Freitag, 24. Oktober 2008
Die Hektische Stadt
Die Stadt ist ein Häusermeer, dessen Ende man auch vom höchsten Gebäude nicht erkennen kann, ein Zwölf-Millionen-Moloch, der niemals zur Ruhe zu kommen scheint. In der Innenstadt – aber überall ist „Innenstadt“ – wimmelt es nur so von Menschen, die ständig in Bewegung sind. Permanenter Autolärm erfüllt die Luft. Manche Straßen sind so breit, das man sich beeilen muss, bei einer grünen Ampelphase die andere Stra­ßen­seite rechtzeitig zu erreichen. Warum so viel Verkehr?
Wo kommen diese Automengen her, die die Avenida 9 de Julio und alle weiteren Straßen vollstopfen? Die riesigen Ent­fernungen dieser Stadt setzen mir zu. Für jemanden wie mich, der es ge­wohnt ist, sich weitgehend per Fahrrad oder per Pedes fortzubewegen, wird jeder Weg zu einem elenden, kilometerlangen Leidensmarsch.
Samstag, 25. Oktober
Formel 1
Auf der Avenida 9 de Julio, der mit ihren sieben Spuren pro Fahrtrichtung breiteste Allee der Welt, findet derzeit vor etwa 80.000 Zuschauern ein Schaurennen zu Ehren des schottischen Renn­fahrers David Coulthard statt, der sich aus dem aktiven Sport zurück­zieht.
Sollte ich auch nur für einen Augenblick gedacht haben, ich würde mit meinem Rückzug ins Cafe Plaza dem Rummel um die For­mel 1 entkommen, so habe ich mich reichlich getäuscht. Eines ist immerhin beruhigend: Den Gästen im Café und den Passanten, die draußen auf der Straße ste­hen und wie ent­geis­tert in meine Richtung bli­cken, geht es nicht im Geringsten um mich, um meine empanadas, oder um das Bier, dass ich un­ab­sichtlich verschüttet habe. Sie verfolgen lediglich die „exhibicion de formula uno“ auf dem Fernseher, der genau hinter mir steht.
Die Innenstadt von Buenos Aires ist im Aus­nah­mezustand! Schon lange vor dem Start­schuss stan­den die herbeigeströmten Zu­schau­er dicht gedrängt vor den Absperrungen um den 1400 Meter langen Rundkurs oder waren auf Bäume, Bau­gerüste, Plakatwände oder Am­pel­maste ge­klettert. Es bekommt zwar nur eine kleine Min­derheit über­haupt etwas zu sehen, aber alle erleben die At­mos­phäre, den Lärm und die Festtags­stim­mung dieses Ereignisses.
Wir Gäste in diesem Cafe haben es mit der Direkt­über­tra­gung bes­ser. Die Hektik, die vorherrscht, das Hin und Her der Kell­ner, die mit den Kaffees und chops (so nennt man hier Bier vom Fass) auf ihren Tabletts jon­glieren sowie das Stim­men­gewirr der Gäste, das alles nimmt man gerne in Kauf. Besser ge­sagt, man nähme es in Kauf, wenn man sich für diese Sport­art auch nur ein wenig interessierte. Was bei mir, der ich im­mer­hin nach dem be­kann­ten Rennfahrer Bernd Rose­meyer benannt wurde, aber kaum zu­trifft. Jedes Mal wenn ich daran denke, dass meine Mutter seit Lebens ein Formel-1-Fan war, muss ich kräftig schmunzeln.
Andererseits kann ich nicht leugnen, dass die Kraft, die ein mit 300 km/h über den Asphalt fe­gen­der Rennwagen mit dem röhrenden, ohren­betäu­ben­den Lärm seines hochtourigen Motors und mit dem fast „singenden“ Quietschen seiner Reifen und dem beißenden Geruch der erzeugten Rauch­wolken ver­sinn­bildlicht, ein Erlebnis ist, das auch mich nicht unbeeindruckt lässt. Ich kann mir den Kitzel sehr wohl vorstellen, den sie bei den Zuschauern, bzw. Zuhörern verursachen.
Im Lezama Park
Zurück in der Casita de San Telmo, wo ich untergebracht bin, werfe ich mich zunächst schlapp und übel gelaunt – die Stadt ist ganz schön anstrengend – aufs Bett. Bald raffe ich mich aber wieder auf, nehme die Kamera und begebe mich hoffnungsvoll zum Parque Lezama. Es ist bereits „die Stunde, die die Sehnsucht weckt, die weicher macht die Herzen“, wie es der italienische Dichter Dante Alighieri in seiner Göttlichen Komödie treffend beschrieb.
Schachspielen am Lezama-Park
Im Park fällt mir gleich ein kleiner Men­schen­auf­lauf auf. Dicht gedrängt sitzt Jung und Alt auf den Treppen eines Art Amphitheaters, wäh­rend auf einer provisorischen Bühne im Frei­en eine Theater­vor­führung stattfindet.
Ich kann nicht anders als mich ebenfalls dazuzusetzen und mich – es ist Sache weniger Minuten – mitreißen zu lassen, die Stimmen, die Sprache, die Bewegungen und das Licht auf mich einwirken zu lassen und in einer stark gefühlten Gemeinschaft mit den anderen Zuschauern in die Handlung des Stückes einzutauchen. Nicht, dass ich ab und zu nicht zur Kamera greifen würde, aber die Kraft des Theaters ist stärker, zumal die Texte, die ich bei weiten nicht immer verstehe, von Zeit zu Zeit von den Klängen einer Laute und der un­wahr­schein­lich klaren, hohen Ge­sangs­stimme eines der Schauspieler begleitet werden.
Als ich aufstehe, bin ich zu Tränen gerührt, nicht so sehr wegen der Handlung des Stückes (es starben am Ende alle), son­dern wegen des nicht zu unter­drück­en­den Gefühls, dass jemand dort oben auf mich aufpasst. Ein imaginärer Jemand, der, wenn immer er merkt, dass ich zerstört am Boden bin, mir ir­gend­etwas zukommen lässt, das meine leeren Gefühlsbatterien wieder auf­lädt, ein himmlisches Dessert, ge­wis­sermaßen, nach einem magen­verstimmenden Essen.

BUCHEMPFEHLUNG
Buenos Aires - Eine litera­rische Ein­la­dung: Zahl­reiche erst­mals ins Deut­sche über­setz­te Texte von César Aira, Ro­ber­to Arlt, Jorge Luis Bor­ges, Mar­tín Ca­parrós, Ju­lio Cor­tá­zar, Maria­na Enrí­quez, Leila Guer­riero und vielen mehr führen durch die fas­zi­nie­ren­de multi­kul­tu­rel­le Metr­opole am Río de la Plata.

Die Gefahr
Noch mit Freudentränen in den Augen spaziere ich durch den abendlichen Park. Die Vögel zwit­schern, kreischen oder trillern ihre Lebensfreude (oder ihren Revieranspruch) gegen den Himmel, und die blaue Dunkelheit ist gerade in Begriff, sich mit der goldenen Farbe der Straßenlaternen zu vereinen.
Einer dieser Vögel muss wohl ein kleines Be­dürf­nis gehabt haben, denn unver­se­hens be­kom­me ich ein stinkendes Etwas auf Kopf, Pul­lo­ver und Fototasche. Wie gut, dass ein hilfs­be­rei­ter Porteño (so nennen sich die Einwohner Buenos Aires') mich zu einer nahen Was­ser­zapf­stel­le führt. Während ich meine Ka­me­ratasche reinige, bemüht er sich um meinen Pul­lover. Ich bin zwar naiv, aber sicher nicht auf den Kopf gefallen. Ich beobachte genau, wie sehr der „hilfs­be­reite“ Mann, dauernd auf meine Fo­to­tasche starrt.
Die Schutzengel
Zwei Passanten warnen mich lautstark mit den Worten: „Te van a robar“ (sie wollen dich aus­rauben). Nachdem ich schleunigst auch mei­nen Pullover wieder zu mir genommen habe, entfernt sich der „Hilfs­bereite“ unauffällig und mit raschen Schritten von der Stelle. Aber noch schnel­ler holen die Pas­san­ten ei­nen agente de policía (Wachmann) herbei. Während mir die letzten Schup­pen von den Augen fallen, er­läu­tern sie dem schwarzgekleideten Po­li­zis­ten das Geschehen aus ihrer Sicht. Der hilfs­bereite Porteño sei nicht allein gewesen, sagen sie. Wie im Zangengriff sei das Opfer (also ich) zwischen dem „Helfer“ und zwei Komplizen ge­stan­den, einem Jungen und einem Mädchen, die aus geringer Ent­fernung die Szene beobachteten. Hätte ich nicht jeden Augenblick meine heimliche Geliebte (die Kamera) fest im Griff gehabt, es hätte kein gutes Ende genommen. Und das am TAG VIER meiner Reise!
Der agente fragt mich, ob ich Anzeige erstatten möchte. Aber nein, versicher ich, merk­wür­di­ger­weise immer noch men­schen­freund­lich gesinnt, „No me falta nada“ (Mir fehlt nichts). Außer natürlich der Duft von Sauberkeit und Frische.
Kleinstpolizeigefährt
Es hilft nichts. Der junge Gesetzeshüter fordert mich auf, ihm zu folgen. Bei seinem Vorgesetzten am Parkausgang angekommen erwartet uns – Über­raschung! – auch der freundliche „Helfer“, diesmal allerdings mit einem eher be­sorgten Gesichtsausdruck. Ein weiteres Mal wird mir die Frage gestellt, ob ich die Absicht hätte, Anzeige zu erstatten. Wieder verneine ich, obwohl es inzwischen sonnenklar ist, dass nicht Vogelkot der Anfang allen Übels war, sondern irgendeine auf mich ge­spritzte stinkende Flüssigkeit. Mir fällt dabei eine Episode einer meiner Indienreisen ein, als mich plötzlich ein Schmutz­klumpen auf meinen Schuhen überraschte. Nur waren die Spitzbuben damals nur darauf aus, mir für ein paar Rupien die Schuhe putzen zu dürfen!
Schließlich empfehlen mir die Polizisten ein­dring­lich, die Kamera nicht zur Schau zu stel­len (wie aber dann fotografieren?) und mich un­be­dingt per Taxi nach Hause zu begeben, auf gut Deutsch: „Schleich dich, du Dummkopf!
Als ich den „hilfsbereiten“ Mann sehe, wie er von den Polizeibeamten in die Mangel genommen wird, tut er mir sogar ein wenig leid.
Happyend mit Steak
Ich bin unbelehrbar. Ich „schleiche“ mich nicht gleich in die Pension, sondern versüße meinen Schreck mit einem guten, und ich meine, mit einem wirklich guten Steak in diesem neuen Res­tau­rant am Park. Und zurück in die Casita gehe ich – es sind nur ein paar hundert Meter – doch zu Fuß!