Bildbänden riesige, mit Moosen und Flechten
bewachsene Baumstämme, fast skurrile Strukturen aus Efeu- und Lianengewächsen
und ganze Teppiche aus Farnen gesehen, die handfeste Assoziationen an
einen tropischen Dschungel in mir weckten.
Die ausgedehnten und dichten Waldbestände des zentralen Berglands,
die fast ein Drittel der Inseloberfläche einnehmen, bilden das
ökologische Rückgrat Gomeras.
Seit dem Jahr 1981 stehen Flora und Fauna dieses Gebiets als Parque Nacional
de Garajonay unter Naturschutz. Fünf Jahre später wurde das
Areal mit seinem beeindruckenden Bosque del Cedro von der UNESCO in die
Liste der schützenswerten Kulturgüter der Menschheit aufgenommen.
Von dem bis zu 25 m Höhe erreichenden Zedernwacholder (Juniperus
cedrus), welcher der ganzen Gegend ihren Namen gab, ist wegen des
Jahrhunderte andauernden Raubbaus zwar kaum noch ein Exemplar zu finden,
aber der immergrüne Lorbeerwald, der heute hier vorherrscht, ist
mit seinen artenreichen Baumbeständen der älteste und am besten
erhaltene Urwald Europas.
Dieser Lorbeerwald lebt allein von der Feuchtigkeit der Passatwolken,
die sich an den Nordhängen in Höhen zwischen 600 und 1200 Metern
ausregnen, wo er ein nahezu undurchdringliches Netz urzeitlicher Vegetation
bildet.
Von der Montaña de Tobares verläuft ein Forstweg, von dem
ich mir verspreche, abseits der großen Wanderströme
den bosque in voller Einsamkeit erleben zu können.
Aussteigen aus dem Auto. Stativ und Fotoapparat schultern. In den Wald
eintreten. Sich an die Stille und an die Dunkelheit gewöhnen. Der
Stimme der Vögel lauschen. Und schon ist es geschehen. Das Kribbeln
ist da. Die Neugierde ist da. Innerhalb von Minuten bin ich dem eigenartigen
Flair dieses Urwalds ausgeliefert. Im schummrigen Licht erkenne ich tatsächlich
die dunklen Konturen moosbärtiger, übergroßer Bäume.
Und ich brauche nur den Weg um einige Meter zu verlassen, einen abgestürzten
Baum oder einen Geröllbrocken zu umgehen, mich durch einen Unterwuchs
von Sträuchern, Kräutern und Farnen vorsichtig vorwärts
zu bewegen und schon sind tausend Jahre übersprungen.
Am Himmel ist ein Schleier. Manchmal lichtet er sich. Dann bekommen die
knorrigen Bäume knallharte Konturen, wie in einem Scherenschnitt.
Manchmal kommt ein blauer Ausschnitt zum Vorschein. Dann schwächen
sich die Schatten etwas ab, und die Details mit ihren Farben und ihren
Strukturen werden wieder sichtbar.
Manchmal jedoch dringen einzelne, zarte Sonnenstrahlen durch das Gewächse
von Ästen, Lianen und tiefhängenden Flechtenbärten und
bringen ein Wässerchen zum glitzern. Dann wachen die Gnome auf und
tanzen. Dann bekommen uralte Sagen Gestalt. Dann legt König Arthur
seine breite, kräftige Hand auf meine Schulter und flüstert
mir zu: "Sag kein Wort, beweg dich nicht, lass die Stimmen, die Farben
und die Gerüche des Waldes auf dich einwirken, vergesse die Zeit."
Es sind Stunden - oder sind es Jahre? -, in denen ich verloren bleibe
in meinem Staunen.
Jeder Schritt wird zur Entdeckung, jedes Stehenbleiben ein Erlebnis der
Stille.
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Einmal erlebe ich Bäume als totes Gerippe,
das zum Himmel emporragt, als weißgraue, blätterlose Riesen,
die wie gigantische Zahnstocher aus dem dichten Grün hervortreten.
Und ich frage mich, wie viele Blitze sie getroffen haben müssen, oder
welches Feuer sie verbrannt haben könnte. Ein anderes Mal liegt ein
Baum, vom Sturm umgerissen, am Boden, und an der Abbruchstelle leuchtet
mir die rote Farbe des Holzes mit größter Intensität entgegen.
Überhaupt die Farben. Noch nie habe ich so viele Nuancen von Braun
erlebt wie an den Stellen, wo Einschnitte von Menschenhand die Erde hervorschauen
lassen, noch nie so ein leuchtendes Grün wie bei diesen meterhohen
Farnen.
Es ist eine grüne Wildnis, in der Farngewächse, Moosschleier und
Flechten, die von den Bäumen und Sträuchern herabhängen,
dem Wald ein märchenhaftes Aussehen verleihen und aus ihm eine beeindruckende
Mischung aus Märchen- und Regenwald machen, deren Atmosphäre man
sich kaum entziehen kann.
Selbst die hässliche, verwitterte Betoneinfriedung eines alten Wasserspeichers
kann diesen Eindruck von Zeitlosigkeit nicht
löschen. Im Gegenteil. Das stehende, sumpfige Wasser dampft unter der
schwachen Sonne und die toten, mit Moosen und Flechten bewachsenen Stämme
tauchen wie Gespenster aus der Wasseroberfläche auf.
Agulo, Bar Bertermann
Er tritt ein, als ginge er durch die Flügeltüren
eines Western-Saloons. Jeder Schritt gestampft, dass es ihm die Schultern
durchrüttelt. Die glatt nach hinten gezogenen schwarzen Haare enden
in einen Pferdeschwanz, die Wangen sind unrasiert, der Mund ist halb offen,
der Gesichtsausdruck hat etwas von der intellektuellen Ausstrahlung eines
Sylvester Stallone - Männertreff in einem spanischen Dorf.
Zum Strand
Agulo gilt als das schönste Dorf Gomeras und
bietet, von welcher Seite man es auch immer betrachtet, einen
äußerst pittoresken Anblick. Eingerahmt von beeindruckenden
steilen Felsen erhebt sich der Ort majestätisch fast 200 Meter über
das Meer, mit Teneriffa und dem in Dunst getauchten Teide als unübertreffbare
Kulisse.
Aus der Nähe betrachtet verliert Agulo jedoch etwas von dem Zauber,
den die weißen, eng beieinander liegenden Häuser
und die darunter gelegenen terrassierten Bananenplantagen ausstrahlen,
wenn man sie von oben betrachtet. Zwar haben bisher noch keine gesichtslosen
neuzeitlichen Betonklötze die Atmosphäre des kleinen, verträumten
Dorfes zerstört, aber neben den schönen weißen Würfeln
sieht man auch abbruchreife Ruinen, in manch einer romantisch anmutenden
Gasse parkt obszön ein Auto, gegen den Himmel ist ein Gewühl
von Drähten zu sehen, am Dorfrand Unrat, Autowracks, Verfall.
Durch das Dorf will ich hinunter zum Meer. Bald scheint es mir, als ob
ich die Stufen der Zeit hinabstiege. Ich steige langsam von Terrasse
zu Terrasse ab, taschentuchgroße Kartoffelfelder oder Bananenanbau
auf jeder Stufe. Der Pfad führt unaufhörlich hinab, und während
ich gedankenversunken hinunterstapfe, verliert sich mit jedem Schritt
das Heute weiter hinter mir.
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Kurz vor der Stelle, wo der Weg beginnt, steil
und schmal zu werden, haben einige Ausflügler ein Feuer angezündet.
Von der Glut geschwärzte, frisch gebackene Kartoffeln liegen, kaum
zum Essen einladend, auf dem Boden, knapp neben den Autos. Auf einem Mäuerchen
neben der Straße hackt eine Frau große Mengen Petersilie. Die
Kinder spielen. Ich wundere mich im Vorbeigehen, weshalb sie für ihr
Picknick diese eher unattraktive Stelle ausgesucht haben.
Der Pfad führt Kehre für Kehre an mageren Rebstöcken vorbei
und an Bananenstauden, deren ausgefransten Blätter wie der Saum einer
Trapperjacke aussehen. Unzählig sind die Terrassen, und somit die Kehren,
die mich langsamen Schrittes vom Dorf, von den Touristen und der Moderne
wegführen. Diese sind alle oben geblieben.
Ein alter Mann - nein, er ist kein Fremdenführer, kein Barmann oder
Hotelier - setzt gerade den Schössling einer Bananenpflanze behutsam
in ein vorgegrabenes Erdloch ein. Dann füllt er dieses sorgfältig
mit Erde auf. In seinem Gesicht, in seiner Arbeit und in den in Jahrhunderten
aufgebauten
Terrassen erkenne ich fast ehrfürchtig all die Mühen vergangener
Generationen. Und, welch ein Zufall, aus meiner Kindheit taucht die Erinnerung
an ein anderes zerfurchtes Bauerngesicht auf, Tirazolle nannten wir
Kinder ihn damals, weil er manchmal, um unseren Unfug zu bestrafen, mit
Erdklumpen nach uns warf.
Ja, bei allem Anschein von Verschlafenheit ist die Zeit der Mühe um
das tägliche Brot noch sehr gegenwärtig auf dieser Insel. Es gibt
tatsächlich zwei Welten, die sich hier treffen. Aber was heißt
treffen? In Wahrheit gehen sie aneinander vorbei. Die oberflächliche,
schnelle Welt der Touristen, und die langsame, unbewegliche der meisten
Gomeros. Ununterbrochen in Bewegung die einen, die wie wahnsinnig in gemieteten
Autos oder Bussen kreuz und quer durch die Insel fahren oder allgegenwärtig
mit schweren Wanderschuhen und Rucksäcken über die steilsten Pfade
der Insel marschieren; gelassen, auf das
Wichtigste konzentriert aber in ihrem ewig gleichen Alltag gefangen, die
anderen.
Weiter unten auf meinem Spaziergang durch die Zeit komme ich an einem Ziegenstall
vorbei, einem einfachen Bretterverschlag mit Misthaufen, wo mich zwei schwarze
Katzen neugierig beschnuppern und sich an meine Beine schmiegen.
Endlich bin ich am Strand angekommen, am Ende der Zeit. Von oben sah das
Meer so nahe aus, und erst jetzt bin ich da, in der absoluten Einsamkeit.
Kein Mensch weit und breit, nur riesige Steine in der Brandung. Unaufhörlich
rollen die Wellen ans Ufer, wie vor Tausenden von Jahren schon, während
das letzte Licht den Teide auf Teneriffa - auch er sieht so nahe aus - rosarot
färbt, ehe die Schatten langsam die Übermacht gewinnen. Ich fühle
mich plötzlich ungewöhnlich traurig.
Während ich auf dem Rückweg – immerhin eine kleine Bergwanderung
von etwa zweihundert Meter Höhenunterschied - versonnen die Terrassenstufen
zähle, fahre ich beim Geräusch einer Hacke zusammen. Es ist wieder
der alte Mann, der, selbst zeitverloren, sich mit dem Graben weiterer Erdlöcher
beschäftigt. Es ist acht Uhr abends. Ich beschleunige meinen Schritt.
Und als ich wenig später wieder im Dorf ankomme, ist es bereits dunkel.
Die warmen, gelben Straßenlaternen sind an, nur wenige Menschen kommen
mir silhouettenhaft entgegen. Ein Moped lärmt in einer Gasse.
30. März
Frühmorgens in der Bar Amaya
Während ein junger Gomero sein Auto mit angelassenem Motor direkt
vor meiner Nase geparkt hat, stehen weitere Herren der Schöpfung
vor dem Eingang und besprechen die wichtigsten Themen des Tages: Sport
und Autos. Die Sonne scheint und verspricht einen schönen Tag.
Am Spielautomaten hält sich, wie alle Tage, ein älterer Herr
auf, der seine hart verdienten Peseten verspielen will.
Am Nebentisch drei vollbusige, gemütliche, fröhliche, schnellquasselnde,
laute Spanierinnen. Sie rauchen eine Zigarette nach der anderen.
Nur kurz wird die Szene von einer deutschen Wandergruppe gestört,
bis auf den Reiseleiter alles Frauen, die von Tatendrang nur so strotzen.
So bleiben sie auch nur kurz. Und als sie gehen, nehmen sie die Sonne
mit.
Es ist ein recht merkwürdiges Wettertheater, das uns hier vorgeführt
wird. Erst hängen die Wolken ewig am Himmel, dann tröpfelt es,
oder es kommt ein heftiger Guss, schließlich blickt die Sonne endlich
durch, nur um schnellstens wieder zu verschwinden. Nach vielem Hin und
Her stabilisiert sich endlich die Lage. Oben am Berg setzt sich grauer
Nebel fest, über dem Meer ein herrliches Blau.
So braucht man nur geringe Entfernungen zu überwinden, um von einer
Wetterzone zur andern zu kommen. Runter in die klare Luft, hinauf in den
Nebel. Aber wo es nach tropischer Feuchte aussieht,
empfängt einen eher kühle Luft - ein merkwürdiges Gefühl.
"Gub-gub-gub-tagadagada-tagadagada". Genau in dem Augenblick, als ich
mich aufmache, die Bar zu verlassen, meldet sich "Diamond King", der Spielautomat,
zu Wort - als wolle er sich mit seiner elektro-mechanischen Stimme freundlich
von mir verabschieden. Ich grüße in Gedanken zurück und
mache mich auf den Weg.
Zum salto de agua (Valle Gran Rey)
Von El Guro aus beginnt ein herrlicher Weg, der entlang
einer für La Gomera typisch steil aufragenden geriffelten
Basaltwand, vorbei an Palmen, Kakteen und
Wolfsmilchgewächsen, genau auf den Einschnitt des Barranco de Arure
zu steuert. Danach geht es die meiste Zeit durch ein steiniges Bachbett
oder auf einem schmalen Pfad an dessen Ufer entlang. Ich bewege mich
abwechselnd inmitten von Rohrdickicht oder balancierend von Stein
zu Stein. Es ist heiß und mühsam und ich verdanke meine Pfadfinder-Ausdauer
einzig und allein der Hoffnung auf die Aussicht auf den überwältigenden
Wasserfall, wo mich laut Wanderführer ein fast kreisrunder Kessel
mit senkrecht aufsteigenden Wänden erwartet. Zumindest im Winter
sollen hier eindrucksvolle Wassermassen hinunter stürzen.
Als ich, schweißgebadet und zerkratzt, dort ankomme, entpuppt sich
die Stelle als das, was sie wirklich ist, ein "salto de poca agua y
muchos turistas" (Wasserfall mit wenig Wasser und vielen Touristen).
Dennoch! Niedlich sind sie, die jungen Leute: Pärchen zwischen siebzehn
und dreißig und junge Mädchen, denen die Naivität noch
ins Gesicht geschrieben steht. In T-Shirts, kurzen ausgefransten Jeans
oder bunten Schlabberhosen, mit robusten Schuhen und kleinen Rucksäcken
ausgestattet, erwandern sie diese exotische, und doch so nahe, sichere
Welt.
Ein tropisches Disneyland, dieses, völlig auf die Touristen ausgerichtet.
Hier, unweit vom Valle Gran Rey, kann man ihnen kaum ausweichen.
Und dachte ich vor ein paar Stunden noch daran, in voller Einsamkeit den
Blick auf einen beeindruckenden Wasserfall meditierend zu genießen,
so ist mir jetzt mehr danach zu Mute, gleich wieder Kehrt zu machen.
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