Ein Reisebericht von von

21 März 1998

Was auch immer aus einer Reise wird: Verreisen ist schrecklich - vor der Abfahrt! Die Unlust am Kof­ferpacken am Vorabend, das zeitige Aufstehen, das hektische Versorgen der Zimmerpflanzen, das hastige Frühstück, und diesmal eine fast verpasste S-Bahn: Ich könnte alles hinschmeißen.

Kempinski Hotel am Flughafen München

Ich muss mich fast dazu zwingen, die Augen offen zu halten. Die riesige Halle ist auf Sommer­tempe­ra­tur geheizt, das Mittagsbuffet beansprucht fast die ganze Blutzufuhr für meinen Magen und mein Kopf ist entsprechend unterversorgt. Die Gedanken fließen schwer.
Die Erholungsreisenden in Spe sitzen in kleinen Grüppchen auf den aneinander gereihten Stühlen und langweilen sich. Ich kann sie mir alle schon vorstellen, wie sie in einer langen Reihe von Liege­stüh­len auf Teneriffas Stränden liegen und sich langweilen.
Das Atrium wirkt trotz seiner architektonischen Großartigkeit wie ein überdimensionierter Bahn­hofs­wartesaal, in dem zwanzig übergroße, stangengerade und künstlich aussehende Palmen einen Hauch von Tropen vermitteln sollen.
Ich kann einen Blick auf die Anzeigetafel nicht vermeiden.
Flug LT006 nach Teneriffa, planmäßiger Abflug 12:15, voraussichtlicher Abflug 18:30.
Bekanntmachung des LTU-Bodenpersonals: Wegen eines technischen Defekts muss auf die nächste Maschine ausgewichen werden. Also Gratismittagessen und 4-Uhr-Tee im Hotel Kempinski für alle 360 Passagiere.
Und nun heißt es warten, herumsitzen, Tee trinken, die Leute begaffen: zum Beispiel den alten Opa in Blue Jeans und buntbedrucktem T-Shirt, der immer und immer wieder unruhig in der großen Halle auf- und abgeht, und den ich mir so gut vorstellen kann, wie er nächste Woche träge am Strand liegt und seine Gedanken über das blaue Meer schweifen lässt - um von "Schweinebraten mit Kartoffelklößen" zu träumen.
Irgendwann - die Zeit vergeht doch - sitze ich dann im Flugzeug und träume selbst.
Um 23 Uhr ist es so weit: Mit dem soeben von der entrega de equipajes abgeholten Koffer stehe ich vor dem Informationsschalter im Flughafengebäude und werde von einer unbeholfenen und un­be­teiligten Angestellten mit einem Hotelverzeichnis - zum Abschreiben, nicht zum Mitnehmen - abge­speist. Ich befürchte schon, im Flughafen übernachten zu müssen.
Draußen in der lauen, feuchten kanarischen Nacht, während meine Mitreisenden scharenweise in den Bussen der Reiseveranstalter verschwinden und bei mir die Hoffnung, doch noch ein Bett für die Nacht zu finden, fast am schwinden ist, finde ich das letzte Taxi, setze mein allerbestes Spa­nisch - das dem Italienischen verdächtig ähnlich sieht - ein, und im Nu bin ich im kleinen Ort San Isidro- im Hotel "Monica Sur".

22. März


Teneriffa, Hotel "Monica Sur"

"Alles paletti? Guten Morgen!", ruft der Kellner in perfektem Deutsch wohlgelaunt in die Runde der Frühstückenden. Zweifelsohne, wir sind in Spanien!
Im gestreiften T-Shirt - schließlich erwartet man so etwas von einem Gondoliere -, die schwarzen, leicht gewellten Haare zu einen Pferdeschwanz gebunden, die Sonnenbrille verkehrt über den Hinterkopf gesteckt, summt der junge Mann beim Tischabräumen ein fröhliches Motiv.
In diesem Frühstücksraum mit dem subtilen Charme einer Werkskantine herrscht gerade Hoch­be­trieb. Neben mir sitzt, dickbäuchig, mit krebsroter Haut und im rotblaugestreiften, glänzenden Jogginganzug gekleidet, ein jovialer Bayer. Am Nebentisch hat eine schwäbische Familie Platz ge­nommen. Welcher Nationalität die Mehrheit der Gäste ist, merkt man spätestens am Ausgang, wo ein freundlicher Hinweis auf Deutsch zu lesen ist, man solle die Speisen, die man aus dem Früh­stücks­raum mitnimmt, bitte beim Personal bezahlen. Schließlich ist ein Frühstücksbuffet keine Vollpension.

11 Uhr, Hafen von Los Cristianos

Warten auf die Fähre nach Gomera: Die Touristen sitzen in kleinen Grüppchen auf den aneinander gereihten Stühlen im Wartesaal der Estacion Maritima und langweilen sich. Ich habe zwar - für alle Fälle - gerade einen Film eingelegt, aber es sieht gar nicht nach Fotowetter aus. Eine graue Dunst­glocke taucht Hafen, Meer, Berge und Horizont in einen hässlichen Brei. Ich glaube sogar, einige Regentropfen gespürt zu haben.

12 Uhr 30

Während die Fähre langsam ablegt, lässt sie den Blick auf das aus allen Nähten platzende "Fischer­dörfchen" Los Cristianos frei. Knapp hinter dem gepflegten Sandstrand, auf dem blaue Sonnen­schir­me freundliche Akzente setzen, beginnt die erste Reihe von hübschen weiß getünchten, vorbildlich höchstens zweistöckig gebauten Apartmenthäusern. Die zweite Reihe macht keine Ausnahme von dieser Regel, so wenig wie die dritte. Die Häuserreihen schmiegen sich weit, weit hinauf an die Hügel, bis fast unter die Gipfel.
Diese Zersiedelung, gepaart mit einem Himmel, der auf Ansichtskarten und Reiseprospekten blau, hier und jetzt aber milchig und grau ist, gibt dem Ganzen etwas unendlich Trostloses. Die Grenzen zwischen dem Meer, dem Himmel und der kargen Gebirgslandschaft im Hintergrund verschwinden fast völlig in diesem Grau und sind kaum wahrnehmbar.
Während sich die Fähre gemächlich von der Insel entfernt, lass ich meinen Blick nach einem Blick­fang suchend die Küste entlang schweifen. Nein, ich kann absolut keinen Stilbruch feststellen. Bis auf zwei vermutlich nur versehentlich gebaute Hochhäuser - dort wohnen vermutlich die einhei­mi­schen Fischer -, reihen sich nur kleine Apartmentkomplexe aneinander, und das, so weit das Auge reicht.
Erst die Entfernung und der gnädige Dunst erlösen mich von diesem nicht ganz so himmlischen Anblick.
Während der knapp eineinviertelstündigen Überfahrt nach Gomera plagt mich ein unausgesprochen ungutes Gefühl. Ich sehe die näher kommende Insel ebenso im grauen Dunst liegen wie Teneriffa, und die Landschaften, die mich mit ihrem fast nordisch klaren Licht von allen Prospekten und Bü­chern heraus angelacht und angelockt hatten, scheinen sich auf einmal als Betrug zu entpuppen. Bilder aus zwei, drei Wochen im Jahr vielleicht, so denke ich, werden auf den Prospekten als ganz­jährige Herrlichkeit verkauft - dem Tourismus zuliebe.

San Sebastian de La Gomera
Kaum habe ich meinen Koffer die steile Gangway hinuntergeschleppt - er renkt mir dabei mit seinen 28 Kilo fast die Schulter aus -, bekomme ich weiteren Anlass zu Trübsinn: Die Busse, die auf die Touristen warten, spucken ihren stinkigen Ruß direkt in meine Lunge, das ersehnte Leihauto ist im Hafen nicht zu bekommen, und Zimmer sind, laut Taxifahrer, restlos ausgebucht - er nuschelt etwas von Semana Santa und versucht, mich zu einer (vermutlich wesentlich einträglicheren) Fahrt nach Valle Gran Rey zu überreden.
Entnervt packe ich das Koffer-Ungetüm am Griff und beginne, es rollend in Richtung San Sebastian zu ziehen. Bis zum Hauptplatz sind es zwar nur zweihundert Meter, aber es ist auch der Augenblick, den die Sonne auserkoren hat, um mich ihre volle Kraft spüren zu lassen.
Nach einem abgebrochenen Koffergriff, etlichen Flüchen und mit schmerzenden Fingern komme ich endlich zur Plaza de Las Americas, wo ich in einer Bar mein bestes Spanisch rauskrame, um nach einer Pension zu fragen. Apartamentos? Ja, antwortet mir ein eher unfreundlicher, schmuddelig wirkender Mann, die könne ich - für lumpige 5250 Peseten (ca. 60 DM) - haben. Da ich aber das etwas zu hoch geratene, anonym wirkende Apartmenthaus direkt hinter dem ayuntamento (Rat­haus) schon von weitem gesehen habe, entscheide ich mich rein gefühlsmäßig dazu, weiterzugehen.
Als Nächstes klopfe ich bei der Pension Gomera an. Aber eine alte Frau ruft umgehend aus dem Fenster hinaus: "todo completo", und der Fall ist erledigt. Meine Laune ist an ihrem Tiefpunkt angelangt.
Endlich ein Lichtblick: In der kleinen Pension Colon in der Calle Real gibt es noch freie Zimmer.
Cristobal Colon ist übrigens der spanische Name für Christoph Ko­lum­bus, den berühmten Genueser, der, auf dem Weg nach Indien, am 2. August 1492 in Gomera an Land gegangen war. Ihm verdanken wir also Tomaten, Kartoffeln, Paprika, Zigarettenrauch und die Karl-May-Bücher.
Der Name dieser Pension war mir bereits bekannt. Denn ich hatte im Kempinski eine längere Kon­ver­sation mit einem deutschen Paar führen können, das beabsichtigte, sich auf Teneriffa niederzu­las­sen. Der Mann, ein Münchner Arzt mit leicht fränkischem Akzent, wollte sich einer Gemein­schafts­praxis in Santa Cruz anschließen; die Frau, eine Schwäbin, hatte bereits ein Jahr lang als Apothekerin in La Gomera gearbeitet. Sie schwärmten beide von dieser Insel.
Von ihnen wurde die Pension Colon in begeisterten Tönen erwähnt. Zwar seien die meisten Zimmer ohne Fenster, zwar gebe es nur Etagenbäder, aber der Innenbalkon mit Holzbalustrade und Blick auf die Mango- und Papaya-Bäume des ruhigen Patios machten alles wett, meinten sie, und würden einen Hauch von altkanarischer Atmosphäre entstehen lassen.
Ich entscheide mich nach kurzem Zögern für ein Zimmer "con ventana" (mit Fenster), auch wenn ich dadurch mit aller Wahrscheinlichkeit dem Knattern vorbeifahrender Mopeds ausgesetzt sein würde.
Die Atmosphäre im abgedunkelten Inneren des Raumes, in dem die halbgeschlossenen weißen Jalousien die Hitze und die gleißende Helligkeit der Gasse zwar erahnen lassen, diese aber draußen halten, erinnert mich stark - bis auf die gedämpften Farben - an die Stimmung mancher Bilder von Matisse.
Die im Patio angebrachten Schaukeln, Rutschen und weiteren Spielgeräte eines Kindergartens wirken zwar im Augenblick etwas trostlos, aber die in meiner Fantasie dadurch erzeuge Vorstellung von spielenden und lärmenden Kinder verleiht der Pension in meinen Augen noch einen zusätz­li­chen Charme.

Später am Nachmittag
Über eine unauffällig in den Fels gebaute Steintreppe steige ich auf einen Felskegel, wo auf einem Sockel einmal die Fackel mit dem olympischen Feuer gebrannt haben soll. Im Süden glitzert das Meer vor Teneriffa, gegen Norden, unmittelbar an der 70 m hohen, beeindruckenden Felsklippe des Galgenhügels, liegt die gepflegt aussehende Playa de la Cueva. Sie verdankt ihren Namen einer kleinen Höhle, in die geschickt ein Restaurant eingepasst wurde.
Auf dem Gipfel der Felswand thront eines der schönsten paradores (staatlich geführten Luxus­ho­tels) ganz Spaniens. Ein herrlicher Anblick in dieser Dämmerstunde.
Es ist immer noch dunstig und Teneriffa ist in diesem Dunst gnädig untergetaucht. Im Hafen liegt, voll beleuchtet im blauen Abendlicht, eine Fähre; dahinter zwei Piratenschiffe, träume ich, nein - zwei baugleiche Dreimast-Schoner.
Auf dem Rückweg über Hafendamm und Anlegestelle sehe ich mir die Regina Maris und die Amster­dam, so heißen die Schiffe, einmal aus der Nähe an. Die Piraten entpuppen sich als betucht aus­sehende, eher ältere Passagiere, die in der lauen Abendbrise ihren Aperitif an Deck genießen, aber meiner Fantasie reicht es völlig aus, um Sehnsüchte zu wecken.
Vom sportlich-drahtig wirkenden, braun gebrannten, blauäugigen Skipper erfahre ich, dass die Schoner gechartert werden können und im Winter zwischen den Kanarischen Inseln, im Sommer in der Ostsee auf Kreuzfahrt gehen.
Es dunkelt. Der Leuchtturm am Hafenausgang zwinkert mir mit seinem grünen Licht freundlich zu, während leise Dudelsackmusik vom Festland an meine Ohren dringt.