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Bar Restaurante Los Chorros de Epina
Wie bei einer großen Flutwelle überschwemmen
Massen deutscher und holländischer Touristen, soeben von zwei Bussen
entquellend, den Platz vor dem Restaurant. Dieses Lokal ist zwar auf Massenabfütterung
ausgerichtet, kann aber die Fluten nur portionsweise aufnehmen, und deshalb
staut sich vor seinem Eingang eine lange Schlange, während die Satten
und die Sparsamen sich auf die kleine Terrasse drängen, auf der ich
hoffte, in Ruhe zu essen. Ich nehme nur tapas, wie zur Mittagsstunde
gewohnt - diesmal vorzügliche salchichas (Bratwürste),
die mit mojo, einer Tunke, die in ihrer roten Variante aus Knoblauch,
roten Paprikaschoten, Essig, Öl und Kräutern besteht, in ihrer
grünen, mojo verde, weniger scharf ist und eher erfrischend
schmeckt.
Leider hindern mich die Hunnen daran, dieses Essen zu genießen.
Sie nehmen die Stühle von meinem Tisch weg, ohne zu fragen, stoßen
im Vorbeigehen fast meinen Wein um und benutzen meinen Tisch als Müllhalde
für leere Gläser, Eisreste, Zigarettenkippen. Ganz zu schweigen
von der optischen Belästigung. Frei nach dem Motto: Je dicker der
Bauch, desto enger die Hose.
Eine halbe Stunde später ist wieder Ebbe. Die Massen sind weg. Man
hört wieder die Hähne um die Wette krähen. Mit dem gemütlichen
Essen ist es aber vorbei, und so setze ich mich wieder ins Auto und fahre
weiter.
Alojera
Nach der ersten Straßenkehre fahre ich eine Seitenstraße bergab
in Richtung Alojera. Es ist erstaunlich, welch abwechslungsreiche
Landschaften sich hier auf engstem Raum zusammenfinden.
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| Jede Straßenkehre ein anderer Ausblick.
Nach der Bewältigung eines Höhenunterschieds von über achthundert
Metern lande ich im kleinen Dorf Alojera, inmitten eines dichten Palmenhains,
überlege mir kurz, ob ich hier eine
Unterkunft suchen soll, fahre dann aber zurück, zweige etwas weiter
oben wieder rechts ab in Richtung Taguluche. Dieser Landstrich wirkt grandios
und bedrohlich zugleich: Die Punta de Tejeleche und der Roque de
Mona, zackig, dunkel gegen den gewittrigen Himmelhintergrund sind, im wahrsten
Sinn des Wortes, atemberaubend. Wenn ich daran denke, dass dieses Tal bis
vor wenigen Jahrzehnten nur über Maultierpfade erreichbar war, fühle
ich mich hin- und hergerissen zwischen dem Gedanken, dass ich damals diese
fantastische Aussicht nicht hätte genießen können und dem,
dass ich diese Wildnis auf weit abenteuerlichere Weise hätte entdecken
können. Als der Nebel auch diese Landschaft einhüllt, mache ich
mich auf den Rückweg.
Vallehermoso
Ich zitiere aus dem Reiseführer, der es fast
poetisch zu formulieren weiß: "Wie die Finger einer riesigen Hand
ziehen sich vom Hochland fächerförmig mehrere Schluchten nach
Nordwesten hinunter und bilden an ihrem Zusammenfluss ein kesselartig
erweitertes großes Tal".
Und inmitten dieses Tals liegt auf 200 m Höhe Vallehermoso. Der Name
bedeutet soviel wie "Schönes Tal". Vom Ortskern, der zuweilen recht
belebten und lauten Plaza de la Constitución, kann man direkt auf
den mächtigen, 400 m hohen Vulkanschlot Roque Cano (der Weißhaarige)
blicken. Eine beeindrückende Aussicht.
Abends
Ich stehe am Ortsrand gegenüber der Bananenplantage
und höre mir das Platzkonzert an. Damit wir uns nicht missverstehen:
Es gibt keine Blaskapelle mit Kastagnetten, Trommeln oder anderen Musikinstrumenten.
Es sind die Frösche, die ihr bestes musikalisches Talent zum Besten
geben. Es müssen deren Hunderte sein und sie quaken aus jeder Richtung
lautstark um die Wette. Der Geräuschpegel ist keineswegs konstant,
denn er schwillt rhythmisch an und ab, als ob ein unsichtbarer Dirigent
den Taktstock schwingen würde. Es ist eine höchst erfreuliche
Kakofonie. In Deutschland gälte dies ohne Frage als Ruhestörung
und es wäre, fände man einen Schuldigen, ein Fall für die
Gerichte.
Während sich ein warmer Nieselregen auf meine Haare setzt, höre
ich diesem lärmenden Chor aufmerksam zu. Die Tiere erzeugen
die Lautstärke eines vorbeiratternden Mopeds. Es wirkt wie das "Rhabarber,
Rhabarber, Rhabarber", das bei Filmaufnahmen das Stimmengewirr einer Menschenmenge
nachahmt. Doch es stört mich nicht. Im Gegenteil, es ist für
mich derart überraschend und so ungewöhnlich, dass ich so konzentriert
und fasziniert bin wie manchmal in einem Konzertsaal oder einem Theater.
Jetzt bin ich wirklich auf dem Dorf angekommen. Ich will hier bleiben,
am Abend im Kiosko Triana ein vaso des leicht trüben und süßlichen
vino natural trinken, drei Sätze mit dem Barmann, einem Riesen
von einem Mann mit Pratzen wie ein Bär, sprechen, auf den Regen pfeifen,
mit den vereinzelten deutschen Touristen in der Bar Amaya ein paar
belanglose Sätze wechseln, mit Miguel über das Wetter reden.
Der junge Mann, der die Bar zusammen mit zwei Mitarbeitern betreibt, erinnert
mich an jemand - nur ich weiß noch nicht, an wen.
Hier in Vallehermoso will ich also die ganze nächste Woche
bleiben. Das Zimmer in der Dependance der Bar Amaya ist luxuriös
ausgestattet, ich habe ein Badezimmer mit Erkerfenster, blicke auf den
Hauptplatz, bekomme alles mit, was das Leben hier spielt, und ein Fernseher
hilft mir ein wenig dazu, die Sprache besser zu verstehen.
27. März
Beim Bodegon Roque Blanco (800 Meter ü.d.M.)
Ein Föhnwind tobt, dass es den Brotkorb vom Tisch weht und die Ohren
dröhnen. Es ist bewölkt und der schwarze Schatten über den
Bergen gibt diesen ein spektakuläres, fast bedrohliches Aussehen. Über
dem Bergkamm im Süden sieht man dagegen einen blauen Himmelstreifen
und die Fernsicht ist ausgezeichnet. Die chistorras (eine Art gebratene
Paprikawurst), der queso blanco und die leche asada mit miel
de palma als postre (Nachspeise) bringen mir, mit Hilfe einiger
Gläser Wein, eine gelassenere Einstellung zu den Dingen.
Dieser miel de palma, ein aus dem Saft der Palmen hergestellter Sirup,
erinnert ein wenig an Karamellsirup. Ich bin schon fast süchtig
danach.
So hat meine erste Wanderung auf Gomera, zu diesem bizarren Roque Cano,
diesem Felsen aus Basalt, der wie ein wuchtiger Haifischzahn aussieht, einen
krönenden Abschluss in dieser kleinen Bar gefunden.
Aus der Küche das Hacken eines Küchenmessers, der Duft gebratenen
Knoblauchs, Holzrauch aus dem Kamin. Von draußen der Wind, ein fernes
Vogelgezwitscher, das wiederholte Kikeriki eines Hahnes, Stimmen von Kindern
beim Spiel. Es ist die Stille, die alle unbefriedigten Wünsche auf
ihre richtigen Ausmaße zurückführt.
Ich genieße den Augenblick umso mehr, als ich noch davon überzeugt
bin, dass der Rückweg nur noch ein müheloser, kurzer Spaziergang
auf Schotter- oder Teerweg sein würde.
Tatsächlich gestaltet sich der Abstieg dann doch etwas anstrengender
als erwartet. Es wird ein mühsames Gehen, Stolpern und Suchen - aber
inmitten einer wunderschönen Natur. Der schmale Pfad, der mich durch
Dornengestrüpp, Lorbeersträuchern und Wacholdern führt, ist
stellenweise kaum erkennbar. An einer Stelle sieht es so aus, als hätte
ich mich verirrt. Ich verliere mich im Gestrüpp.
So kehre ich um, steige auf eine kleine Anhöhe und kann von dort aus
endlich einen Maultierpfad am gegenüberliegenden Bergrücken erkennen,
der sich steil nach unten windet und in eine etwas breitere Schotterstraße
mündet.
Der Weg dorthin führt mich an einem unbewohnt aussehenden Anwesen vorbei,
in dessen Nähe zwei einheimische Frauen still und nach vorne gebückt
auf einem kleinen Feld arbeiten. Erfreut nähere ich mich ihnen, um
höflich und mit bestem altkanarischen Akzent zu fragen: "Vallehermoso?"
Ein Lächeln erhellt ihre Gesichter, sie sagen aber kein Wort. Eine
der beiden zeigt mir nur mit einer langsamen Geste den Weg. Dann geht es
steil hinab und je weiter ich talwärts komme, desto exotischer
wird die Vegetation: Palmen, Kakteen und ganze Hänge voll mit blaugrünen
Agaven. Ich komme mir vor wie in einer Wildwest-Filmlandschaft und würde
mich kaum wundern, wenn ich hinter der nächsten Biegung des staubigen
Weges plötzlich in einen Indianerhinterhalt geraten würde.
28. März
Bei Taguluche
Ich musste wieder hierher kommen. Das atemberaubende
Panorama, das mich gestern bei düsterem Wetter so begeister hatte,
heute ist es sonnenüberflutet, und von diesem Aussichtspunkt an der
Straße nach Taguluche zeigt es sich mir als eines der beeindruckendsten,
das ich je vor Augen hatte.
Keine hundert Meter weiter oben fängt der Nebel an, tief unten ist
das Meer leuchtend blau, dazwischen urzeitliche, bizarre Felsformationen,
die, mal rötlich, mal braun oder graublau - wie mittelalterliche
Burgen zwischen trockenen, nur mit spärlichem Gras bewachsenen Wiesen,
hellgrünen Euphorbiensträuchern und Büscheln von Margeriten
herausragen.
Quer zur Küste verläuft der tiefe Einschnitt des Barranco de
Guaranel, dessen dunkelrote Wände dem Grand Canyon Colorado nachempfunden
zu sein scheinen. Nur vereinzelte Palmen am unteren Rand der Schlucht,
die fast 600 Meter unterhalb meines Standorts zum Meer vorstößt,
verweisen auf diesen eher tropischen Teil der Welt.
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Links vom Roque de Mona führt der Barranco
de Taguluche unterhalb der zahlreichen Straßenkehren
auf direktem Wege zu den Ausläufern des gleichnamigen Ortes.
Schwindel erregend nur der Gedanke an eine Fußwanderung in diesem
Gelände, obwohl laut Wanderkarte
ein Höhenweg von Taguluche bis nach Alojera führt.
Während ich die im wechselnden Schatten der Wolken sich ständig
verändernde Felslandschaft genieße, nähern sich zwei Hirten
mit ihren Ziegen und einem struppig aussehenden Hund der schönen
Stelle und machen, nur ein paar Schritte entfernt, aber kaum von mir Notiz
nehmend, eine Rast. Sie verspeisen schweigend ein paar mitgebrachte Orangen.
Trinken ein Bier aus der Aludose und schmeißen diese dann sorglos
den Hang hinunter: Der "Fortschritt" ist auch hier schon angekommen.
Als das Hochplateau wieder vollständig von den Passatwolken verschluckt
wird, und über dem Meer weiterhin ein stechend-blauer Himmel leuchtet,
kommt mir das bizarre Klima dieser Inseln einmal mehr ins Bewusstsein: Mit
nur wenigen Kilometern Abstand begegnet man hier drastische Kontraste.
Die nördlichen Täler von Vallehermoso und Hermigua und die Wälder
in der Inselmitte, an denen sich die Wolken zu dicken Nebelbänken stauen
und schließlich ausregnen, bleiben das ganze Jahr lang grün und
üppig, während der Süden, mit seinen trockenen barrancos
und seiner eher spärlichen Vegetation,
fast wüstenartig ist.
Es sind die von Nordost kommenden Passatwinde (alisios auf Spanisch),
die das ganze Jahr über Feuchtigkeit vom Meer mit sich bringen. Wenn
diese feuchten Luftmassen die Gebirgshöhen hinaufsteigen, dort abkühlen
und zu Wolken kondensieren, entstehen die Passatwolken, die als Tropf- und
Nieselregen ihre Feuchtigkeit wieder an die Pflanzenwelt abgegeben.
Fließt die Luft wieder das Gebirge hinab, erwärmt sie sich, und
die Wolken lösen sich auf. So stellen die hohen Bergrücken der
Inseln eine Klimascheide zwischen dem feuchten Norden und dem trockenen
Süden dar.
14 Uhr, Bar Montaña
Vor der Bar La Montaña in Las Hayas bleibe ich
etwas unentschlossen stehen. Der Wind pfeift bedrohlich wie in einem
zweitklassigen Krimi, und es ist merklich kühl. Eine Reihe riesiger
Eukalyptusbäume verbreitet einen angenehmen Duft, der sich mit
Stallmistgeruch - ein Verbau mit Ziegen ist zu sehen - zu einer außergewöhnlichen
Kombination mischt und seltsame Assoziationen weckt.
Zeitgleich mit einem deutschen Paar trete ich in die Bar ein und setze mich
in dem eher schmucklosen Speisezimmer an einen Tisch. Ich bin nicht
von ungefähr hier, denn Doña Efigenia, die Wirtin, und
ihre vegetarische Küche werden in allen Reiseführern lobend erwähnt.
Die Tische sind zu zwei langen Reihen aufgestellt und vermitteln ein "alternatives"
Geselligkeitsgefühl.
Speisekarte bekommen wir keine. Denn es gibt sowieso nur ein menu tipico,
das, so der Reiseführer, nur aus frischen Zutaten aus Dona
Efigenias eigenem Garten zubereitet wird, die feinsten Kräuter immer
persönlich gepflückt.
Das deutsche Paar möchte eigentlich nur einen Kaffee trinken.
Dona Efigenia, eine hagere, ruhig-freundliche ältere Frau, nimmt die
Bestellung persönlich entgegen, ich selbst möchte das
komplette Menü. Meine Tischgenossen überlegen es sich eine Weile
und beschließen, nun doch wenigstens vom gofio zu kosten, der
hier sehr gut sein soll.
Und es kommt, wie es kommen musste: Wir bekommen zu dritt eine Schüssel
voll des heißen, aus geröstetem Weizen und Mais hergestellten
Breis. Dazu wird ein scharfer roter mojo gereicht. Die Deutsche fragt
etwas verlegen, ob denn auch Knoblauch in der Tunke sei. Nein, ist die höfliche
Antwort auf die vermutlich nicht korrekt verstandene Frage. Denn man schmeckt
es gleich, der gofio ist stark geknofelt.
Spannend wird es nun beim zweiten Gang, denn den habe eigentlich nur ich
bestellt. Wie zu erwarten, wird nach kurzer Zeit ein mächtiger
Gemüseeintopf serviert - natürlich für drei Personen. Das
tapfere Ehepaar - sie haben bereits unterwegs ihren Proviant verzehrt -
zieht sich gottlob nicht aus der Verantwortung. Mangold, Kichererbsen, Kürbis
und Kartoffeln geben eine sehr schmackhafte Suppe her.
Überraschend gut ist auch der darauf folgende Salat (drei Portionen!)
aus Tomaten, Gurken, Bananen (die hier übrigens platanos
genannt werden), Avokados und Äpfeln.
Statt des im Reiseführer erwähnten Mandelkuchens bekommen wir
- als einzige Abweichung - zum Abschluss noch leche asada mit Palmenhonig.
Erst jetzt, nach eineinhalbstündigem Aufenthalt, kommen die Tischnachbarn
zu ihrem ersehnten Kaffe. Dann haben sie es plötzlich eilig, denn sie
rechnen noch mit einem Rückweg von etwa drei Stunden.
Laut Reiseführer muss jedoch noch ein Orangenlikör zum Abschluss
gereicht werden, und den möchte jedenfalls der Mann nicht verpassen.
Die Rechnung ist - ich hätte es mir denken können - para tres
personas.
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