Vallehermoso, 15 Uhr
Von der Terrasse des Restaurants Triana bietet sich mir ein beeindruckendes Schauspiel: Links über dem Dorf ist der Himmel blau, die Sonne bestrahlt die weißen Häuser mit fast nordischem Licht, die Luft ist stechend klar. Wenn ich hingegen den Blick nach rechts in Richtung Roque Cano schwen­ke, zeigt sich mir ein grauer, fast undurchsichtiger Vorhang - ein tropischer Regenguss. Er verleiht der grünen Landschaft ein fast apokalyptisches Aussehen: Der Wind pfeift, der Regen - wie mit spitzem Bleistift gezeichnete Wasserstriche - peitscht im 45°-Winkel auf Häuser, Bananenplantagen, Palmen und Boden. Ab und zu reißt es auf, und der Berg steht stellenweise im grellen Schein­wer­fer­licht der Sonne, nur um einige Minuten später wieder hinter dem Nebelvorhang zu ver­schwin­den.

Zwischen den Vorstellungen dieses Naturschauspiels befasse ich mich mit dem Hauptgericht: "Gebratenen Knoblauch mit scharfer Fischtunke". Pardon, Wortverdrehung. Ich hatte jedenfalls pescado bestellt, aber der Fisch ist wohl nur als Augenfang gedacht, den Geschmack liefern die Unmengen von ajo - aber es ist vorzüglich.
Die Chefin ist schweigsam, sie führt nur einen einzigen, eher traurigen Gesichtsausdruck im Re­per­toire. Und mit dem alten Herrn ist Konversation wohl auch nicht so leicht, weil "jo comprendo el espanol, pero no lo hablo" (ich verstehe zwar Spanisch aber spreche es nicht)! Als ich nach dem Essen ein gar nicht so üppiges Trinkgeld hinterlasse, erhellt sich sein Gesichtsausdruck, und einen Augenblick, nur einen kleinen Augenblick lang, sehe ich in ihm den jungen Burschen, der er vor vielen Jahrzehnten einmal gewesen ist.
Weiter geht's zur unscheinbaren Playa de Vallehermoso, während eine theatralische Sonne Licht und Schatten auf den Roque Cano malt. Aber sie muss wohl etwas gegen mich haben, denn kaum ist mein Stativ aufgestellt, schon besinnt sie sich eines Besseren und versteckt sich trotzig wieder hinter den Wolken.
Nun aber los, denn San Sebastian ist fern und es fängt wieder an zu tröpfeln. Und während ich die Transversale auf dem Garajonay Hochplateau entlang fahre und der Wind in einem zunehmend un­heim­lichen Ton pfeift (sodass ich an die einzigartige, nur auf Gomera existierende Pfeifsprache El Silbo denken muss), wird aus dem Tröpfeln ein Landregen, aus dem Regen ein Guss und aus dem Guss eine undurchdringliche nasse Wand, die man nur im Schritt-Tempo durchfahren kann. Genauer gesagt, könnte, wenn da nicht so ein unangenehmes Rütteln und so ein seltsames Ratschtata-ratschtata-ratschtata-Geräusch wäre. Bei einer schnellen Begutachtung des linken Vorderreifens werde ich pitschnass. Zu behaupten, der Reifen sei noch rund, wäre reine Schmeichelei - er ist völlig platt.
Aber selbst ist der Mann. Beim ersten Nachlassen des Regens durchsuche ich den Opel nach Reservereifen und Wagenheber. Nur Ersteres glückt mir.
Während der Wind weiterheult und es bereits dunkel wird, breitet sich bei mir wieder eine ähn­li­che Hektik aus, wie heute früh bei der Schlüsselsuche. Diesmal aber bleibt der Erfolg aus.
Kurz darauf fängt es auch noch an zu hageln und ich flüchte mich Hals über Kopf in mein Gefährt. Für eine mir endlos erscheinende Weile ist kein weiteres Auto zu sehen und der Niederschlag nimmt eher zu.
So bleibt mir nichts anderes übrig, als im Auto sitzen zu bleiben und langsam – das heißt, innerhalb weniger Minuten – unruhig zu werden.
Die ersten Autofahrer, die ich anhalte - es sind Briten -, haben auch keinen Wagenheber im Koffer­raum ihres Mietautos. Jedenfalls finden sie keinen. Die zweiten finden hingegen nicht einmal den Reservereifen, was natürlich viel konsequenter seitens der Verleihfirma ist.
Die Nächsten sind Spanier mit Kleinkindern. Unabhängig davon, dass Wagenheber auf Spanisch ein eher diffiziles Wort ist, und "no tiengo alguna cosa por alzar el coche" eher dem Italienischen als dem Spanischen ähnelt, habe ich Mitgefühl und lasse sie weiter fahren.
Endlich hält ein hilfsbereiter Teutone - mit Mietauto - an, der beides hat. Und vor allem, der weiß, wo man ansetzen muss. Als der Reifen nach wenigen Minuten montiert ist und ich den platten ver­stauen will, habe ich abermals - o Wunder - ein Wiederfinden-Erlebnis: Einen winzigen Wagenheber gab es doch. Man muss halt nur gezielt suchen.
Nur noch dreißig Kilometer nach San Sebastian.
An der Bushaltestelle von Laguna Grande warten zwei junge Leute - mit erhobenem Daumen. Beide nass bis auf die Haut in ihren kurzen Höschen und T-Shirts. Man sieht es ihnen an, wie erbärmlich sie frieren. Ja, erzählen sie, am Tag zuvor sei es so heiß gewesen, dass sie sich für die heutige Wanderung das Tragen von Regenzeug & Co ersparen wollten. Und das auf tausend Meter Höhe!
Gut, dass die Autoheizung schnell aufwärmt.

25. März

Wieder in San Sebastian
Ich sitze zwar nicht auf der Terrasse des noblen parador, aber die Bougainvillea-Sträucher, die Palmen und der Blick über die steile Klippe auf das Meer entschädigen mich reichlich für dieses Manko.
Zwei Albatrosse segeln weit oben am etwas verschleierten Himmel, ein Windjammer schaukelt fünfhundert Meter vom Ufer träge auf den Wellen. Die Atmosphäre ist bestens dazu geeignet, mich in eine Traumwelt zu versetzen.

Dabei hatte mir der erste Blick aus dem Fenster heute früh kaum Anlass zu Träumereien gegeben. Die Berge verhangen, der Himmel gegen Süden wieder milchig und verschwommen. So stand ich etwas später als sonst auf, brachte das Auto zum Vermieter (wegen des Reifens), und zwang mich dazu, so zu tun, als wäre ich dennoch im Urlaub.
Beim morgendlichen Kaffee in der Dulceria Mendoza lächelt mich die stets freundliche Inhaberin wie gewohnt an. "Mejora el tiempo hoy" (das Wetter wird besser heute), bemerkt sie, quasi um mich zu beruhigen. Denn ich bin hier auf dem Hauptplatz inzwischen Stammgast; man grüßt sich, wenn man sich trifft, lächelt sich zu - ich kenne bereits unzählige Gesichter. Wie den alten Mann, der sich immer an dem Tisch direkt an der Wand niederlässt und manchmal seine Mundharmonika aus der Tasche zieht und den Anwesenden ein paar Töne vorspielt. Meistens steckt er das Instrument dann mit einem verschmitzten Lächeln rasch wieder ein.
Oder wie die Kellnerin der Bar Cuba Libre, in der ich mittags meine tapas einnehme. Selbst den Taxifahrer, der mir bei der Ankunft so "hilfreich" gewesen war, erkenne ich wieder, als er untätig und gelangweilt an der Strandpromenade in seinem Gefährt sitzt.
Vielleicht könnte ich mich doch in die süße, träge, immer gleich bleibende Eintönigkeit dieser subtropischen Kleinstadt fallen lassen. Es wäre vielleicht sogar ein genuineres Erlebnis als Wandern.
Da taucht Pablo (Paul) auf, ein Atomphysiker im Ruhestand aus der Schweiz, mit dem ich gestern beim Abendessen lange philosophiert hatte. Und auch heute wird es wieder ein langes Gespräch über spanische Behörden, idyllische Wanderwege auf der Insel, die reich bestückte Bibliothek im ayuntamento (Rathaus), das Lernen von Sprachen - "ab der zehnten geht es leichter", scherzt er -, die Sehenswürdigkeiten von Genua und die wilden Orchideen im Tessin.
Schließlich landen wir bei einem Glas Apfelsaft auf der Terrasse seines Hotels, und beschäftigen uns mit zahlreichen Pflanzenbestimmungsbüchern, um Aloe-Pflanzen von Agaven und die verschiedenen Palmenarten untereinander unterscheiden zu lernen.
Schließlich - es ist inzwischen vorgeschrittener Nachmittag - zieht es mich wieder hinauf zum parador. Dicke Gewitterwolken sammeln sich über dem Meer. Das leere Schwimmbad, der bleierne Himmel, die schwachen Konturen des Teide, die aus dem fernen Dunst auftauchen, und vor allem die unendliche Weite des atlantischen Ozeans beeindrucken mich auf subtile Art. Zu sagen, ich sei innerlich aufgewühlt, ist zwar treffend aber nur eine blasse Beschreibung der Sehnsüchte, die von mir Besitz ergreifen. Die Sehnsucht, einmal alles hinter mir zu lassen und den unsichtbaren Faden zur Sicherheit, in die mein Leben immer eingebettet war, wenigstens einmal zu kappen, die Sehn­sucht, fremde Umgebungen, ferne Welten und Naturgewalten hautnah zu erleben und Abenteuern nachzuspüren, die sich aus Kindheitslektüren und Kinowelten in meine Gedankenwelt eingenistet haben.
Als die ersten Lichter der Stadt schließlich aufleuchten und der Himmel anfängt, sich in die Farb­nuancen der Abenddämmerung zu kleiden, packt mich der Fotografierteufel, zerrt mich ins Auto, führt mich aus der Stadt und lässt mich aufgeregt und in wildem Wettlauf mit der Zeit nach einer Stelle suchen, von der aus ich San Sebastian in dieser fantastischen Lichtstimmung fotografieren könnte.
Als aber das Stativ auf dem Lomo del Higueral aufgebaut ist und ich endlich durchs Objektiv, Finger auf dem Auslöseknopf, den beleuchteten Hafen betrachten kann, ist es exakt eine Minute zu spät. Das Feuer, das eben noch den Himmel blutrot gefärbt hatte, ist bereits am Erlöschen.

26. März

Dulceria Mendoza
"Hoy tenemos dulces nuevos" (heute haben wir neues Süßgebäck), lächelt mir die freundliche Frau aus der dulceria zu. Und tatsächlich, die Theke ist so überfüllt, dass "uno no sabe por cual deci­dirse" (man nicht weiß, wofür man sich entscheiden soll).
Als sich die junge Frau und ihre mollige Kollegin kurz darauf mit dem Aufstellen der Tische und Stühle auf der plaza beschäftigen, trödelt bereits der Mundharmonika-Alte herein und grüßt mit kratziger Stimme.
Der Himmel ist grau, und über dem Meer sammelt sich eine hellere Schicht bauschiger Gewitter­wolken. Obwohl ich von meinem Sessel aus nur die leicht schaukelnden Maste der Boote im Hafen, die zwischen den Palmen der Uferpromenade hervorlugen, erkennen kann, genieße ich den Anblick und vor allem die tropische Atmosphäre dieses düsteren warmen Morgens. Der Geruch von nassem Staub und Dieselabgasen, begleitet vom Lärm der Straßenkehrmaschine - heute geht es modern zu -, stören nur kurz. Dann, als sich der lärmende Drache rußspuckend vom Platz entfernt, komme ich wieder zu meinen Gedanken. Ich muss mich von der süßen Trägheit dieser Tage lösen und weiter fahren, nur - die graue Front jenseits der Berge lässt mich nichts Positives ahnen.

Unterwegs nach Valle Gran Rey
Herrlich diese Aussicht vom Mirador (Aussichtspunkt) Degollada de Peraza!
Während zwei verliebt aussehende Herren in Wanderkluft aus dem Bus des Servicio Regular Gomera aussteigen und drei Jeeps eine Ladung Abenteurer ausspucken, die frierend in einer Bar Unter­schlupf suchen, mustere ich die Aussicht auf den zähen grauen Nebelschleier. Mit einem Schlurf hatte der jäh aufgetauchte Nebel mein Auto eingesogen, nachdem ich die letzte Serpentine vor dem Hochplateau passiert hatte. Nur stellenweise hatte er die Sicht auf lila, rötliche oder braune, mit Kakteen, Palmen und Euphorbien bewachsene wildzerklüftete Felsenlandschaften freigegeben. Eine Herausforderung für meine Fantasie!
Kurz darauf, beim Mirador Roque de Ojila kann ich sogar einige Augenblicke lang, ehe der Nebel ihn wieder verschluckt, den berühmten Roque de Agando bewundern: Von 1000 m Höhe steigt der bizarre Basaltfels auf 1250 m Gesamthöhe fast senkrecht an - ein Meisterwerk göttlicher Archi­tektur.
Auf den nächsten mirador verzichte ich und zweige in Richtung Playa di Santiago ab. Bei der ersten Weggabelung fahre ich dann in Richtung Chipude. Hier endlich, am sonnigen Südhang der Insel, wird die Sicht klarer. Fast auf einem Schlag. Und als aus der Ferne, quasi würde sich ein Bühnen­vor­hang heben, die unverwechselbare Gestalt des Tafelbergs von Fortaleza im Sonnenlicht erscheint, bin ich einen Augenblick so angenehm betroffen, das mir Tränen in die Augen steigen.

In Chipude, einem kleinen unscheinbaren Ort in einer eher öden Landschaft, wartet auf mich bereits die stolze Zahl von acht Touristenbussen, die ihre kurzbehoste Fracht direkt ins Café Sonja ausspeien. Also nichts wie weiter. El Cercado ist nur unwesentlich interessanter, also nochmals weiter.
Valle Gran Rey in drei Sätzen: Wunderschön die von Palmenhainen eingerahmten Terrassen, die steilen, fast südostasiatisch anmutenden steilen Hänge. Schwer zu wissen, ob die weit verstreuten kleinen weißen Würfel bereits Touristen beherbergen oder noch eine Domäne der Einheimischen sind. Die Landschaft bis zur Ortschaft La Calera ist schön - am Schwärmen hindert mich nur das eher düstere graue Wetter.
Unten am Meer, Vueltas, La Puntilla, La Playa: Touristensiedlungen aus der Retorte. Hier würde auch das zauberhafteste, sanfteste Sonnenlicht nichts beschönigen können - oder vielleicht doch?
Manchmal quält es mich, dass der Tourismus, der so viele schönen Gegenden zugänglich macht, gleichzeitig diesen auch viel von dieser Schönheit zerstört.
Landschaft bei Vallehermoso Roque Cano und Vallehermoso Der Roque Cano Torre del Conde in San Sebastian Im Park des Paradors Farben über San Sebastian Die Fortaleza de Chipude Die Fortaleza de Chipude (vom Westen) Landschaft bei Chipude