London und Südengland - Reisebericht von Bernd Zillich
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Die Anfahrt
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Der frankophile Brite
Julian Barnes ist ein Unter­haltungsliteratur-Künstler mit zauberhaftem ironischem Erzählton
Dover Calais
Dover, Calais
von Julian Barnes
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Donnerstag, 11. August 2005
Die Anfahrt
München, Stuttgart, Karlsruhe, Straßburg, Metz, Reims. Endloses Fahren. Wie groß ist dieses Frankreich! Eine mitteleuropäische, weite, entlang dieser Strecke nur selten leicht hügelige Landschaft mit gelegentlichen Brachflächen, ausgedehnten Feldern und dunkelgrünen Laubwäldern mit Buchen, Eichen und Eschen. Es ähnelt einem in die Breite gezogenen aber spärlicher besiedelten Niederbayern. Auffallend ist besonders die Leere, die in Deutschland nirgendwo mehr zu finden ist, die aber die Ausdehnung dieses größten westeuropäischen Landes beispielhaft veranschaulicht.
Cambrai
Die tausend Kilometer bis zum Ärmelkanal schaffen wir nicht ganz. Besser gesagt: Ich wollte nicht hungrig, müde und gereizt in allerletzter Minute nach einer Un­ter­kunft suchen müssen, deshalb erschien mir das etwa 130 km von Calais entfernte Cambrai - es ist auf der Straßenkarte mit einem Stern gekennzeichnet, soll also einen Umweg wert sein - ein guter Kompromiss. So verlassen wir die Autobahn und steuern auf das kleine Städtchen zu. Während das Abendlicht blau und blauer wird, erreichen wir die Altstadt, wo wir eine recht eigenartige Atmosphäre auf­fin­den. Denn mitten auf dem Hauptplatz, der Place Aristide Briand, die dem pom­pösen Rathaus vorgelagert ist, stehen eine Achterbahn, Schießbuden und Ketten­ka­rus­sells, und alle möglichen Buden und Stände einer Kirmes.
Viel Rummel ist zwar gerade nicht, aber das verstärkt eher die wunderliche At­mo­sphäre des Ortes.
Zweimal auf und abfahren und eine Übernachtungsmöglichkeit ist gefunden. Das Hotel Le Mouton Blanc liegt gleich neben dem Bahnhof, nur fünf Minuten zu Fuß vom Zentrum. Laut Eigenwerbung hat dieses um die Jahrhundertwende gebaute Hotel den Charme eines altehr­würdigen Domizils im Laufe der Jahre gut erhalten können. Unsere beiden kommu­nizierenden Zimmer (als apartement familiale ausgegeben) versuchen allerdings vergeb­lich mit ornamentalen Kron­leuchtern, schwerem Mobiliar mit geschnitzten Verzierungen, sowie Porzellan-Handtuchhaken und holzeingerahmten Spiegel im Badezimmer sich etwas Patina zu geben.
Als wir auf der Suche nach einer Gaststätte wieder auf dem Hauptplatz eintreffen, ist noch weniger los als bei unserer Ankunft. Eine große Auswahl an Restaurants scheint es auch nicht zu geben. Es ist kühler geworden und wir fragen uns, ob wir draußen sitzen sollen. Schließlich entscheiden wir uns für die paar Tische im Frei­en einer Brasserie. Mir gefällt es, das langsam Überhand nehmende Kunstlicht der Läden und Schaubuden zu beobachten und die wenigen Menschen, die auf dem Platz umherschlendern. Das gefällt mir viel mehr als die Betriebsamkeit einer Groß­stadt. Wir essen vorzügliche Steaks mit pommes frites, das häufigst vor­kom­mende Gericht auf französischen Speisekarten.
Freitag, 12. August
Nach dem Frühstück geht's los. Um 14 Uhr 15 startet die Fähre, für die ich einen Platz gebucht habe. Genug Zeit also? Obwohl wir uns in Cambrai verfahren und dadurch nicht gleich zur Autobahn kommen und wir zudem mehrmals Schlangen an den Mautstellen vorfinden, kommen wir fast zwei Stunden früher am Hafen in Calais an.
Calais
Am Check-in der französischen Reederei SeaFrance (welche die Über­fahrten zwischen Calais und Dover anbietet) können wir gegen eine Bezahlung von acht Euro eine frühere Fähre benutzen.
Auto geparkt, Handbremse gezogen, mit dem Aufzug auf die oberen Decks ge­fahren. Nachdem alle Passagiere das Parkdeck verlassen haben, werden die Türen zu diesem gesperrt. Aus Sicherheitsgründen wird der Zugang zum Lade­raum erst nach der Ankunft in Dover wieder freigemacht. Als die Fähre endlich ausläuft, gibt es ein minutenlanges Gehupe von Diebstahlsicherungen, die durch die Erschütterungen ausgelöst wurden. Ich kann ein Schmunzeln nicht unter­drücken
Seltsamerweise sind die Passagierdecks trotz der Hochsaison ziemlich leer. Auch an den Bars und Cafeterias ist der Andrang der Fahrgäste eher bescheiden. Interessanter als die nicht besonders verlockende Aussicht - denn der Himmel ist diesig-grau - ist das Ambiente der verschiedenen Salons, die ein wenig an die verwaisten Restaurants mancher Seebäder in der Nachsaison denken lässt. Die kleinen Spielsalons mit ihren leuchtenden Automaten verstärken noch diesen Eindruck.
Die Überfahrt dauert nur etwas mehr als eine Stunde. Wegen des erwähnten wenig klaren Wetters ist die Annäherung an die englische Küste und die be­rühm­ten weißen Klippen von Dover leider nicht gerade spektakulär.
Dover
Zum erstes Mal (selbst) links fahren! [] Ich wundere mich, wie leicht das geht. Auf der Autobahn (wo es keinen Gegenverkehr gibt) gewöhnt man sich sehr schnell daran, dass man auf der linken Spur fahren und rechts ausscheren muss, wenn man überholt. Etwas ungewohnter sind die Autobahnauffahrten, die selbst­ver­ständlich auch links liegen. Da flitzen die auffahrenden Fahrzeuge mit Tempo von der "falschen" Seite auf einen zu. Straßen mit Gegenverkehr verlangen noch mehr Aufmerksamkeit. Sich an die anderen Vehikel zu halten, das ist die erste Regel. Dass man beim Abbiegen versehentlich die Spur wechselt, kann aber leicht passieren, und dass man beim Einfädeln in ein Kreisverkehr (roundabout genannt) nach rechts schauen muss, das fällt mir anfangs noch sehr schwer. Gut, dass wir zu zweit sind. Als wären wir auf einer Rallye unterwegs, spielt Julian meisterhaft die Rolle des Bei­fahrers. Noch etwas, an das wir uns gewöhnen müssen: Die Entfer­nungs­schilder geben alle Meilen statt Kilometer an.
Entlang der A205 fahren wir quer durch das südliche London.
Zitat Julian: "Das sind doch die gleichen Häuser wie in den Harry-Potter-Filmen!" Tatsächlich muss ich mich wundern, wie durchlaufend diese Architektur von (viktorianischen? edwardianischen?), mit viel Backstein versehenen Ein­fami­lien­häusern dieses Stadtgebiet charakterisiert. Sogar direkt an der Hauptstraße! Auffallend ist auch, dass fast nur Schwarze und Asiaten auf den Straßen dieser durchaus bürgerlich aussehenden Gegend zu sehen sind.
Angekommen
Anhand der von mir mühsam zusammengestellten Computerausdrucke eines Routenplaners kommen wir problemlos bei unserer (übers Internet gebuchten) Bed-and-Breakfast-Herberge an.
Parklands Road. Eine entzückende Straße. Ein Puppenhäuschen neben dem an­deren, deren Baustil laut Sally, unserer Gastgeberin, "Edwardian" ist, also aus der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts. Das Haus, in dem wir wohnen werden, ist innen zwar eher unscheinbar, unser Zimmer nicht allzu groß, dafür hat alles aber einen sehr familiären Charakter. Das fängt damit an, dass wir die Schuhe gleich aus­zie­hen und in der Diele gleich neben der Tür stehen lassen sollen.
Ich ruhe mich eine Weile aus und Julian hängt währenddessen vor dem Fernseher (immerhin: Englisch!), ehe wir zum ersten Spaziergang nach Tooting Bec auf­brechen. Dort soll es ein kleines Stadtteilzentrum mit Läden und Restaurants geben. Wir nehmen Sallys Empfehlungen mit auf dem Weg, der durch bezau­bern­de kleine Einfamilienhäuserreihen führt, denen die Gewitterwolken, wie Rauch aus den Schornsteinen, einen von der Zeit losgelösten, fast Dickenssches Charakter verleihen (wenn man einmal von den Autos absieht). Die Hauptstraßen rund um dem U-Bahn-Bahnhof Tooting Bec sind hingegen von einer ganz gegenwärtigen kunterbunten Nachlässigkeit geprägt - Arbeitermilieu. Wieder sieht man Massen von Schwarzen und Indern auf den Straßen. Turbantragende Sikhs, halbstarke Jugendliche, Inderinnen in Sari oder Punjabi, Araberinnen mit verschlei­ertem Kopf, pralle rabenschwarze Frauen. Ein merkwürdig anregendes Gefühl, sich plötzlich inmitten dieser so heterogenen Menschenmenge zu bewegen.
Mich ziehen meine Vorurteile gegen die englische Küche (und der Mangel an Auswahl) rasch ins Lahore Karahi, ein Pakistanisches Restaurant. Julian zieht das Essen etwas schärfer vor als ich. Beide sind wir zufrieden.
 
 
  
In Cambrai In Cambrai In Cambrai Im Hafen von Calais Auf der Fähre Calais - Dover Ein Salon der Fähre Calais - Dover London London London